Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1964
- Issue
- Heft 122 (Mai 1964)
- Date
- 1964-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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) M M F R i y DIE STIMME SEHE PROF. HELMUT GOLLWITZER: Deutschland und Israel Prof. Helmut («ollwitzer gehört zu den führenden protestantischen Theologen des heutigen Deutschland. Kr wirkt als Professor an der Freien Universität Berlin. Fm Juni vergangenen Jahres hielt er nach einer Heise durch Israel und Jordanien auf Kinladung der deutsch-israelischen SUulontengruppe an der Freien Universität Berlin, einen Vortrag, der sich auf Grund seiner auf der Reise gewonnenen Kindrücke mit den politischen Problemen beschäftigt, die zwischen Israel und den arabischen Staaten bestehen. Wir Deutschen können über das Verhältnis zwischen Israel und den arabischen Staaten nicht nachdenken, ohne ausdrücklich zu fragen, was wir dazu heute beilragen und was wir dazu beitragen sollen, Denn wir stehen nicht außerhalb dieses Verhältnisses, sondern sind in den Konflikt hineinvcrflochten auf mehrfache Weise: Einmal dadurch, daß wir mitschuldig sind an der Entstehung des Staates Israel, an dem Einwandererstrom, der vor und nach 1945 sich nach Palästina ergossen und die Frage der Staatsgründung unausweichlich gemacht hat, zum anderen deshalb, weil wir wegen der im Namen des deutschen Volkes betriebenen Judenausrottung verantwortlich sind für das Geschick der überlebenden Juden, wenn anders unsere Abwendung vom Hitlerismus glaubwürdig sein soll, und zum dritten deswegen, weil wir mit den beiden verfeindeten Lagern in ein und derselben Welt leben, mit ihnen Handel treiben und vielfältige persönliche, politische und kulturelle Beziehungen haben und weil deshalb die Art, wie diese Beziehungen von uns gestaltet werden, positiv oder negativ auf den Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Lagern, dem israelischen und dem arabischen, einwirkt. Günstig für die Erkenntnis der richtigen und nötigen Entscheidungen, die von deutscher Seite getroffen werden müssen, daß, von welcher Seite her wir es auch betrachten, die legitimen Interessen aller Beteiligten auf Frieden zwischen Arabern und Israel drängen. Die Fortdauer des gegenwärtigen Konfliktzustandes und seiner Verschärfung zu einem heißen Krieg mit dem Ziele der Vernichtung Israels ist zwar der Wunsch der arabischen Regierungen, nicht aber das wirkliche Interesse der arabischen Völker. Un-; ser Versuch, zu beiden Seiten freundschaftliche Beziehungen aufrechtzuerhalten, ‘ muß uns also nicht zwischen zwei Feuer j bringen, wenn das Kriterium die Frage ist, ob unser jeweiliges Verhalten geeignet ist, den Gegensatz zwischen den beiden Lagern zu verfestigen und zu verhärten — j oder ihn aufzuschmelzen und seiner Friedenslösung näherzuführen. Grundlegend muß dabei sein, daß wir jeder der beiden; Seiten deutlich machen, daß freundschaftliche Beziehungen zur einen Seite freundschaftliche Beziehungen zur anderen nicht ausschließen und mit feindlichen Beziehungen zur anderen Seite nicht identisch sein dürfen. Von israelischer Seite wird uns das nicht bestritten, wohl aber von arabischer Seite. Infolgedessen ist es nötig, gerade die arabische Seite darüber nicht im Zweifel zu lassen. Grundlegend muß die öffentliche Kundgabe der deutschen Regierung sein, daß das gesamte deutsche Volk am Entstehen des Staates Israel als des Konfliktgrundes zwischen Juden und Arabern sich mitschuldig und für die Existenz des Staates Israel als des Zufluchtsortes für die überlebenden der Judenausrottung mitverantwortlich weiß, daß in- # Pelzmantel und Pelzjacken jetzt besonders preisgünstig 0 Umarbeitung in der billigeren Zwischensaison MASSARBEITEN / TEILZAHLUNG MÖGLICH Kürschnermeister FRIEDRICH GOLDSCHMIED WIEN II, HEINESTRASSE 13 folgedessen das deutsche Volk zum Frieden zwischen Israel und den Arabern beitragen möchte und zur Verantwortung für die Existenz des Staates Israel, notfalls auch gegen die Araber, sofern sie diese Existenz bedrohen sollten, stehen werde. Eine solche Erklärung hätte am Anfang i der von der Bundesrepublik hinsichtlich des Mittleren Ostens betriebenen Politik stehen und für die weitere Politik leitend sein sollen. Statt dessen wurden 1951/52 die damals wieder auf genommenen Beziehungen zu den arabischen Staaten und die dadurch geförderten deutschen Interessen in den arabischen Staaten als j Einwand gegen den deutsch-israelischen : Wiedergutmachungsvertrag vorgebracht. Es i ist auch heute noch nicht zu spät zu einer J solchen Erklärung; durch sie erst würde I vielmehr die deutsche Politik im Mittle- { ren Osten die ihr heute durchaus fehi lende klare Linie bekommen, die auch den , dort tätigen deutschen Diplomaten bei; ihrer schwierigen Arbeit dienlich wäre. DIPLOMATISCHE BEZIEHUNGEN Von hier aus bekommt die Frage der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem Staate Israel eine entscheidende und nicht zu umgehende l’c'ieutung. Von uns wohlgesinnten Israelis wird sie manchmal bagatellisiert mit dem Hinweis darauf, daß heutzutage diplomatische Beziehungen nicht mehr der einzige und vorzüglichste Ausweis eines normalen Verhältnisses zwischen zwei Staaten sind, daß z. B. Israel zwar zu den Ostblockstaaten oder zu Ghana diplomatische Beziehungen, aber ein sehr unbefriedigendes Verhältnis habe, dagegen zu Persien oder eben zur Bundesrepublik ein freundliches Verhältnis ohne diplomatische Beziehungen. Man wird von deutscher Seite sich auf eine solche Argumentation nicht einlassen können und sollen. Die materielle Wichtigkeit diplomatischer Beziehungen geht schon daraus hervor, daß ihr Fehlen ein Mangel an allseitiger Information zur Folge hat, der sich wiederum auf die Ausarbeitung einer zulänglichen deutschen Politik für den Mittleren Osten schädlich auswirkt. Täglich gehen im Auswärtigen Amt in Bonn die Berichte der deutschen Botschafter aus 15 arabischen Staaten ein und vermitteln in Bonn eine genaue Kenntnis des arabischen Standpunktes und der arabischen Reaktionen; da viele Botschafter, um den freundschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik zu den Staaten, bei denen sie akkreditiert sind, zu dienen, das Auswärtige Amt nicht nur informieren, sondern sich auch zum Sprachrohr der jeweiligen arabischen Regierungen machen, bedeutet das eine tägliche Beeinflussung des Auswärtigen Amtes in Richtung des arabischen Standpunktes. Dem steht keinerlei Information aus Israel und Interpretation des israelischen Standpunktes gegenüber. Die einzige deutsche Informationsquelle in Israel ist der DPA-Korrespondent, Rudolf Küstermeier in Jerusalem, dessen Berichte von der DPA auch dem Auswärtigen Amt zugestellt werden. Es hieße von den für den Mittleren Osten zuständigen Beamten des Auswärtigen Amtes Übermenschliches erwarten, wenn man annehmen würde, daß diese ungleichartige Information nicht ihre Folgen für die von ihnen ausgearbeitete Politik hätte. Wie sehr sie die Bundesregierung unfähig macht, rasch und