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Die Stimme · 1964-05-01 · Heft 122 (Mai 1964) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
1964
Issue
Heft 122 (Mai 1964)
Date
1964-05-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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NUMMER 122 DIE STIMME SEITE 5 wahrscheinlich, daß dies auf arabischer Seile nicht, gesehen wird, und daß emotionale Motive die arabischen Regierungen veranlassen würden, sich durch Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen zur Bundesrepublik selbst den schwersten Schaden zuzufügen. Wie dem aber auch sei: die Schwere und Unabweisbarkeitunserer Verpflichtung, ebenso wie die Dringlichkeit des Friedensinteresses aller Beteiligten läßt einer verantwortlichen westdeutschen Politik keine Wahl. Durch Lippenbekenntnisse und durch Wiedergutmachungszahlungen an Israel für etwas, was sich weder durch Geld noch durch sonst etwas wiedergutmachen läßt, kann nicht ersetzt werden, was in dem Augenblick von uns getan werden mußte, in dem von israelischer Seite die Bereitschaft zu normalen Beziehungen ausgedrückt wurde. Der Skandal besteht darin, daß nicht die überlebenden des Volkes der Ermordeten zögern, zum Volke der Mörder normale Beziehungen aufzunehmen, sondern daß die überlebenden des Volkes der Mörder zögern, ihre Beziehungen zu den überlebenden des Mordes zu normalisieren. Unsere Lippenbekenntnisse und unsere Unglaubwürdige Das erwähnte Ausmaß der deutschen Wirtschaftsinvestitionen in den arabischen Staaten beweist, daß die Bundesrepublik keineswegs ein nebensächlicher Staat ist, der zu einer Friedensregelung im Mittleren Osten nichts beitragen kann, sondern daß ihr Verhalten sehr wohl ein gewichtiger Faktor für den Mittleren Osten ist. Es ist von der Bundesregierung aus bisher noch kein entschiedener und unnachgiebiger Versuch gemacht worden, die Wirtschaftshilfe für die arabischen Staaten in dieser Richtung einzusetzen; sie ist statt dessen der einzige Staat Europas, der alle arabischen Staaten anerkennt und Israel die diplomatische Anerkennung verweigert. In dem vergangenen Frühjahr ist wieder einmal ein günstiger Augenblick, diesem beschämenden Zustand ein Ende zu machen, verpaßt worden. Als in Israel und in der internationalen Presse die Wogen hochgingen wegen der Nachrichten über die Tätigkeit deutscher Raketenwissenschaftler in Ägypten, wußte man in Bonn zunächst nichts anderes zu tun, als sich auf die verfassungsmäßige Freizügigkeit der deutschen Staatsbürger zu berufen, und auch, nachdem man deutlich das offizielle Bedauern über die Tätigkeit deutscher Gelehrter in Ägypten ausgedrückt hat, ist bisher weiterhin nichts geschehen. Diese Haltung mußte unglaub- , würdig sein, denn es liegt auf der Hand, > daß die Bundesregierung sehr wohl Mittel; und Wege gefunden hätte, gegen einen j westdeutschen Wissenschaftler oder Tech-, Geldzahlungen können auf die Dauer nicht mehr darüber hinwegtäuschen, daß wir ivcht, borOt . ncl, auch nur das Risiko eines Nachteils, geschweige denn einen tatsächlichen materiellen Nachteil auf uns zu nehmen, um Freundschaft und Verantwortung für die zu betätigen, deren Vergebung uns unerläßlich ist, wenn es uns um unsere Selbstachtung zu tun ist. Wir bedürfen der unverzüglichen Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel, wenn wir nicht dokumentieren wollen, daß hinter unserer Proklamation christlicher Leitgedanken in der Politik nackter Materialismus und moralischer Nihilismus stehen. Wir bedürfen dieser Beziehungen ebenfalls, um der arabischen Seite deutlich zu machen, in welchem Sinne unsere Beziehungen zu ihr, unsere Entwicklungskredite usw., gemeint sind und wozu sie dienen sollen: sie sind nicht gemeint als eine Parteinahme für den arabischen Standpunkt gegen Israel, sie sind begleitet von einem Bekenntnis zur Verantwortung des deutschen Volkes für den Staat Israel, und sie sollen dienen einer Verständigung zwischen Israel und den arabischen Staaten. Bundesregierung niker vorzugehen, dem es eingefallen wäre, unter Berufung auf seine Freizügigkeit und auf sein politisches Desinteressement seine Dienste etwa den Skoda-Werken in Pilsen anzubieten. Dagegen wäre es eine überlegene Lösung des Problems, die uns mit einem Schlage sehr viel weitergeholl'on hätte, gewesen, wenn die Bundesregierung in einem Zuge 1. mit aller Energie die Rückkehr der deutschen Raketenfach- , leute aus Ägypten angestrebt hätte, 2. die (diplomatischen Beziehungen mit Israel aufgenommen hätte und 3. gleichzeitig, wie sie es getan hat, die großen Millionenkrej dite an Syrien und Ägypten gewährt hätte. Man kann mit höchster Wahrscheinlichkeit sagen, daß sich der Groll der arabischen Staaten über den ihnen unangenehmen Teil dieses Bündels von Maßnahmen I in sehr erträglichen Grenzen gehalten hätte,; zumal sie gegenwärtig von der Ostberliner j Regierung nicht entfernt etwas Gleich- I wertiges geboten bekommen. Dieses Verj sagen hängt damit zusammen, daß auf; bundesrepublikanischer Seite die Frage j des Verhältnisses zu Israel längst nicht j mit dem Ernst durchdacht wird, der ihr; zukommt. Daß das Durchdenken fehlt,; hängt daran, daß die Frage nicht ernst ge-1 nug genommen wird, und insofern ist es; allerdings nicht nur ein intellektuelles! sondern auch ein moralisches Versagen. Die Aufgabe all derer, die die Frage in ihrer Bedeutung kennen, ist, in Bonn dahin i zu wirken, daß diese neue Schande auf dem deutschen Namen ausgetilgt wird und möglichst bald das geschieht, was im Rahmen eines gesamten deutschen Beitrages zur Friedensregelung im Mittleren Osten ein unerläßliches Element ist: das Angebot von diplomatischen Beziehungen von seiten der deutschen Bundesregierung, und zwar unabhängig von der Diskussion, die über diese Frage heute noch innerhalb der israelischen Bevölkerung besteht. Daß es Kreise in Israel gibt, deren Gefühl sich noch gegen ein solches Verhältnis zu einem deutschen Staate sträubt, muß von uns vorbehaltlos verstanden werden. Es darf uns nicht hindern, normale Beziehungen zwischen unserem Staat und dem Staate Israel zu wünschen, diesem Wunsch die Gestalt eines Angebotes der diplomatischen Beziehungen zu geben, zu diesem Angebot zu stehen in der Hoffnung, daß es ein positives Echo in Israel findet, und dieses Angebot zu realisieren, sobald eine israelische Regierung es aufnimmt. Ohne das wird alles wertlos, was wir mit dem Munde bekennen und mit Geld zahlen, weil dies alles dann nur als billiger Ersatz für das, was wir eigentlich zu tun haben, erscheinen muß; was wir bisher getan haben, behält und bekommt seinen Wert nur, wenn es ergänzt und gedeutet wird durch ein offenes und rückhaltloses Bekenntnis zur deutschen Verantwortung für den Staat Israel, und dies eben nicht als eine Parteinahme gegen die arabischen Völker, sondern als Element im deutschen Beitrag zum Frieden im Mittleren Osten. MÜNCHNER EHRENPREIS FÜR ANNA FREUD Der Münchner Stadtrat verlieh den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München für das Jahr 1964 an die in London lebende Tochter Siegmund Freuds, an die Psychoanalytikerin Anna Freud. Der Preis ist mit 15.000 Mark dotiert. Anna Freud wurde am 3. Dezember 1895 in Wien geboren und lebt seit 1938 in London. Bis zu ihrer Emigration war sie Vorsitzende des Instituts für Psychoanalyse in Wien, wo sie auch den Jackson-Experimentierkindergarten ins Leben gerufen hatte. Seit dem Jahre 1952 leitet Anna Freud die Hampstead Child - Therapy Clinic in London. Früher bereits hatte sich die Wissenschaftlerin Verdienste erworben durch die Gründung eines Kriegskindergartens für heimatlose Kinder in London, der als „Hampstead Nurseries“ berühmt wurde. Durch die Systematisierung und authentische Ausgabe der Werke Siegmund Freuds hat Anna Freud bedeutsamen Anteil an der Verbreitung der Lehren ihres Vaters.

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