Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1960
- Issue
- Heft 115 (September 1960)
- Date
- 1960-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 DIE STIMME Nazisystems leben, sollen sie wissen, daß wir mit ihnen fühlen und aus ihrem Leid die sich täglich erneuernde Aufforderung entnehmen, uns für eine von den Menschenrechten erfüllte Welt einzusetzen/' Anläßlich der Intervention des Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses Dr. Goldmann bei den maßgebenden Mitgliedern der österreichischen Regierung, erhielt er bindende Ei klärungen, die dahingingen, aaß der ganze Fragenkomplex der Wiedergutmachung noch vor Beendigung der parlamentariscnen Sommersession positiv erledigt sein wird. Welche Enttäuschung haben die Herren, die die Last der Verantwortung zu tragen haben, be reitet, wenn sie nicht einmal den Mut haben, Rede und Antwort zu sieben für bindende Zusicherungen, denen sie bis zur Stunde nicht Rechnung getragen haben! Österreich, das wohl ein befreites Land ist, will anscheinend nicht zur Kenntnis nehmen, daß es an den Verbrechen des Nazismus nicht unschuldig ist. Gewiß nicht das gesamte österreichische Volk, aber ein nicht unerheblicher Teil stand in Diensten Hitlers. Österreicher waren Gestapohenker, Österreicher waren Peiniger in den Konzentrationslagern, Österreicher waren Ariseure, Österreicher steckten jüdische Tempel in Brand, Österreicher veranstalteten auf uns wüste Hetzjagden in den Straßen und raubten uns unsere Wohnungen, unser Hab und Gutl Österreichern schreiben wir ins Album die Worte des deutschen Bundeskanzlers Dr. Adenauer: „Das nazistische Regime hat so vielen Menschen- und Personengruppen deutscher und fremder Nationalität Unrecht zugefügt, daß es fast unmöglich ist, für das erlittene Unrecht in vollem Umfang Entschädigung zu leisten. Den Schaden, den die nazistische Gewaltherrschaft angerichtet hat, zu beheben, erfordert die ganze Kraft unserer und auch nachfolgenden Generationen." Diese Worte beziehen sich, ohne Zweifel, auch auf Österreich, das vom Weltforum verurteilt werden wird, wenn es nicht bald die Wiedergutmachungsforderung positiv erledigen wird. Das ist die Forderung des Tages!! Nicht warten bis alle Naziopfer gestorben sind! Dr. Goldmann beschwert sich über Österreich. New York (Reuter). — Dr. Nachum Goldmann in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der internationalen Kommission für Entschödigungsforderungen aus Österreich drückte sein Befremden end seine Enttäuschung aus, daß das Österreichische Parlament In Ferien gegangen sei, ohne vorher d.e Entschädig^ngszahlungen für jüdische Naziopfer zu beschließen. Der gute Glaube an die Zusagen der österreichischen Regierung sei dadurch erschüttert, sagte Dr. Goldmann. Es stelle eine tragische Enttäuschung dar, daß die Vertreter der österreichischen Regierung nicht zu ihrem Worte gestanden seien. Endlich ln einem Erlaß des Ministeriums für Unterricht, wurde angeordnet, daß der Geschichtsunterricht in den österreichischen Schulen bis in die Gegenwart weiterzuführen ist. Es mußten erst Naziaktionen deutlich machen, wie groß die Gefahr ist, daß die heutige Jugend davon nichts weiß, daß Menschenfeinde die Welt mit Krieg überzogen und eine Ordnung der Sklaverei, Lüge, des Mordes und schlimmster Verbrechen geschaffen hat. Porträt des Antisemiten Der Mitarbeiter der „Anderen Zeitung" (Hamburg) Heinz Abosch beschäftigte sich mit einem Buch, weiches der bekannte französische Existenzialphilosoph, Schriftsteller und Dramatiker Jean Paul Sartre im Jahre 1945 schrieb und welches denkscharf die Grunde des Antisemitismus aufzeigt. Es verdient Beachtung, weil es anregend und zum guten Teil mit einem treffsicheren Urteil ausgestattet ist. Trotz des jahrelangen Abstreitens und Beschönigens ist es nicht mehr möglich, das Anwachsen einer breiten antisemitischen Strömung in deutschen Landen zu übersehen. Die Symptome mehren sich mit einer beängstigenden Schnelligkeit und könnten bereits den Inhalt eines neuen „Braunbuches" ausfüllen. Nicht Schweigepflicht ist geboten, sondern Alarmzustand, die aktive kämpferische Stellungnahme und das ununterbrochene Enthüllen und Aufdecken des Antisemitismus, wo und wie er sich auch versteckt. In einem solchen Augenblick mag es nützlich sein, an die Gedanken zu erinnern, die Jean-Paul Sartre 1945 dem Thema widmete. Es ist nachgerade selbstverständlich, daß die „Betrachtungen zur Judenfrage" nichts an Wert oder Aktualität eingebüßt haben; am wenigsten in der Bundesrepublik. Das Buch erschien übrigens vor Jahren in einer deutschen Übersetzung und ist, soweit bekannt, heute vergriffen. Eine Neuherausgabe würde sich zwingend ergeben. Es kann sich hier nicht darum handeln, einen Überblick über die Gesamtheit der von Sartre mit reichem Überfluß vorgetragenen Ideen zu geben. Ich möchte mich noch nicht einmal bei der These des französischen Philosophen aufhalfen, nach der der Antisemitismus durch keine objektive gesellschaftliche Ursachen, sondern durch eine freie menschliche Entscheidung hervorgerufen werde. In ihrer Absolutheit ist sie unhaltbar, als Ergänzung ist sie jedoch von großem Wert. Sartre selbst macht Einschränkungen, indem er auf die deutsche Inflation oder darauf verewist, daß der Antisemitismus eine Angelegenheit bürgerlicher Schichten und nicht der Arbeiterklasse sei. Unabhängig von dieser These ist jedoch der Versuch, die psychologische Mechanik des Antisemitismus zu enthüllen, äußerst fruchtbar. Der Philosoph entwirft ein psychoanalytisches Porträt des Antisemiten. Und das ist aufschlußreich und überzeugend. Auf diesem wichtigen Gebiet ignorieren wir noch viel, während an ökonomisch-soziologischen Untersuchungen kein Mangel ist. Der Antisemitismus entstehe unabhängig von allen objektiven Tatsachen. Der Trugschluß, zu dem er angeblich führte, sei in Wahrheit von Anfang an dagewesen. Zur Beweisführung zitiert der Verfasser eine Reihe von Beispielen, die er seiner persönlichen Erfahrung entnommen hat (um es Unwissenden zu sagen: Sartre ist kein Jude). Ein Maler sagte ihm, er lehne die Juden ab, „weil sie mit ihren kritischen Eigenschaften mein Hauspersonal zur Disziplinlosigkeit ermutigen". Ein talentloser Schauspieler, weil die Juden seine Karriere verhindert hätten. Ein