Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1964
- Issue
- Heft 124 (November 1964)
- Date
- 1964-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 2 DIE STIMME NUMMER 124 bleme. Das jüdische Gemeinwesen ist in Israel errichtet worden und dorthin richten wir unseren Blick, auf die Dynamik des Geschehens, im souveränen Land der Juden. Aber die Wahrnehmung unserer menschlichen Interessen in der Diaspora ist opportun und unter dem jüdischen Gesichtswinkel nützlich. Ohne den Versuch zu machen, uns Zionisten über Andere zu erheben, müssen wir die Behauptung aufstellen, daß eine andere, von Juden ausgehende Politik falsch wäre. Die Beweisführung für diese Behauptung ist sehr einfach, da uns der Antisemitismus in Österreich täglich anstarrt und dem Häuflein wie durch ein Wunder geretteter Juden das Leben abspricht. Gott sei es gedankt, daß der Antisemitismus nicht das gesamte österreichische Volk erfaßt hat, aber was an Bitternissen uns irregeleitete „Arier“ zufügen, genügt, um uns auf unseren nationalen und ehrenvollen Bestand zu besinnen. Die Zeitungen meldeten vor einiger Zeit, daß ein amerikanisches Gericht ein Urteil fällte, daß Antizionismus die heute übliche Form des Antisemitismus sei. Im-' mer mehr liefern uns die Lebensumstände den untrüglichen Beweis dafür, daß das ganze jüdische Volk mit dem Staate Israel in einem Boot sitzt und ihm verbunden ist, natürlich auch vice versa. Fast zwanzig Jahre nach den nazistischen Mordtaten benimmt sich ein nicht geringer Teil der zivilisierten Menschheit so, als ob die Epoche des landsknechtischen Grauens niemals gewesen wäre! Wahrlich, eine Zeit, die für das Schicksal des jüdischen Volkes von folgenschwerer Bedeutung sein kann, zumal öffentlich die Forderung erhoben wird, die nazistischen Schergen ungeschoren zu lassen! ' Das Judentum vermag sich wohl auf einer gesunden und kulturellen Basis in Israel zu stützen, es hat aber in der Diaspora auf einer langen Front mit bösen Feinden zu rechnen, die hinterhältig, mordlustig sind und ausgedehnte Stützpunkte und viel geraubtes Geld besitzen. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf Ägypten, Südamerika, Schweden und Deutschland. Jüdische Propheten im Altertum haben ein hohes ethisches Ideal aufgestellt und der Menschheit Licht geschenkt. Es hat den Anschein, daß wir Juden jetzt dafür bestraft werden, u. zw. von der wüsten Reaktion, die die Welt in ein Sklavenlager verwandeln möchte. Das nazistische Deutschland hat nach dieser Richtung hin den mit Blut und Not gezeichneten Weg im Jahre 1933 beschritten. Wir müssen daraus die Lehre ziehen und zur höheren Entwicklung der sozialen und jüdischen Ethik nach besten Kräften bei- (Fortsctzung von Seite D Zionismus in einer sich lindernden indischen Weil henden großen Kongresses. Es wurde durch eine Diskussion im Kreise der Exekutive der Jewish Agency eingeleitet, wo Mosche Sharett, der Vorsitzende der Exekutive, eine Reihe von Vorschlägen unterbreitete. Er stellte ein neues, den geänderten Lebensumständen angepaßtes Motto an den Ausgangspunkt der Diskussion: „Der Zionismus ist eine Lebensphilosophie, die auf der Erkenntnis beruht, daß die Besonderheit des jüdischen Volkes, der , Charakter seiner Geschichte, seine klaren Ziele in der Welt, die nationale Solidarität seiner verschiedenen Gruppen und ihre gemeinsame Verantwortung für ihr Geschick und nicht zuletzt das Bestehen des Staates Israel, ausschlaggebend waren für ■ sein überleben bis auf den heutigen Tag.“ Wenn wir dieses Kredo prüfen, sehen wir sofort den Unterschied seines Inhaltes zu den Gedanken, die Inhalt aller Debatten in zionistischen Zirkeln der Welt während der letzten 16 Jahre waren und in denen Israelis beharrlich ihren Standpunkt vertraten, Zionismus bedeute vor-; nehmlich Alijah. Sicherlich muß Alijah auch weiterhin als wesentliches Ziel betrachtet werden, aber es darf nicht das ganze jüdische Problem, mit dem das Volk konfrontiert wird, überschatten und mißliche Zustände schaffen! Ein wichtiges Erkenntnis tritt zutage, das nur Eingeweihten bekannt ist und spärlich: ausgesprochen und popularisiert wurde: j „Es gibt mehr oder minder mächtige Organisationen in den großen jüdischen Zentren der Welt mit zionistischem Programm, welche nicht mit uns wahrlich J verbunden sind. Es gibt starke zionistisch: eingestellte Gemeinschaften, wo die Zio-1 nistische Organisation schwach ist, aber ■ die geistige zionistische Annäherung offeni kundig. Es entsteht somit eine Art von j organisatorischem Paradoxon, welches wir lösen müssen. Wie kann und soll die Zioj nistische Organisation der anerkannte und j! mächtige Träger der gemeinsamen Ideen werden? Wir betrachten die organisatorische Frage, offen gestanden, als ein Problem l von sekundärer Bedeutung, da die Hauptsache darin zu erblicken ist, daß das Werk getan wird. Wichtig ist, daß die jüdische i Gemeinschaft die Gefahr, die ihr in der Galuth droht, erkennt und sich danach : richtet. Die Gefahr liegt leider auch in der Assimilation in ihrer heutigen Form, , in der Gefahr, daß die großen erzieherischen Aufgaben, an denen die ganze Zukunft hängt, nicht zielgerecht durchgeführt werden. Inhaltsreich und israelbetont ' muß die Erziehung unserer Jugend sein. Hier aber liegt doch die Wichtigkeit der Organisation, die zum machtvollen Instrument werden kann, um ein hohes Ziel verwirklichen zu können. Es wird von Tag zu Tag klarer, daß das Prinzip der Nicht-Identifikation des Zionismus in der Diaspora mit irgend einer politischen Partei Israels mehr und mehr in der Welt anerkannt wird. Die Tatsache, daß die Zionistische Weltorganisation andere nicht parteigebundene, Organisationen eingeladen hat, mit ihr gemeinsam zu arbeiten, zeigt von ihrer Erfahrung, daß eine zionistische Bewegung, die auf der Struktur der israelischen Parteien aufgebaut ist, eine Verstärkung aus nicht parteigebundenen Kreisen nicht entbehren kann. Es wäre naiv, vorauszusetzen, daß zielbewußte, nicht parteigebundene Organisationen in der Diaspora, sich in einen Rahmen fügen wollten, wo sie von den gebundenen Parteien gelenkt würden. Schließlich und endlich hat der Weltzionismus als Hauptaufgabe seine Verbindung mit Israels als Ganzes zu deklarieren, weil Israel sich mit dem jüdischen Volk in seiner Gänze identifiziert. Diese hehre Aufgabe ist das Wesentliche jeder zionistischen Bewegung und jeder zionistischen Organisation. tragen und dessen eingedenk sein, daß der ( Aufbau und das Gedeihen Israels tiefen j Sinn hat, weil er, wie es Ruppin einst forj mulierte, die Juden in der Diaspora in j ihrem jüdischen und moralischen Bewußt-1 sein zu stärken vermag. j So weit es möglich ist, müssen wir daj für sorgen, daß bei uns Juden kein kultuj reller Rückgang stattfindet, daß unsere jüj dische Tradition nicht verloren geht, da! die Tradition die Grundlage aller Entwicklung ist. j Sorgen wir auch in Wien für die Erj Schließung solcher Quellen, die uns Kraft I geben, unsere Werte zu vertiefen, das Judentum zu erhalten und unsere nationalkulturellen Schätze näher kennen zu lernen und sie zu vermehren. In diesem Sinne erwarten wir vom Wiener Judentum, daß es einen Stimmzettel in die Urne zugunsten jener Persönlichkeiten versenkt, die die sichere Gewähr dafür bieten, daß sie als aufrechte Menschen und Juden das Zeichen der Zeit verstehen, den Geboten unseres Seins entsprechen und im Geiste der zionistischen Denk- und Lebensformen ihr Mandat in der Kultusstube ausüben werden. Bernhard Braver