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Die Stimme · 1965-04-01 · Heft 128 (April 1965) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1965
Issue
Heft 128 (April 1965)
Date
1965-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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SEITE 2 DIE STIMME NUMMER 1 29 katnfi# uttd UhtejctyaHQ' du WacuUcMU HUklycu Zum 22. Jahrestag Am 18. April 1943 begann der letzte Akt der Tragödie der im Warschauer Ghetto zusammengepferchten Menschen. Die jüdische Kampforganisation trat zum offenen Widerstand gegen die Unterdrücker an. Die Tragödie der 500.000 Juden in Warschau und der dreieinhalb Millionen Juden Polens hatte bereits im September 1939 ihren Anfang genommen. Sie verlief in drei Etappen: von der in Gesetze gefaßten Ausrottungspolitik über die Aussiedlungsaktionen bis zur totalen Vernichtung. Am 18. April 1943 begann die Tragödie in ihre Schlußphase einzutreten. Die damaligen Ereignisse waren so tragisch, daß es fast unmöglich ist, für die Schilderung ihres Ablaufes die richtigen Worte zu finden. Wenn wir nur bei den Geschehnissen im Warschauer Ghetto vei’- bleiben, können wir die Katastrophe durch zwei Ziffern veranschaulichen. Von den Anfang 1941 in Warschau lebenden 500.000 Juden waren im Jahre 1945 nur noch 6000 am Leben. Alle anderen waren ermordet worden. Sie waren dem Hunger, den Folterungen und Massenexekutionen, den Todeslagern Maidanek und Treblinka, den Gasöfen von Auschwitz, dem Artilleriefeuer und den Brandbomben zum Opfer gefallen. Unter unbeschreiblichen Qualen starben in Warschau eine halbe Million Menschen nur deshalb, weil sie Juden waren. Was hinterließen uns die dem Tod geweihten Juden in Warschau? Sie vermachten uns die Geschichte ihres Kampfes für Würde und Freiheit, die Bekundung ihres Glaubens an das jüdische Volk und an die so schrecklich geschändeten menschlichen Werte. Unsere Pflicht ist und bleibt es, den Kampf der Helden von Warschau nicht zu vergessen. Er war der Kampf eines sterbenden Volkes, der letzte Kampf in der Nacht des nazistischen Wahnsinns. Die Literatur über das Warschauer Ghetto ist heute schon sehr umfangreich. Zusammenstellungen von Dokumenten und historischen Monographien bilden das Quellenmaterial. Eine diesbezügliche, reichhaltige Sammlung, zusammengestellt von Josef Wulf, erschien im Jahre 1958 in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für Heimatdienst, eine umfassende Dokumenten-Veröffentlichung von Bernstein im Jahre 1957 in polnischer Sprache. Der Tag der Helden und Märtyrer fällt heuer mit Pessach zusammen. Wir schließen ihren Auftrag in unsere Gebete ein und gedenken ihrer in Ehrfurcht. Ein alter Nazi i Politische Betätigung auf Studentenebene — kleine Politik — aber Blut und Tod sind bei den „Herrenmenschen“ von Anfang an dabei. Eine Fibel über den Nazismus könnte keinen krasseren Modellfall konstruieren, als es im Falle des e r - schlagenen Ernst Kirchweger die Wirklichkeit getan hat. Der ukrainische Professor unterscheidet sich in einem Punkt von den üblichen Intellektuellen des Nazismus. Bei den Nazis ist nämlich die Propagandaarbeit streng nach den irgendwie abgelehnten Klassen geteilt, jeder erledigt das Seine auf seiner Ebene, keiner möchte wissen, was der andere tut, der über ihm oder unter ihm steht, wovon sich die Öffentlichkeit bei sämtlichen einschlägigen Prozessen zur Genüge überzeugen konnte. Ihre „Wissenschaftler“ befaßten sich daher ziemlich ausschließlich mit der Entwicklung und Weitergabe des nazistischen Gedankengutes und waren im allgemeinen etwas anderes als Radaubrüder. Der Professor Borodajkewicz dagegen ist scheinbar ein vielseitiger Mann. In der Abgeschlossenheit seiner Vorlesungen und Seminare scheint er schon manche Probe und Generalprobe zu der Vorstellung gegeben zu haben, mit der seine Jünger dann unter den Scheinwerfern des Fernsehens aus dem Hörsaal in die Öffentlichkeit gingen. „Der Jude Kelsen — hätte ich sagen sollen, der Israeli Kelsen?“ Nein, Herr Professor Taras Borodajkewicz, das hätten Sie nicht sagen sollen, denn das wäre falsch gewesen, da zu der Zeit, als Kelsen die österreichische Verfassung schrieb, der israelische Staat noch lange nicht bestand. Hat sich das noch nicht bis zu Ihren wissenschaftlichen Höhen durchgesprochen, da Sie doch Geschichtsprofessor sind? Daß aber das Wort „der Jude Kelsen“ nicht einfach eine Herkunftserklärung darstellen sollte, wie man etwa sagen könnte, der Slawe Taras Borodajkewicz, das bewies eindeutig die Reaktion Ihrer Hörer, von denen Sie früher als von der Öffentlichkeit verstanden wurden. Sie wieherten, johlten und schrieen nach guter alter Nazimanier, wann immer jüdische Namen genannt wurden. Auch bei Nennung des Namens Doktor Rosenzweig. War das auch eine Herkunftsbezeichnung? Dr. Rosenzweig ist doch nur Anwalt und kein Wissenschaftler, bei dem die Abkunft bedeutsam wäre, und wenn auch — was gibt es da zu wiehern? Wichtiger als irgendein Fossil von anno „Stürmer“, ist die junge Generation. Zum Schluß waren es immerhin an die tausend, die man wahrscheinlich aus ganz Österreich zusammengetrommelt hat. Sie hatten ein Plakat vorbereitet, auf dem „Mord“ stand; sie beurteilten den Gegner nach sich und 1000 junge erwarteten Tote in ihren eigenen Reihen. Man sieht die Organisation und die Schulung langer Jahre, so jung diese Burschen auch noch sind. Sie sind dieselben, wie bei den Hakenkreuzschmierereien, es sind dieselben, wie bei den ärgsten Vorfällen in Südtirol. Das hat nichts mit heutiger Jugend zu tun, das ist das Muster der Generation Goebbels, die einen kleinen Teil dieser Jugend gefangen hat. Nebenbei gesagt, eine ganz schöne Organisationsleistung, wenn man bedenkt, daß man diese Jugend ideologisch mit nichts anderem füttern kann, als mit dem alten „Glanz und Ruhm“ der Hitler-Aera. Es gibt heute weder eine Krise zu überwinden, noch ein getretenes deutsches Volk aufzurichten. Und daß man Antisemitismus ohne Juden säen kann (in Österreich ca. 10.000 Juden bei einer Bevölkerung von 7,000.000 Seelen) ist eine besondere Leistung, die einer besseren Sache wert wäre, vor allem der österreichischen Jugend den Weg der Anständigkeit Und der Menschlichkeit zu zeigen. Be LANGSPIELPLATTE ÜBER DEN NAZIKRIEG Eine geistlose Saumseligkeit bei der Erkenntnis der Ursachen und Folgen des zweiten Weltkrieges wird nicht nur aus den jüngsten Reden und Äußerungen deutscher Minister und deutscher Rechtsanwälte deutlich. Auch in manchen Schulen und Universitäten Deutschlands ist das Bild der Vergangenheit noch immer nicht sauber vor aller Augen. Eine vorbildliche dänische Langspielplatte über den zweiten Weltkrieg, eine 30-cm-Platte mit einer Stunde Spielzeit von Bent Henius könnte jetzt sehr dazu beitragen, die Erkenntnis über diesen Zeitraum auch in Deutschland zu fördern. Die dänische Platte reicht vom Einfall in Polen bis zur Kapitulation. Die Kopenhagener Schallplattengesellschaft Metronome hat die Reden und Äußerungen von Hitler, Goebbels, Göring, Himmler, Mussolini, Churchill, Attlee, Roosevelt, Truman, Stalin, Chamberlain in bemerkenswerter Weise meist im Original gesammelt. Da ist vieles für die Deutschen festgehalten, an das man sich erinnern sollte: Das hysterische „Ja“ zum totalen Kriege von Goebbels, seine Propaganda mit der Wunderwaffe, Himmlers zynische Äußerung über die 135.000 Toten von Dresden und in anderen Städten des Luftkrieges, in der es hieß: „Das ist ein Durchschütteln des deutschen Volkes, um zu prüfen, ob es den Krieg zu gewinnen wert ist.“ Eine Unterrichtung der jungen Generation wie in Dänemark ist auch den Deutschen zu wünschen.

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