Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1960
- Issue
- Heft 115 (September 1960)
- Date
- 1960-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SUMME 7 Studienkollege beklagte sich, weil er bei den Prüfungen durchfiel. Er war jedoch der Siebenundzwanzigste auf einer Liste, von der nur zwölf das Examen bestanden. Selbst wenn man die Juden ausgeschlossen hätte, wäre er nicht durchgekommen. „Damit sich mein Kollege entrüstete, mußte er im voraus eine bestimmte Idee vom Juden, von seiner Natur und seiner gesellschaftlichen Rolle angenommen haben". Im Anfang war nicht irgendeine Tatsache (die hier sowieso völlig imaginär war, und wie oft trifft das zu!), sondern die antisemitsche Entscheidung. Die Frau, die ihren Antisemitismus damit begründet, daß die Kürschner ihren Pelz verbrannt hätten, ist nicht anders, Sartre fragt: „Warum entschied sie sich, die Juden zu hassen und nicht die Kürschner? Warum die Juden oder die Kürschner und nicht den besonderen Juden oder den besonderen Kürschner?" Es handelt sich um keine Meinung, die sich aus einer sorgfältigen Prüfung einer Situation ergibt, sondern um eine Leidenschaft und zwar „die Leidenschaft von Zorn und Haß". Der Antisemit flieht im Gegenteil des Denkens und installiert sich in der Leidenschaft, die er um ihrer selbst willen liebt. Denn um keinen Preis möchte er sich überzeugen lassen. Er hat sich auf die Insel seiner Leidenschaft, seines Hasses, geflüchtet und ist jeder Vernunft gegenüber immun. Nie wird sich ein Antisemit einem Juden überlegen fühlen: er weiß sich mittelmäßig. Aber das ist seine Stärke, denn nicht als einzelner will er sich bewähren, durch seine Intelligenz oder Leistung, sondern als Gruppe. „Der Satz 'Ich hasse die Juden’ gehört zu denen, die man in einer Gruppe ausspricht. Indem man das tut, schließt man sicher einer Tradition und einer Gemeinschaft an: denen der Mittelmäßigen". Der Antisemit lehnt die Intelligenz ab, die er als jüdisch verschreit. Er glaubt, seine Stärke zu finden in „seinem" Land, in „seiner" tausendjährigen Geschichte, in den Sitten „seiner" Ahnen usw. Er braucht nichts selbst zu erwerben, alles wird ihm gegeben, seine Kraft liegt in der Vergangenheit. Das ist seine „Größe", die ihm kein Jude streitig machen kann. Aus diesem Grund ist er überlegen. Gegenüber der Intelligenz mobilisiert der Antisemit die Mystik der Vergangenheit, der Geschichte, der „Blut-und-Boden" - Romantik nazistischer Erinnerung. Sartre nennt den Antisemitismus einen „Snobismus des Armen". Wer sich ihm verschreibt, hat den Eindruck, einer Elite beizutreten, die einer Geburtsaristokratie völlig ähnlich sieht: Ich habe nichts getan, um eine Überlegenheit zu verdienen und ich kann sie auch nicht mehr verlieren. Sie ist mir ein für allemal gegeben: sie ist eine Sache wie ein Gestein. Um seine eingebildete Überlegenheit zu behalten, benötigt er den Juden. Wären alle Israeliten ausgerottet, wie er es wünscht, dann würde er sich als Hauswart oder Ladenbesitzer in einer stark hierarchisierten Gesellschaft wiederfinden, wo die Eigenschaft des „wahren Franzosen" (oder „wahren Deutschen") sehr billig wäre, da sie jeder hätte . . . So ergibt sich der Antisemit durchaus nicht als der „starke Mann", in dessen Pose er fortwährend erscheinen will. Nichts ist unechter als das. Sie dient ihm dazu, seine eigentliche Schwäche und Feigheit zu verbergen. Aus diesem Grund lehnt er die Vernunft als Terrain menschlicher Auseinandersetzungen ab und verschanzt sich hinter der „Größe" seiner Ahnen, die ihn selbst erheben soll. Dieser Mummenschanz ist gerade die Flucht vor der menschlichen Größe und vor jeder Verantwortung. Der Antisemitismus entspringt einer vorgeschichtlichen primitiven Mentalität, wonach es in der Welt ein gutes und ein böses Prinzip gebe. Der Jude ist die Verkörperung des Bösen, der Antisemit des Guten. Zwischen beiden herrscht ein Kampf auf Leben und Tod, der nur mit dem Untergang des einen enden kann. Der Jude ist der Träger des Bösen, wobei es keine Rolle spielt, daß er einmal zum Schrittmacher des Kapitalismus, ein andermal des Sozialismus ernannt wird. Er trägt dos böse Prinzip in sich wie Pestbazillen und deshalb muß man sich vor seiner Berührung hüten, ihn isolieren und schließlich ausrotten. Und Sartre erinnert daran, daß eine der ersten antisemitischen Maßnahmen der Nazis das Verbot für Juden war, öffentliche Badeanstalten zu benutzen. Der Antisemit prüft nicht die bestehende Gesellschaft und versucht, sie umzugestalten, er will sie vom Bösen, d. h. vom Juden „reinigen". Für Sartre gibt es keinen „anständigen" Antisemiten, diese Auffassung schließt den Mord in irgendeiner Form in sich: „Gewiß, alle Feinde des Juden verlangen nicht seinen Mord am hellichten Tag, aber die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen, die alle seine Erniedrigung, seine Entehrung, seine Verbannung bezwecken, sind Ersatz für den Mord, über den sie in ihrem Innern naclisinnen: es sind symbolische Morde". Der Antisemit ist ein Verbrecher: „Auch hier flieht er vor seiner Verantwortung, er hat seine Mordinstinkte zensiert, aber er hat das Mittel gefunden, sie zu befriedigen ohne sie sich einzugestehen. Er weiß, daß er böse ist, aber da er das Böse für das Gute tut, da ein ganzes Volk von ihm die Befreiung erwartet, betrachtet er sich als einen geheiligten Bösen". Und er hat die Feigheit gewählt, denn er weiß sehr wohl, daß der Jude nicht die gewaltige Übermacht darstellt, von der er schwätzt, sondern eine schwache Minderheit. „Aber da das Böse sich für den Antisemiten in diesen entwaffneten und so wenig gefährlichen Menschen verkörpert, befindet sich dieser niemals in der peinlichen Lage, heldenhaft sein zu müssen: es ist amüsant, Antisemit zu sein. Man kann Juden ohne Furcht schlagen und foltern". Zionistische Föderation in Österreich Wien I, Seitenstettengasse 2 Unentgeltliche Hebräisch-Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene unter Leitung von Frau Mecznik. Beginn 10. Oktober, um 18.30 Uhr im Heim der Zionistischen Föderation, Wien I, Seitenstettengasse 2, 2. Stock, Tür 22 a. Schriftliche Anmeldungen: Sekretariat der Zionistischen Föderation, Wien I, Seitenstetteng. 2 MAGBITH Wir lenken die» Aufmerksamkeit auf die Vereinigte Aktion für Israel (Keren Hayessod) auf diejenige Institution, die für den Bestand Israels von Bedeutung ist. Juden erfüllet Eure Pflicht gegenüber Israel, besteuert Euch nach Euren wirtschaftlichen Kräften und denkt daran, daß der jüdische Staat leben muß, zu unser und aller Wohl!