Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1965
- Issue
- Heft 129 (September 1965)
- Date
- 1965-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 8 DIE STIMME NUMMER 129 P e m, London: EMlieh lebe ich ~ ' ein bißchen ungern Anstatt vieler unnützer Dinge wie Logarithmen oder Geschichtszahlen hätte . man uns lieber „Emigration“ lehren sol-! len. Zum Beispiel, in welchen Ländern , man arbeiten darf und in welchen nicht;: denn woher sollten wir wissen, daß man j aus Österreich ausgewiesen werden konnte, wenn man den „Nachweis seiner Sub-; sistenzmittel“ nicht erbringen konnte.j während man sich in England schon bei j der Landung verpflichten mußte, keine! bezahlte oder unbezahlte Arbeit anzunehmen. Oder daß man in Paris den Beami ten, der über die Aufenthaltserlaubnis j zu bestimmen hatte, beeinflussen oder be-' stechen mußte, während in London keiner einen Schilling nahm. „Wie war das eigentlich damals, als Sie ins Exil gingen?“ hat mich jemand ge- | fragt. Zum erstenmal übrigens, denn „dai von“ spricht man in Deutschland heutzu-! tage nicht gern. Und bevor wir es alle j vergessen — schließlich sind inzwischen | 30 Jahre vergangen — sei hier erst ein-j mal vermerkt, daß die meisten zuerst vers leugneten, Emigranten gewesen zu sein, j als wäre es eine Schande gewesen. „Wis- I sen Sie, wir fahren natürlich wieder zuj rück“, sagten sie. Weil sie zumeist etwas j in Deutschland zurückgelassen hatten —■ ein Konto, Verwandte oder ein Sofa nebst Büfett —, was sie wiederzusehen hofften, gaben sie nicht zu, die Heimat endgültig verlassen zu haben. Zumal es auch die Gastländer nicht gern sahen, wenn man kam, um sich für immer — oder was man so für immer hielt — niederzulassen. Das heißt, man stand mit einem Fuß noch in der Heimat, die allerdings nichts von einem wissen wollte. Fast glaubte man selbst daran, es werde sich wieder beruhigen, normalisieren, glätten, und man i werde eines nicht so fernen Tages nach j Hause zurückkehren können und so tun, j als habe sich nichts verändert, als sei im Grunde nichts geschehen. Oder hoffte man, die Nazis damit zu versöhnen, daß j man nicht zugab, in Deutschland wäre j das Leben unerträglich geworden? j Diese Illusion führte dazu, daß man das j Exil mit der Heimat verglich, was zumeist I nicht zum Vorteil der Gegenwart ausfiel, i Bald nannte man die Emigranten in Paj ris „Chez nous“, weil sie nämlich alle; Sätze mit „bei uns“ begannen. „Bei uns“ i waren die Doppelfenster dichter, die Kellner ehrlicher, der Kaffee besser und überhaupt alles anders — und schöner. Daß! WIENER TUCHHAUS Adolf Reiss Erben TUCHGROSSHANDEL Allen Kunden, Freunden und Bekannten die besten Wünsche zum lahreswechsel Wien I, Rudolfsplatz 6 Telephon 63 83 11 man den Boden unter den Füßen verloren hatte, kam einem wohl zuerst nicht recht zum Bewußtsein — der Schock war zu groß gewesen. Mit einem Bein war man noch am Kurfürstendamm, und den zog man den Champs-Elysees vor. Als die weißbestrumpften Nazis über die Wiener Kärntnerstraße marschierten, hätten die Emigranten von der Spree gesagt: „. . . aber unsere SA ist strammer“ . . . oder? Zuerst wußte man noch nicht, wo man sich endgültig festsetzen oder ansiedeln sollte, weil man Emigration überhaupt Oesterreichische Staatsdruckerei - Wiener Zeitung Verlag ERNST MARBOE ^Doj ÖLbmjdeklmi'k 81. bis 100. Tausend. 592 Seiten, reich illustriert mit 470 zum Teil ganzseitigen Textbildern und Karten, alle in Vier- und Mehrfarben-Offsetdruck, und 16 Vollbildern. Vornehmer Ganzleineneinband mit künstlerisch ausgeführter Goldprägung. Es erzählt unterhaltend, was Österreich war und ist, die Hauptepochen seiner Geschichte, Kunst, Musik, Dichtung und Wissenschaft, Volk und Landschaft. In deutscher Sprache.S 145.— In englischer Sprache.S 180.—- In französischer Sprache.S 230.— Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und durch die Verkaufsstelle der Staatsdruckerei — Wiener Zeitung, Wien I, Wollzeile 27 a. B$D