Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1963
- Issue
- Heft 118 (September 1963)
- Date
- 1963-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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September 1963 DIE STIMME Seite 3 Der Juden Sonderrolle In einer feierlichen Zeremonie, im Beisein der holländischen Königsfamilie erhielt der Gelehrte MARTIN BUBER in Holland den ERASMUS¬ PREIS. Das gibt uns Anlaß, nachstehende Studie des österreichischen Philosophen Prof. Arnold Keyserling die er uns freundlichst zur Verfügung gestellt hat, unseren Lesern zu unterbreiten. Die Redaktion Auszug aus Arnold Keyserling’s Vortrag über Martin Buber in der Oestcrreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien. . . . Mit der Chassidischen Bewegung, deren Höhepunkt zwischen 1750 und 1815 lag, hat der jüdische Geist eine neue Offenbarung, eine neue Richtung erhallten. Die Darstellung dieser Richtung ist das wesentliche Werk Martin Bubers. In ihm vollendet sich der Philosoph nicht im Propheten oder Systematiker, sondern beide treten zurück gegenüber dem Dichter, der, nach seinen Worten, den Mythos in der Legende verdichtet. Unter allen mythenschaffenden Völkern haben die Juden eine Sonderrolle: in ihnen spielt der Mensch nicht, wie bei den griechischen und indischen Mythen, göttliche Geschehen nach, sondern der Mythos erreicht seine Vollendung in der persönlichen Aussage der Legende. Schon in seiner Jugend war Buber mit dem Schatz der chassidischen Legenden bekannt geworden. Der Reichtum hätte ihn wohl veranlassen können, sich als reiner Dichter an dem Stoff zu versuchen; doch die Stärke der Aussagen zwang ihn, nach seinen Worten, bald in ihren Bann; und so ergab sich, daß, dank seinem Werk, die chassidischen Legenden nicht nur eines der klassischen Bücher der Weltliteratur geworden sind, sondern auch den Kern einer Aufgabe freilegen, den das neue israelische Volk wohl dereinst als seinen Ursprung anerkennen wird. Am Beginn der chassidischen Bewegung war der Baalschemtow, der von 1700 bis 1760 lebte. Zu seiner Zeit war das Judentum in zwei gegensätzliche Richtungen zerfallen: einerseits die Aufklärer, welche die Einheit mit der gesamteuropäischen Philosophie suchten, und andererseits die Sabbaithisten, die das Ende der Exilzeit, die Wiederkehr des Messias und die Rückkehr nach Israel predigten. Der Baalschem brachte die Erneuerung aus einer dritten Tradition: aus der Ueberlieferung der Kabbalah, welche die Einigung von Geist und Natur, der oberen und unteren Welt durch Kenntnis der Gottesnamen erreicht, was schon durch seinen eigenen Namen ausgedrückt wurde: Baalschamtow heißt: Herr des guten Namens. Für diese Auffassung ist Gott das Urlicht, von dem ein Teil in jeder menschlichen Seele als ihr Lebensfeuer existiert. Aufgabe des Zaddiks, des Lehrers ist es, das Feuer in der Seele der Schüler, der Chassidim, in gemeinsamem Dienst zu entzünden, und damit die Welt der Einigung näher zu bringen: Die Beziehung ging, wie Buber es formulierte, vom Begeisternden zum Begeisterten. Nicht der Buchstabe der Thora war wesentlich, sondern die Teilnahme am Geist des lebendigen Gottes. In der Begeisterung gewannen die Chaissidim die Kraft des Glaubens, der wahren Emuna zurück, und begannen den tieferen Sinn der Lehre zu verstehen; doch dies nicht mir als ein Wissen, wie es die Kabbalisten erstrebten, welches sich an wenige Auserwählte richten mußte: auch der Mensch der Einfalt wurde vom gleichen Feuer mitgerissen. Gleich den asiatischen Weisen lehrten die Zaddikim mit ihrem ganzen Wesen, gleichsam mit den Gliedern. Doch im Unterschied zu den alten jüdischen Lehrern bezog der Baalschem die ganze Natur in dias Erlösungswerk ein; gleich Franz von Assisi soll er selbst von den Vögeln und Pflanzen verstanden worden sein. Von seinen Schülern wurde der Baalschem auf die gleiche Stufe gehoben wie die Erzväter. Ein Nachfolger erklärte: hätte Israel Ben Eliser, der Baalschamtow, zu ihren Zeiten gelebt, so spräche man vom Gott Abrahams, dem Gott Isaaks, dem Gott Jakobs und dem Gott Israels, um zu zeigen, daß jeder einen anderen Aspekt der Gottheit offenbarte; und hätte er später gelebt, so wäre er einer der großen Propheten wie Jesaias geworden. Mit dem Baalschem hob eine religiöse Wandlung an, die durch sieben Generationen sich vollendete. Im Meister selbst waren Lehre und Existenz eine Einheit. Doch langsam begann sich zu zeigen, daß sein Auftauchen nicht nur ein Vorbild bedeutete, sondern auch eine prophetische Aufgabe der Weltveränderung in sich trug: die Beschleunigung der Erlösung des Volkes, un<d damit die Rückkehr der Juden nach Israel. Während in seiner Person Einfalt und Wissen sich vermählten, brachen sie in seinen Schülern auseinander. Auf der einen Seite stand die kabbalistische Schule, welche durch Kenntnis der Schöpfungsprinzipien und der Weltgesetze das Kommen des Reiches der Gerechtigkeit zu beschleunigen suchte. Hierzu im Gegensatz stand eine andere Richtung, welche die Aufgabe in der Umkehr des persönlichen Menschen sah. Ihren Höhepunkt erreichte diese Auseinandersetzung im Kampf zwischen dem Seher von Lublin und seinem Schüler, dem heiligen Juden von Tzyzha, welchen Martin Buber in seiner Chronik von Gog und Magog geschildert hat. In der Ueberlieferung Israels war offenbart worden, daß der Zeit der Erlösung die Periode der Kämpfe von Gog und Magog vorausgehen werde. Der Seher von Lublin wollte nun versuchen, mittels seines kabbalistischen Wissens den Himmel dazu zu zwingen, Napoleon als den Gog anzuerkennen. Sein Schüler hingegen, der heilige Jude, glaubte, daß der Messias und damit die Erlösung des Volkes Israel aus dem Exil, nur kommen könnte, wenn alle Juden die innere Umkehr vollzogen hätten. Und obwohl er äußerlich seinem Lehrer gehorsam und treu ergeben blieb, tobte im geistigen Bereich zwischen beiden ein Kampf. Zum Schluß, so berichtet die Chronik, forderte der Seher von seinem Schüler zu sterben, damit er ihm die Entscheidung des Himmels mitteile. Im Jahre 1813 starben dann innerhalb weniger Monate alle Beteiligten des Di-amas. Wesentlich für das Verständnis ihrer Aufgabe ist, wie die beiden Gegenspieler gezeichnet wurden. Der Seher von Lublin hatte die Gabe, das Vergangene und das Kommende zu schauen und auch bei jedem Menschen zu erkennen; da ihm die Gabe zu schwer wog, beschränkte Gott sie auf sein Flehen auf einen Umkreis von vier Meilen. Der heilige Jude hingegen zeichnete sieh dadurch schon in seiner Jugend aus, daß er nie zu den vorgeschriobenen Stunden betete, sondern nur dann, wenn der Geist ihn bewegte. So versuchte der eine durch sein Wissen Gott zu bezwingen, die Leidenszeit Israels zu verkürzen; der andere aber sah das Heil darin, rein dem Willen Gottes zu folgen; das heißt, imstande zu sein, zu spüren, wann der Geist ihn bewegt, und aus dieser Begeisterung heraus die anderen zu lehren und zu handeln. Der Kampf zwischen dem Seher von Lublin und dem heiligen Juden endete scheinbar ohne äußeren Erfolg. Nach dieser Auseinandersetzung verlor die chassidische Bewegung ihre Stärke. Zwar gab es noch große Weise, wie Rabbi Bunam, den Schüler des heiligen Juden; doch die Aufgabe der neuen Heiligung, die mit dtem Baalschem begonnen hatte, schien abgeschlossen zu sein. Buber erklärte nicht in den Legenden, wie die Entwicklung weiter ging. Doch erfahren wir es woanders, in seinen politischen und soziologischen Schriften, vor allem in seinem Buch „Pfade in Utopia“: die beiden Richtungen der chassidischen Erneuerung erfuhren ihre Verkörperung und Umkehrung in zwei politischen Bewegungen, die auch heute den stärksten Gegensatz der Welt prägen; den Gegensatz zwischen Marxismus und Soziologie, zwischen planendem Zentralismus und freier Assoziation, dessen Ursprung in der übernächsten Generation der Juden zu finden ist. Nur das Judentum kennt den echatologischen Messianismus, das Ziel der Gerechtigkeit, als der wahren Endgesellschaft auf Erden. Eninern wir uns, daß die religiöse jüdische Aufgabe die Unterordnung der Es-Welt unter die Du-Welt, die Erreichung der menschlichen Subjekthaftigkeit in der Verantwortung vor Gott bedeutet. Mit Marx und' den ersten Soziologen wurde nun eine wesentliche Umkehrung vollzogen: anstatt das Reich der Gerechtigkeit aus der Zeit zu empfangen, verlegten sie die Sphäre des Handelns in den Raum, durch das Postulat der Umwandlung der gesellschaftlichen Bedingungen unter dem Leitbild des Arbeiters. Wenn einmal der Arbeiter, als der einzige Mensch, der den zeithaften Prozessen als ihr Meister gegenübersteht, zum Herrn der Macht geworden sei, dann werde sich notwendigerweise das Reich der Gerechtigkeit auf Erden errichten lassen, welches für die Juden die Rückkehr ins heilige Land ermöglichen würde. Die Wendung von der Zeit zum Raum war durch die kantische und hegelische philosophische Revolution vorbereitet. Von nun an vollzog sich die Endphase der jüdischen Exilgeschichte in der Auseinandersetzung und der Symbiose mit dem deutschen Denken. Marx, zuerst Mitglied des „Bundes der Gerechten“, also treu dem Geist der jüdischen Ueberlieferung, verdichtete die säkularisierte Erwartung der nun irdische Gerechtigkeit im „Kommunistischen Manifest“. Schon von Anfang an trat er in Gegensatz zu den Soziologen, den Verfechtern der freien Vergesellschaftung: seine dialektisch hegelische Lehre entstammt dem magisch-wissenschaftlichen Denken, wie es der Seher von Lublin verkörpert hatte; und die Soziologie in der Nachfolge Proudhorts erstrebte das gleiche Ziel durch die evolutive Vergesellschaftlichung aus dem freien Willen der Menschen zu erreichen. So läßt sich auch, wie vor allem der jüdische Philosoph Leo Beck betonte, die nationalsozialistisch-jüdische Auseinandersetzung nicht mit dem sonstigen Weltkrieg vergleichen: sie gehört der jüdischen Heilgeschichte zu, und endet auch folgerichtig mit der Wiedergeburt des Staates Israel. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden die beiden Bewegungen, der marxistisch inspirierte planwirtschaftliche Kommunismus und die auf freier Assoziation beruhende soziologisch inspirierte amerikanische Demokratie die Hauptmächte der Welt, an deren Entfaltung auf beiden Seiten jüdische Denker und Wissenschaftler den größten Anteil hatten. Heute sind dies die einzigen wirklichen Kräfte der Zeit, die auch im neuen Israel als die Bestrebungen der Kibuzzim und der demokratischen Parteien im Gegensatz stehen. Buber ging 1938 nach Israel, wo er fortan an der Universität lehrte. Hier nun entstand die letzte, wesentliche Phase seines Denkens, welche um die Thematik von gut und böse kreiste. Wie kann der Mensch die Unterscheidung zwischen gut und böse gewinnen, ohne dem Bösen zu verfallen? Die Antwort liegt in der menschlichen Natur: das Böse kann der Mensch nicht mit ganzer Seele, also nicht mit voller Bewußtheit tun. Erringt er das vollständige kritische Bewußtsein, dann allein wird er Herr seiner Macht. Der Weg zur Erlangung dieser Klarheit ist diie Philosophie, die somit für Buber am Ende seines Lebens eine ganz anders tiefe Bedeutung gewann. Freie Assoziation und Kommunismus versuchen beide, den Menschen aus der Welt der Dinge zu befreien und zum Du zu erlösen; doch in der Wirkung versklaven sie ihn nur noch mehr, wenn dias ursprüngliche wesen hafte Du nicht dazukommt, welches sich nur in Fa. GROBE Stilmöbel und Inneneinrichtungen Wien I, Traifnerhof 2 (II. Stock) Telefon 52 17 32, 52 58 55 der Verwirklichung des Königtums Gottes ansprechen läßt; denn Gott offenbarte sich am Sinai als der ewig Zukünftige, in der Tat stets neu Werdende. So ist das letzte wesentliche Anliegen zur Schaffung der neuen Gemeinde die wahre Erkenntnis des Menschenbildes, die philosophische Anthropologie. Hier schließt Martin Buber wieder an Kant an, dier die Frage „was ist der Mensch?“ noch vor die drei anderen setzte: „was kann ich wissen“, „was darf ich hoffen?,“ und „was soll ich tun?“ Geklärtes Bewußtsein erlöst den persönlichen Menschen aus dem Bösen; und klare Erkenntnis und Formulierung des Menschenbildes könnte die Grundlage einer Gemeinschaftsordnung bieten, welche den Konflikt vom Einzelnen und dem Kollektiv in der wahren Gemeinde überwindet. Doch diese Entwicklung ist nicht mehr nur ein Problem Israels; hierin ist Martin Buber ein Philosoph geworden, dessen Werk für die ganze Menschheit eine neue Richtung gewiesen hat, die in ihrer revotlutionären Wirkung die Bedeutung der Entdeckungen Siegmund Freuds und Al- Mazzofh und Wein aus Israel laufend zu haben bei Firma S. DAUBER Lebensmiffel und Texfilhandel Wien IX, Servifengasse 4 Telefon 34 40 102 bert Einsteins wohl noch in den Schatten stellen wird: sie zeigt den Weg, wie der Mensch die Weltgeschichte -selbst in ihren furchtbarsten Aspekten erneut als Heilgeschichte verstehen kann. Die nationalsozialistische Weltanschauung suchte, unter Mißbrauch dos Begriffes Sozialismus, den Menschen den Dingen, die Du-Welt der Es-Welt unterzuordnen. Sie sah, nach ihren eigenen Worten, die Substanz des Menschen in den sogenannten letzten Endlichkeiten,. wie Rasse, Blut und Volkstum, also im absolut Bösen im jüdischen Sinn: In der Heiligung des nicht auf Gott gerichteten bösen Triebes. Durch diese Gegensätzlichkeit blieb das jüdische Schicksal an das deutsche gekettet und der Höhepunkt des Kampfes war die Auseinandersetzung mit dem deutschen Nazismus, welcher den bisher reinsten Gegenpol des Judentums verkörperte.*) *) Der Philosoph Buber und sein Interpret suchen hier einen Ausweg. Vielleicht irren sie noch und werden ihre ersten Ueberlegungen später einer Revision unterziehen. Wir lehnen auf jeden Fall den Gedanken ab, daß das dritt Reich eine notwendige Folge aus der Natur des deutschen und des jüdischen Volkes war. (Anm. d. Red.)