Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1960-03-01 · Heft 114 (März 1960) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1960
Issue
Heft 114 (März 1960)
Date
1960-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2431292-2431421-2431422--0912-2432569
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

10 DiE STIMME Gebührende Antwort Unter dem Titel „Wer ist Jude — wer ist Nazi?" schreibt der Journalist Hans Weigel eine Artikelserie, der die Wochenzeitung „HEUTE" Raum gibt. Des Autors wenig schöpferischen Einfälle sind naturgemäß nicht wirkungsvoll. Es stünde nicht dafür, sich mit Herrn Weigel öffentlich auseinanderzusetzen, wenn eine angesehene Wochenzeitung es lieber unterlassen hätte, dem Autor, der allerdings in Wien eine gewisse Popularität genießt, ihre Spalten zu öffnen. Den in Frage stehenden Ariikeln, fehlt das Maß, die Ausgewogenheit, die geläuterte Form und man kann darüber streiten, ob sittliches Wollen vorliegt. V aigel scheint sich daraus eine Ehre zu machen, über Erfahrung, Geschichte und Geschehen hinwegzugehen und empfindet es anscheinend als Auszeichnung über uns Juden erhaben zu sein. Wir bringen nachstehend wenige Blüten aus dem Weigelschen Aufsatz und überlassen es den klardenkenden Menschen, sich über den Wert solcher Erbauungsschriften ein Urteil zu bilden. „Die Tatsache, daß den „Juden" Entsetzliches argeian wurde, macht aus den Opfern des antisemitischen Terrors Märtyrer, aber sie macht .aus den unter uns lebenden ehemaligen Verfolgten des NS-Regimes keine Heiligen. Wie unter allen Gruppen von Menschen gibt es auch unter den „Juden" und „Nichtariern" Flegel und Gentlemen, Geisteshelden und Dummköpfe, Integra und Verbrecher. Auch waren „Juden" und „Nichtarier" nicht die einzigen Opfer der bösen sieben beziehungsweise zwölf Jahre. Wir haben alle miteinander viel verloren, zu Hause und in der Emigration, an der Front und in den Städten, wir haben Angehörige verloren, wir haben Freunde verloren, wir haben Wohnungen und Möbel und Bücher verloren, wir haben wichtige Jahre unseres Lebens verloren. Sofern der materielle Schaden gutzumachen war, standen und stehen „Juden" und anderen die gleichen —' gelegentlich prekären — legalen Möglichkeiten hiezu offen. Sofern der Schock der Verfolgung und Vertreibung zu groß war, sind die Emigranten von gestern zu Bürgern anderer Staaten geworden. Sofern sie sich aber zur Rückkehr entschließen konnten, sind sie damit völlig gleichberechtigte Staatsbürger der alten neuen Heimat geworden, ohne Diskriminierung, doch auch ohne besondere Vorrechte, denn solche Vorrechte wären eine gefährliche Diskriminierung mit umgekehrtem Vorzeichen. Diesen Standupnkt haben sich viele, wenn auch nicht alle nach ihrer Rückkehr zu eigen gemacht. Wenn mir jemand auf den Fuß tritt, sage ich: „Trottel!" Wenn jemand dem Regisseur Fritz Kortner auf den Fuß tritt, sagt er: „Nazi!" Die erste Reaktion auf die Darlegungen des Herrn Weigel erfolgte in der Rubrik „Leserbriefe" in „HEUTE". Zwei Prominente schreiben: Wie ich der letzten Nummer des „HEUTE" entnehme, ist Hans Weigel drauf und dran, das Judentum abzuschaffen, also aut eine „Endlösung" hinzusteuern, die schon dem „Führer" vorgeschwebt hat. Einleitend vermerkt er, daß er mit 2-1 Jahren „aus der mosaischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten" ist und es „ablehnt", als Jude bezeichnet zu werden. Damit hat er fairerweise klargestellt, daß er nur für sich selbst spricht oder bestenfalls für jene Sorte von Juden, die keine Juden sein wollen (man bezeichnet sie vielfach als „Renegaten"). Vielleicht interessiert es Ihre Leser, daß es daneben noch eine andere Sorte gibt, zu der auch ich mich zähle und die ihre jüdische Abstammung keineswegs als Makel empfindet, sondern als durchaus positive Bindung an eine altehrwürdige, historisch und ethisch fundierte Gemeinschaft. Ich wünsche Hans Weigel alles Glück bei seinem Vorhaben, nicht als Jude zu gelten, zweifle aber, ob er damit durchkommen wird. Zumindest bin ich noch niemandem begegnet, der ihn nicht für einen Juden gehalten hätte. Am Ende täte er doch besser, das Unvermeidliche mit» Würde zu tragen, Friedrich Torberg Lieber Hans Weigel! Zu der Zeit, da wir eine gemeinsame Emigration erlebten, dachte ich nicht, daß Du mir jemals Anlaß geben würdest, Dir einen offenen Brief zu schreiben. D.j hast ihn mir inzwischen wiederholt' gegeben, und ich habe viele Anlässe ungenützt gelassen, eben weil wir eine Jetzt auch ab Wien nach Israel, Amerika, Asien und Afrika mit der Jet-Prop Britcmtoia EL AL Israel Airlines, Wien lf Stefansplatz 10/11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.