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Die Stimme · 1961-09-01 · Heft 117 (September 1961) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1961
Issue
Heft 117 (September 1961)
Date
1961-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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D I I. STIM M I', September 1901 Seite 3 Welf Tisdhemkel zum Gedenken Als die Trauornaehricht von dem Hinsrheidon unseres P'reimdes Wolf Tischenkel A. eintraf und sieh innerhalb weniger Stunden wie ein Lauffeuer in Freundes- und Bekanntenkreisen von ganz Wien verbreitete, war die erste spontane Reaktion überall gleich. Niemand konnte und wollte vorerst an die Richtigkeit dieser Mitteilung glauben, niemand vermochte es zu fassen, daß dieser in seiner Idee für das Judentum und Zionismus und seiner Familie rastlos schaffende Mann, der noch am gleichen Abend bei scheinbar bester Gesundheit wirkte, so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Als sein Tod dann aber doch zur Gewißheit geworden war, wich die Lähmung, die der erste Schreck über die Trauerbotschaft zurückgelassen hatte, nur allmählich der Erkenntnis der ganzen Schwere des Verlustes. Mit Wolf T i s c h e n k c 1 war nicht nur einer der hervorragendsten Vertreter des österreichischen Judentums dahingegangen. sondern auch ein Mensch, der sich durch seine Hilfsbereitschaft, Aufrichtigkeit und Herzlichkeit eine unübersehbare Anzahl dankbarer Freunde geschaffen hat. Seit frühester Jugend widmete er sich dem Zionismus und den Problemen des Judentums. Das Unrecht, das dem jüdischen Volke angetan wurde, bestärkte ihn in dieser Idee. Bald nach dem nazistischen Einbruch im Jahre 1938 kam er mit vielen anderen Leidensgenossen nach Dachau. Dank der übermenschlichen Aufopferung seiner lieben Gattin und seiner Freunde, ist es ihm gelungen, aus dieser Hölle zu entkommen und dann nach Schanghai zu emigrieren. Dort hat er bald, nicht etwa gebrochen durch die Leiden des KZ, sonder frisch in seiner Wesensart, sich an die dort an ihn herankommenden Aufgaben gemacht. Die jüdische Gemeinschaft in Schanghai ehrte Wolf Tischenkel in der Weise, daß sie ihn in den Vorstand der jüdischen Gemeinde berief, wo er die ehrenamtliche Funktion des Finanzdezernenten ausübte. Aber auch insbesondere die chinesischen Ortsbehörden, würdigten und schätzten seine Persönlichkeit, seinen Idealismus sich der Armen, Kranken und Hilflosen anzunehmen, indem sie zu den Beratungen und Beschlüssen, die das Schicksal der Emigration betrafen, ihn einluden und seine Stimme oder seinem Veto Gehör schenkten. Seine bedingungslose Verbundenheit mit unserem jüdischen Volke und nicht zuletzt seine einzigartige Gabe, mit einem freundlichen Wort oder Lächeln, seine Idee in vollendeter Form zu kleiden, prädestinierte ihn und war es auch nur natürlich, daß man ihn zum Präsidenten des Zionistischen Landesverbandes, zum Vizepräsidenten des Bundesverbandes österreichischer Kultusgemeinden und in den Vorstand vieler anderer jüdischer Institutionen berief. Der jüdische Staat war für ihn nicht Endziel, sondern ein Rahmen, den cs auszufüllen gilt, ein Instrument erst, das dem jüdischen Volke ermöglichen soll, sein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit selber zu gestalten, seine Fähigkeiten unbehindert zu entfalten, um einen schöpferischen Beitrag zum Fortschritt der gesamten Menschheit zu liefern. Die große Hoffnung war und blieb schließlich die jüdische Jugend. Er sah kein wirksameres Mittel, die Stagnation in der zionistischen Bewegung zu überwinden, als die Erfüllung dieser Jugend mit jüdischem Wissen und jüdischem Bewußtsein. Die beste Antwort auf die Auseinandersetzung über die angebliche Krise in unserem Verband, war die Gründung der Jugendbewegung. Wir haben alle mit ihm nicht nur einen großen Juden und Zionisten, sondern vor allem einen wahrhaft großen Menschen, einen lieben, aufrichtigen und selbstlosen Freund verloren. Der Zionistische Landesverband, der dem Verewigten sosehr zu Dank verpflichtet ist, wird sein Angedenken stets in Ehren bewahren. Wir werden ihn nie vergessen. Dr. Brande ♦ Zum Gedenken an Tischenkel Tiefe Gefühle der Trauer löste in uns der Tod Wolf Tischenkels aus. Mit ihm ist eine gütige Gestalt des österreichischen Judentums dahingegangen, stieg doch aus seinem Innersten eine gottbegnadete Kraft, und er hatte den tiefsten Glauben daran, daß Liebe und Lebensglut, Opfer, Ausdauer. Arbeit und Rastlosigkeit in der Welt des Lichtes, der Freude, der jüdischen Freiheit und der Offenbarung führen müsse. daß wir Juden nicht mehr als Objekte des Hasses in der Gallith, sondern als freie Menschen im eigenen Lande uns zu entfalten haben. Er wagte sich mit Mut an wichtige Probleme heran, um des Glückes, des Miterlebens und Mitschaffens an der großen Zeit, willen. Er ward des Glückes teilhaftig, die Befreiung von der nazistischen Tyrannei und die Entstehung des Medinath Israel zu erleben und gab dem oft in enthusiastischen Worten Ausdruck. Der Verblichene war drei Jahre alt, als er von seinem Vater verwaist wurde. Er stammte aus einer frommen Familie, und in der Obhut seiner lebensklugen Mutter, wuchs Wolf Tischenkel auf. Bis zu seinem 17. Lebensjahr blieb er bei seiner Mutter, war ihr im Existenzkampf Stütze und lernte in dem Geburtsstädtchen, wo viele junge Menschen intellektuell interessiert waren, das Erfassen des gesellschaftlichen Lebens, wobei ihm sein Wissensdrang zustatten kam. Er fand sich im Talmud zurecht, hatte die Augen für die Welt offen, gedieh zu einem wertvollen Sohn des Judentums und erhob sich zur humanen Gesinnung zum Bewußtsein gelebten Lebens. So sehr Wolf Tischenkel bestrebt war, sein Leben gut zu gestalten, vermochte er nicht den Uebergang zu einem geruhsamen Dasein zu finden. Er nahm Lasten auf sich, die die Forderung des Tages überstiegen und hielt sich für befähigt, iseine physische Kraft hinzugeben, um fördernde Ideen zu empfangen und sie zu Gunsten des Judentums zu verwerten. Er wollte immer neue Quellen des Glücks erschließen um für sich und für die Mitmenschen einen Zustand zu schaffen, darin zu leben ein Hochgefühl wäre. Den Begriff „unmöglich oder ich kann nicht weiter“ hat er von sich gewiesen und motivierte es Freunden gegenüber damit, daß solche Gedanken große Hemmungen schaffen, welche dem dynamischen Menschen die Kraft nehmen, das zu erreichen, was er heiß erstrebt. Der Verewigte erfreute sich nicht der Gesundheit. und auf den oftmaligen Vorhalt, erwiderte er. beharrlich: ..Niemand könne besser als ich beurteilen, was mir wirklich nötig ist, um mein Leben reicher und glücklicher zu gestalten. Das Axiom seines Lebens war Glück spenden. Glück empfangen und humane Gesinnung betätigen. was in vielen Fällen Erfüllung fand. Wo es galt auf den Plan zu treten, um den Mitmenschen Hilfe zu bringen, fand sich Wolf Tischenkel freudig ein. Er war Vizepräsident des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgomeindcn Oesterreichs, Vorstandsmitglied der Wiener Kultusgemeinde der zion. Föderation, Beisitzer vieler Ausschüsse. Mitglied des Keren Hajesod. der jüdischen Spar- und Crcditgenossensehaft. der Zuerkennungskommission des Hilfsfonds und der ORT Vereinigung. Für seine hervorragenden Leistungen, die er im Hilfsfonds vollbracht hatte, verlieh ihm der österreichische Bundespräsident die goldene Medaille für Verdienste. Wir verloren in Tischenkel eine Persönlichkeit, die als Vorbild galt und wir werden das Gedenken an ihn immer wachhalten. Unser Mitgefühl wendet sich seiner Witwe Frau Cilli Tischcnkel zu, die dem Verblichenen 40 Jahre lang treu zur Seite stand und ihm half, die bittersten Zeiten seines Lebens mit Zuversicht zu bestehen. Das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gab der Gattin eine prächtige Beziehung zu ihrem Mann. Bernhard Braver ♦ Mein Freund Tischenkel Die Klage über den Verlust dieses guten Menschen ist in der jüdischen Gemeinde hier und in den zion. Organisationen der Welt allgemein, und sie wird lange anhalten. Da sprechen sie von Genie auf diesem und jenem Gebiet. Man sollte vom Genie der Güte sprechen, und Tisch.- enkel gehörte dazu. Er wollte jedem Gutes. Kein boshaftes Wort gegen einen Menschen kam je von ihm. Er war hilfsbereit über die üblichen Grenzen und Pflichten. Er half Menschen um der Hilfe willen. Wo die eigenen Mittel und Möglichkeiten nicht ausreichten, nahm er Gefälligkeiten in Anspruch, um zu helfen um der reinen Hilfe wegen. Seine Bescheidenheit verdient sprichwörtlich zu bleiben. Ein gerader und frommer Mensch durch und durch, ein Mensch jaschar und tamin, für den einen gleichen und gleichwertigen zu finden nicht leicht ist. Ich beklage den Verlust eines innigen Freundes. Es gab Zeiten häufiger und dann wieder spärlicher Begegnungen. Aber das war stets der selbstverständliche Geist unserer Freundschaft: wir konnten in persönlich-privaten Dingen aufeinander zählen. Und wenn wir wieder eine halbe Stunde zusammen waren, wußten wir um des anderen Leid und Freude. Die Vorsehung hat mich darin gut behandelt, ich hatte von Jugend an gute Freunde. Aber ich hatte nie einen besseren als Tischenkel. In wahrster Bedeutung der Worte: ich habe mit ihm einen Teil von mir selbst verloren. Solange ich lebe, werde ich an den Unvergeßlichen in Liebe und Wehmut denken: das war ein Mensch, das war ein Freund. Dr. M. Gellis ♦ Wolf Tischenkel Ich stehe noch unter dem niederschmetternden Eindruck der Todesnachricht, die mich gerade am Begräbnistage in meinem Urlaubsort erreicht hat, Es war mir nicht möglich, den lieben Tischcnkel zu Grabe zu geleiten. Dieser fürchterliche Eindruck beherrscht mich auch, so daß ich lediglich das niederschreiben möchte, was mich aufs tiefste bewegt: Ich kann mir eine zionistische Tätigkeit ohm> Tischenkel schwer vorstellen. Er wird mir und uns allen auf Schritt und Tritt fehlen. Mich hat mit Tischcnkel seit 13 Jahren eine außerordentliche Freundschaft verbunden. Ich habe ihn während meiner offiziellen Tätigkeit und auch privat in schwierigen Angelegenheiten zu Rate gezogen und er stancl mir bei. Während der vielen Jahre haben wir Schulter an Schulter einen ehrlichen Kampf mit diversen Schwierigkeiten geführt. Er als auch ich sind vielfach bekämpft worden. Trotzdem haben wir unsere einmal uns zurechtgelegtc Linie nicht verlassen und wir behielten recht. Tischcnkel war mit Leib und Seele unserem Ideal ergeben uncl hatte in seiner Tätigkeit einen derartigen Fleiß, unter Außerachtlassung seiner persönlichen Verhältnisse. und seiner Gesundheit, Jahre hindurch an den Tag gelegt, daß er schließlich daran starb. Uns und unserer ganzen Gemeinschaft wird Tischenkel fehlen. Die Lücke, die er geschaffen hat, wird schwer zu schließen sein. Möge seine edle Seele über uns walten und uns befähigen, sein Werk fortzusetzen. Dr. W. Herzberg Ehrenpräsident des zionistischen Landesverbandes ♦ Dem Totem zum Gedenken Das Ableben des uns so jäh und unerwartet entrissenen Bruders Wolf Tischenkel hat uns alle mit großem Schmerz erfüllt und zutiefst erschüttert. Für unsere junge Loge bedeutet der plötzliche Heimgang von Bruder Tischenkel einen unersetzlichen Verlust. Er gehörte zu den Gründern unserer Loge und bekleidete seit Dezember 1960 das Amt des Vizepräsidenten. Bruder Tischenkel hat bereits in der Emigration in Schanghai bei der Gründung der dortigen Loge mitgewirkt und hatte sich sofort freudigen Herzens zur Verfügung gestellt, als wir im Jahre 1960 die Gründung der Zwi Perez Chajes Loge in Wien beschlossen. Der liebe Verstorbene war uns allen, ein guter und hilfreicher Bruder nicht nur in unserer gemeinsamen Berufsarbeit. Durch seine Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft hat er unserer aller Herzen gewonnen. Wegen seiner edlen Gesinnung war er auch von den politischen Gegnern geachtet und geschätzt. Sein Bestreben war stets mit vorbildlicher Pflichttreue nach bestem Wissen und Gewissen seinem Volke zu dienen. Er wird uns stets unvergeßlich bleiben und wir werden ihm ein treues und ehrendes Andenken bewahren. Dr. Markus Herzmann Präsident der B’nai B’rith Zwi Perez Chajcsloge in Wien ♦ Zum Tode Tischenkel Ich habe Herrn Tischenkel als Mitglied einer Zuerkennungskommission des Hilfsfonds kennen gelernt. Seine Freundlichkeit und Güte haben ihm unser aller Herzen gewonnen. Wir wußten auch, daß er sich ohne jede Rücksicht auf seine eigenen Interessen uns immer zur Verfügung stellte, wenn die Einberufung einer Zuerkennungskommission notwendig wurde. Er hat die Arbeit mit unerschütterlicher Objektivität, verbunden mit menschlichem Verständnis für alle auftauchenden Probleme, geleistet. Wir und die Antragsteller sind ihm zu großem Danke verpflichtet. Dr. Georg Weis

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