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Die Stimme · 1965-03-01 · Heft 127 (März 1965) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1965
Issue
Heft 127 (März 1965)
Date
1965-03-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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SEITE 4 DIE STIMME NUMMER 127 Greise Staatsmänner sind mit einem schrecklichen Handicap belastet. Was bei einem jugendlichen Politiker als zähes Festhalten an einer Idee oder Linie und als konsequentes Verhalten gelobt wird, steht beim alten Mann automatisch im Geruch von greisenhaftem Starrsinn und Unbeweglichkeit. Diese Vorwürfe muß auch Israels „Grand Old Man“ David Ben Gurion in letzter Zeit über sich ergehen lassen. Man nimmt ihm seinen Kampf gegen Pinhas Lavon und seine Forderung nach einer gerichtlichen Untersuchung jener fehlgeschlagenen Operation des israelischen Sicherheitsdienstes in Ägypten im Jahre 1954 übel. Wohl gelang es Premierminister Levi Eschkol, mit dem Manöver der Demission die unmittelbare Krise zu überwinden und seine Regierungskoalition zu erhalten, doch innerhalb der Mapai dauert die Spaltung an. Fehden in einer Partei, machtpolitische Auseinandersetzungen, persönliche Zwiste, ) Schon die Bibel weiß zu berichten, welche Schwierigkeiten Moses hatte, sein „steifnackiges Volk“, welches ständig haderte, murrte und zweifelte, ins Gelobte Land zu bringen. David Ben Gurion ist ohne Zweifel ein unbequemer Staatsmann, der seinem Volk immer wieder große Opfer zumutete und dabei hart an die Grenze des Zumutbaren I ging. Er ist der Mann, der nie davor zurückgeschreckt ist, Entscheidungen von größter Tragweite zu treffen, wenn er von ihrer historischen Notwendigkeit überzeugt war, von seinem Kampf um die Errichtung des Staates, als er gegen die Mehrheit seiner zaudernden Kollegen mit einer „Jetzt- oder-Nie“-Parole die Proklamation des , Staates erzwang, bis zum „Va Banque“-; Entschluß des Sinaikrieges, welcher ebenfalls in einer einzigartigen, nie wiederkeh-; renden historischen Konstellation es er- 1 möglichte, Nassers Schlinge kurz vor dem Zusammenziehen zu durchschneiden. Die RlasHe der Ahnungslosigkeit Qale DCoraUe das Familiencafe mit den tausend Zeitschriften all das ist in Israels Parteileben nichts Neues. Neu aber ist, daß sowohl ein Teil von Ben Gurions Mapai wie auch die anderen Parteien, von den Linkssozialisten bis zu den Bürgerlichen und Rechtsextremen in Ben Gurion einen negativen Kristallisationspunkt gefunden haben. Es handelt sich um eine eigentliche psychologische Revolte des Volkes gegen seinen alten Führer, gegen seine Vatergestalt. Der Machtkampf innerhalb der Mapai und zwischen den Parteien fiel auf fruchtbaren psychologischen Nährboden: Jene ambivalente Haltung des jüdischen Volkes seinen Askanim gegenüber. Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Zionistischer Landesverband in Österreich, Wien IX, Universitätsstraße 4/4. Chefredakteur: Bernhard Braver. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Hansi Berger. Beide Wien IX, Universitätsstraße 4/4. Druck: A. Luigard, Wien VIII, Pfeilgasse 35. Nackter Ekel muß jeden gewissenhaften Zeitgenossen befallen, der bei den KZ-Prozessen, in Zeitungsartikeln und in verschiedenen zweifelhaften Literaturergüssen auf die Beteuerungen von Ahnungslosigkeit, den Verbrechen des Dritten Reiches gegenüber, stößt. Wer 1920 schon geboren war und vom Schicksal verpflichtet wurde, die Entwicklung zum Dritten Reich und schließlich dessen Entstehen zu erleben, mußte, gewollt oder ungewollt und mit oder ohne innerliche Bindung zu Hitler, den Schlachtruf der Braunhemden „Deutschland erwache — Juda verrecke“ sich in die Ohren dröhnen lassen. Dies gilt für den zehnjährigen Klnderverstand im Jahre 1930 ebenso wie für die damals schon reifer gewesenen Jahrgänge. In welchem Sinne diese Losungen verkündet wurden, dafür gaben die Marschlieder der SA —, zumindest jenes mit dem Refrain „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann sind wir doppelt froh“, in unmißverständlicher Weise Aufschluß. Dann setzte, mit der Kennzeichnung durch den Judenstern, der Deportierung und schließlich Ermordung von Millionen die Vernichtungsautomatik ein. Wie kommt es also, daß auch nur die geringste Hoffnung auf die Maske der Ahnungslosigkeit gesetzt werden konnte, besonders während der KZ-Prozesse, wo die Gefahr bestand, daß bei Unglaubwürdigkeit der Verteidigung, ein verstärktes Strafausmaß zu gewärtigen war? Nun, die Denkweise der Schuldigen entbehrt trotzdem nicht der Methode; sie fußt einfach noch immer darauf, daß seinerzeit von zehn Wählern mindestens neun für den Führer stimmten und verbanden damit die Hoffnung, daß unter den Geschworenen noch immer ein gewichtiger Prozentsatz früherer Gesinnungsgenossen gewissen Ressentiments der Vergangenheit gegenüber nicht ganz unempfindlich bleiben würden; es galt also nur noch den vermuteten Bundesgenossen auf der Geschworenenbank irgendein Argument in die Hände zu spielen, das es ermöglichte, bei den Beratungen aufs Tapet gebracht zu werden, um, je nach Stimmung im Beratungsraum, hochgespielt oder zumindest in Betracht gezogen, die Urteilsfindung zu verfälschen oder wenigstens zu beeinflussen, ohne daß ein Verdacht eigener Initiative oder Parteilichkeit erregt werden könnte. Was nun das Verhalten der Verteidiger bei den KZ-Prozessen betrifft, sei ihnen zugebilligt, alles für den Angeklagten entschuldbare in den Vordergrund zu stellen; aber auch hier muß es Grenzen geben; nämlich wenn Behauptungen, die der Entschuldung von Verbrechern dienen sollen, allen Gegebenheiten ins Gesicht schlagen. Sie könnten doch nur dort Erfolg haben, wo das Gericht selbst, aus welchen Gründen immer, noch der Vergangenheit des Dritten Reiches zugewandt ist. In solchen Fällen werden zwar nicht Steine reden, aber Akten sprechen und dafür sorgen, daß früher oder später allen schuldigen Beteiligten die Maske der Ahnungslosigkeit vom Gesicht gerissen wird. Nur auf solche Weise kann verhindert werden, daß Verbrecherlogik über Gesetz und Gerechtigkeit triumphieren kann. I n g a w. ■■■ EUROPA MÖBEL WIEN VII BREITEG. 5/6 cfo<r grtr/ic EinvirfitungsPtaus dringt neueste Mirött-Mootefft ^697

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