Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1899)
- Issue
- 1 (18.2.1899)
- Date
- 1899-02-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt 18. Februar 1890 f Seite 6 Wien, Samstag Nr. I unbewusst schaffende Künstlergenius produciert uns das Kunstwerk! Das aber ist etwas Merkwürdiges. Sonst erzeugen doch die Menschen ihre Producte nicht mittelst ihrer unbewussten, sondern mittelst ihrer bewussten Lebensäußerungeu, d. h. je irr Lebensäußerungen, die nicht unmittelbare Naturprocesse, sondern menschliche Zweckhandlungen sind. Die unbewussten Lebeusäußerungen dienen ihnen nur zur Erfüllung von Lebensfnnctionen. Und nun kommt plötzlich eine Sorte von Mensche», die neben den ordentlichen gewiffe außerordentliche Lebenssunctionen besitzt und lediglich vermöge dieser, ohne nennenswerte Zweckhandluugeu, Erzeugnisse hervorbringt l Wir stehen staunend vor einer Menschengruppe, die Naturprodukte erzeugt. Ist aber einmal das Kunstwerk als Naturproduct erkannt, daun ist es unmöglich, dem Künstler Zwecke vorzuschreiben oder auch nur zuzumuthen. Denn das hieße ja voraussetzen, dass er sein Kunstwerk nicht mittelst seines unbewussten Gestaltungstriebes geschaffen, sondern auf handwerksmäßigem Wege erzeugt habe. Und damit wäre ihm die Künstlerschaft abgesprochen. Der Kritiker muss also jedenfalls jede Erscheinung auf dem Kunstmarkte, die sich als Kunstwerk gibt, in erster Linie darauf prüfen, ob sie nicht etwa von ihrem Urheber mit einem bestimmten Zwecke in die Welt gesetzt wurde. Ist dies der Fall, so muss er ihr, wenigstens im Bereiche dieses Zweckes, die angemaßte Kunstwerkeigenschaft unerbittlich streitig machen. In diesem Sinne ist der moderne Schlachtruf: „Die Kunst für die Kunst!" zu verstehen, und iusoferne ist er auch vollkommen gerechtfertigt. Aber es ist auch eine missbräuchliche Anwendung dieses Losungswortes nicht nur denkbar, sondern auch wirklich im Schwange. Dieser Missbrauch beruht aus einer Verwechslung, wie sie auch in der Geschichtsauffassung vorkommt. Es gibt Völker, die sich Missionen, Sendungen, Berufe zuschreiben. Entkleidet man diese Worte ihres mystischen Charakters, so kann man dafür auch sagen: Zwecke. Nun ist es ja gar nicht wahr, dass gewisse Völker bestimmte Berufe oder, menschlich ausgedrückt, Zwecke haben. Vielmehr haben sie sich im Laufe ihrer Geschichte bestimmte Fähigkeiten erworben, vermöge deren sie gerade für diese oder jene geschichtliche Rolle besonders geeignet erscheinen. Doch eben diese Rolle wird sich dann dem Auge des Beobachters als Zweck darstellen, und der Beobachter wird ganz gut sagen dürfen: dieses Volk dient diesem geschichtlichen Zwecke, ja er wird das Recht haben, ein Volk umso höher zu bewerten, je höheren Zwecken es sich im Laufe der Zeit angepasst hat. Allerdings werden Vernunft- Dogmatiker auch schon solche Urtheile für mystisch oder teleologisch halten, — eben weil sie als Dogmatiker an dem Buchstaben ihrer Ueberlieferung hängen und die Entwicklung übersehen. Solche Leute gibt es aber auch mit Bezug auf den Zweckbegriff in der Kunst, der sich im ganzen analog zum Zweckbegriff in der Geschichte verhält. Die Kunst hat von Haus aus keinen Zweck, gewiss nicht! In jenen Hirnzellen d«S Künstlers, in welchen sich der Naturvorgang der künstlerischen Gestaltung vollzieht, waltet ebensowenig ein Zweck, wie ft dem Naturprocesse irgendeiner Volksgeschichte. Doch ist es nicht denkbar, dass sich im einzelnen Künstler infolge seines angeborenen oder erworbenen Milieus eine gewisse Eignung für die künstlerische Behandlung gerade dieser oder jener Probleme — und solche sind ja nichts anderes als mit philosophischer Bescheidenheit in Frage gestellte Zwecke — herausbildet? Und muss sich diese specielle Richtung dann doch nicht dem Auge des Beobachters geivissermaßen als Neigung zu den betreffenden Problemen darstellen? Darf er dann nicht sagen: dieser Künstler setzt sich für diese Probleme ein? Und darf er nicht den Künstler höher bewerte», der höhere Probleme zu behandeln liebt? Oder ist das alles schon schwere Sünde gegen das erste und einzige Gebot: „Die Kunst für die Kunst!" —? Um das entscheiden zu können, müssen wir uns vorher klar darüber werde», aus welchem Materiale eigentlich der künstlerische Gestaltungsprocess seine Seelenbilder formt? Auch hier ist es der Künstler, der uns Aufschluss gibt. Der Künstler lehrt uns, dass es keinen auserwählten Kunststoff gibt, dass vielmehr alles Das zum Kunststoffe wird, was er mit dem ihm eigenen Gestaltungstriebe erfasst. Die Reflexbewegung eines Säuglings, der Liebesschmerz eines Mannes oder eines Weibes, die Gedanken des Gelehrten, das Schicksal einer Nation, die sociale Frage, der Erdball, das Weltall, eine bizarre Ausgeburt der Phantasie des Künstlers, — alles, alles das kann er zum Stoffe seiner Kunst machen. Der Künstler kann es. Ein Künstler kann es nicht, und kaum wird jemals einer geboren werden, der es können wird. Jeder einzelne Künstler vermag nur einen Ausschnitt der Welt zu erfassen, einen kleineren oder größeren. Und diese Spannweite der Erfassung wird neben ihrer Intensität maßgebend sein für die Bewertung des Künstlers. Je höher aber einer in dieser Hinsicht steht, desto mehr läuft er Gefahr, dass ihn Dogmatiker für einen Knnstfrevler halten. Denn er hat mehr Welt in sich ausgenommen, ist so unbewusst aus der Stimmungs- und Empfindungskunst in die Problemkunst gerathen, und hier hängt er selbstverständlich au jenen Problemen, die seinem Weltausschuitte entsprechen. Alles dies muss dann allerdings den Dogmatikern schon als Tendenz erscheinen. Daraus ergibt sich aber für die Kritik ebenso die Pflicht. Weizen von Spreu, Problentkunst von Tendeuz-Quasikunst zu sonder», als die Aufgabe, eine bornierte Auslegung des Gebotes: „Die Kunst für die Kunst!" zu bekämpfen. Aus diesem Gebote wird übrigens auch die Forderung abgeleitet: Keine Schule! Keine Richtung! Schrankenloses Walten der Individualität! Jedem Künstler feine Kunst! Die Forderung ist folgerichtig und daher billig. Aber auch sie kann missverstanden, dogmatisch verkrüppelt werden, — von solchen, denen das Princip der Entwicklung innerlich fremd geblieben ist, und die daher die Jndividualiläten loslösen von der allgemeinen Entwicklung. Es ist wahr, all« Individuen differieren von einander und bei künstlerischen Individualitäten werden diese Abweichungen schon beträchtlich sein. Aber ebenso wahr ist es, dass solchen Abweichungen die Gruppenmerkmale gegenüberstehen und dass jede Individualität von derartigen Merkmalen bestinmit wird. Der Künstler ist hierin dem Nichtkünstler gleich. Denn sein Genius ist ja nichts Sachliches, vielmehr eine Kraft, die sich den Stoff von dort holt, woher sich alle Menschen ihren Arbeitsstoff holen, nur dass sie ihn dann auf ganz eigenartige Weise verarbeitet. Auch der Künstler unterliegt dem Milieu, in das er bineiugeboren oder in dem er großgezogen wurde. Auch er ist ein Sohn seiner Zeit, seiner Classe, seines Volkes. Unbewusst wird er mit ähnlich Beeinflussten Aehulichkeiten aufweiseu. Die Dogmatiker werden dann natürlich wieder über Verrath schreien. Aber der denkende Kritiker soll sich durch dieses Geschrei nicht beirren lassen. Mit Befriedigung kann er den Zug der Zeit, den Stempel der Classe, die nationale Eigenart im Künstler constatiereu und gerade als Bürgschaft für das Fehlen der Tendenz betrachten. Seine Missbilligung aber muss er aussprccheu, wo er ein eitles Bemühen wahrnimmt, diese Gruppenzüge zu verwischen, wie er überhaupt streng sein muss gegen jede Pose. Je mehr echte Eigeuthümlichkeit, je mehr Nuancierung er findet, desto zufriedener darf er sein. Jenen sonderbaren Heiligen aber, die sich aus nichtssagenden Mucken und Schnurren groteske Säulen thürmen, allwo sie hoch oben ihre allerindividuellste Individualität vor aller Welt besonnen und bemonden lassen, hat er entgegenzutreten. Auch das ist Aufgabe des Kritikers. Mathias Aclier. (Fibelio.) Die Statuten des j ü d i s ch e u Theater- und Musikvereines „Fidelio" wurden bewilligt.Der Verein bezweckt die Pflege von Kunst und Literatur aller Völker unter besonderer Berücksichtigung der des jüdischen Volkes. Erreicht soll dieser Zweck werden durch die Vera n st a l t u n g von Theaterabenden, durch G r ü n d ung eines C h o r e s u n d O r ch e st erS, Anlage einer Bibliothek rc. Herren und Damen, die sich für Kunst und Literatur interessieren, die gerne singen und spielen, werden ebenso höflich wie herzlich eingeladen, dem Vereine als ausübende oder unterstützende Mitglieder beizutreten. Anmeldungen nimmt vorläufig schriftlich und mündlich entgegen das-Secretariat des „Jüdischen Volksverein", Wien, II.,Haasgasse 8 (in nnserer Administration). (Neues Jargonblatt.) In Krakau erscheint seit Beginn des neuen Jahres ein im jüdischen Jargon geschriebenes, 2mal im Monate herausgegebenes, belletristisches und publicistisches, für russisch-jüdische Leser bestimmtes Organ unter dem Titel: „Der Jüd", im Verlage der Achiasaf. Das Blatt scheint den ernstlichen Willen zu haben, nur Gediegenes zu leisten. Das zeigt schon die aufgeführte Reihe seiner Mitarbeiter, welche in der Literatur einen klangvollen Namen haben. Seine Frau hatte ihn mit einigen Kindern beschenkt, doch alle hat sie ihm ein hartes Schicksal entrissen. Und vor drei Jahren folgte seine Frau den Kleinen. Da beherrschte ihn seit jeher der fürchterliche Gedanke: „Wer wird mein Erbe sein? Für wen habe ich so mühevoll gearbeitet? Ein solches Vermögen angehäuft?" Er hat zwar eine Nichte in sein Haus genommen, die er adoptierte und wie sein eigenes Kind liebte. Und die Fanny ist ja in der That einPrachtmädel, schön, klug und intelligent — aber sie ist nichts destoweniger ein Mädchen. Der Erbe muss doch ein Mann sein! Und wer weiß, ob derjenige, den sie heiratet, das Vermögen wird hüten und weiter verwalten können. Wie oft entquollen aufrichtige, warme Thränen seinen Augen, wenn er jenen Vers des Koheleth las: „Wer weiß, ob er ein Weiser sein wird oder ein Narr, für den ich mich soviel abgemüht und gearbeitet." Und wie oft gedachte er Abrahams, des alten Patriarchen, wie er so innerlich bewegt vor Gott stand und geklagt: „Wozu gibst Du mir dies alles ... ich bin ja kinderlos" ... O, Du heiliger Patriarch, wie fühle ich Dir nach! Wie bitter ist es, in den alten Jahren nach einem Erben zu suchen, klang es in dem Innern Steinhardts, und Dir war es ja ein Leichtes... Du hattest eine Frau und lebtest in einem Zeitalter, wo noch Wunder geschahen..." In solchen unseligen Augenblicken rollten die Thränen über seine Wangen, und wehmuthsvvll schaute er seine Fanny an. Er weiß und fühlt es, wie sie ihm ergeben ist, aber das Vermögen geht doch in die Hände ihres Mannes über. . . Und den findet er nicht. Er weiß auch ganz gewiss, dass sie ihm . in der Wahl, die er für sie treffen würde, nicht widersprechen wird, denn sein Wunsch ist ihr Befehl Aber er kann eben keine Wahl treffen... Er kann seinen Erben nicht' finden. Und i,h r Mann ist ja sein Erbe! Und wie schwer ich gearbeitet habe! — dachte er bei sich — wie schwer! Dem Erzvater ist es wohl leichter egangen. Mein Gott! In jener alten, guten Zeit!. . . Primitive Kerhältnisse . .. Hirtenleben .. . Vermögen aus Schafen und Rindern! Aber heutzutage! Ich habe ehrlich gearbeitet! Das waren seine Gedanken bei Tag, seine Träume bei Nacht! Die Vermittler geben ihm keine Ruh', sie wollen die Fanny an den Mann bringen, ja sogar ihn selbst verheiraten, aber er hört ihnen gar nicht oder mit halbem Ohre zu. Wie kann er sich auf diese Professionisten verlassen, und er muss einen Sohn haben, zu dem er Vertrauen, ewiges Vertrauen hegen kann. .. :jc * * Es ist 2 Uhr nachmittags. Steinhardt sitzt wie gewöhnlich im Kaffeehause bei seinem Schwarzen; er hält ein Zeitungsblatt in seiner Hand, ohne es aber zu lesen, denn er ist in Gedanken vertieft. Das Gespräch am nächsten Tische schlägt an sein Ohr, er hört es aber nicht. Da wird aber die Discussion immer lebhafter und lauter, und er begann aufzumerken. Man spricht dort über die allgemeine Lage der Juden, über die Mittel, die sie bessern könnten. Man erhitzt sich im Gespräche. Steinhardt schiebt seinen Sessel näher und hört zu. Da rief einer aus: „Wozu uns so närrisch machen? Wir haben schon alles versucht: Freiheit, Liberalismus, Gleichberechtigung. ... Es hilft nichts .. . Solange wir Juden sind, müssen wir verfolgt werden . „Was ist also zu thun?" „Aufgeben den Kampf! Nur ein einziger Rath kann sich noch bewähren: „Assimilation mit all ihrenConsequenzen." „Das heißt?" „Sehr einfach: Bis zur Taufe aufhören zuexistieren und damit auch zu leiden . . „Sie predigen also Selbstmord . . .?" „Jawohl! Geistigen Mord für körperliches Leben." Die Tischnachbarn blickten einander erstaunt an. War das ein Wort vom Munde eines Juden? Und doch schwiegen alle. Steinhardt betrachtete sie, niemand hatte den Muth zu antworten. „Ja, mein Herr," antwortete endlich ein junger Mann von eleganter Erscheinung, „gegen einen, der sich mit Selbstmordgedanken herumträgt, lässt es sich weder mit Vernunftgründen noch mit Gefühlsäußerungen ankämpfen. Aber eines will ich Sie fragen: In der Natur eines jeden Menschen liegt es, für sein Vermögen selbst nach seinem Tode zu sorgen. (Steinhardt spitzt die Ohren.) Ein jeder will seinen Erben haben, der nach seinem Ableben sein Vermögen verwaltet, nicht wahr?" „Gewiss, gewiss!" ließ Steinhardt unbewusst seinen Lippen entfahren. „Und wie jeder einzelne Mensch, hat auch jede einzelne Nation ihr Privatvermögen," setzte der junge Mann fort. „Jedes Volk hat sein Vermögen: seine Geschichte und Literatur, seine Sitten, die von seinen Ahnen ererbte Denkungsart, selbst seinen Charakter. Und wie alle anderen Völker, haben auch wir Juden unser Nationalvermögen: Wir sind Erben einer beinahe viertausendjährigen Geschichte, einer großartigen, eigenthümlichen Literatur, eines ganz eigenen Charakters, einer ganz eigenen Art und Weise des Denkens. Mit einem Worte: Wir als Nation besitzen ein großes Capital, das wir uns durch soviel Jahrhunderte schweren Lewens und ruhigen Lebens erworben