Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1964
- Issue
- Heft 123 (August 1964)
- Date
- 1964-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2431292-2431407-2431411--1019-2432683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SEITE 8 DIE STIMME NUMMER 123 jenen, den die deutsche Bundesregierung ging, nach dem moralischen und militärischen Auflösungsprozeß des Nazi-Staates. den wir nie. wie es die Schuldigen dauernd versuchen, mit Deutschland identifizieren wollen. Die Stationen dieses Weges waren: Einbekenntnis der verbrecherischen Taten der Regierung des Dritten Reiches. Als logische weitere Folge: Versuch, nach Möglichkeit diese verbrecherischen Taten durch das Entschädigungsgesetz gutzumachen, und das Bemühen der ganzen Welt gegenüber, den moralischen Wandel der neuen deutschen Generation, glaubhaft erscheinen zu lassen. Dieser Weg zur Bewältigung der unseligen Vergangenheit, von der Bundesregierung eingeschlagen, führte zu Erfolgen; die Bundesrepublik wurde mit dem Großteil ihrer ehemaligen Feinde einig. Sie vermochte zum NATO-Verbündeten aufzusteigen und die Straße zum „Wirtschaftswunder“ wurde frei. Bei logischer Betrachtung dieser Tatsachen müssen wir erkennen, daß sich lieh ein Gang aus dem Diesseits ins Jenseits ist. Mehrmals bleibt der Bauer stehen. Der Brunnen, der Stall, die Scheune, — alles erinnert ihn an Geschehnisse aus seiner Jugend, seines Mannesalters, hier am Brunnen hat er zum erstenmal mit dem Mädchen gesprochen, das dann seine Frau wurde, vor dem Stall einen wütenden Stier gebändigt u. s. f. Diese Szenen wiederholen sich vor seinen Augen. Mit Freud und Schmerzen mahnt ihn alles an Bilder des Lebens, der Kraft, er kann sich nicht losreißen, er möchte alles noch einmal erleben, möchte von vorn anfangen, er will nicht gehen, will nicht sterben. Bis sich ihm eine leuchtende Erscheinung zugesellt, die sich als „Frau Geistliche-Heiterkeit“ zu erkennen gibt. Sie erbietet sich, ihn in das Hinterhaus zu begleiten, das für ihn das dunkle gefürchtete Elaus des Todes ist. Die Frau aber weiß ihn zu besänftigen. Von nun an wird er es gut haben; um sein Haus, beispielsweise, braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen, — von jetzt ab hat er für immer und ewig ein Dach über dem Kopf, auch der Prozeß mit dem bösen Verwandten wird ihn nicht mehr erregen, — und seine Kinder, mögen sie erst spüren, was es heißt, ohne Vater den Weg allein suchen zu müssen! Auch Geld wird er nun nicht mehr brauchen, daher auch keine Geldsorgen haben. Der Bauer freut sich und lacht, er verliert allgemach die Angst. „Wenn ich mit dir reden kann, ist mir wohl und leicht, Frau Geistliche- Heiterkeit“, sagt er, „aber wirst du mich! auch damit für jeden Einzelnen der Weg zur Bewältigung seiner Vergangenheit abzeichnet. Wenn gerade aus unserem Kreise, dem ungeheure Wunden zugefügt wurden, eine derartige Möglichkeit aufs Tapet gebracht wird, so möge man dies als Antwort auf die Anschuldigung unvergänglicher Rachegelüste ansehen. Zur Verwirklichung stellen wir uns vor: Erlaß einer bedingten Amnestie, die an folgende Voraussetzungen geknüpft ist: 1. Alle schwebenden Verfahren betreffend N. S.-Verbrechen bleiben ausgenommen. 2. Amnestiert wird, wer alle seine Handlungen aus der N. S.-Zeit, die nach dem Gesetz von heute strafbar sind, aktenmäßig niederlegt und dem Amnestiegericht einreicht. Dieses Einbekenntnis ist geheimzuhalten. Darauf bleibt die Amnestierung beschränkt. 3. Werden Straftaten verschwiegen, so bleiben sie unverjährbar und können jeauch wirklich über den großen, weiten, unheimlichen Hof bis ins Haus hinüberführen?“ „Ich werde sogar dort bei dir bleiben, — solange du willst, immer.“ Da ist der Bauer getröstet und küßt der vornehmen Dame, die sich seiner angenommen hat, artig die Hand. Der Schankknecht tritt hinzu und äußert auf ein wenig derbere Art, daß von der ganzen Sache nicht so viel Aufhebens zu machen sei, — Vorderhaus oder Hinterhaus, es sei kein so grausiger Unterschied. „Ich, der Knecht, gehe täglich wohl hundertmal über den Hof, von der Schankstube zu den Wohnungen, von den Wohnungen in die Schankstube. Es ist meine Arbeit, ich habe mich an sie gewöhnt. Ich merke sie kaum mehr. Von Unheimlichkeit kann dabei gar keine Rede sein. Der Gastwirt ist klug, er gibt schon keinem was zu tun, was nicht auszuführen wäre. Der Wirt herrscht hüben wie drüben überm Hof, wir sind immer bei ihm zu Hause, es kommt nur auf uns an, uns gut und rechtschaffen bei ihm zu Hause zu fühlen.“ Das Dreigespräch nimmt zum Schluß eine höhere Wendung, die man leicht voraussehen kann. „Leben oder Tod, es ist einerlei. Herrgott und guter Hauswirt, immer sind wir in deiner Hut. Schütze uns vor Not und Versuchung.“ In ein allgemeines Gebet, an dem sich alle Personen des Stückes beteiligen, klingt das Spiel aus. Nun möchten Sie, lieber Herr, gute Dame, dieses Stück gern sehen, möchten vielleicht noch diesen Herbst nach Oberderzeit unter Anklage gestellt werden. In solchen Fällen verfällt auch jede frühere Amnestierung. Ebenso, wenn neue Straftaten begangen werden. Das ist unser Weg, den wir' zur tatsächlichen Bewältigung der N. S.-Vergangenheit Vorschlägen. Was wir uns davon versprechen? Ein paar verstockte Gesellen werden diesen Weg nicht gehen und darauf bauen, auch weiterhin aus Industriellenkreisen, die früher einmal der Überredungskunst eines Herrn v. Papen erlagen und zu N. S.-Geldgebern wurden, gefüttert zu werden. Auch auf einen Gefolgschaftskreis jener, die bekanntlich nie aussterben, hoffen die „Anführer“, um so ihre anachronistische Bedeutung weiter aufrechtzuerhalten; der größte Teil ihrer jetzigen Anhänger aber wird sich den logischen Erwägungen der erfolgreichen Regierungspolitik anschließen und den Leithammel-Aspiranten den längst fälligen Tritt versetzen. Ing. Albert Welt planeck fahren, teils aus Sensationslust, denn man muß ja alles gesehen haben, teils aber vielleicht auch aus dem ernsten Bedürfnis, über die trotz allem etwas gewaltsame Tatsache, daß es in der Welt so etwas wie den Tod gibt, einigermaßen getröstet und beruhigt zu werden. — Ich muß Ihnen leider raten, den eben genannten kleinen Ort auf keiner Landkarte zu suchen. Er ist allzu klein. Um die Wahrheit zu gestehen: er existiert nur in meiner Phantasie, ich habe ihn erfunden, wie ich dieses ganze Bauernspiel leider nie gesehen, sondern nur erfunden habe — und doch eigentlich nicht ganz erfunden, um noch genauere Wahrheit zu melden, denn richtig ist (nun aber im letzten Wortsinne richtig), daß ich all das, was nun aufgezeichnet ist und hier geschrieben steht, heute nacht geträumt habe. Die Erinnerung an den Salzburger „Jedermann“, noch sehr wild und lebhaft in meinem Kopf, hat nun eben die hier erzählte Gestalt angenommen, sie hat bei andern schon vielerlei Gestalt bekommen, warum also nicht auch noch diese? — Vom „Jedermann“ leitet siöh mein Bauernspiel ab und dann allerdings auch von einem Blick auf jene gotische Kirchenruine auf der Anhöhe von Friesach. Man sieht sie sehr genau, wenn man vorbeifährt, und kann es nicht leicht fassen, daß es eine solche Szenerie, die man nur als Erfindung des genannten Malers Caspar David Friedrich für möglich gehalten hat, in aller Wirklichkeit und, wie schon er wähnt, in vollem Tageslicht gibt.