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Die Stimme · 1959-10-01 · Heft 113 (Oktober 1959) · page 14

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Journal
Die Stimme
Volume
1959
Issue
Heft 113 (Oktober 1959)
Date
1959-10-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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14 DIE STIMME Er will nichts erwerben, nichts verdienen, sondern alles in der Wiege vorfinden — aber er isf nicht von Adel. Das Gute soll für ihn fix und fertig, über jeden Zweifel erhaben, unantastbar sein, er wagt nicht, zu ihm auf zublicken, aus Angst, es am Ende bestreifen und nach einem anderen Gutem forschen zu müssen. Der Jude dient liier nur als Vorwand: anderswo bedient man sich des Negers oder des Gelben. Seine Existenz ermöglicht es einfach dem Antisemiten, seine Ängste im Keim zu ersticken, indem er sich davon überzeugt, daß ihm sein Platz an der Sonne von jeher reserviert war, daß er auf itin wartete und daß er das angestammte Recht hat, ihn einzunehmen. Der Antisemitismus ist, kurz gesagt, die Angst, Mensch zu sein. Der Antisemit will ein unerbittlicher Felsen, ein reißender Sturzbach, ein verheerender Blitz — alles, nur kein Mensch sein. Verbrechen an der Menschheit Am 1. September 1939, also vor 20 Jahren zündete der von Syphilis verseuchte, von Wann geblendete Adolf Hitler die ganze Welt an. Ihm zur Seite standen entartete Subjekte, die im bürgerlichen Leben keinen Platz fanden und darauf lauerten, an der Menschheit schauerliche Verbrechen zu begehen, um in Saus und Braus leben zu können. Fünf Millionen Juden und 20 Millionen nichtjüdische Menschen fanden durch Massenvernichtung den Tod, nicht eingerechnet sind Soldaten, die für die Globe Hitlers gefallen sind, und jene, die gegen die nazistischen Verderber kämpfen mußten. Das deutsche Volk wird sich von der Schande nicht reinwaschen können, daß es im Jahre 1933 dem wahnsinnigen Hitler dazu verholten hatte, „Führer" des deutschen Reiches zu werden. Daß der Nazismus den Krieg um jeden Preis wollte, bedarf keines Beweises, denn die anständige Welt wußte, gleich nach der Übernahme der Regierung durch Hitler, daß der Nazismus Krieg bedeutete. Demgegenüber verbreitete der Nazismus die Mär, daß der Führer keinen Krieg wolle, denn er war selbst Frontsoldat und hat die Schrecken des Krieges am eigenen Leib verspürt. Daß dies eine erbärmliche Lüge war, geht schon daraus hervor, daß ein Mann, der Hitler persönlich gekannt und mit ihm zu einem Zeitpunkt Umgang gepflegt, als Hitler in Wien gelebt, sich dem Müssiggang hingab und im Unter.standslosenheim in der Wurlitzergasse Unterschlupf fand, ein Buch veröffentlichte, worin glaubhaft dargelegt wird, daß der „Führer" lange vor dem ersten Weltkrieg eine Syphilis erwarb und für den Frontdienst untauglich war. Seine vorübergehende Blindheit, hing mit der von ihm erworbenen Krankheit zusammen und wurde mit dem Präparat „Ehrlich 606" geheilt. Der Frontdienst Hitlers und das Eiserne Kreuz, mit dem er sich geschmückt hatte, wurde ihm im Jahre 1932 von der 3ande um General Ludendorff fälschlich attestiert. Hitler verstand es, seine westlichen Gegenspieler zu besänftigen, und bereitete hinterlistig den Krieg, genannt „Fall Weiß", vor. Am 24. August 1939 schlossen das bolschewistische Rußland und das nazistische Deutschland einen Nichtangriffspakt ab, nachdem schon am 19. August 1933 ein Wirtschaftsvertrag zwischen den beiden Diktaturen ausgehandelt worden war. Was die ganze Welt für unmöglich gehalten hätte, war Wirklichkeit geworden. Zwei brutale Gesellen fanden sich, und legten den Meineid ab, sich zu lieben. Jetzt gab es kein Hindernis mehr, um Polen „auszuredieren". Nazi fabrizierten einen nie _>tattgehabten „polnischen" Überfall auf den Sender Gleiwifz. Für. dieses verbrecherische Unternehmen befahl man Insassen deutscher Konzentrationslager. Nazi versprach ihnen die Freiheit und steckte sie in polnische Soldatenuniformen. A|s d[e ruchlose Tat vollbracht war, killte man die armen KZler. Am 22. August 1939 hatte Hitler zynisch erklärt: „Ich habe nur Angst, daß mir noch im letzten Augenblick irgenein Schweinehund einen Vermittlungsplan voriegf." Die Geschichte der Menschheit bleibt nicht stehen, die Welt hat, durch den deutschen Nazismus Unfaßbares erlebt. Menschen, die Weltgeschichte rnarhen, müssen sich dessen bewußt sein, daß sie vor dein Weltgericht stehen, das eine etwaige Wiederholung deutscher Untaten nicht ertragen wird. überhaupt nicht lieben, nicht im andorranischen Sinn; er hatte die Hitze der Leidenschaft, gewiß, dazu die Kälte seines Verstandes, und diesen empfand man als eine immer bereife Geheimwaffe seiner Rachsucht; es fehlte ihm und das war unverkennbar, die Wärme des Vertrauens. Der Umgang mit ihm war anregend, ja, aber nicht angenehm, nicht gemütlich. Es gelang ihm nicht, zu sein wie alle andern, und nachdem er es umsonst versucht hatte, nicht aufzufallen, trug er sein Anderssein sogar mit einer Art von Trotz, von Stolz und lauernder Feindschaft dahinter, die er, da sie ihm selber nicht gemütlich war, hinwiederum mit einer geschäftigen Höflichkeit überzuckerte; noch wenn er sich verbeugte, war es eine Art von Vorwurf, als wäre die Umwelt daran schuld, daß er ein Jude ist — Die meisten Andorraner taten ihm nichts. Also auch nichts Gutes. Auf der anderen Seite gab es auch Andorraner eines freieren und fortschrittlichen Geistes, wie sie es nannten, eines Geistes, der sich der Menschlichkeit verpflichtet fühlte: sie achteten den Juden, wie sie betonten, gerade um seiner jüdischen Eigenschaften willen, Schärfe des Verstandes und so weiter. Sie standen zu ihm bis zu seinem Tod, der grausam gewesen ist, so grausam und ekelhaft, daß sich auch jene Andorraner entsetzten, die es nicht berührt hatte, daß schon das ganze Leben grausam war. Das heißt, sie beklagten ihn eigentlich nicht, oder ganz offen gesprochen: sie vermißten ihn nicht — sie empörten sich nur über jene, die ihn getötet, hatten, und über die Art, wie das geschehen war, vor allem die Art. Man redete lange davon. Bis es sich eines Tages zeigt, was er selber nicht hat wissen können, der Verstorbene: daß er ein Findelkind gewesen, dessen Eltern man später entdeckt hat, ein Andorraner wie unsereiner. — Man redete nicht mehr davon. Die Andorraner aber, so oft sie in den Spiegel blicketn, sahen mit Entsetzen, daß sie selber die Züge des Judas tragen, jeder von ihnen. („Heute" Wien)

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