Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1959
- Issue
- Heft 113 (Oktober 1959)
- Date
- 1959-10-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME 13 In den Worten „eine schöne Jüdin" liegt eine ganz besondere sexuelle Bedeutung ,cjanz anders als in den Worten „schöne Rumänin", „schöne Griechin", „schöne Amerikanerin". Es gehl von ihnen ein Hauch von Massaker und Vergewaltigung aus. Die schöne Jüdin ist die, welche die Kosaken an den Haaren durch ihr brennendes Dorf schleifen. Die Literatur, die sich in Schilderungen von Auspeitschungen spezialisiert, räumt der Jüdin einen Ehrenplatz ein. Aber man muß nicht die pornographische Literatur durchstöbern; von der Rebekka aus „Ivanhoe" bis zur Jüdin von „Gilles", mit Umgehung derer von Ponson du Teirail, haben die Jüdinnen in den ernsteren Romanen eine sehr eindeutige Funktion. Häufig vergewaltigt und grausam geschlagen, gelingt es ihnen manchmal, durch den Tod mit knapper Not der Schande zu entgehen, und jene, die ihre Tugend behalten, sind die fügsamen Mägde oder die gedemütigten Liebenden gleichgültiger Christen, die Arierinnen heiraten. Ich glaube, das genügt, um die Rolle der Jüdin im Folklore zu charakterisieren. Zerstörer von Beruf, „keuscher" Sadist, ist der Antisemit im Grunde seiner Seele ein Verbrecher. Was er wünscht und plant, ist der Tod des Juden. Natürlich schreien nicht alle Judenfeinde am hellichten Tag nach seinem Tod, aber die Maßnahmen, die sie vorschlagen und die alle seine Erniedrigung, Demütigung und Verbannung bezwecken, sind ein Ersatz für den Mord, den sie im Sinn haben. Es sind symbolische Morde. Jedoch der Antisemit hat ein reines Gewissen, er ist Verbrecher für die gute Sache. Es ist nicht seine Schuld, wenn er ausersehen ist, das Böse durch das Böse zu vernichten. Ein jüdischer Arbeiter in seinem Bergwerk, auf seinem Wägelchen, in seiner Gießerei wird vergessen, daß er Jude ist. Ein jüdischer Kaufmann kann es nicht vergessen. Wenn er die tätigen Beweise seiner Selbstlosigkeit und seiner Ehrlichkeit vertausendfacht, wird man ihn vielleicht einen guten Juden nennen. Aber Jude ist und bleibt er. . Wenn man ihn ehrlich oder unehrlich nennt, weiß er zumindest, woran es liegt, und kann sich der Handlungen entsinnen, denen er diese Benennungen verdankt. Aber wenn man ihn Jude nennt, so verhält es sich ganz anders, es handelt sich in diesem Fall nicht um einen besonderen Umstand, sondern um eine bestimmte AI - I ii r e, die all seinem Tun und Lassen anhaftet. Man hat ihm eingetrichtert, daß ein Jude jüdisch denkt, schläft, trinkt und ißt, auf jüdische Art ehrlich oder unehrlich ist. Sind wir uns unserer Lebensform bewußt? Wir sind zu sehr mit uns selbst verwachsen, um uns objektiv zu betrachten. Aber im Leben des Juden taucht eines schönen Tages das Wörtchen „Jude" auf und verschwindet nie wieder. Manche Kinder wehren sich schon im erslen Schuljahr mii Fausf schlagen, wenn die Kameraden sie „Judenfratzen" nennen. Andere hält man lange in Unkenntnis ihrer Rasse. Aber wie immer, müssen sie doch eines Tages die Wahrheit erfahren, manchmal durch das bedeutsame Lächeln der Umgebung, ein anderes Mal durch ein Gerücht. Je später die Entdeckung, desto schwerer der Schock; plötzlich bemerken sie, daß die anderen etwas von ihnen wußten, was sie nicht wußten, und daß man sie mit einem verdächtigen, unheimlichen Namen nennt, den man daheim nicht gebraucht. Sie fühlen sich abseits, aus der Gesellschaft der Kinder cusgestoßen, die ruhig spielen und umherlaufen und die keinen besonderen Namen haben. Sie kommen nach Hause, sehen ihren Vater an und denken: „Ist er auch ein Jude?" Und der Respekt vor ihm ist vergiftet. Der Antisemit ist ein Mensch, der Angst hat. Nicht vor den Juden, vor sich selbst, vor seiner Willensfreiheit, seinen Instinkten, seiner Verantwortung vor der Einsamkeit und vor jedweder Veränderung, vor der Welt und den Menschen vor allem — außer vor den Juden. Er ist ein uneingestandener Feigling, ein Mörder, der seine Mordsucht verdrängt und kennt, ohne sie zügeln zu können, und der es doch nur wagt, bildlich oder in der Annonymität der großen Masse zu töten, ein Unzufriedener, der aus Angst vor den Folgen seiner Auflehnung es nicht wagt, sich aufzulehnen. Wenn er sich zum Antisemitismus bekennt, so nimmt er nicht einfach eine Meinung an, sondern begeht einen Akt der Selbstbestimmung. Er wählt für sein Ich die Undurchdringlichkeit des Felsens, die völlige Unverantwortlichkeit des Soldaten, der seinen Vorgesetzten gehorcht; er aber hat keinen Vorgesetzten. MAX FRISCH-. Z)ee aMfoa&M&cUe jüde ln Andorra lebte ein junger Mann, den man für einen Juden hielt. Zu erzählen wäre die vermeintliche Geschichte seiner Herkunft, sein täglicher Umgang mit den Andorranern, die in ihm den Juden sehen: das fertige Bild, das ihn überall erwartet. Beispielsweise ihr Mißtrauen gegenüber seinem Gemüt, das ein Jude, wie auch die Andorraner wissen, nicht haben kann. Er wird auf die Schärfe seines Intellekts verwiesen, der sich eben dadurch schärft, notgedrungen. Oder sein Verhältnis zum Geld, das in Andorra auch eine große Rolle spielt: er wußte, er spürte, was alle wortlos dachten; er prüfte sich, ob es wirklich so, in der Tat, er dachte stets an Geld. Er gestand es; er stand dazu, und die Andorraner blickten sich an, wortlos, fast ohne ein Zucken der Mundwinkel. Auch in Dingen des Vaterlandes wußte er genau, was sie dachten; sooft er das Wort in den Mund genommen, ließen sie es liegen wie eine Münze, die in den Schmutz gefallen ist. Denn der Jude, auch das wußten die Andorraner, hat Vaterländer, die er wählt, die er kauft, aber nicht ein Vaterland wie wir, nicht ein zugeborenes, und wie wohl er es meinte, wenn es um andorranische Belange ging, er redete in ein Schweigen hinein, wie in Watte. Später begriff er, daß es ihm offenbar an Takt fehlte, ja, man sagte es ihm einmal rund heraus, als er, verzagt über ihr Verhalten, geradezu leidenschaftlich wurde. Das Vaterland gehörte den andern, ein für allemal, und daß er es lieben könnte, wurde von ihm nicht erwartet, im Gegenteil, seine beharrlichen Versuche und Werbungen öffneten nur eine Kluft des Verdachtes; er buhlte um eine Gunst, um einen Vorteil, um eine Anbiederung, die man als Mittel zum Zweck empfand, auch dann, wenn man selber keinen möglichen Zweck erkannte. So wiederum ging es, bis er eines Tages entdeckte, mit seinem rastlosen und alles zergliedernden Scharfsinn entdeckte, daß er das Vaterland wirklich nicht liebte, schon das bloße Wort nicht, das jedesmal, wenn er es brauchte, ins Peinliche führte. Offenbar hatten sie recht. Offenbar konnte er