Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1959
- Issue
- Heft 113 (Oktober 1959)
- Date
- 1959-10-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 DIE STIMME JEAN PAUL SARTRE Die Sünde des Aniisemiilsmus Wenn jemand cicis Unglück seines Vaterlandes und sein eigenes /Ai <'ge .deck, cjcmz oder teilweise, den jiidis'hen fdemonlen in de. (;emeins<- hafl zuschreibt, wenn er diesem /usland rladurcn abhelfen will, daß man die Juden gewisser Rr rhle beraubt, daß man sie von ge wissen wirtschaftliehen und gesellschaftlichen Funktionen ausschließl, daß man sie aus dem Lande verjagt oder samt und sonders ausrottet, so sagt man, er halse cintisemitische ,,Ansichten". Das Wort „Ansichten'’ gibt zu denken. Die Dame des Hauses gebraucht es, um eine Diskussion abzuschneiden, die auszuarten droht. Fs soll bedeuten, daß alle Meinungen gleichgültig sind; es beruhigt und nimmt den Gedanken den beleidigenden Ausdruck, weil es sie zu einer Geschmackssache macht. Jeder Geschmack ist etwas Natürliches, alle Ansichten sind erlaubt; über Geschmack, Farben und Ansichten streite! man nicht. Im Namen der Demokratie, im Namen der Gedankenfreiheit maßt der Antisemit sich das Recht an, überall den Kreuzzug gegen das Judentum zu predigen. Dabei haben wir uns seit der Großen Revolution eine analytische Anschauungsweise angewöhnt, das heißt, wir sehen jedes Ding ctls etwas Zusammengesetztes, das man in seine Bestandteile zerlegen kann. Wir sehen Menschen und Charaktere v/ie Mosaiken, deren einzelne Steinchen nebeneinctnder bestehen, ohne daß dieses Nebeneinandet ihr inneres Wesen beeinträchtigt. So erscheint uns die antisemitische Gesinnung als Molekül, das man mit was immer für anderen Molekülen kombinieren kann, ohne daß es sich verändert. Somit kann jemand ein guter Gatte und Vater, ein Musferburger, hochgebildet, ein Philanthrop und anderseits ein Antisemit sein. Er kann die Freuden der Liebe und die Freuden des Angelsports lieben, in religiösen Dingen tolerant, voll großmütiger Ideen über die Lebensbedingungen der Eingeborenen Zentralafrikas sein und anderseits die Juden verabscheuen. Wenn er sie nicht mag, sagt man, so nur deshalb, weil seine Erfahrungen ihn gelehrt haben, sie seien schlecht, weil die Statistiken bewiesen haben, sie seien gefährlich, und weil gewisse historische Faktoren sein Urteil beeinflußt haben. Demnach ist diese Ansicht scheinbar nur auf äußere Ursachen zurückzuführen, und wer sie studieren will, beschäftigt sich gar nicht mit der Person des Antisemiten, sondern lediglich statistisch mit dem Prozentsatz der im Jahre 1914 mobilisierten Juden, dem Prozentsatz der Juden unter den Bankiers, den Industriellen, den Ärzten und den Anwälten, oder auch mit der Geschichte der Juden in Frankreich seif ihren Anfängen. Das ergäbe scheinbar eine streng objektive Sachlage mit einer ebenso streng objektiven Sinnesrichtung, die sie Antisemitismus benennen und die sie graphisch darstellen können, um die Variationen von 1870 bis 1944 zu registrieren. Somit ist de.' Antisemitismus scheinbar ein rein subjektiver Geschmack, der mit anderen Geschmacksrichtungen zusammen die Persönlichkeit ausmacht, und gleichzeitig ein soziales Phänomen, das man iri Ziffern und Durchschnittszahlen ausdrücken kann, und das durch wirtschaftliche, geschichtliche und politische Gegebenheiten bedingt ist. Ich sage nicht, daß diese beiden Auffassungen einander unbedingt widersprechen. Ich sage, sie sind gefährlich, ich sage, sie sind falsch. Ich gebe gerade noch zu, daß man über die Weinbnupolitik der Regierung ■.eine eigene Meinung haben kann, das heißt, daß man nach reiflicher Überlegung die Weineinfuhr aus Algier billigt oder nicht, weil es sich in diesem Fall darum handelt, seine Meinung über eine Vci wciltungsmaßncihme abzugeben. Aber ich weigere mich, einen Lehrsatz Meinung zu nennen, der es ausdrücklich auf bestimmte Wesen angesehen hat und dessen Tendenz es ist, sie ihrer Rechte zu berauben oder sie auszurotten. Der Jude auf den der Antisemit abzielt, ist nicht ein schematisches Wesen, lediglich durch seine verwaltungsrechflichen Funktionen oder durch sein Bürgerrecht charakterisiert. Er ist Jude, Sohn jüdischer Eitern, an seinem Äußeren, seiner Haarfarbe, vielleicht an seiner Kleidung und angeblich an seinem Charakter erkennbar. Der Antisemitismus gehört nicht zu jener Art von Gedanken, die vom Recht der Gedankenfreiheit geschützt werden müssen. überdies ist er ganz etwas anderes als ein Gedanke. Er ist vor allem eine Leidenschaft. Gewiß kann er sich in das Gewand theoretischer Vorschläge kleiden. Der gemäßigte Aniisemit ist ein höflicher Mann. Er wird Ihnen voll Sanftmut sagen- „Ich hasse keineswegs die Juden. Icn erachte es nur für ratsam, wenn sie am Leben der Nation geringeren Anteil nehmen." Aber im nächsten AugenbLck, wenn er vertrauter geworden ist, läßt er rieh schon mehr gehen und fugt hinzu: „Schauen Sie ,es muß doch etwas mit den Juden los sein. Sie erzeugen in mir ein physisches Unbehagen." Aber man begreift den Antisemitismus nicht, wenn man nicht bedenkt, daß der Jude, der Gegenstand so vieler Verwünschungen, völlig unschuldig und harmlos ist. Darum bemüht der Antisemit sich auch, Gerüchte von jüdischen GeheimbüncJen und gefährlichen, heimlichen Freimaurereien zu verbreiten. Aber der Jude, den er von Angesicht zu Angesicht sieht, ist zumeist nur ein schwaches Wesen, das nicht für die Gewalt geschaffen, sich nicht einmal verteidigen kann. Der Antisemit kennt natürlich diese persönliche Schwäche des Juden, die ihn mit gebundenen Händen und Füßen den Pogromen ausliefert, und ergötzt sich schon im voraus daran. Auch kann man seinen Judenhaß nicht mit dem Haß der Italiener von 1830 auf die Österreicher oder mit dem Haß der Franzosen von 1942 auf die Deutschen vergleichen. In den besagten zwei Fällen handelte es sich um harte, grausame, überlegene Unterdrücker, im Besitz von Waffen, Geld und Macht, und die den Rebellen mehr Unheil zufügen konnten, als diese auch nur im Traum den anderen hätten zufügen können. In dieser Art Haß ist kein Raum für sadistische Neigungen. Aber da sich für den Antisemiten das Böse in diesen unbewaffneten, so wenig furchterregenden Menschen verkörpert, so gerät er nie in die peinliche Lage, ein Held sein zu müssen. Es ist ein Spaß, Antisemit zu sein. Man kann die Juden furchtlos schlagen und martern, höchstens werden sie die Gesetze der Republik anrufen, uro d.e Gesetze sind milde. — Auch ist die sadistH. e Anziehungskraft des Antisemiten zum Juden so stark, daß man häufig sieht, wie eingeschworene Judenfeinde sich mit jüdischen Freunden umgeben. Gewiß nennen sie sie „Ausnahmsjuden" und erklären, „die sind nicht wie die anderen".