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Die Stimme · 1966-09-01 · Heft 130 (September 1966) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1966
Issue
Heft 130 (September 1966)
Date
1966-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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NUMMER 130 DIE STIMME SEITE 3 Deutsche Redner beim Brüsseler Kongreo Eugen Gerstenmaier : Wenn ich diese Stunde recht verstehe ...H v« Trotz starker Proteste in den eigenen Reihen lud der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Dr. Nahum Goldmann, einen deutschen Politiker ein, vor dem Kongreß zu sprechen. Zum erstenmal seit der Nazizeit war dies der Fall. Die Persönlichkeit, auf die die Wahl gefallen war, der Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, dessen bemerkenswertes Referat bei den Delegierten starken Beifall erntete, sprach mit der Gesinnung des Deutschlands von heute, welches versucht, sich 21 Jahre später mit der wohl dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen und darüber hinaus, „über den Abgrund hinweg“, wie er betonte, „der sich zwischen Deutschen und Juden aufgetan hat, menschliche Stimmen vernehmbar zu machen“. Bekannt sind seine Worte, die durch die Weltpresse gingen: „Der Wahnsinn hatte Wurzeln und man muß sie freilegen. Es gibt kein Deutschland, das seine Vergangenheit bewältigt hat. Aber es gibt ein Deutschland, das sich ihrer schämt und das sich verschworen hat, daß ihm Ähnliches nie wieder passiert.“ Der Politiker, der schon früher einmal in Israel war, vertritt zweifelsfrei die positiven Kräfte des Überlebens, die in jedem Volk vorhanden sein müssen, soll das Chaos nicht versteinert werden. „Wenn ich diese Stunde recht verstehe“, sagte Gerstenmaier, „sollte sie nicht nur der Vergangenheit und dem Blick über den Abgrund und auf das Verlorene gelten. Es mag sein, daß es meiner Generation versagt bleibt, eine neue befreite Verbindung : von Deutschen und Juden zu erleben. ,Es | hat ja doch alles keinen Sinn! Über den : Berg von Leichen kann keiner mehr hinj weg!’ Das ist die Stimme, die ich häufiger j von Deutschen als von Juden höre. Sie i droht alles zu lähmen, denn sie führt nicht! nur in das Schweigen, sondern auch in die 1 resignierte Tatenlosigkeit. Man kann nicht leugnen, daß diese un-! fruchtbare Reue im Deutschland von heute 1 nicht ganz selten ist. Zuweilen verbindet sie sich mit einer primitiven Gedanken-; losigkeit, aber noch öfter mit einem in- | stinktiven Verdrängungswillen. Nur nichts! mehr hören vom ganzen Schwindel, nur! nichts mehr sehen vom Grauen des Ab- | grunds. Kann es nicht endlich, endlich einmal vorbei sein! — So ungefähr artikuliert i sich die Flucht vieler Deutschen vor unsei rer jüngsten Vergangenheit, i ,Die Berichte über die KZ-Prozesse sind | nach meiner Schätzung nicht populär. Aber | es ist eine gründliche Fehlinterpretation, I wenn daraus auf nennenswerte Restbestänj de des Nationalsozialismus in Deutschland! geschlossen wird. Man könnte daraus eher | auf das Gegenteil schließen. Denn in dieser! Abwehrhaltung meldet sich auch jenes I Empfinden für die größte Schande, die | Deutschland von Deutschen je angetan j wurde. Und es lebt darin der dumpfe Proj test gegen die Last einer verruchten Ver- | gangenheit, die kein Mensch ,bewältigen’ I kann.’“ j Der deutsche Politiker sprach mutvoll j von der ungeheuren Blutschuld, die im | Namen Deutschlands — nicht allein an den Der UM. . " Die DMentt! Juden, aber vor allem an ihnen — begani gen wurde und betonte deren psychische j Folgen auf die nächste, also die jetzige 1 Epoche, auf die Menschen unserer Tage, indem er ausführte: „Auch heute, nach mehr als zwanzig Jahi ren, steht diese Blutschuld unbezwingbar! vor uns. Der Fluch des Unabänderlichen | ist so groß, daß sich auch die Entschlossen-! sten, die Tatkräftigsten und die Gutwillig-! sten unter uns nur mit Mühe ihrer läh- ] menden Wirkung entziehen können." I Gerstenmaier sprach davon, daß „die von | Nazis verschuldete Katastrophe eine Kai tastrophe ganz Deutschlands war, die heute i noch lange nicht überwunden ist“. „Ich kann und will nicht in Abrede stel- | len, daß es auch im heutigen Deutschland erhebliche Fragwürdigkeiten und ernste I Sorgen gibt. Sie stammen nicht nur aus der abnormen Teilung unseres Landes und nicht j nur aus ungelösten Fragen unserer Zeit. Sie stammen auch und immer wieder aus unserer jüngsten Vergangenheit. Das deutsche Nationalbewußtsein ist wirr und ungeklärt, das deutsche Geschichtsbewußtsein j diffus und problematisch. Im Vergleich dazu bedeuten die Reste eines verbiesterten und bösartigen Antisemitismus und Hitlertums im Deutschland von heute wenig. Zur Zeit halte ich die Gefahr ihrer Verharmlosung und Baj gatellisierung für geringer als die Gefahr | ihrer Überbewertung und der oft überdij mensionierten öffentlichen Reaktion dari auf. Eine Folge davon ist beispielsweise I die belegte Tatsache, daß Hakenkreuz | Schmierereien und sogar Friedhofsschändungen in Deutschland bevorzugte Mittel von Lausejungen werden, die nicht einmal wissen, was Antisemitismus ist. Sie wissen aber ganz genau, daß man den Bürger und die öffentliche Meinung in Deutschland mit nichts anderem so leicht hochnervös machen kann, wie mit antisemitisch aufgemachten Provokationen.“ Der jüdische Weltkongreß, der in Brüssel im August tagte, hat Regierungen der Welt zur Verteidigung der Menschenrechte und des Friedens aufgerufen. Zum Abschluß seiner Tagung nahmen die Delegierten aus 60 Ländern Resolutionen an, in denen unter anderem die Ernennung eines UNO- Beauftragten für die Wahrung der Menschenrechte verlangt wird. Allen Regierungen der Welt wird nahegelegt, Versuche antisemitischer Organisationen, die zum Rassen- und Religionshaß aufreizen, zu unterbinden. Die Behörden Westdeutschlands werden gebeten, ihre Maßnahmen gegen Fälle von Rassenhaß zu ergreifen, um Katastrophen, wie sie der Nazismus herauf beschworen hat, nicht aufkomrnen zu lassen. Die Welt sehnt sich nach Ruhe, Ordnung und Völkerverständigung, was nur dann im Bereiche der Möglichkeit liegt, wenn die Völker nicht irregeleitet werden und Haß und Lüge nicht zur Maxime erhoben wird. Präsident Nahum Goldmann verwies in seiner Ansprache auf die eigentümlichen Vorgänge in Österreich, wo Kriegsverbrecher und nazistische Würger, die in den Konzentrationslagern Untaten begangen hatten, von Laienrichtern bei den Geschworenengerichten verantwortungslos freigesprochen wurden und gab seiner Besorgnis Ausdruck, daß der Antisemitismus in Österreich giftige Blüten treibt. Eine sturmfeste Normalisierung Ein gut gewähltes Wort, das man sich merken sollte. Mit diesem Wort charakterisierte der deutsche Bundestagspräsident das, was in den heutigen und zukünftigen Beziehungen zwischen Deutschen und Juden das Ziel sein soll, jenes innere Gleichgewicht, das allerdings noch heute fehlt, um das sich aber aktive Politiker bereits bemühen, wie es sich auch in den Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zeigt. Darüber sprach er: „Die Schwierigkeiten, die es hier gibt, stammen zum Teil einfach aus dem harten Geschäft der Politik. Sie können und müssen ohne Dramatisierung bestanden werden. 1441541

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