Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1960
- Issue
- Heft 115 (September 1960)
- Date
- 1960-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 DIE SUMME Sartre beschließt sein glänzend gezeichnetes Porträt, indem er sagt: Der Antisemit ist ein Mensch, der Angst hat. „Nicht vor den Juden, gewiß: vor sich selbst, vor seinem Gewissen, seiner Freiheit, seinen Instikten, seiner Verantwortung, seiner Einsamkeit, vor der Veränderung, vor der Gesellschaft und vor der Welt, vor allem außer den Juden. Er ist ein Feigling, der Angst hat, seine Feigheit einzugestehen, ein Mörder, der seine Mordtendenz zensiert, ohne sie unterdrücken zu können und der dennoch nur bildhaft oder im Anonymität der Menge zu Von Prof. Alfred Marchionini, Universität München Die Jugend gegen den Als ich im Mai 1958 im Anschluß an den Polnischen Dermatologen-Kongreß in Krakau das Konzentrationslager in Auschwitz besuchte, entdeckte ich u. a. eine Liste der Ärzte, die sich an den grauenhaften Menschenversuchen beteiligt hatten. Mit tiefer Erschütterung las ich die Namen von drei Ärzten, die in den zwanziger Jahren meine Studenten in Freiburg gewesen waren. Da erforschte ich mein Gewissen und konnte mir Selbstvorwürfe nicht ersparen; ich fragte mich: War nicht dein einziges Bemühen darauf gerichtet, deinen Schülern Fachkenntnisse zu vermitteln, anstatt ihnen die Grundsätze unserer ärztlichen Ethik vorzutragen? Wäre es nicht doch möglich gewesen, sie durch solche Unterweisung und Erziehung davon abzuhalten, Unmenschlichkeiten an ihren Mit-Menschen zu begehen? Nachträglich bin ich fast überzeugt, daß geeignete Erziehung solche verbrecherischen Neigungen zu unterdrücken vermag. An dieses Erlebnis mußte ich denken, als ich in den Zeitungen von den Hakenkreuzschmierereien junger Leute las, die während der Nazizeit noch kleine Kinder gewesen waren und deshalb das Gift des Antisemitismus noch nicht hatten aufnehmen können. Hat auch hier wieder die Erziehung versagt? Eine vor wenigen Wochen erfolgte Umfrage des klugen Leiters einer Münchener Volksschule hat ergeben, daß die Schüler keine Ahnung von den Verbrechen haben, die an den Juden im Dritten Reich begangen worden sind. Wenn ich mit meinen Studenten über diese Probleme diskutiere, erfahre ich gleichfalls, daß auch die Höheren Schulen zu einem großen Teil in ihrem Geschichtsunterricht die Periode von 1033 bis 1045 nicht im Unterricht behandeln. Während der Leitung des Kongresses für Zeitgeschichte, der im November 1959 slatlfand, erhielt ich auf meine spezielle Anfrage, ob an allen Universitäten der Bundesrepublik die Geschichte des Dritten Reiches von den Professoren der neueren Geschichte dargestellt würde, von den anwesenden Historikern ausweichende Antworten. Es wurde mir sogar mitgeteilt, daß an einer Reihe von Universitäten der Bundesrepublik ein Unterricht in Zeitgeschichte, der also die Periode des Nationalsozialismus einschließt, nicht existiere. An den Universitäten werden aber die zukünftigen Lehrer der Volksschulen und Gymnasien ausgebildet. Dieses Versäumnis auf allen deutschen und österreichischen Universitäten und Schulen ist unverzeihlich. Es ist also innerhalb von 15 Jahren nach dem Kriege eine Generation herangewachsen, die zum großen Teil nichts von den Greueln und Verbrechen an den Juden erfahren hat. Da die Eltern im töten wagt, ein Unzufriedener, der nicht zu revoltieren wagt aus Furcht vor den Folgen seiner Revolte". Er überzeugt sich, daß sein Platz in der Welt ein für altemal gegeben sei, „daß er auf ihn wartete und daß er, einer Tradition entsprechend, das Recht habe, ihn zu besetzen. Mit einem Wort ist der Antisemitismus die Angst vor dem Menschsein. Der Antisemit will unbarmherziger Fels sein, reißender Strom, vernichtender Blitz: alles, nur nicht Mensch." Antisemitismus wappnen Dritten Reich zum Judenhaß angehalten wurden, sind die Kinder, bar jeder Kenntnis der wahren Zusammenhänge, anfällig für etwaige antisemitische Äußerungen. Weil wir die Aufklärung für das wirksamste Mittel zur Vorbeugung und Bekämpfung des Antisemitismus erachten, empfehlen wir die Unterrichtung über die Judenfrage durch Kirchen, Schulen, Universitäten, wie sie der Rundfunk schon seit langer Zeit in vorbildlicher Weise vornimmt. Jetzt hat zwar die Konferenz der Kultusminister in Hamburg beschlossen, diesen geforderten Unterricht in den Lehrplan aufzunehmen, aber an einer Generation mindestens ist diese Aufklärung versäumt worden. Möge der späte Beschluß doch noch Früchte tragen und die folgende Generation bereits zu jenem weisen Standpunkt Goethes führen, den er einstmals gegenüber Eckermann über Rassen- und Völkerhaß zum Ausdruck brachte: „Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß, und ich hatte mich darin lange befestigt, ehe ich mein sechzigstes Jahr erreicht hatte." Zionistische Föderat'on in Österreich Wien I, Seitenstettengassi'e 2 SEMINAR gehalten von Dr. KURT SCHUBERT, Professor für Judaistik an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien „dia füdUcUe 6 Vorträge an folgenden Dienstagen: 18. Oktober, 15., 22. und 29. November, 13, und 20. Dezember feweils um 19.80 Uhr im Vortragssaal der Öst. Nationalbibliothek, Wien I, Josefsplatz 1 Die Teilnehmer erhalten nach jedem Vortrag die entsprechenden Skripten. Eintritt frei!