Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1963
- Issue
- Heft 119 (Dezember 1963)
- Date
- 1963-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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NbMMfR 119 D I K S I I M M I- StlH; ' u w „Der einsamste Deutsche der Welt", den das Gewissen drückt Es gab in Deutschland sechs Musson- 1 .iquidntion.sanstnlten, in denen ..Lebensunwovte“ vergast wurden; diese Aktionen begannen im Jahre 1940 und kamen zu Ende am 24. August 1!)41. Diese Aktion, die den Namen ..Aktion D 4" trug, wurde im März 1941 zu der sogenannter, ..Sondorbehandlung 14 f 13“ ausgeweitet und somit auch aut die Konzentrationslager eie. treckt. '/ui den aktiven Ärzten bei diesen Tötungen gehörte der Dr. Horst Schumann; er leitete die Vernichtung in der Tötungsanstalt, genannt: „Landespflegeanstalt“ Grafeneck in Württemberg. Von dort wurde dieser Schumann nach der „Anstalt“ Sonnenstein in Sachsen versetzt. Er war maßgeblich verantwortlich für das Töten von nahezu 25.000 Peronen. Nachdem man im Jahre 1941 mit der Vernichtung der „Lebensunworten“ so weit eilig war, ging man dazu über, sich damit u beschäftigen, wie man die Fortpflanzung der „Erbuntüchtigen“ und der „rassisch Minderwertigen“ verhindern könne. Das war damals die Hauptsorge des Reiehslciters der SS. Himmler, und im Vordergrund dieser Aktion stancl die „Elimination“ der ganzen indischen Bevölkerung in Deutschland und der von den Deutschen besetzten Gebiete. Am 22. Juli 1942 schrieb SS-Oberführer iiraek — der Brief ist noch vorhanden (Dokument Nr. 203) — an Himmler über die Methode der Röntgenkastrierungen. Darin heißt es: „Bei zirka zehn Millionen europäischer Juden sind nach meinem Gefühl mindestens zwei bis drei Millionen sehr gut arbeitsfähige Männer und Frauen enthalten. Ich stehe in Anbetracht der außerordentlichen Schwierigkeiten, die uns die Arbeiterfrage bereitet, auf dem Standpunkt, diese zwei bis drei Millionen auf jeden Fall heranzuziehen und zu erhalten. Allerdings geht das nur, wenn man sie gleichzeitig fortpflan- /angsunfähig macht. Ich habe Ihnen vor zirka einem Jahr bereits berichtet, daß Beauftragte von mir die notwendigen Versuche dar diesen Zweck abschließend bearbeitet jhaben. Ich möchte diese Tatsache nochmals [in Erinnerung bringen. Eine Sterilisation, i\vie sie normalerweise bei Erbkranken üavehgeführt wird, kommt in diesem Fall nicht in Frage, da sie zu zeitraubend und kostspielig ist. Eine Röntgenkastration jedoch Et nicht nur relativ billig, sondern läßt sieh bei vielen Tausenden in kürzester Zeit durchführen. Ich glaube, daß es auch im Augenblick schon unerheblich geworden ist. die Betroffenen dann nach einigen hen bzw. Monaten an den Auswirkungen en, daß sie kastriert sind.“ der wissenschaftlichen Durchführung' Experimente zur Röntgenkastrierung in __hwitz wurde von dem berüchtigten Viktor Brack der Naziarzt Dr. Horst Schumann beauftragt, der sich in Auschwitz mit diefm „wissenschaftlichen Experimenten“ beschädigte. Darüber gibt es einem Brief an den SS-Führer Heinrich Himmler, vom 29. April 1944, der als ..Geheime Rcichssache“ aufgefunden worden ist. Es ergibt sich daraus, daß der Dr. Schumann diese Experimente in Auschwitz an unzähligen weiblichem und männlichen KZ-Gefangenen ausgeführt hat. Die Menschen, an denen diese Experimente vorgenommen worden sind, wurden in der grausamsten Weise an ihren Geschlechtsteilen mit Röntgenstrahlen behandelt und erlitten die furchtbarsten Verbrennungen. Operationen, deren Einzelheiten sieh für eine gedruckte Wiedergabe nicht eignen, i führten zu den entsetzlichsten Schmerzen für die Opfer. Operationen wurden ohne Sterilisierung vorgenommen und die Operierten starben in allen Fällen unter den furchtbar- 1 sten Umständen, wenn sie die Operation j überhaupt Überständern Aus Aussagen von | Ärzten ist bekannt geworden, daß diese j Operationen, die von Dr. Horst Schumann ausgeführt worden sind, zu dem Grau- ' samsten gehörten, das man in Auschwitz er- Mazzoth und Wein aus Israel laufend zu haben bei Firma S. D AU B E R Lebensmittel und Textilhandel Wien IX, Servitengasse 4 Telefon 54 40102 lebt hat. Die Zahl der Experimente und deren Opfer ist unübersehbar groß. Dieser Dr. Horst Schumann, ein begeisteri ter Nazi, wurde am 1. Mai 1906 in Hallo Saale | geboren. Nach dem Kriege war er als Arzt i in Gladbeck in Westfalen tätig. Als die! Nachforschungen im Februar 1951 zu seiner /Entdeckung führten, hat er sich sofort abgesetzt und ist verschwunden. Seit dieser Zeit 1 sucht man ihn, bis man ihn vor mehreren Jahren durch Zufall in einer verlassenen Stadt in Ghana im tiefsten Urwald des , Voltagebietes entdeckte. Es handelt sieh um eine weltabgelegene Gegend, in die man nur durch den Urwald gelangen kann, in einem Sumpfgebiet, bei dem man mit einem Kanu mehrere Male den Volta überqueren muß.! Dort leitet der Dr. Horst Schumann ein Krankenhaus, das von der Regierung in Ghana errichtet worden ist; er wird dort als hoher Beamter in den Dienst listen der Regierung von Ghana geführt. Diese Dinge sind bekannt geworden durch einen Artikel, der am 1 ä. September 1962 von dem Londoner „Daily Express“ veröffentlicht wurde. Von dem Mann, der die „Herrenrasse wollte“, heißt es, daß die Bevölkerung ihn als den „guten“ Doktor bezeichnet. Der Bezirkskommissar des Distriktes sagte damals dem Berichterstatter, offenbar genau wissend, um 1 wen es sich handelt, „Er hat sich aus dem Leben zurückgezogen, um für unsere Kranken zu sorgen. Ihm gehen seine Patienten über alles“. Bei dem Dr. Schumann handelt cs sich um einen schlanken hochgewachsenen i Mann, mit verbleichendem blonden Haar und : profiliertem Gesicht. Er ist ein sportlicher Typ und der Berichterstatter traf ihn zu ’ Hause mit seiner hübschen Frau, zwei bloni den Söhnen, die noch nicht 20 Jahre alt i sind, und einer jüngeren Tochter. In dem! Zimmer des rot-weißen Bungalows bei der | Klinik lagen Schallplatten und Hunderte von | Büchern. Aus der dann geführten Unterhaltung wurde bekannt, daß der Dr. Schumann bestreitet, je in Auschwitz gewesen zu sein. Er beschränkte sich auf die Äußerung; „Ich war als Arzt bei der Luftwaffe tätig“ und fügte hinzu: „Schumann ist übrigens ein weitverbreiteter deutscher Name.“ Auf alles hat er eine Antwort bereit. Auch auf die Frage, wann er Deutschland verlassen hätte und warum: „Ich war Kriegsgefangener und verließ Deutschland im Jahre 1945. Zurück kann ich nicht, weil ich aus Ostdeutschland komme.“ Allerdings hat er sich geweigert, den Namen seiner Heimatstadt zu nennen. „Was mich selbst betrifft“, sagte er, „so sind Bücher, Musik und meine berufliche Aufgabe für mich genug. Ich habe nicht die Absicht. Ghana zu verlassen und werde hier bis zu meinem Tode arbeiten.“ Er wurde auch damals bei dieser Unterhaltung gefragt, ob er jemals Mitglied der Nazipartei war. Er antwortete lächelnd: „Jawohl, wir waren es alle.“ Es scheint, wie man aus diplomatischen Quollen aus Accra hört, kein Zweifel darüber zu bestehen, daß dieser Dr. Horst Schumann den höchsten Regierungsstellen in Ghana bekannt ist und daß das der Mann ist, den die Westdeutschen suchen. Es liegt ein neuer Haftbefehl vom 15. Mai 1961 vor und dazu ein Auslieferungsersuchen. Aus diesem Bericht des „Daily Express“ ergibt sich aber noch etwas, das von besonderem Interesse ist. Auf die Frage des Reporters nämlich, warum er den Sudan verlassen habe, war seine Antwort folgendermaßen: „Ich mußte den Sudan verlassen, weil Journalisten von einer deutschen Zeitschrift einen Artikel über mich verfaßten. Es waren politische Geschichten, deshalb reiste ich fort und kam hierher. Ich bin hier sehr glücklich. Das sind wir alle, trotz der Einsamkeit.“ „Die Zeitung schrieb vom einsamsten Deutschen der Erde.“