Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1960
- Issue
- Heft 114 (März 1960)
- Date
- 1960-03-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 DIE STIMME Bekanntlich wurde bei einem Prozeß gegen deutsche Polizisten in Berlin, Polizeirat Dr. Ratzesberger in Zusammenhang mit Judenerschießungen im Jahr 1942 genannt. Eine bereits einmal erfolgte genaue Überprüfung ergab jedoch keine strafbaren Tatbestände. In diesem Zusammenhang fragen wir den Herrn Bundesminister Afritscn, weshalb der Öffentlichkeit nicht bekanntgegeben wird, worin die Tätigkeit des Polizeirates Dr. Ratzesberger, als er in Diensten Hitlers stand, sich erschöpfte und welche Auszeichnungen seine Brust schmückten. Seltsame Forderungen Wien (IPN) In Ausführung der Beschlüsse der Lan J .stagung des niederösterreichischen Kameradschaftsbundes wandte sich dieser an den Österreichischen Gewerkschaftsbund mit dem Ersuchen, künftighin in den Zeitschriften des Gewerkschaftsbundes die Wehrmacht Hitlers nicht zu diffamieren und keinerlei Angriffe gegen die Frontsoldaten des zweiten Weltkrieges aller Waffengattungen (SS war die IV. Waffengattung) in ihren Zeitschriften zuzulassen. Das war der Tenor einer Resolution, die durch 500 Delegierte auf der am 8. Dezember v. J. im Landhaus Wien stattgefundenen Tagung im Namen von einigen hunderttausend Soldaten (heute Mitglieder und auch Funktionäre des österreichischen Gewerkschaftsbundes) beschlossen wurde. Diese Resolution wurde einstimmig gefaßt. Hervorzuheben wäre noch, daß die Delegierten — trotz dem bevorstehenden Verbot — bei der Tagung ihre Kriegsauszeichnungen mit dem Hakenkreuz getragen haben. Kriegsverbrecher gesucht! Helfet mit! Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Waldshut (Bundesrepublik Deutschland) führt ein Ermittlungsverfahren wegen vielfachen Mordes, begangen durch Richard Dyga aus Königshütfe an Juden im Zwangsarbeitslager Jezierna bei Tarnopol, Distrikt Lemberg. In diesem Lager waren ausschließlich jüdische Häftlinge untergebracht. Die meisten der Inhaftierten stammten aus Jezierna oder aus dem Gebiet von Tarnopol. Es wurden aber in das Lager auch Häftlinge aus anderen Teilen Galiziens gebracht. Zunächst ist die Feststellung wichtig, ob überlebende aus dem Zwangsarbeitslager Jezierna bei Tarnopol existieren. Ihre Anschriften sind der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Waldshut unter dem Aktenzeichen 1Js8658/59 mitzuteilen. Beisetzung österreichischer Naziopfer in Belgrad Wir entnehmen dem Nachrichtendienst der Israelitischen Kultusgemeinde nachstehenden Bericht: Ende 1030: Mehr als 800 Wiener und österreichische Juden glauben sich nunmehr vor dem Würgegriff der nationalsozialisfen Mörder befreit. Sje haben die Bewilligung zur Ausreise nach Palästina bekommen. Allerdings ist das ein „illegaler Transport", da das englische Permit nicht vorhanden ist. Zuversichtlich besteigen sie ein Donauschiff, welches langsam stromabwärts fährt. Irgendwo im Schwarzen Meer soll die Weiterreise mit einem Schiff nach Palästina erfolgen. Das Schicksal jedoch will es anders. Der Transport wird in Jugoslawien aus undurchsichtigen Gründen aufgehalten. War die Ustascha schon am Werk? Aber es kommt noch ärger. Hitler fällt in Jugoslawien ein. Nun ist das Schicksal dieses Transportes beiegelt. Dje Unglückseligen, die über ein Jahr lang auf dem Schleppschiff gehalten worden waren, werden nach Sabac gebracht und dort in einem Sumpfgelände im Oktober 1941 erschossen, nachdem sie sich vorher selbst die Gräber ausheben mußten. In verständnisvoller Zusammenarbeit zwischen der Föderation der Jüdischen Gemeinden in Belgrad und der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde wurden nun in Sabac die Gebeine der Märtyrer enterdigt und am 27. Dezember 1959 in 20 Särgen auf dem Belgrader jüdischen Friedhof beigesetzt. An der Beisetzung unserer Märtyrer in Belgrad nahm der Wiener Kultusvorsteher Herr Dr. Anton Pick, als Repräsentant der Wiener Kahila, teil. Ein Massengrab mit den Leichen von 143 Frauen, die im Nazikrieg Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft wurden, ist in einem Wald bei Wejherowo, an der polnischen Ostküste entdeckt worden. Nach Aussagen der örtlichen Bevölkerung sollen die Frauen im Winter 1944-45 in einer Gruppe von insgesamt 400 Polinnen und Ungarinnen aus dem Konzentrationslager Stutthof in die Gegend von Wejherowo transportiert und in den ausgedehnten Wäldern des Gebietes zumeist durch Schüsse in den Hinterkopf umgebracht worden sein. Demonstrative deutsche Haltung ln Bergen-Belsen kamen 22.500 Juden um. Konrad Adenauer demonstrierte gegen die jüngsten Schmieraktionen, indem er zusammen mit dem Präsidenten des jüdischen Weltkongresses, Dr. Nahum Goldmann, die Gedenkstätte besuchte, eie sich an Stelle des einstigen Konzentrationslagers befindet, und einen Kranz für die Opfer niederlegte. Gewiß gibt es in der Bundesrepublik Deutschland so manches, was an die Vergangenheit gemahnt. Neben solchen Paläonazismus gibt es auch Züge von Neonazismus. Aber das offizielle Deutschland hat in den letzten Wochen immer wieder mit obstinater Vehemenz gegen Nazismus und Antisemitismus Stellung bezogen —■ und es ist kein Zweifel, daß die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes hinter diesen Kundgebungen steht. Die demonstrative deutsche Haltung könnte manchem Land zum Beispiel dienen. In einer Predigt in der Ost-Berliner Marienkirche bezeichnete der Bischof von Berlin-Brandenburg, D. Dr. Otto Dibelius, den wiederauflebenden Antisemitismus als eine Schande für das deutsche Volk. Er bekannte sich entschieden zu der von der Berlin-Brandenburgischen Synode verabschiedeten Erklärung, in der der Judenhaß als offenkundige Gottlosigkeit bezeichnet wird. Während der Verfolgungen der Juden im Nazireich habe es, so erklärte Dibelius, nur noch das Gebot gegeben, den Verfolgten zu helfen und sich zu ihnen zu bekennen. Telegramm von Bundespräsident Lübke an Dr. Goldmann Bundespräsident Dr. Heinrich Lübke, richtete an Dr. Nahum Goldmann nach Bergen-Belsen ein Telegramm, in welchem er seine Verbundenheit mit allen Teilnehmern an der Totenehrung erklärte. U. a. heißt es: „Mit Ihnen