Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1963
- Issue
- Heft 118 (September 1963)
- Date
- 1963-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME September 1963 (Fortsetzung von Seite 1) liehen Lander mag gesagt werden, daß das aufregendste Vorkommnis des letzten Jahres — das teilweise Wiederaufleben des aktiven Antisemitismus — wenig oder gar nicht folgenschwer war. Die jüdischen Gemeinschaften sind überall wachsam, und es werden verschiedene Methoden der antisemitischen Abwehr mit Erfolg erwogen. In England zum Beispiel, wo kleinere barbarisch antisemitische Gruppen im vergangenen Jahr die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermochten, gelang es. durch die Verhaftung von Colin Jordan, das offizielle Verbot von öffentlichen antisemitischen Radauszenen, die Gemüter zu beruhigen. Auch in Südamerika. wo gefährliche Brennpunkte des Antisemitismus aufscheinen, trat letzthin eine allgemeine Beruhigung der Lage ein. Ueber beträchtliche Unruhen wurde aus verschiedenen Gegenden des afrikani- Diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der deutschen Bundesrepublik sind wünschenswert. Der frühere Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß, bekanntlich der zweite deutsche Politiker, der nach dem Kriege Israel besuchte, gab nach seiner Rückkehr einem DPA-Korrespondenten ein Interview über seine Eindrücke in Israel und seine Stellungnahme zum deutschisraelischen Problem, worin er sich zum Sprecher vorhandener, positiver Kräfte machte. Bei Beginn der politischen Herbstarbeit in aller Welt kann es interessant sein, seine Worte vor Augen zu haben. Er betonte, daß seine Reise nützlich und für die deutsch-israelischen Beziehungen äußerst wertvoll gewesen sei. Als weit übertrieben und geradezu grotesk bezeich- Neujahrsbotschaft des israelischen Ministerpräsidenten mühungen, die Kluft zu überbrücken, die immer noch zwischen Alteingesessenen und unsern neuen Bürgern besteht. Wir haben fortgesetzt, unser Leben mit dem Ziel, die Demokratie in Gesellschaft und Justiz zu festigen, worauf jeder Bürger stolz sein kann. All dies haben wir in enger Zusammenarbeit mit dem Judentum in der Welt vollbracht, mit dessen geistiger und materieller Hilfe. Diese Partnerschaft zu erhalten, zu vertiefen und zu erweitern werden wir alles tun, was in unserer Macht steht. Israels Volk hofft, daß jeder Jude, wo immer er lebt sich bemühen wird, seine Bindungen an Israel zu stärken und die Kenntnis der wiedergeborenen hebräischen Sprache zu erstreben. Ich freue mich, feststellen zu können, daß wir im vergangenen Jahr unsere freundschaftlichen Beziehungen mit den Völkern der Welt konsolidieren und ihre Unterstützung für unsere Politik des Friedens gewinnen konnten. Wir sind uns dessen voll bewußt, wie wertvoll die Hilfe ist, die wir von befreundeten Nationen und von Menschen guten Willens genießen durften. Das vergangene Jahr hat eine Annäherung in den Beziehungen der Großmächte untereinander gebracht. Das ist der erste Schritt. Laß uns hoffen, daß weitere Schritte folgen werden, deren Resultat zur Entspannung in der Welt und in unserer Sphäre führen wird. Zum Schluß will ich das Angedenken des zweiten Präsidenten unseres neugeborenen Staates, unseres vom Volke geliebten Jizchak Ben Zwi, heiligen. Allen Juden und allen Menschen guten Willens wünsche ich ein Jahr des Friedens und Glücks, ein Jahr wachsender jüdischer Einigkeit und fruchtbarer Arbeit. L’Shana Tova Tikatevu. LEVI ESHKOL sehen Kontinents berichtet. Hier sind die südafrikanischen Juden im Zentrum der Geschehnisise. Zuerst hat die verstärkte afrikanische Kampagne gegen die Regierung Südafrikas eine internationale Frage um die Zukunft des weißen Mannes in Südafrika aufgeworfen. Von jüdischer Seite bedeutet dies — besonders in Israel — die Diskussion um die Zukunft der Juden in Südafrika. Offizielle jüdische Kreise Südafrikas erklärten sich wiederholt mit ihrem Geburtsland solidarisch, während sie ihre unveränderte Sympathie für Israel, ohne Rücksicht auf seine internationale Politik, betonen. Das uneingeschränkte Einverständnis Israels mit den afrikanischen Resolutionen gegen die südafrikanische Regierung rief einigermaßen Entrüstung unter der dortigen jüdischen Landsmannschaft hervor. Die südafrikanische Regierung ihrerseits lehnt den Antisemitismus in Wort und Tat ab. Die südafrikanischen Juden führen ihr Leben tatsächlich ruhig weiter. nete er das Echo, das die gegen ihn in Israel gerichteten Demonstrationen in der Bundesrepublik gefunden habe. „Die Dimensionen wurden verzerrt. Wir fanden bei allen israelischen Persönlichkeiten eine mehr als herzliche Aufnahme“, der ehemalige Minister betonte, er habe tausend Fragen beantworten müssen, die von großem Interesse für die Menschen in der Bundesrepublik gezeugt hätten. Im Vordergrund aller Informationswünsche stehe bei den Israelis das Problem der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bundesrepublik, die Hoffnung auf deut*- sche Investitionen und die Zuversicht, diaß die Bundesregierung der Tätigkeit deutscher Raketentechniker in Aegypten mehr als bisher ein kritisches Augenmerk widmen werde. Die drei wichtigsten Eindrücke, die Strauß während seines Israel-Besuchs gewonnen hat, sind nach diesem DPA-Interview in drei Punkten zusammenzufassen: 1. Die Leistungen für den Aufbau und die Entwicklung des Landes in der Landwirtschaft, der Industrie und der wissenschaftjlichen Arbeit gehen weit über das hinaus, was von einem Volk von zwei Millionen erwartet werden konnte. 2. Israel zeigt ein Bild der Juden, das in der Welt bisher weitgehend unbekannt geblieben ist. Im Gegensatz zu Vorstellungen, die man außerhalb Israels von den Juden gewinnt, gibt es hier trotz der Jugend des Staates bereits eine festgefügte Gesellschaft, deren Struktur in gleicher Weise von Bauern, Industriearbeitern und einer geistigen Führerschicht bestimmt wird. 3. Ein bemerkenswerter Patriotismus macht es möglich, daß trotz der relativ geringen Verdienste alle Kraft für die Zukunft des Landes eingesetzt wird. Beispiele: Das Gehalt eines Generals ist in Israel geringer als das Gehalt eines Hauptmanns in der Bundesrepublik. Zur Frage der Aufnahme diplomatischer Beziehungen bekräftigte Strauß seine frühere Erklärung, daß die Zeit reif sei für den Austausch von Botschaftern. Zwischenlösungen seien jetzt nicht mehr mög^ lieh. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen sei auch kein feindseliger Akt gegen die Araber. Die Bundesrepublik müsse den arabischen Staaten weiterhin Wirtschaftshilfe gewähren. Sollten diese die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel mit der Anerkennung Ostberlins beantworten, so würde die Wirtschaftshilrfe gemäß der Hallstein-Doktrin natürlich Wegfällen. Auf keinen Fall könnte die Bundesrepublik sich von den Arabern in die Außenpolitik hineinreden lassen. Strauß ist davon überzeugt, daß Bundeerkanzler Adenauer die Frage der diplomatischen Beziehungen zu Israel noch vor seinem Rücktritt ernsthaft prüfen wird. Auch ein Initiativantrag des Bundestages könnte ein Mittel sein, über den jetzigen toten Punkt hinwegzukommen. Wie Strauß erklärte, stehen er und seine politischen Freunde Israels Wünschen zur EWG positiv gegenüber. Israel brauche weiterhin wirtschaftliche Hilfe, und ein Entgegenkommen der EWG sei eine wichtige Voraussetzung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Israels, über deutsche Investitionen in Israel werde sich leichter sprechen lassen, wenn erst diplomatische Beziehungen aufgenommen seien. Der „Neue Weg“ bringt in der Septembernummer eine interessante Version zum Rücktritt Ben Gurions. Mit Wissen der Redaktion des „Neuen Weg“ bringen wir nachstehend den fraglichen Artikel zum Abdruck. Eine höchst interessante und originelle Erklärung für den Rücktritt Ben Gurions und die Uebergabe des Regierungsruders an Levy Eschkol hörte ich dieser Tage von einem diplomatischen Vertreter eines kleinen europäischen Staates. Aus dem Amt des Ministerpräsidenten wurde zwar diese Version mit einem breiten Lächeln quittiert, das etwa sagen wollte: „Ah gar kein übler Witz!“ Aber da mein diplomatischer Gesprächspartner seine Darstellung allen Ernstes vortrug und sie mit einer ganz komplizierten Theorie über wichtige politische Manöver in unserer Zone verband, wollen wir das Gesagte hier in Kürze doch wiedergeben. Der Diplomat erklärte: der Rückzug Ben Gurions sei nicht aus privaten persönlichen Ursachen erfolgt, sondern besäße —. wie es sich in naher Zukunft heraussteilen dürfte — schicksalhafte politische Bedeutung. Bekanntlich unternehmen die Amerikaner ununterbrochene Bemühungen, um die Spannung zwischen Ish rael und den arabischen Ländern zu vermindern und das Palästina-Problem zu entschärfen. Glauben sie auch nicht an die Möglichkeit des Friedens im Mittleren Osten im vollen Sinne des Wortes, so hoffen sie doch schließlich irgendeine Regelung zur Verhinderung erneuter bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn zu finden. Insbesondere setzen sie ihre Hoffnung auf Nasser, den sie schließlich zu einem etwas gemäßigteren Kurs bewegen zu können glauben, der eine Art cle facto Anerkennung Israels einschließen und eine Abkehr vom Streben nach dessen Vernichtung miteinschließen würde. Für dlie Araber sei Ben Gurion aber der Feind Nr. 1, der politische Führer, der ihnen nicht nur eine schmähliche Niederlage bei gebracht hat, sondern auch beständig Pläne gegen sie schmiede, um die Grenzen Israels zu erweitern und mit ihnen nur von der Position der Stärke aus zu verhandeln bereit sei. Mit einem Wort: für die Araber wäre Ben Gurion, was für die Israeli — Nasser; die Führer der arabischen Länder hätten bei Gesprächen mit Vertretern westlicher Staaten wiederholt betont, mit Ben Gurion werde sich eine friedliche Verständigung nie erreichen lassen. Daher hätten sich die Amerikaner an den Ex-Ministerpräsidenten gewandt und ihm gesagt: „Wir sehen jetzt eine Möglichkeit, allmählich eine Wende in den Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Ländern herbeizuführen, vor allem zwischen Aegypten und) Israel, doch stellt Ihre Person ein schweres Hindernis auf dem Wege zu diesem Ziele dar. Wir Amerikaner wollen uns nicht in die inneren Angelegenheiten Israels einmischen und schon gar nicht haben wir die Absicht m. raten, wen man an die Spitze der Regierung stellen soll. Aber da Israel an der Regelung des Problems und der Lage im Mittleren Osten am meisten interessiert isit, würden wir es begrüßen, wenn Jerusalem von selber einen unserer Anstren- Als notwendig für eine Vertiefung der deutsch-israelischen Beziehungen sieht Strauß es vor allem, daß möglichst viele Deutsche nach Israel kommen. Auch in Deutschland dürfe man nicht vergessen, was geschehen sei, aber gleichwohl müsse die Vergangenheit überwunden werden. Strauß sprach sich besonders für einen kulturellen Austausch aus. Er glaube, daß er auch ohne Minister zu sein, einiges dazu beitragen könne, daß die Kräfte stärker werden, die eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel erstreben. gungen in dieser Richtung erleichternden Schritt täte. Wenn wir uns an euch, Israeli, in dieser Angelegenheit wenden, tun wir dies, weil ihr sachlich seid und Prcstigeerwägungen bei euch nicht den Ausschlag geben und weil wir überzeugt sind, Ben Gurion werde sich nicht von seinen persönlichen Interessen leiten lassen und gemeinsam mit euch um der Sache willen zu diesem Opfer bereit sein. Natürlich können wir der Gegenseite und insbesondere Nasser, einem herrschsüchtigen Diktator, nicht inmal andeutungsweise mit solchen Vorschlägen kommen, auch deshalb nicht, weil Nasser die Hauptstütze des Regimes in seinem Land ist und es ohne ihn zusammenbrechen könnte.“ Daher also die persönlichen Verschiebungen in der Zusammensetzung der israelischen Regierung und die Ernennung Eschkols zum Ministerpräsidenten, der keine Haßgefühle bei den Arabern auslöst. Sein Name war den breiten arabischen Massen bis zur Uebernahme des Ruders unbekannt, er symbolisiert in ihren Augen auch nicht den „aggressiven Zionismus“. Vom psychologischen Standpunkt sei es also für die arabischen Führer leichter zu einer direkten oder indirekten Verständigung mit Eschkol als mit „dem großen Feind“, Ben Gurion zu kommen. Nach Ansicht eines diplomatischen Gesprächspartners, sind die Amerikaner überzeugt, daß im Standpunkt der Araber eine kleine Aenderung zugunsten Israels eingetreten ist, was angeblich in einer Reihe nicht leicht zu klassifizierende Ereignisse seinen Ausdruck gefunden hat. Auch die letzte Ansprache Nassers weist auf einen gewissen Umschlag im Ton, wenn die Rede auf Palästina kommt. Nasser, so versichert uns der diplomatische Vertreter, wollte bei seinem Auftreten am Tage der Revolution das Palästina-Problem überhaupt nicht berühren, von der Menge jedoch durch Ausrufe, das Thema aufzugreifen, gezwungen, habe er ihm etliche Sätze gewidmet. Der Diplomat meint, das neue Büro des State Department für Fragen des Mittelostkonflikts sei nicht eröffnet worden, um alles mit ihm Zusammenhängende am laufenden Band zu beobachten und zu studieren, sondern um politische Aktivitäten zu dessen allmählicher Entschärfung und schließlichen Beilegung in die Wege zu leiten und zu lenken. Die Amerikaner neigen gegenwärtig zu dem Glauben (und das Weiße Haus richtet seine Politik nach ihm aus), cs sei nun die Stunde der Behebung der arabisch-israelischen Dauerkrise gekommen. Gegen Freispruch von Murer Etwa hundert Ueberlebcnde des Ghettos von Wilna demonstrierten bei strömendem Regen vor dem österreichischen Generalkonsulat in New York gegen den in Graz erfolgten Freispruch des ehemaligen Ghetto-Kommandanten und SS-Führers Franz Murer. Die Demonstranten überreichten dem österreichischen Generalkonsul Dr. Willford eine Protestentschließung, der daran erinnerte, daß der Prozeß gegen Murer noch vor dem obersten österreichischen Bundesigericht anhängig sei und eine endgültige Entscheidung also noch ausstehe. Franz Josef Strauß in Israel Warum ist Ben Gurion zurückgetreten?