Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1964
- Issue
- Heft 120 (Februar 1964)
- Date
- 1964-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 2 DIE STIMME NUMMER 120 Kircho und Synagoge Die Schriftleitung der in Paris erscheinenden jüdischen Monatsschrift ,,L’Arche“ wandte sich an eine Anzahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit einer Rundfrage, welche „Die Kirche und die Synagoge heute“ zum Gegenstand hat. Den Befragten wurden neun Fragen vorgelegt, die sich in das eine Problem zusammenfassen lassen: Kann davon gesprochen werden, daß die Initiative der Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. die zwischen Juden und Christen bestehende Situation bereits radikal verändert hat, und welches sind die Faktoren, die, hindernd oder fördernd, die weitere Entwicklung bestimmen werden? Die Oktobernummer der Zeitschrift brachte die drei ersten Antworten: Von Daniel Rops (Mitglied der Französischen Akademie), von Emilie Touati und von dem leider inzwischen verstorbenen katholischen Theologen Professor Karl Thieme (Mainz). Herr Hugc Bergmann stellte dem „Irgun Olej Merkas Europa“ die von ihm erteilte Antwort zur Verfügung, die wir abdrucken. (Red.) Wende in der christlichen. Einstellung. In Israel jedenfalls horchte man erst auf, als in Rom die Verhandlungen über den Antrag von Kardinal Bea begannen. Aber: 6) Zwischen uns und den Christen steht das christliche Dogma der Inkarnation Gottes als Menschen, zu dem wir keinen Zugang haben. Dazu kommen natürlich als Hindernisse auf jüdischer Seite die schweren historischen Erinnerungen. — In der jüdischen Theologie wird eine Klagen: Sind wir ein jüdischer Staat in unserer Politik nach außen und nach innen (z. B. im Verhältnis zu unseren moslemischen und christlichen Minoritäten) oder ein Staat wie alle anderen? Ist unser öffentliches Leben gelebtes Judentum? Täglich werden wir vor die Aufgabe gestellt, unser Religionsgesetz so weiterzubilden, daß wir mit ihm heute als Einzelne und als Gemeinschaft leben können. Wir sehen unter schweren Kämpfen, wie bei uns das alte Religionsgesetz lebendig und gezwungen wird, Fragen zu lösen, denen Juden seit Jahrhunderten nicht mehr gegenüberstanden. Werden wir dennoch fähig sein, die Kontinuität unserer religiösen Entwicklung zu wahren, oder wird der Staat Israel und die Synagoge sich trennen müssen, weil die jüdische Religion „fossil“ geworden ist und nicht mehr die Probleme zu lösen vermag, die dem heutigen Menschen und dem modernen Staate gestellt sind? — Das sind ungelöste Fragen schwerster theologischer Art. Aber durch diese Problematik, die wir in Israel, jeder in seinem persönlichsten Schicksal, zu fühlen bekommen, ist bei uns alles in Fluß geraten und lebendig geworden. Es ist natürlich, daß diese Entwicklungen auch auf unsere Beziehunrung des Begriffes der Auserwähltheit j gen zur Kirche rückwirken müssen. 8) Sie fragen, ob die neue Orientie- 1) Ob sich die Beziehungen zwischen Kirche und Synagoge in der letzten Zeit, seit den Pontifikaten von Johannes XXIII. und Paul VI. fundamental geändert haben, wage ich nicht zu entscheiden. Aber ein bedeutsamer Anfang ist geschehen. 2) Ich glaube, daß die Kirche sich hier zum Sprecher einer neuen geistigen Strömung gemacht hat, die überhaupt einen großen Teil der Christenheit erfaßt. 3) Ob diese Bewegung schon so stark ist, daß sie als nicht umkehrbar zu bezeichnen ist, kann — glaube ich — heute noch kein Mensch sagen. 4) Welches sind die historischen und notwendig sein. In welcher Beziehung soziologischen Faktoren, die zugunsten sind wir Juden auserwählt, und wer sind | rang der Kirche auch dazu führen wird, der neuen Einstellung der Kirche gewirkt haben? — Der Nazismus hat in Europa eine gemeinsame Front aller Gläubigen geschaffen. Die Kirche hat gesehen, daß die Verfolgung der Juden in Wahrheit zugleich eine Verfolgung der Christen war, und erkannt, wo ihr Platz in diesem Kampf ist. In Deutschland hat die protestantische „Bekennende Kirche“ aus ihrem christlichen Bekenntnis die Kraft geschöpft, sich dem Nazismus schon in seinen Anfängen entgegenzustellen. Die Errichtung des Staates Israel war ein Faktor erster Ordnung für die Neuregelung der jüdisch-christlichen Beziehungen (siehe Antwort auf Frage 7). 5) Ist die neue Orientierung bloß taktisch zu verstehen, oder bedeutet sie eine Annäherung auch der Lehren und eine Stärkung der jüdischen Elemente im Christentum? — Ich glaube nicht, daß die Annäherung eine rein taktische ist. Wir haben in Jerusalem unter den christlichen Hörern der Hebräischen Universität vielfach Gelegenheit zu beobachten, daß sie ihr Christentum im Aspekt seiner jüdischen Ursprünge besser zu verstehen beginnen (siehe Antwort auf Frage 9); aber ich sehe noch keine doktrinäre Annäherung. Die Initiative zu einer neuen Orientierung ist von den Christen ausgegangen (dies sei zu ihrer Ehre gesagt). Die Juden standen lange beiseite und sahen nicht die historische Bedeutung der MAZZOTH UND WEIN AUS ISRAEL LAUFEND ZU HABEN BEI FIRMA S. DA UBER LEBENSMITTEL UND TEXTILHANDEL ZU PESSACH GROSSE VORRÄTE WIEN IX, SERVITENGASSE 4 — TEL. 3440102 „wir Juden“? Die Lehre hat bei uns vielfach die Züge einer physischen Bevorzugung angenommen; selbst Franz Rosenzweig spricht davon, daß bei den Juden an die Stelle der „Überzeugung“ die „Zeugung“ trete. Das Beispiel der nazistischen Ideologie sollte hier abschreckend wirken! Aber was ist unsere positive Antwort? 7) Die Errichtung des Staates Israel ist von primärster Bedeutung sowohl für die innere Entwicklung des Judentums selbst, wie für die Beziehung zu den Christen und zur Kirche. Für uns Juden ist der Staat die Prüfung und die Probe aufs Exempel, ob und wie das Judentum sich als lebendige Kraft in unserem politischen Leben auszuwirken vermag. Wir in Israel müssen uns täglich fradaß die Kirche sich dazu bereit findet, den Juden zuzugestehen, daß sie innerhalb ihrer eigenen Religion das Heil und die Seligkeit gewinnen können. Auf diese Frage kann nur ein Christ anworten. Ich als Jude bin aber verpflichtet, die analoge Frage an uns selbst in bezug auf die Christen zu stellen. Die Kirche kennt, wie Sie, gestützt auf P. Danielou, erwähnen, den Begriff der „Heiligen Heiden“ (Saints paiens) die Juden haben der parallelen Begriff der „Gerechten unte den Völkern“. Es ist freilich, unter ök menischem Gesichtspunkt, heute zu frag ob dieser Begriff weit genug ist, um d. ganze Problem, wie es sich dem heutigen Menschen darstellt, zu umfassen. Wir wollen ja heute die Seligkeit nicht nur