Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1964
- Issue
- Heft 124 (November 1964)
- Date
- 1964-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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NUMMER 124 DIE STIMME SEITE 3 umstrittene JudendeKlaration Das Schicksal der sogenannten Judendeklaration des Konzils lieferte der Weltpresse tagelang Schlagzeilen. Der ursprüngliche Text wurde von Kardinal Bea eingebracht und begründet, von Kardinal König warm unterstützt. Die Linkskatholiken hatten große Hoffnungen darauf gesetzt, denn sie betrachteten die Annahme dieses Textes als einen Auftakt zur Überwindung der mehr als tausendjährigen Tradition des christlichen Antisemitismus. Professor Friedrich Heer hat diesen in der katholischen „Furche“ als „die Krebskrankheit des Christentums“ bezeichnet. Es kam aber anders. Erst schien es so, als ob nur die Patriarchen aus dem Orient die Deklaration als „Begünstigung des Zionismus“ und deshalb als politisch untragbar für arabische Katholiken ablehnen würden. Sogar Interventionen arabischer Staatsmänner bei Paul VI. wurden angekündigt. Doch stellt sich heraus, daß ein viel massiverer Widerspruch von rechtskonservativen „abendländischen“ Bischöfen kommt. Ihr Sprecher Ruffini griff auf die Legende von der Weltverschwörung des Freimaurertums gegen die Religion zurück, hinter der die gesamte Judenheit stehe. Aus einer christlichen Bitte um Vergebung an die wegen ihrer Rasse verfolgten Juden machte Ruffini die Forderung, „die Juden mögen doch aufhören, die Christen zu hassen“, sie mögen auch den Talmud abändern, weil er Beleidigungen von Nichtjuden enthalte. Viele Kongreßteilnehmer waren erbittert, als schließlich auf der Tagung eine recht ominöse „Dokumentation“ zur Judendeklaration auftauchte — ein in Madrid erschienenes Buch im Stil der berüchtigten „Weisen von Zion“, in dem die Massenmorde an den Juden als Erfüllung eines Gottesgerichtes erklärt und die Erneuerung der Inquisition als Waffe gegen Juden, Freimaurer und Kommunisten verlangt wird. Der seit Monaten schwebende Konflikt zwischen fortschrittlichen und konservativen Kardinalen beim Vatikanischen Konzil entwickelte sich plötzlich zu einer ernsten Krise. Fünfzehn Kardinäle aus Deutschland, Südamerika, den USA und einigen anderen europäischen Ländern verfaßten im römischen Wohnsitz des Kölner Kardinals Frings ein Memorandum, das den Papst veranlagte, sich eindeutig zugunsten der Fortschrittlichen auszusprechen. j Die Fünfzehn hatten den Konservativen, ' die von der Kurie gestärkt werden, restau- I rative Absichten unterstellt. Ihnen wurde j vorgeworfen, sie wollten die Erklärung über die Unschuld der Juden am Tode Christi verwässern; den Entwurf für die | Religionsfreiheit einem konservativen Sonderausschuß Zuspielen; den Bischöfen den vollen Anteil an der Gewalt des Päpstlichen Stuhles wieder entreißen und durch vorzeitigen Konzilsschluß eine Debatte über die Haltung der Kirche zur modernen Welt verhindern. (In diesem Schema sollten Probleme wie die Geburtenkontrolle, die Welternährung, der Weltfrieden und die Kernwaffen behandelt werden.) Nach der Entscheidung des Papstes wurden Gerüchte laut, er habe insgeheim die Kardinäle zu ihrer Bittschrift ermuntert, um einen Grund zum Eingreifen zu haben. Die Konservativen hingegen beriefen sich auf „höhere Weisung“. Israels Präsident Schasar 75 Jahre Israels dritter Staatspräsident, Salman Schasar, feierte seinen 75. Geburtstag. Er wurde am 6. Oktober 1889 in Mir in der Nähe von Minsk geboren und genoß eine sorgfältige Ausbildung, insbesondere in talmudischen Fächern. Im Jahre 1905 trat der Siebzehnjährige der Poale Zion bei und organisierte in seiner Heimat einen jüdischen Selbstschutz. Außerdem machte er sich als Redaktionsmitglied einer jiddischen Zeitung in Wilna und als Übersetzer der zum Teil in russischer Sprache erschienenen Schriften Boroschows ins Jiddische einen Namen. 1907 wurde er mit anderen Redaktionskollegen wegen angeblicher illegaler Tätigkeit verhaftet. Nach seiner Freilassung studierte er bis 1911 in Petersburg. Dann ging er nach Palästina, wo er in der Landwirtschaft arbeitete. Ein Jahr später kehrte Schasar nach Rußland zurück und wurde von der Petersburger Akademie für Judaistik zur Vervollkommnung seiner Studien nach Freiburg und Straßburg geschickt. Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges mußte er die Straßburger Universität verlassen, erhielt aber dann die Erlaubnis, sein Studium in Berlin fortzusetzen. Dort schloß er sich dem Redaktionsstab der „Jüdischen Rundschau“ an, die zur Plattform seines journalistischen Schaffens wurde. 1916 gründete Schasar in Deutschland die Poale Zion, später rief er die Hechaluz-Bewegung ins Leben. 1921 war er Delegierter beim 12. Zionistenkon- 1 greß, 1923 wählte man ihn in Karlsbad j zum Mitglied des Zionistischen Generalj rats. 1924 ließ er sich mit seiner Familie | endgültig in Palästina nieder. Ein Jahr j später trat er der Redaktion des „Davar“! bei, dessen Chefredakteur er 23 Jahre lang i war, bis 1949. Er zählte zu den aktivsten zionistischen Persönlichkeiten und setzte j sich tatkräftig für die Unabhängigkeit des | jüdischen Staates ein. Nach der Staatsgrüni düng war er Abgeordneter der ersten, zwei- | ten und dritten Knesseth und zeitweise jauch Mitglied der Regierung (als Erziehungs- und Kultusminister). Er gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der Jewish Agency und machte sich besonders um die jüdische Erziehung verdient. Im Mai v. J. trat er die Nachfolge seines langjährigen Freundes Ben Zwi an. Schasar verfügt über einen ebenso kühnen wie umfassenden Geist und er befaßte sich mit einem nicht geringen Teil der sozialen und kulturpolitischenWissenschaften. Die ältere Generation unserer Freunde wird sich noch mit Freude daran erinnern, wie seine Reden, anläßlich seines Verweilens in Wien, Zuhörer erbaut haben und welchen Enthusiasmus er ausgelöst hat, als er vor einem i großen Forum ein tiefgründiges wissen- | schaftliches Thema behandelte, das Stoff 1 für lange Zeit bot, um auf hoher geistiger | Ebene Diskussionen zu führen und das j Wissen zu bereichern. Nehmen auch Sie an unserer besonders günstigen Gruppenpauschalreise nach Israel zu ö S 6.850.— vom 24. 12. 1964 — 7. 1. 1964 zum ZIONISTISCHEN KONGRESS teil. REISEBÜRO JOSEFSTADT GMBH ATLASTOURS GMBH Wien I, Weihburggasse 21 — Telefon 52 11 84, 52 84 07 Ferner stehen wir Ihnen jederzeit mit fachkundiger Beratung in allen Reiseangeiegenheiten zur Verfügung. Wir wünschen dem ersten Repräsentanten Israels „Ad mea w’essrim Schanah!“ B. Braver Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Zionistischer Landesverband in Österreich, Wien IX, Universitätsstraße 4/4. Chefredakteur: Bernhard Braver. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Hansi Berger. Beide Wien IX, Universitätsstraße 4/4. Druck: A. Luigard, Wien VIII, Pfeilgasse 35.