Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1960-03-01 · Heft 114 (März 1960) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1960
Issue
Heft 114 (März 1960)
Date
1960-03-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2431292-2431421-2431422--0910-2432567
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

* DIE STIMME ORT, Arbeit zugunsten Eniwurzelier ln den vergangenen 12 Monaten wurden über 10.000 Entwurzelte, AAänner, Frauen und Jugendliche, durch Berufsausbildung für Umsiedlungszwecke von der ORT betreut. ORT ist die Organisation für Wiedereinordnung durch Berufsausbildung, eine internationale jüdische Organisation, die ein Netz von Berufsschulen und anderen Ausbildungsmöglichkeiten in 20 Ländern unterhält. Sie ist eine der nicht von einer Regierung geleiteten Organisationen, die an dem im Juni 1050 begonnenen Weltflüchtlingsjahr teilnimmt. M. A. Braude, der Generaldirektor der „World ORT Union", berichtete kürzlich: über 10.000 de. »(>.000 ORT- Schüler, die im letzten Jahr ORT-Schulen besuchten, waren Rückkehrer, Flüchtlinge, Vertriebene oder Auswanderer. Sie erhielten Berufsausbildung in über 00 Berufen. Die Erfahrungen von ORT auf dem Gebiet der Flüchtlingsarbeit gehen auf die ersten Opfer der Judenverfolgung d. h. mehr als vier Jahrzehnte zurück. Besonders in den 00er und 40er Jahren wurde diese Arbeit zusehends größer. Geographisch gesehen, folgte diese Arbeit dem Flüchtling in die neue Heimat — nach Frankreich ,England und Latein-Amerika, nach USA, Kanada und, für eine kurze Zeit, sogar nach China. Das teuerste Projekt von ORT zur Wiedereinordnung von Flüchtlingen wurde in den D. P. -Lagern durchgeführt. Es begann unmittelbar nach dem Einmarsch der Alliierten in Westeuropa. Daraus entwickelte sich ein Programm, das zuletzt für die Berufsausbildung von über 00.000 Personen sorgte. Trotz großer Schwierigkeiten, die sich aus den in den Lagern herrschenden Verhältnissen ergaben, wurde diese Arbeit von der Internationalen Flüchtlingsorganisation (IRO) als die am meisten benötigte Art konstruktiver Wiedereinordnung begrüßt. Ein kleines Vermächtnis des Zweiten Weltkrieges ist verblieben: ORT hilft weiter allen denjenigen, die dieser Förderung noch bedürfen. Einige Zeit, nachdem die DPs. ausgewandert waren, hatte es den Anschein, als ob nur ein winziger Rest der großen Flüchtlingswehe unter der Obhut von ORT verbleiben würde. Dies erwies sich jedoch als il'usorisch. Im Jahre 105(5 hatte der Aufstand in Ungarn die Auswanderung von 10.000 Jud n zur Eolge. Österreich wurde zum Bren ipunkt der siark erweiterten ORT-Arbeit für ungarische Flüchtlinge. Diese begannen in andere Länder auszuwandern. Jedes neue Jahr im Bestehen des Staates Israel hat einen wesentlichen Zustrom von Menschen aus vielen Ländern mit s ch gebracht. Zehntausende Juden aus Nordafrika sind nach Frankreich und anderswohin ausgewandert. Die Repatriierung polnischer Juden aus Rußland und deren Weiterreise nach Israel haben stattgefunden. So wird wohl die jüdische Wanderung noch lange Zeit weitergehen. österreichische ORT Vereinigung Mrs. Joseph Gayl, die Präsidentin der Wornens American ORT und 4 Präsidialmitglieder der WAO, Mrs. Irving Roth, Mrs. Jerome Myerson, Mrs. Charles Feinsan und Mrs. Arthur Ma pet besuchten auf ihrer Tour durch Europa, die ORT - Schule in Wien, wo sie von den Lernerfolgen der Schüledie besten Eindrücke empfingen. Die Leitung der österreichischen ORT gab einen Empfang in den Räumen der ORT für die Damen. In der Diskussion sind die wichtigsten Probleme unserer ORT- Tätigkeit erörtert und Pläne für die weitere Tätigkeit der österreichischen ORT - Vereinigung ins Auge gefaßt worden. Die Damen verabschiedeten sich vom Komitee voll des Lobes für seine selbstlose und fruchtbringende Tätigkeit. Warum ich nicht den Shylock spiele Der weltbekannte Schauspieler Orson Weites hat seinen Auftritt als „Kaufmann von Venedig", der in London geplant war, abgesagt. Hier legt er die Gründe dar, die ihn zu diesem Entschluß veranlaßt haben. Mein ganzes Leben lang habe ich mir gewünscht, einmal den Shylock zu spielen, und mein ganzes Leben lang hat ein Mensch namens Hitler es mir unmöglich gemacht. Anstatt hier zu sitzen und dies zu schreiben, hätte ich eigentlich in London Shakespeares „Kaufmann von Ve nedig" spielen sollen. Aber in Köln ist etwas geschehen, was mich veranlaßt hat, meine Pläne zu ändern. Ein Wort wurde an die Tür einer Synagoge geschmiert, und in der ganzen Welt verdunkelte Abscheu und Empörung unsere Weihnacht. überall brachen die Schmierereien und Kritzeleien au. wie der bösartige Ausschlag einer Krankheit. Wir sagten uns, daß ein Mensch, der schmutzige Worte an Kirchen oder Grabsteine schreibt, ein bedauernswerter Psychopath sei. Aber als die Pest wuchs, erinnerten wir uns der Jahre, in denen ein solcher Psychopath der Herr Europas war. Jedes anständige Mitglied der menschlichen Familie hofft und betet, daß dieses Fieber nur oberflächlich und unbedeutend sein möge. Ganz gewiß sind meine eigenen Theaterpläne ganz und gar unwichtig. Aber vielleicht rühren die Gründe, die mich zwingen, sie zu ändern, doch an Dinge, über die zu reden sich lohnt. Jeder Schauspieler hat, glaube ich, eine Rolle, von der er träumt. Sehr oft handelt es sich um eine Shakespeare- Rolle, einfach deshalb, weil er die besten und interessantesten Rollen geschrieben hat, die es gibt. Ich weiß nicht, wie viele Menschen gern Hamlet spielen möchten, aber es müssen enorm viele sein. Ich selbst habe nie das Verlangen noch die Figur gehabt, den düsteren Dänen zu spielen. Meine Traumrolle ist Shakespeares Jude. Ich bin Christ, aber ich habe immer eine spezielle Sympathie für Shylock gehabt und mir gewünscht, diese Sympathie einem liebenden Publikem mitteilen zu können. Dieser Traum geht bis in meine Kindheit zurück oder doch bis zu der Zeit, in der ich aufhörte, mich in meinen Träumen als Rob Roy und Ivanhoe zu sehen. Alle Kinder beginnen ihr Leben als Schauspieler. Aber der Ehrgeiz paßt sich der alltäglichen Realität an, verlagert sich von Glanz und Gloria auf Lohn und Renten, und das Handeln vollzieht sich in einer Welt des Brätes, der Erdäpfel und der Zahnarztrechnungen. Es gibt sehr viele Heldinnen in dieser Welt, aber sehr wenige Märchenkutfcchen. Es gibt viele Helden, aber keiner von ihnen trägt eine schimmernde Tracht. Ausgenommen die Schauspieler. Die ganze Phantasie der Kindheit erstreckt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.