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Jüdisches Volksblatt · 1899-02-18 · 1 (18.2.1899) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
1 (18.2.1899)
Date
1899-02-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 Wien, San s ag Jüdisches Volksblatt IS. Februar 1890 Seite 5 hat, also ein wahrer Volksmann. Ihm würdig zur Seite steht Herr Richard Nappaport, einer jener seltenen reichen Juden, die leider immer weniger werden, die ihr Vermögen chatsächlich nnr zur Linderung des Elends ihrer jüdischen Glaubensgenossen verwenden. Diese Männer haben den Jüdischen Volksverein ans eine solche Höhe gebracht, dass er bereits ein bekannter politischer Machtfactor in Wien geworden ist. Das neueröffnete Vereinslocal befindet sich II., Haasgasse 8. Daselbst ist auch eine Freilesehalle für alle Vereinsmitglieder und die von denselben eingeführten Gäste errichtet, in der fast sämmtliche in- und ausländischen Journale aufliegen. Jeden Donnerstag finden Vereinsabende mit Discussion statt und werden auch neue Mitglieder ausgenommen. Wir wünschen diesem rührigen, für das jüdische Volk so nützlichen Vereine das beste Gedeihen und fordern unsere geehrten Leser auf, diesen Verein durch massenhaften Beitritt zu unterstützen. — Anmeldungen in der Vereinskanzlei, II., Haasgasse 8. — Jahresbeitrag bloß 1 fl. (Verein zur Unterftütznns jüdischer Kleingewerbetreibender.) Der Verein ist aus nichts, durch sich selbst geworden. Mit ganz kleinen Mitteln angefangen, steht er heute in imponierender Größe da. Wenn man bedenkt, wie gering die Einzahlungen der Mitglieder und wie colossal die Leistungen dieses Vereines sind, so muss man der jeweiligen Vereinsleitung, die diese gigantische Arbeit in selbstloser Weise .allein vollbringt, das uneingeschränkteste Lob zollen. — Der Verein gewährt nebst den obligaten Krankengeldern, Unterstützungen rc. auch unverzinsliche Darlehen bis zur Höhe von •50 fl. ohne Giro an seine Mitglieder und hat seit seinem Bestände Darlehen im Umfange von ca. 25.000 fl. gegeben. Es spricht nur für das ausgesprochene Pflichtgefühl jedes einzelnen Mitgliedes, dass die Dubiosen sich nur auf jene Beträge beschränken, deren Acceptanten mit Tod abgegangen sind, bevor sie in der Lage waren, ihrer Zahlungspflicht nachzukommen. Auch einen Witwen- und Waisenfonds hat dieser Verein für feine Mitglieder errichtet, und erhält jede zurückgebliebene Witwe einen Betrag von 500 fl. Für so kleine Leute gewiss eine recht ansehnliche Summe. Ein derartiger Verein sollte von unseren wohlhabenden Volksgenossen etwas mehr unterstützt werden, als dies bis jetzt geschieht und wir empfehlen daher unseren wohlhabenderen Kreisen diesen Verein auf das Allerwärmste. (Israelitischer Bethausverein Brigittenau.) Ein Schmerzenskind, dem localen Bedürfnisse entsprungen. Da sich niemand von den hierzu berufenen Organen um die -.religiösen und culturellen Bedürfnisse der armen, in der Brigittenau lvvhnenden Judeu kümmern wollte, traten einige .schlichte Geschäftsleute zusammen und gründeten diesen Verein, .mit wenigstens in der allerprimitivsten Art für einen Gottesdienst zu sorgen. Jahre vergiengen, die Zahl der jüdischen ^Einwohner wuchs in die Tausende und noch immer fiel es der Eultnsgemeinde nicht ein, dass diese Leute auch ein Gotteshaus brauchen. Hingegen ließ sie sich von den bessersitnierten > Leuten ganz gut die Cultnssteuer gefallen. Die Männer, die an der Spitze dieses Vereines standen, wackere Mäitner aus dem jüdischen Volke, an deren Spitze Herr E l t b o g e n, ließen indes den Muth nicht sinken. Durch emsiges Sammeln, durch Veranstaltung von Kränzchen und Festlichkeiten und durch freiwillige Spenden gelangte er endlich in den Besitz eines kleinen Capitals, und mit Hilfe einer von der Eultnsgemeinde erlangten Subvention ist endlich die Aussicht, ein anständiges Gotteshaus zu erlangen, näher gerückt, hat greifbare Gestalt erhalten. Aber noch immer sind die Bedürfnisse groß, noch iinmer ist der Verein auf die Munificenz seiner Glaubensgenossen hauptsächlich angewiesen. Das ist auch ein Grund, weshalb er sich veranlasst sieht, wie alljährlich, so auch heuer, am Donnerstag den 28. Februar im Hotel Continental ein Kränzchen zu veranstalten. Da das Reinerträgnis dem Tempelbaufonds zufällt, so ist es selbstverständlich Pflicht eines jeden Juden, das Unternehmen zu fördern und zu unterstützen. Wien. („H a d a s s a".) Vergangene Woche hielt der Verein jüdischer Mädchen „Hadassa" in den Räumen des „Hotet Central" ein animiertes Fest ab. Eingeleitet durch einen stimmungsvollen Prolog, welcher auf unsere Verhältnisse hinwies, folgten musikalische und declamatorische Vorträge bester Sorte, die das sehr zahlreiche Publicum bei vortrefflicher Laune erhielten. — Tendenz des Vereines ist die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur, welche ja leider bei uns jetzt so sehr im Argen liegen, und manche Mutter würde ein gutes Werk thun, sich diesem löblichen Vereine durch Beitritt ihrer Töchter anzuschließen. Vergessen ja die meisten Frauen der Jetztzeit an die erhabenen Gestalten, an die heroischen, historischen Frauen unserer Vorfahren. In der Mehrheit dürften dieselben kaum bekannt sein. Denn so löblich und unbedingt die classische, moderne Bildung ist, wahrhaft gebildet kann ein jüdisches Weib nur dann sein, wenn sie die Geschichte und das Herkommen ihrer Vorfahren kennt. Von Fall zu Fall werden Discussionsabende der „Hadassa" abgehalten; in Intervallen auch literarische Vorträge. Dem lieblichen Feste gereichte ein Comite zur Zierde, bestehend aus reizenden, anspruchslosen Mädchen, die nicht angekränkelt sind von der Modethorheit „Luxus". Die liebenswürdige, energische Präsidentin machte würdevoll die Honneurs. Als Ehrengast war u. a. Lector Friedmann anwesend. Ung.-Brod. (Vereinsleben.) Wieviel Gutes und Edles in einer Gemeinde gestiftet werden kann, wenn es die Führer derselben verstehen, durch Belehrung dazu anzuregen, beweist unsere Gemeinde. Vor zehn Jahren bestand hier nur ein Verein, und dies war der Chewra Kadischah-Verein, sonst lag das Vereinswesen ganz im Argen. Seit dem Amtsantritte unseres Rabbiners Doctor M. Jung rief derselbe nicht.weniger als vier Vereine. ins Leben und alle vier prosperieren. 1. Der Verein „Choreb", ein Lese- und Fortbildungsverein, an welchem Vorträge von Hiesigen und auch Auswärtigen hierher Berufenen gehalten werden. Der Verein besitzt eine, theilS durch Spenden, theils durch Mitgliedsbeiträge gesammelte ansehnliche Bibliothek. 2. Der „Bikur-Cholim"-Verein, dessen Aufgabe darin besteht, Kranke zu pflegen und zu unterstützen. 3. Ein „Frauenverein" zur Unterstützüng armer Frauen und insbesondere armerWöchnerjnnen. Endlich 4. ein „Gemilus Chassodim"-Verein zur Unterstützung armer Gewerbsleute durch Gewährung unverzinslicher, .in kleinen Raten rückzahlbarer Darlehen. Man ersieht hieraus: es bedarf nur guter Führung und Anregung für das Gute und Edle, und die schönsten Früchte gedeihen. Imrefi; Theater, Kunst und Literatur. Kunst, Kmrstzweck und Kunst-Kilerutur. Wer die Geschichte begreifen will, darf nicht von den Begebenheiten, sondern mnss von den Menschen ansgehen, die in Anslebung und Entwicklung ihrer Natur diese Begebenheiten setzen. Ebenso ist es mit der Kunst. Wer über sie reden will, muss sich in erster Linie die Künstler, dann erst die Kunstwerke ansehen. Auf dem Wege zum fertigen Kunstwerke entwickelt der- Künstler zwei ganz verschiedene Arten von Thätigkeit. Wenn man die eine und zeitlich erste überhaupt Thätigkeit neusten kann! Es ist vielmehr ein unbewusstes Sichzusammenballen eines Gebildes in der Seele des Künstlers. Ist dieses Seelengebilde, die sogenannte Idee, einmal vorhanden, dann tritt an den Künstler die Aufgabe heran, es zu verleiblichen. Er soll nun sein inneres Gesicht sichtbar, seine innere Melodie hörbar machen. Dazu muss er eine Arbeit leisten, die sich in gar nichts mehr von der des Nichtkünstlers unterscheidet. Er hat 'zu erwägen und abzuwägen, Fertigkeiten, die gelernt sein wollen, zu entwickeln, Fleiß und Geduld aufzuwenden. Dazwischen hinein wird auch noch manchmal sein unbewusster Gestaltungstrieb spielen, das innere Gebilde sich ändern und vervollkommnen. Im Vordergründe aber bleibt jetzt nun einmal die Technik, und jedenfalls ist sie es, die das Kunstwerk abschließt. Abschließt, doch nicht bestimmt. Denn darüber kann kein Zweifel sein: Wenn das Kunstwerk auch wirklich ein Kunstwerk geworden ist, so ist das nur dem ursprünglichen Gestaltungsvorgange in der Künstlerseele zuzuschreiben. Diesem Vorgänge gegenüber tritt die technische Thätigkeit bescheiden zurück, etwa so. wie in Bezug auf das Wachsen des Karstes die bäuerliche Arbeit gegenüber der stillen Triebkraft des .Ackerbodens zurücktritt. Mutter Erde gibt uns das Korn, der haben. Jetzt predigt der Herr da Selbstmord. Ich frage: Wen werden wir nach unserem Tode zum Erben unseres nationalen Vermögens, unseres geistigen Capitals. unseres geschichtlichen Gutes ernennen? Wer wird der Erbe sein, dessen Händen wir unsere langjährige Mühe anvertrauen? Sterben ist keine Kunst, sich morden keine Heldenthat. Sein Vermögen aber zu erhalten und es seinen gut°erzogenen Kindern .zu vererben, das ist die Pflicht eines jeden anständigen Menschen und meiner jeden lebenden Nation . . ." Alle pflichteten den Ausführungen des jungen Mannes bei, Steinhardt jubelte ihm zu.Alle sagten: „Er hat treffend geantwortet." Steinhardt aber drangen die Worte tief ins Herz. Die Worte des jungen Mannes erneuerten .seinen Schmerz, brachten ihn aber auch ans neue Gedanken. „Er gefällt mir, der junge Mann," dachte er bei sich, „einer, der so spricht, der für die Erhaltung des nationalen Vermögens und geistiger Erbschaft sorgt, der weiß auch ein materielles Privatvergnügen zu schonen..." Der junge Mann wurde mittlerweile von allen Tischgenossen beglückwünscht. Auch Steinhardt stellte sich ihm vor. „Mein Name ist Dr. Jacobsohn" — antwortete der junge Mann und verneigte sich. Und mit neuen Gedanken und Zukunftsplänen verließ Steinhardt das Kaffeehaus. „Der junge Doctor gefällt mir! Er spricht so schön!... Das ist eine Idee! Erben eines nationalen, geistigen Vermögens! Auch dieses darf nicht in schlechte Hände fallen!" Und wieder taucht vor ihm das Bild des Urahnen auf, wie er betrübten Herzens vor Gott steht: „Wozu das alles, ich bin ja kinderlos!" „Wer weiß" — spann er seine Gedanken weiter — „ob nicht auch unser Erzvater Abraham für sein geistiges Vermögen einen Erben gesucht hat. Es heißt ja, er sei der erste, der die Einheit Gottes erdacht, der in der Welt Moral und gute Sitten gepredigt.. . Und er hat um einen Erben gebetet, der sein geistiges und materielles Vermögen hüten und mehren soll... Ich muss mit Dr. Jacobsohn nähere Bekanntschaft machen .. . er gefällt mir-und wer weiß ..." Ein neuer Gedanke durchkreuzte seinen Kopf. „Und vielleicht wäre er auch mein Erbe? . . ." * * Es hat nicht lange gedauert. Steinhardt lud den jungen Mann zu sich, «stellte ihm seine Fanny vor und die jungen Leute fanden sich. Und Dr. Jacobsohn ward der Erbe des reichen Herrn Steinhardt. •fr -fr frfrfrfr frfrfrfr -fr^-^fr^fr^e^fr^fr^fr^fr -fr ^fr° ove jjCjp'ifC'jpjCjiL 44- 4- 444 -44444 4444 4-4-4-4- 44444K Wer ist der Erde? Skizze von R. A. Brandes. Endlich hat er ihn entdeckt und herausgefunden, den Erben, dem er sein ganzes, so mühsam erworbenes Vermögen anvertrauen soll. Und er hat ihn so mühelos entdeckt, so unvorhergesehen und plötzlich. In einem Kaffeehause war's. Dort, wo er am wenigsten gehofft hatte, so einen Menschen zu finden. Dort hat er Dr. Jacobsohn entdeckt. Und es siel ihm wie ein schwerer, schwerer Stein von seinem Herzen. Sein Gemüth ward ganz erleichtert. Das war ja auch seine einzige Sorge. "Denn sonst hatte Israel Steinhardt nichts zu sorgen. Als Sohn armer Eltern musste er sich lange plagen, bis er es zu etwas bringen konnte. Und als er auf eigene Faust zu arbeiten begann, war es ein ganz kleines Vermögen, mit dem er manipulierte. Doch sein unermüdlicher Fleiß und seine Ehrlichkeit ließen ihn immer höher steigen. Er brachte es sehr weit. Er ist jetzt ein Mann in den Sechzigerjahren und gehört zu den reichsten und angesehensten Leuten der Gemeinde. Alle "wissen es, dass er seinen Wohlstand aus der Grundlage der Ehrlichkeit aufbaute und wissen es auch zu würdigen. Er selbst besaß weder den protzigen Stolz eines Emporkömmlings, noch die Hartherzigkeit eines Millionärs. Im Gegentheil. Man kennt sein gutes Herz, das sich sowohl in der Gemeindeverwaltung, wie auch in einzelnen Fällen bewährt hat. Er ist der bekannte Wohlthüter in der ganzen Gegend. Dass es ihm an Ehrenstellen in der Stadt nicht gebricht, ist auch klar. Es gibt aber dennoch keinen Menschen ohne Sorgen. Und so hat auch Steinhardt seine Sorge. Ja, noch was für eine... Er ist nämlich kinderlos, er hat keinen Erben. In dieser Beilage werden wir die Prodncte unserer Zeitliteratur veröffentlichen, und nach Maßgabe der Umstände auch neuen Talenten Raum zur Entwicklung gönnen. Zur Mitarbeiterschaft laden wir ein. D. H.

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