Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1961
- Issue
- Heft 117 (September 1961)
- Date
- 1961-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMM E September 196 t Wolf Tischenkel Der Präsident des Zionistischen Landesverbandes Wolf Tischenkel verschied im 64. Lebensjahre am 19. Juni d. ,J. plötzlich und unerwartet. Mit seinem Ableben verliert das österreichische Judentum und der Zionismus in Wien eine führende Persönlichkeit, die nicht leicht zu ersetzen sein wird. Die Beerdigung fand am 22. Juni unter großer Beteiligung statt. Nach einer tief empfundenen Trauerrede des Oberrabbiners Dr. Akiba Eisenberg, sprachen Dr. Ernst Feldsberg (Israel. Kultusgemeinde), Dr. Ernst Brande (Zionistischer Landesverband), Gustav Leitner (Zion. Föderation), Dr. Markus Herzmann (Herzlklub B’nai Brith-Loge) und Chefredakteur Bernhard Braver (Redaktion „Die Stimme“). In allen diesen Organisationen hatte der Verstorbene hohe Ehrenstellen inne, die er gewissenhaft und unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit ausfüllte. Die Wiener Israelitische Kultusgemein.“ de widmete Wolf Tischenkel ein Ehrengrab. Wir werden Wolf Tischenkel stets als einem vorbildlichen Menschen, ein treues Andenken bewahren! * Am 29. Juni fand in den Räumen des Zionistischen Landesverbandes eine Trauersitzung für Wolf Tischenkel statt, an welcher Askanim aller Parteien und Organisationen teilnahmen. In ihren Ansprachen würdigten der Präsident der Zionistischen Föderation Gustav Leitner und Vizepräsident des Zionistischen Landesverban- CAF& ■ BAR TANZ , Wien IX, Porzellangasse 39 Telefon 56 3516 des Dr. Brande die unvergeßlichen Verdienste des Verstorbenen. Anschließend konstituierte sich ein „Wolf Tischenkel Komitee“, welches sich zur Aufgabe gestellt hat, das Andenken des Verstorbenen zu ehren und die Schaffung eines „Wolf Tischenkel-Fonds“ in die Wege zu leiten. Der Zionistische Landesverband wird gemeinsam mit der Zionistischen Föderation in den nächsten Wochen eine Trauerkundgebung veranstalten. ♦ Zum Tode Wolf Tischenkels trafen Telegramme und Briefe in derart großer Zahl ein, daß wir, wegen Raummangels, sie nicht zum Abdruck bringen können. Zionisten und persönliche Freunde Tischenkels geben darin ihrem tiefen Schmerz Ausdruck. Fritz Müller BesDCb auf joitt) MmM Bollen Der Einladung eines Freundes Folge leistend, besuchte ich die älteste jüdische Siedlung auf Schweizer Boden: Lengnau im Aargau. Gleich nach dem Verlassen des Autobusses betritt man den Hauptplatz dieses idyllisch gelegenen Ortes und findet eine Synagoge, die in keinem Verhältnis zu dem kleinen Städtchen (steht und im wahrsten Sinne des Wortes diesen Platz beherrscht. Die Synagoge wurde im Jahre 1747 erbaut und noch heute finden an den Hohen Feiertagen dort Gottesdienste statt. Nur in den beiden Orten Lengnau und Endingen war es den Juden gestattet, sich anzusiedeln und im 17. Jahrhundert galten die genannten Dörfer als „Freiwilliges Ghetto“, in dem sich Juden laut Beschluß vom .Jahre 1662 niederlassen durften. Es waren meist Flüchtlinge aus dem Rheingau und aus dem Elsaß, die Israels Jugend und ihr Staat Immer wieder fällt dem Besucher Israels auf, wie „jung“ dieser Staat ist. Jung nicht nur in dem Sinne, daß erst dreizehn Jahre seit der Staatsgründung verflossen sind, sondern auch im „Straßenbild“, in Büros, in Schlüsselpositionen der Armee und Verwaltung. Diese Tatsache wird übrigens auch durch die demographisohe Statistik bestätigt. Die Altersgliederung Israels ist bedeutend besser als die vieler europäischer Länder. Mit achtundzwanzig Jahren kann man Generaldirektor des Verteidigungsministeriums sein, mit knapp dreißig Oberkommandierender der Armee und mit zweiunddreißig Botschafter. Natürlich gelingt dies nicht jedem, und in sehr vielen höheren Posten sitzen alte Parteikämpfer, die sich den Platz einfach ersessen haben. Aber die Grundtatsache bleibt doch bestehen: Israel ist ein Land, welches der Jugend eine Chance bietet. Dies gibt der Jugend in der Gesellschaft eine ganz andere Stellung, psychologisch und soziologisch, als in vielen „alten“ Staaten. Die Statusunsicherheit der Jugend, das Nichtwissen-wohin-man-eigentlich-gehört fehlt. Dafür gibt es ganz konkrete historische Ursachen: Die israelische Jugend hatte einen entscheidenden Anteil daran, daß ihr Staat überhaupt entstanden ist. In anderen Ländern wird die Jugend in einen Staat, in eine Gesellschaft hinein geboren, die seit Jahrhunderten existierten, in welchen „die Alten“ die Zügel in den Händen haben und sie nur höchst widerwillig abgeben. Israels Jugend aber hat sich ihren Staat recht eigentlich zuerst einmal selber geschaffen. Die Haiganah, die Untergrundarmee zur Mandatszeit, welche den Kampf um die Unabhängigkeit gegen Engländer und Araber führte, der „Mosad“, jene Organisation, die Zehntausende von „illegalen Einwanderern“ unter der Nase der Engländer und gegen die mächtige Royal Navy nach Palästina brachte, wurden hauptsächlich von der Jugend getragen. Aufbauend auf der zionistischen Ideologie ihrer Väter, erträumte und erkämpfte sich die Jugend ihren Staat. Und wie immer in solchen Fällen, gab es nach Erreichung des erstrebten Zieles zuerst einmal einen großen Katzenjammer. Nach dem ersten Ueb^rschwang über die Unabhängigkeit und den neuen Staat setzte bei einem Teil der Jugend eine Reaktion ein. Denn die Realität stimmt nie mit dem Traum überein. die Wirklichkeit nie mit der Utopie. Der Staat, für dessen Errichtung man so große Opfer gebracht hatte, bestand zwar — aber war es der Idealstaat, den sich die Jugend erträumt hatte? „Und es war aber Morgen, siehe, da war es Leah“, schrieb in diesen Jahren unmittelbar nach der Staatsgründung eine Zeitung, welche das Sprachrohr der jungen Sabras war. Sie spielte damit auf die Geschichte von Jakob an, der zu seiner Enttäuschung entdeckte, daß er nicht die geliebte Rachel zur Frau bekommen hatte, sondern Leah, nachdem er sieben Jahre bei seinem Schwiegervater um sie gedient hatte. Diese Reaktion war natürlich — es war die typische Reaktion der Jugend und ähnelte jener Enttäuschung der französischen Resistants, als die Vierte Republik eben nicht das war, was man sich im Maquis erträumt hatte. Doch schnell verflog der Katzenjammer. Neue Aufgaben harrten, die vielleicht weniger heroisch waren als der Untergrund, aber doch genauso packend und faszinierend. Das große Drama der Masseneinwanderung, der Volkswerdung, begann. Innerhalb von zehn Jahren nahmen die 650 000 Juden der Staatsgründung über eine Million neue Einwanderer auf, die Hälfte davon aus den unterentwickelten Ländern Asiens und Afrikas. Für Katzenjammer war plötzlich keine Zeit mehr. Das Land brauchte Lehrer, landwirtschaftliche Instruktoren, Vorarbeiter, Administratoren, kurz, die israelische Jugend sah sich wieder benötigt, sah Aufgaben und ein immenses Tätigkeitsfeld vor sich. Offiziere wurden Adminnistratoren von landwirtschaftlichen Entwicklungsgebieten, bauten Dörfer und transformierten Einwanderer in Bauern. Studenten wurden Lehrer, um das Schulsystem, welches aus allen Nähten platzte, einigermaßen aufrechtzuerhalten. Das Eindrucksvolle war, daß diese Jugend, die zum großen Teil im Lande geboren oder doch zumindest erzogen war, eine solche Solidarität mit den einströmenden Juden bewies, die ihr doch ziemlich fremd waren. Niemand er wog, daß diese Einwanderung wirtschaftliche Probleme mit sich bringen mußte, die den Lebensstandard senken würden. Schulklassen opferten ihre Sommerferien, um in Einwandererlagern mit den Kindern zu spielen, ihnen Hebräischunterricht zu geben und sie mit dem Land vertraut zu machen. Der Hauptteil der Jugend, Sabras im Lande geboren und Neueinwanderer, hat eine überraschend positive Einstellung zu ihrem Staat. Ohne Zweifel hilft hier der äußere Druck mit. Solange Israel keinen Frieden mit seinen Nachbarn hat, versteht jeder junge Israeli, warum er zweieinhalb Jahre seiner Jugend in der Armee verbringen muß. Solange es im „Schmelztiegel“ brodelt und aus den heterogenen Elementen ein Volk geschmiedet wird, sieht jeder auf seinem Gebiet, von der Kindergärtnerin im Einwandererdorf bis zum Polizisten, eine Aufgabe vor sich. Das ist wohl das Entscheidende: die Aufgabe. Auch der Jugendliche kann dabei mithelfen, sie zu erfüllen, ja. er muß es sogar. Anders ginge es nicht. Dieses Gefühl des Benötigtwerdens, das Bewußtsein, daß er auch heute, dreizehn Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, noch immer an der Verwirklichung seines Staates arbeitet, zeigt die von der Jugend Europas so grundsätzlich verschiedene Lage des jungen Israeli in den Beziehungen zum Staat. Neue Jiddische ZeltschrlN in Moskau Die erste Nummer einer literarischen Revue in jiddischer Sprache ist jetzt in Moskau erschienen. Chefredakteur Aron V e r g e l i s, ein jiddischer Dichter, sagte in einem Interview, die Zeitschrift habe bereits 25.000 Abonnenten und wird darüber hinaus auch an den Zeitungskiosken frei verkauft. Die erste Nummer hat einen Umfang von 130 Seiten. Vergelis sagte: Man wußte zuerst nicht, ob genug Interesse für Zeitschriften in jiddischer Sprache vorhanden wäre. Man begann daher zuerst, jiddische Werke in russischer Übersetzung zu veröffentli. chen. Vor zwei Jahren, anläßlich des hundertsten Geburtstages von Schalom Alejchem, kam eine Auswahl seiner Werke in Jiddisch heraus. Dann folgte die Herausgabe von zwei anderen jiddischen Klassikern, Mendele Mocher Sfarim und Leib Perez. Die Nachfrage nach diesen Büchern zeigte, daß genügend Interesse für eine literarische Zeitschrift in Jiddisch vorhanden ist. „Es wird im Ausland oft gesagt, daß jiddische Literatur in der Sowjetunion zu bestehen aufgehört habe“, sagte Chefredakteur Vergelis. „In unserer Zeitschrift bringen wir eine Liste von hundert Schriftstellern, die jetzt in unserem Land in Jiddisch schreiben — Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Dramen.“ Das Erscheinenn der Zeitschrift werde auch die Herausgabe von mehr jiddischen Werken in Buchform begünstigen. Beiträge von ausländischen Schriftstellern werde man gerne aufnehmen. Alle Wizo-Mitglieder und Freunde werden zu den KLUBNACHMITTAGEN IM WIZO-HEIM Wien I., Seitenstettengasse 4/1, (Lift) jeden Montag und Donnerstag ab 16 Uhr, herzlich eingeladen. dort wahrhaftig kein leichtes Leben führten: von den Landvogten ausgebeutet und mit „Schutzzöllen“ belegt, verbrachten sie ihre Tage in erdrückender Armut. Die dort angesiedelten Juden galten als „Fremde Schutzgenossen“, und zwar immer nur für die Gültigkeit eines „Schutz- und Schirmbriefes“. Diesen erkauften sie sich durch hohe Abgaben und Geschenke an den jeweiligen Landvogt. Die letzte Erneuerung eines solchen Briefes fällt in das Jahr 1792. Selbstverständlich war es den „Schutzgenossen“ streng verboten, Liegenschaften zu erwerben, auch durften Juden und Nichtjuden nicht unter dem gleichen Dach wohnen. Dieses Verbot wurde von der gutgesinnten Bevölkerung geschickt umgangen, indem man nämlich zwei Hauseingänge baute, der „christliche“ Eingang führte ins Parterre, der „jüdische“ über eine Treppe ins Obergeschoß. Bis zum Jahre 1750 durften die Lengnauer Juden ihre Toten nicht auf Schweizer Boden begraben und die sterblichen Ueberreste wurden in mühsamer Fahrt nach Koblenz gebracht und dort zur letzten Ruhe bestattet. Das Jahr 1798 bedeutete dann für die Juden der Schweiz die Befreiung von allen Beschränkungen, allerdings erreichten sie erst Ende des 19. Jahrhunderts ihre volle bürgerliche Gleichberechtigung. Zu diesem Zeitpunkt begann dann die Auswanderung der Juden aus diesen beiden historischen Orten in alle Welt und heute findet man „Lengnauer“ ebenso in Zürich wie in New York. Man zählte in Lengnau und in Oberendingen im Jahre 1702 insgesamt 35 jüdische Haushaltungen, die bis zum Jahre 1860 auf 525 angewachsen waren, die mit ihren 1236 christlichen Mitbürgern in großer Freundschaft lebten. Heute allerdings finden wir in Lengnau nur zwei jüdische Familien, darunter den dort geborenen und aufgewachsenen Jacques Oppenheim, der bemüht ist, die historischen Denkstätten in Lengnau in gutem Zustand zu erhalten. Außerdem befindet sich in Lengnau das Israelitische Altersasyl, das im Jahre 1903 gegründet wurde und von ungefähr sechzig .Juden beiderlei Geschlechts bevölkert wird. Mustergültig von dem Ehepaar Dr. Guth geleitet, fühlen sich die Insassen dieses Heimes außerordentlich wohl, was auch nicht zu verwundern ist: Nebst sauberen, lichten und freundlichen Einzelzimmern stehen ihnen große, komfortabel eingerichtete Gesellschaftsraume zur Verfügung. Jeden zweiten Dienstag veranstaltet der Israelische Frauenverein in Zürich einen Vortrag oder eine Kinovorführung, Veranstaltungen, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Ein angenehmer Zufall fügte es, daß ich an einem dieser Dienstag-Vorträge teilnehmen konnte. Es sprach der Konsul des Staates Israel in Zürich, Herr Hess, über die außen- und innenpolitischen Probleme Israels. Herr Konsul Hess wird im Rahmen des Revierments die Nachfolge unseres verehrten Botschaftsrates Dr. Dak in Kürze antreten und das Amt eines Ersten Sekretärs der Wiener Israelitischen Botschaft übernehmen.