Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1960
- Issue
- Heft 114 (März 1960)
- Date
- 1960-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME nebulösen Erklärungen der Bereitschaft zum Handeln. Aber Maßnahmen wurden nicht ergriffen um die wirklich schuldigen Nazi - Hintermänner zu eruieren und sie zur Verantwortung zu ziehen. Wir halfen so weif, daß jüdische Institutionen in Wien von der Polizei permanent bewacht werden, um Nazictnschläge zu vereiteln. Wir heben eine Erklärung des Innenministers Afritsch hervor, die darin gipfelt, daß gegen Schmierer der nazistischen Parolen in Österreich mit schärfsten Maßnahmen vorgegangen werden wird. Diese Erklärung gab der Minister am f>. Jänner HMiO ab. Ist es möglich, daß den Worten des AAmisfers bis heute nicht die Tat gefolgt ist? Ohne Zwei'd sind der Polizei ehemals prominente Nazis, die n Österreich leben, bekannt und es fiele der Sicherheitsbehörde nicht schwer, sie einzuvernehmen, wodurch etwas Licht in die bisher unerforschten Missetaten käme. Unseren Regierungsmitgliedern sei ins Stammbuch eine Warnung geschrieben, die Dr. Nahum Goldmann, anläßlich einer Pressekonferenz, die in Bonn abgehalten wurde, an die Öffentlichkeit gerichtet hat: Gefährlich ist nicht, was heute die Nazi treiben, sondern was werden könnte. Diese Gefahr ist für die Welt größer als für die Juden! Die Iskulf - Presse sandte ein Zirkular aus, mit den Ttiel: „Wie die braune Saat aufgegangen ist". Darin heißt es u. a.: „Man hat in Österreich in vielen Zeitungen und in politischen Äußerungen oftmaU gegen die Juden gewettert, gehetzt; zu einer direkten Aktion wurde jedoch bisher nicht aufgerufen. Aus dieser Tatsache wollten viele den Gedanken ableiten, daß es in Österreich überhaupt keine Gruppe gibt, die sich Ziele des Dritten Reiches und ihr Programm zu eigen machte. Seit 1948 spukt dieses Zeichen in den Köpfen all jener, die in der Nazizeit aus dem geistigen und materiellen Nichts zu einer Herrlichkeit emporgestiegen und dank großzügiger Amnestien und einer Mitleidskampagne ungeschoren geblieben waren. Sie träumen wieder von politischer Macht. Nazistische Untergrundbewegungen exestieren hier schon lange, bis sie unter dem Deckmantel einer politischen Parole „Innere Befriedung" wieder an das Tageslicht kommen und unter Ausnützung des Vereinsgesetzes bei entsprechender Verschleierung die politische Ebene betreten konnten. Unsere Regierung schwieg und die Nazis konnten ihre Willkür an uns Juden austoben. Ein Jahr bevor die aufbrechende Barbarei und Schmiererei in Deutschland und in der ganzen Welt einsetzte, suchten die von der Nazizentrale ausgesendeten Bjben den Sitz unseres Zionistischen Landesverbandes in der Universitätsstraße 4 heim und besudelten die Hauswände rnit Hakenkreuzen und mit unflätigen Sprüchen. Nicht genug damit, werden wir oft von Nazis telefonisch belästigt und mit Schimpfworten belegt. Die vom Zionistischen Landesverband bei der Polizei erstattete Anzeige, blieb erfolglos. Organe der Staatspolizei versicherten uns allerdings, daß die Recherche weitergeht. Die Schergen des tausendjährigen Reiches, ihre hintergründigen Organisationen, halten sich bereit, zu zerstören, verheeren, vernichten, sengen, brennen, schädigen, betrügen, ärgern und zu belästigen, ohne daß man nach ihrem Lebenszenlrum fahndet. Anscheinend fehlt hier die Erkenntnis, die Schuld an uns Juden abzutragen. Viel zu stark ist man in Eigensucht cingekapselt und es . cimmort nicht bei der österreichischen Bevölkerung die Erkenntnis auf, daß ein Teil der Österreicher an der entsetzlichen Blutschuld für die ermordeten Juden mit die Verantwortung trägt. So läßt es die Hohe Finauzbehörde in Österreich dabei bewenden, daß Haß und Argwohn gegen Juden in diesem Lande ciufkommf und rührt nicht einen Finger gegen die böswillige Verbreitung der Mär, daß die jüdischen Bürger Österreichs Id Jahre lang völlige Steuerfreiheit genießen. Die Nazis verwandeln damit die Wirklichkeit nach eigenem, schimpf liehen Willen in rohe Exaltation, die sie gegen Juden heimtückisch lenken. Am Iß. Jänner IIMiO schrieb die angesehene katholische Zeitschrift „Die Furche" folgendes: „Das Elaus der österreichischen Demokratie steht leer. Warum steht es leer? Weil es seit Jahren von hoher und höchster Stelle an der nötigen Obsorge mangelt, das zu tun, was dem Aufbaj und der Entwicklung eines gesunden österreichischen und demokratischen Freiheitswillens dienlich ist, und dem energisch entgegenzutreten, was diesem widerstrebt. Wenn es irgendwo galt, in den letzten Jahren sich zu den Männern des österreichischen Widerstandes zu bekennen, verkrochen sich Männer des Staates und der Regierung, ließen sich, mit wenig Ausnahmen, nicht sehen; erschienen aber überall do.t, wo Verbände und Vereine ihre Feste, Feiern und Gedenkkundgebungen veranstalteten, deren Bekenntnis zur Freiheit Österreichs und der Demokratie sehr zu bezweifeln ist. Gewiß! wir sind vielleicht etwas besser daran, als in Wesfdeutschland, wo ein imposantes Führerkorps beginnend rnit Ministern, höchsten Beamten, Richtern, bis hinab zu den Volksschuilehrern, dem Nazismus entstammt. Wir sind andererseits viel schlechter da^an als unsere deutschen Freunde; denn in Deutschland werden die Dinge beim Namen genannt. Hierzulande legt sich tückisches Schweigen über jede Erhellung unserer wirklichen Situation. Also blüht der Weizen der ewigen Gestrigen, geduldet von manchen höchsten Beamten, von Männern der hohen Schule, in Gymnasien, in Verbänden. Gefördert aber vor allem durch das undemokrcilische und unösterreichische Verhalten im täglichen, im öffentlichen Leben." Aus dem Ventil der Nazis entweichen todbringende Abgase, die man schnell verscheuchen muß, bevor es zu spät wird. Dem schwelenden Antisemitismus muß man mit entschiedener Schärfe, durch Gesetz, entgegentreten. Die regierenden Kreise in Österreich dürfen die Verseuchung der Jugend mit Nazigift nicht zulassen. In den Schulen muß Zeitgeschichte getrieben werden mit dem Ziel, die Jugend aufzuklären, daß die Freiheit, die Menschenwürde und Menschenrecht die höchsten moralischen Güter sind. Die Jugend müsse über die Untaten der Schergen des tausendjährigen Reiches unterrichtet und derart gelenkt werden, daß es die These des Dichters Schiller ernstlich befolge: „Das erste Gesetz ist: schone die fremde Freiheit. Das zweite Gesetz ist: zeige selbst Freiheit." Es ist traurige Tatsache, daß man es sowohl in Deutschland als auch in Österreich geflissentlich vermeidet, der Jugend von der Geschichte der Jahre von lfKJß bis 1945 zu erzählen und sie darüber zu belehren, wieviel Unheil der Nazismus über die Menschheit gebracht hat, durch Ausrottung, Gas, Seuchen, Hunger und Krieg. Fortsetzung Seite 4