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Die Stimme · 1964-11-01 · Heft 124 (November 1964) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
1964
Issue
Heft 124 (November 1964)
Date
1964-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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NUMMER 124 DIE STIMME SEITE 5 nachrichten aus israel - nachrichten aus israel - nachrichten aus israel Igor Stiawinskys „Abraham und Isaak" als Höhepunkt des Israel-Festivals Zum viertenmal fand jetzt das Israel-Festival statt, das diesmal — länger als je zuvor — über fast sieben Wochen im Juli und August währte und dafür auch eine solche Fülle künstlerischer Höhepunkte brachte, daß man es nun zu den wichtigsten Veranstaltungen im internationalen Festspielsommer zählen dürfte. Begonnen hatte es mit der sogenannten Fünften Simria, einem internationalen Treffen der Chöre, bei dem sich nicht nur das so reich und hoch entwickelte Chorwesen des Landes Israel bewährte, sondern auch zahlreiche jüdische und nichtjüdische Chöre aus Europa und Amerika teilnahmen, vom Singkreis Zürich und dem Bauarbeiterchor Stockholm bis zum jüdischen Gemeindechor „Brüder Baruch“ aus dem jugoslawischen Belgrad und den das Volkslied pflegenden Chanteurs du Quebec aus Kanada. In den gleichen Tagen fand auch der I. Internationale Kongreß für jüdische liturgische Musik statt, der die bedeutendsten Fachgelehrten und vor allem die berühmtesten Chazanim (Synagogenkantoren) aus aller Welt zu einem zehntägigen Gespräch vereinte. Das eigentliche Festprogramm hob mit j Nun hat man die Bezeichnung schlageinem Beethoven-Zyklus an, bei dem Josef Krips mit dem Israel Philharmonie Orchestra alle neun Symphonien dirigierte, die Neunte dabei in dem vor rund 2000 Jahren unter König Herodes erbauten und jetzt wiederhergestellten Amphitheater von Caesarea am Strande des Mittelmeeres. Dort in Caesarea erlebte man auch einen Abend mit dem inzwischen weltberühmt gewordenen jüdisch-jemenitischen Inbal- Tanztheater, das sein neuestes Ballettdrama „Wered Bar" (Wilde Rose) zeigte: Die traurige Geschichte eines armen Mädchens, das sich in einen noch ärmeren Fischer verliebt hat, jedoch vom Vater gezwungen wird, einen reichen, alten und einäugigen Kaufmann zu heiraten. Das ganze Werk geht auf traditionelle jemenitische Volksmelodien zurück, und vor allem in den Hallelot, die aus Versen der Psalme bestehen und als Vor- und Zwischenspiele dienen, hat sich bei diesen jemenitischen Juden, die jahrtausendelang abgeschlossen in einer fremden Umgebung lebten, ehe sie bald nach der Staatsgründung in das Land Israel heimgeholt wurden, noch ältestes antiphonales Psalmodien aus der Zeit des Zweiten Tempels erhalten. Allerdings kommt nun auch bei Inbai allmählich die Gefahr auf, daß die ursprüngliche Folklore in der ganz anders gearteten Wirklichkeit des heutigen Israel nicht nur einen Zug gleichsam musealen Konservierens gewinnt, sondern auch bewußt zu spektakulären Show-Effekten übersteigert und perfektioniert wird. Im Lande der Kibbuzim und des industriellen Aufbaus ist der mystische Zauber uralter orientalischer Märchen nun einmal nicht ungetrübt zu erhalten. In den ersten Jahren hatte der offizielle Titel noch Israel-Musik- und Drama-Festival geheißen, doch war zunächst das Schauspiel immer zu kurz gekommen. kräftiger auf Israel-Festival verkürzt, zugleich aber endlich auch die Theater in das Programm einbezogen. Die Bristol Old Vic Company freilich, die man zuvor schon bei den Wiesbadener Mai-Festspielen und den Zürcher Juni-Festwochen gesehen hatte, war nur für Israel selbst noch ein Ereignis, da hier das hiesige Publikum endlich einmal authentische Shakespeare-Aufführungen kennenlernte. Das Stadttheater Haifa, heute unter den Direktoren Josef Millo und Yaacov Yassour die künstlerisch führende Bühne des Landes, hatte sich von dem jungen Dichter Tscharni Karmi den „Sommernachtstraum" in die hebräische Sprache der Propheten übersetzen lassen. In einem wahrhaft märchenhaften Bühnenbild von Teo Otto, der hier ein neues Verfahren mit einer durchsichtigen plastischen Masse erprobte, durch das die dargestellten Gebilde frei im Raume zu schweben schienen, hatte die Regie von Millo vielleicht doch zuviel Befürchtungen gehegt, ob der nordische Zauberspuk im waldarmen Israel verstanden werde, und dafür mehr Gewicht auf die possenhaft aufgelockerte Welt der kleinen arbeitenden Menschen gelegt. In der Habimah sah man eine schier skeletthaft auf kaum zweieinhalb Stunden verkürzte, dabei erstaunlich dezente und würdige Aufführung des „Stellvertreter“, in der Shimon Finkei, heute der größte Vortrag von Max Brod Am 6. Oktober 1964 hielt Max Brod einen Vortrag im Wiener Redoutensaal. Was sich vor Beginn des Brod-Vortrages am Wiener Josefsplatz abspielte, glich einem kleinen „Sturm auf die Bastille“. Der Redoutensaal, in dem zum ersten Male eine literarische Veranstaltung durchgeführt wurde, mußte eine halbe Stunde vor Beginn des Vortrages polizeilich gesperrt werden und hunderte Menschen, die keinen Einlaß mehr fanden, traten enttäuscht wieder den Heimweg an. Der Leiter der österreichischen Gesellschaft für Literatur, Dr. Wolfgang Kraus, war ratlos: Nachdem er im Redoutensaal endlich ein Ausweichquartier aus dem viel zu kleinen Palais Palffy gefunden hatte, wußte er nun nicht mehr, welchen Saal er für die nächste große Veranstaltung mieten sollte. Vor einem spannungsgeladenen Publikum, jenen Glücklichen, die sich den Eintritt „erkämpft“ hatten, plauderte Brod über die „goldenen Jahre", in denen sich die in die Literaturgeschichte eingegangene „Prager Schule“ gebildet hatte. Mit dem Vortragenden stellte sich auf einmal eine Brücke zu jenen Persönlichkeiten her, die der Zeit ihren Stempel auf gedrückt haben: Franz Werfel, Georg und Frantisek Langer, Karel Capek und die Gruppe um Franz Kafka: der blinde Dichter Oskar Braun, der Musikwissenschaftler Paul Nettei, Friedrich Torberg, Johannes Urzidil, Alfred Kubin und viele andere. Kafka war das Haupt dieser Gruppe, doch war er viel zu bescheiden, um dies je zuzugeben. Brod schildert alles dies in seiner Autobiographie „Streitbares Leben“, wo er auch versucht, das leider nur allzu verbreitete Bild von Kafka als Nihilisten und ungläubigen Menschen zu zerstören. Kafka, der eine von Skepsis gefärbte Frömmigkeit besaß, war kein Dichter des Unglaubens, sondern er war der Meinung, daß der Glaube durch harte Prüfungen errungen werden muß. Dadurch hebt sich Kafka deutlich von seinen Nachahmern Sartre, Beckett und Ionesco ab, die wohl von ihm beeinflußt, aber doch Antipoden zu ihm sind. Wie Brod seinen Freund Kafka vor fünfzig Jahren sah, geht aus zwei Briefen hervor, die der Vortragende verlas. In diesen Briefen an Kafkas Verlobte Felice Bauer versucht Brod dem Mädchen das Genie und dabei auch die Eigenart in Kafka zu erklären. Schon im Jahre 1912, als Kafka gerade an seinem ersten Roman „Amerika“ arbeitete, hatte Brod die Größe und Bedeutung seines Freundes erkannt, dem er bis heute treu geblieben ist. Ein aus Ehrfurcht und Begeisterung gemischter Beifall am Schluß dankte Max Brod für seinen denkwürdigen Vortrag.

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