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Die Stimme · 1964-08-01 · Heft 123 (August 1964) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
1964
Issue
Heft 123 (August 1964)
Date
1964-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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NUMMER 1 23 DIE STIMME SEITE 7 Zwei Wege zur Bewältigung der N. S.-Vergangenheit Welch wunderliche Blüten das schlechte Gewissen zu treiben vermag, zeigt die wohl voraus berechnete Wirkung eines Buches des amerikanischen Pseudohislorikers Iloggan, das unter dem Titel „Der erzwungene Krieg“ Beweise dafür zu bringen versucht, Hitler sei von England gegen seinen Willen in den Krieg verwickelt worden. Nun hat das bekannte deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, in seinen Nummern 20 und 22 unter Heranholung umfangreichen authentischen Materials die Sinnlosigkeit dieser Behauptung ausreichend dokumentiert; was uns aber darüber hinaus interessiert, ist der Eifer und die finanzielle Opferbereitschaft, mit der sich die „Ehemaligen“, sowohl Anführer als auch deren Gefolgschaft, auf diesen Köder stürzten und alles aufboten, um ihn wenigstens den ihren so verdaulich als möglich zu machen. Einstweilen pro- | fitierte der gerissene Geschäftemacher Iloggan . . . (von dem eine im „Spiegel“ veröffentlichte Zuschrift sagt: „Als kürzlicher Besucher Deutschlands habe ich mit großem Interesse Ihren! Artikel über den „US-Historiker“ Hog- | gan gelesen. Es ist anzunehmen, daß der! Sensationswert seiner Thesen ihm das Titelblatt verdiente. Ich darf Ihnen und : Ihren Lesern versichern, daß Professor! Iloggan in Amerika ein ausgesprochener! „Niemand“ ist. ' Kurt Salmon, Washington. ... dadurch, daß ihm seine Gesinnungsfreunde hohe Stiftungsbeträge zuweni deten, die gleichzeitig bezweckten, durch j Hochspielung seines Entlastungsversuj ches, der deutschen Übersetzung seines i Werkes, die im derzeitigen Verlage des ehemaligen N.S.-Reichspresseleiters er-! scheint, den nötigem Absatz als Gewisscnspille zu sichern. Für Hoggan eröffnet sich aber damit eine neue Möglichkeit: | Sollte er einmal wegen „unamerikanischer Tätigkeit“ dem Kongreß Rechenschaft zu geben verpflichtet werden, so könnte er den Spieß umdrehen und behaupten, er hätte sein Machwerk nur zu dem Zwecke produziert, um die deutsche Öffentlichkeit zu testen, was ihm durch Feststellung weitgehender Sympathiekundgebungen aus der Bevölkerung und einen bestehenden großen Kreis von Nazis, auch heute noch, gelungen sei. Wem wollte es dem Kongreßausschuß verargen, wenn Hoggan freiginge? Von solcher Warte gesehen, mußte es ergötzlich scheinen, aus Zuschriften an den „Spiegel“ zu sehen, wie die Mäuslein eins nach dem anderen aus ihren Löchern herausschnupperten, auf der Suche nach dem Speck der zu bewältigenden Vergangenheit. Diese Suche muß aber in die Irre führen. Betrachten wir einen anderen Weg; im Volk des Alpenlandes schlummernden Kräfte berührt und geweckt. Er hat in schönen Versen gesagt, was alle schon fühlten und wußten. Kein Wunder, daß nun alle aussagen wollen und gerne sagen. An vielen Orlen Österreichs, vor Palästen, in Höfen der Stifte, vor Kirchenfassaden selbst kleiner Flecken geht allsommerlich „Jedermann“ in Szene; und sind Berufsschauspieler nicht zur Hand, so stellen sich Liebhaber ein, selbst eine Truppe von Kindern hat in Salzburg eine Fleißaufgabe gemacht, die Verse auswendig gelernt und agiert nun auf dem Domplatz, wenn man es ihr gestattet. — So können w'ohl auch die Spiele vor der Friesacher Ruine durch die Kunde von den „Jedermann“-Aufführungen angeregt oder zumindest belebt worden sein. Auch hier beginnt, wie in Salzburg, das Drama mit einem Prolog. Als solcher nimmt ein „Leichenbitter“ das Wort. Es würde zu weit führen, Einzelheiten seines Kostüms und deren Beziehung auf die hier übliche Tracht des „Hochzeitsbitters“ (der zur Hochzeit bittet, einlädt) zu beschreiben. Nur so viel sei gesagt, daß schon der Vorspruch nicht die drohenden Töne des Salzburger Stücks, sondern tröstliche, freundschaftliche, fast humoristische Gedanken hören läßt. Die ganze Anlage unterscheidet sich ja sehr stark von der „Jedermann“-Passion. „Jedermann“ ist ein Bürger, dem es sehr gut geht, der einen vollen Geldbeutel, eine schöne Geliebte und ein zweckdienlich hartes Herz hat, — der Tod, der ihn aus seinem Behagen oder doch vermeintlichen Wohlleben herausreißt, bricht mit allen kontrastreichen Schrecknissen los, in denen sich die Künstler des Barocks gefielen. Die bäurischen Künstler sehen es anders und ganz ohne das Pathos des Barocks, ohne große Geste und schrillen Gegensatz. Ihr Held, der Bauer Großhans, steht inmitten eines zwar nicht ungern gelebten, aber schweren, arbeitsreichen und kummervollen Lebens. Sein Erdenwallen ist, wie wir gleich in den ersten Auftritten des Stücks sehen werden, von Sorgen, namentlich Geldsorgen, zerklüftet, — ein reicher Verwandter droht mit Prozessen, hat dem Großhans Geld und Wiesenstück gepfändet, möchte ihm nun auch das Haus nehmen, um das Großhans einen heftigen Kampf mit dem mächtigen Gegner austragen muß. Dabei sind ihm die Kinder aufsäßig und sein Leib, krank und matt, kann den Anstrengungen des Daseins nicht mehr lange standhalten. Das weiß denn auch unser guter Prolog, der Leichenbitter, und beruhigt den Großhans, der schon ahnt, daß er sterben muß, — er beruhigt auch uns Zuhörer und versteht seine Worte klug zu setzen: „Ja, der Bauer Großhans muß nun sterben“, sagt er klipp und klar, „muß sterben wie ihr alle, die ihr da sitzt. Und sterben ist nicht leicht, das sei ohne alle Umschweife zugegeben. Man entschließt sich dazu nicht gern, man | bockt, man widerstrebt wie ein Kind, das l den Pflug noch nicht gewohnt ist. Aber j keine Angst, es wird sich an Pflug und j Pflügen gewöhnen. Erfahrungsgemäß ist! nämlich Pflügen eine Leistung, die man! von einem Kind verlangen kann. So ist j zwar auch Sterben für jeden Menschen eine Leistung, das sei nicht geleugnet, es wird dem Menschen damit schon immerhin etwas zugemutet, aber nichts, was seine Kräfte übersteigt. Jeder kann sterben, dessen seid sicher; jeder ist im- | stände, diese von ihm verlangte Leistung zu vollbringen. Das ist eine Prüfung, wohl, wohl, aber keine, bei der je, seit die Welt besteht, irgendwer durchgefallen wäre. Also, wovor hast du eigentlich Furcht, Menschlein? Du wirst nicht durchfallen bei dieser Prüfung; das was von dir verlangt wird, wirst du ganz gewiß auch leisten können.“ Der Bauer betritt das „Einkehrhaus zum letzten Groschen“, so heißt es doppelsinnig, teils an Leichtsinn und Zuchtlosigkeit, teils ans gewichtige Ende aller Ende mahnend. Der Bauer würfelt. Er tut den höchsten Wurf und gewinnt. „Nun bin ich aller Sorgen ledig.“ „Das bist du“, sagt der Schankknecht und geleitet den Gast, der vor Glück und Freude wankt, über den Hof ins Hinterhaus, wo er ihm Wohnung anweisen soll. Um die aber hat der Gast gar nicht gebeten. Er möchte nach Hause gehen, seine Zeche zahlen und in Ruhe gelassen sein. „Die Zeche mußt du jetzt wirklich zahlen“, sagt der Knecht. Und nun zeigt es sich, daß der Gang über den Hof (der die Hauptszene des Stückes umfaßt) eigent-

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