Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1959
- Issue
- Heft 113 (Oktober 1959)
- Date
- 1959-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2431292-2431425-2431429--0881-2432538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE STIMME 7 DR. Z. FINOT TEL AVIV - Traumstadt von Israel (Anläßlich der Eröffnung der Ausstellung) Der August geht bereits seinem Ende entgegen und noch immer umhüllen dje Stadt Tel Aviv glühende Schwaden mit einem feuchten Nebel, der vom Meer ausgeht und sich weit über die Gartenanlagen von Ramat Gan und die Sanddünen hinzieht. Der Schweiß trieft, doch bewegt sich um die Mittagsstunde durch die Hauptsitrja'ßian hastig und polternd eine Menschenmenge, die alle Geschäfte, Kaffeehäuser, Kiosken und Bücherstände mit dem heißen Odem eines sprudelnden, beinahe sich überstürzenden Tempos ausfüllt. Eine Art Londoner,, Oxford Street" en miniature. Tel Aviv! — Der Hügel des ewigen Frühlings! Eine Stadt von etwa 400.000 Einwohnern und den Allüren einer Millionenstadt! Wer die Hauptader der Stadt um die Mittags- oder Abendstunden durchquert und mit staunender Ergriffenheit die ununterbrochene Kette der Autos, Autobusse, die emporschießenden Wolkenkratzer, Prachtbauten, Kinos und überfüllte Kaffeehäuser anstarrt, der muß an ein Wunder der jüdischen Vitalität und Unternehmungsgeistes glauben. Hier wird der Orient von einer stürmischen, vorwärtsstrebenden Generation vollständig verdrängt. Allemby Road, Rothschild Boulevard, Disendofstraße kennzeichnen nur Meilensteine einer stürmischen, beinahe beklemmenden Entwicklung. Eine Kleinstadt nach europäischen Begriffen mit einer Reihe von Museen, erstklassigen Bildergalerien, einem prachtvollen Konzerihaus, einer bereits klassischen hebräischen Bühne und etwa Dutzend anderer Theater sowie an die fünfzehn Tagesblätter und einer im Werden begriffenen Universität, zeugen von einem stürmischen Lebensdrang, der auf den Sanddünen des Mittelmeeres nach neuen sozialen, wirtschaftlichen und künstlerischen Formen einer heimgekehrten Nation ringt. Vorderhand noch ein dampfender, brodelnder Kessel mit allen Vor- und Nachteilen einer werdenden Großstadt . . . II. Tempo! — Tempo! Tempo ist die Parole dieser Stadt. Vor kaum fünfzig Jahren wagten sich einige jüdische Familien aus der uralten Stadt Jaffa in die benachbarten Sanddünen hinaus und begründeten hier eine kleine Siedlung, die aus einer Reihe primitiver Lehm- und Holzhüffen bestand. Eine Art „Sfädtl" nach russischem oder galizischem Muster, dem man gleich den stolzen Namen „Tel Aviv" gab, der nach Sokolows Übersetzung „Altneulands", den utopischen Traum Herzls wachhalten sollte. Als Weck- und Mahnruf künf1iger Siedler! Heute noch wandeln die Begründer dieser Stadt und ersten Siedler als lebende Zeugen eines herrlichen Pioniertums und bestaunen ihr eigenes Denkmal, das ihnen die dankbaren Nachkommen am Rothschild Boulevard errichteten. Tempo ist die Parole und in einem kaum geahnten Tempo wächst diese Stadt. An allen Ecken und Enden wird gebaut und umgebaut. Ganze Straßenzüge und Neubauten erstehen in kaum drei - vier Monaten. Auf Sand und aus Sand mit Eisen und Stahlgerüsten. Dort wo noch gerstern kahle Landstrecken vom Geheul der Schakale widerhallten, werden Häuser modernster Struktur aus dem Boden gestampft und um diese scharen sich blitzschnell neue Geschäfte, Kiosken, Kinos und die unvermeidlichen Kaffeehäuser, die der ganzen Stadt ihr Zeichen aufdrücken. Dieses Tempo zieht auch immer neue Einwanderungswellen in diese Stadt. Da lockt auch die Unruhe und Sucht nach Erlebnissen. Existenzen werden blitzschnell gegründet und ebenso gewechselt. Allzuoft werden Luftschlösser gebaut und allzuoft werden auch Reichtümer in ephemären Gründungen verpufft. Man klammert sich an den Lebensstandart Europas oder gar Amerikas und versucht hiebei krampfhaft, die Grenzen der Kleinstadt und des Kleinstaates durch diese heiße Welle jüdischer Schaffenskraft zu sprengen . . . Es ist das Spiel jüdischer Wirklichkeit, das sich von allen Städten Israels am deutlichsten in Tel Aviv auswirki. Eine Art von Gründer- und Goldrausch, die sich in einer bislang niedergehenden Valuta auszutoben versuchen. Ist es Wirklichkeit oder Fata - Morgana, die das Tempo und Lebensstil der Tel Aviver kennzeichnet? — Einerlei! Diese Generation der heimgekehrten Juden hat in der Galuth alles verloren und kann daher hier alles aufs Spiel setzen. Man rettete sich aus dem Hexenkessel von barbarischer Erniedrigung und nazistischer Verfolgung und lechzt nach neuem Leben in Freiheit und Frohsinn . . . III. Zena! — Zena! Vor wenigen Jahren klang noch dieses Lied, das einst aus Israel in die weite Welt hinausflatterte, als Sinnbild der Tagesnot und Rationierung auf allen Gebieten des Tel Aviver Alltags. Heute isf's ein Wahrzeichen eines Überflusses: Häuser nach modernster Bauart, Geschäftsläden in verlockender Pracht, ein Leuchten und Glitzern und eine brennende Sonne, die alles überstrahlt. Zena--Zena! Wer um die Mittags- oder Abendstunden die prachtvoll ausgebauten Hauptstraßen Tel Avivs durchquert und die halbdekolletierten, von Lebenslust strotzenden Mädchen und Frauen sieht, dem ist die überwundene Not des Alltags nur ein Ausdruck der Freude, Schönheit und Triumph des jüdischen Lebenswillens. Dieser Lebenswille kam erst recht im 50. Jubiläumsjahre nach der Gründung dieser Stadt zum Ausdruck. Ein wahrer Freudentaumel ergriff Alt und Jung. Festlichkeiten, Umzüge, Paraden und Aufmärsche verdrängten in diesem Zeitabschnitt all die Sorgen der Politik, Wirtschaft und auch hart an der Grenze lauernden Gefahren. Nur das Heute gilt und diesem im Schweiß und Blut zweier Generationen in den fünfzig Jahren des Bestandes Tel Avivs erreichten Aufbau gilt die in überströmender Fülle der Kunst, Industrie und Wirtschaft sich ausbreitende Ausstellung. So zieht sich diese Kette von den ersten Siedlern Jaffas bis zu den stolzen Schöpfern ejnes ejnzigoftig unverfälschten jüdischen Großstadtlebens. Tel-Aviv! — Tel-Aviv! — So zieht diese Stadt der Lebenslust und auch des Schaffens die aus allen Weltteilen gestrandeten Juden an. Jerusalem ist wohl die Hauptstadt, doch schlummert sie um diese Stunde in ihrer trägen, uralten Schönheit, während in Tel Aviv sich das Leben in aufschäumender Gier bis zum Meeresstrand ergießt.