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Die Stimme · 1959-01-01 · Heft 110 (Januar 1959) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1959
Issue
Heft 110 (Januar 1959)
Date
1959-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2 DIE STIMME KARL JASPERS: Die Verpflichtung gegenüber Israel Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages Pipers & Co,, aus dem Huch ,,Die Atombombe und die Zukunft". Israel, ein Staat erst seit zehn Jahren, gegründet von Juden, ist von den abendländischen Staaten, auch von Rußland, Indien u. a. anerkannt, ist Mitg'lied der UNO. Aber es ist nicht anerkannt von den umliegenden arabischen Staaten. Sein Dasein und seine Grenzen sind weder von Amerika noch von einer anderen Großmacht garantiert. Israel ist als Heimstätte für Juden begründet durch feierliche englische Zusagen. Es ist als Staat entstanden, als die Engländer 1948 ihr Mandat aufgaben und aus Palästina abzogen, ohne für eine Ordnung nach ihrem Abzug Vorsorge zu treffen. Es blieb den Juden in Palästina nichts anderes übrig, als selbst ihre staatliche Ordnung zu schaffen. Ami selben Tag schon fielen alle umliegenden Araberstaaten über sie her, um sie auszuti,lgen. Es ging für alle Juden in Palästina um Leben und Tod. Ihre Selbstbehauptung gegen Gewalt durch Gewalt hat den Staat in der Wirklichkeit gegründet. Damit ist seine Tatsache da. Rechtliche Überlegungen können nur sagen, daß die Niederlassung der Juden ohne Gewalt erfolgt war, der Landkauf Stück um Stück nach den Gesetzen ohne Betrug und Übervorteilung, ihre Leistung durch Arbeit und Unternehmung erstaunlich wurde. Niemals konnte vor 1948 von Eroberung die Rede sein. Der Zustand aber, der durch einen Krieg geschaffen wird, ist nie durch Recht zu begründen oder zu verwerfen. Er ist da und nunmehr neue Voraussetzung von Rechten. Daß dieser Zustand für die Israeli so ungünstig ist und bleiben muß (weil die Grenzen nur durch Gewalt erweitert werden könnten), beruht auf dem Eingriff der Engländer, die den siegenden Juden mit ihrer Luftwaffe drohten und sie zum Waffenstillstand zwangen, aber keinen Frieden zu errichten vermochten (der einem Israel als Sieger ohne Zweifel gelungen wäre). Die Folge dieses Waffenstillstands war die Unbereitschaft aller arabischen Staaten, Frieden zu schließen, ihr wirtschaftlicher Boykott und die von ihrer Se'ite wachsende Drohung, Israel zu vernichten. Warum aber ist dies alles geschehen? Es war die Folge der Schuld der gesamten Christenheit, in der die Juden durch Jahrtausende immer wieder an Leib und Leben bedroht, beraubt, verjagt, ermordet wurden. Die Tötung von sechs Millionen Juden durch Hitiler-Deutschland machte die Rettung der überlebenden in einer ungewissen Zukunft (in der das gleiche sich anderswo wiederholen könnte) zur Notwendigkeit. Was durch die Schulld Deutschlands und die Mitschuld der großen abendländischen Staaten einschließlich Amerikas geschehen ist, die unumgängliche Selbstbehauptung der verlassenen, mit dem Tod bedrohten Juden im Jahre 1948, bedeutet jetzt eine Verpflichtung des gesamten Abendlandes. Israel hat 1956 reagieren müssen gegenüber ständigen Einfällen von Mordtrupps, gegenüber dem Boykott aller arabischen Staaten, gegenüber dem ägypl ist h'-n Verbot der Fuhrt seiner Schiffe durch den Sue/knnnl, vor allem aber gegenüber den umfangreichen. durch gewaltige russische Waften- I icfo rungen ermöglichten militärischen Vorbereitung-Mi Ägyptens auf der Sinai - I falbinsel. Sie hatten ausgosprochonetmaßen den Zweck, Israel als W:at . u .erlügen, das heißi zugleich die )üdisehe l»evolkimung umzubringen. Keine Macht der Welt hall den Juden in Israel im entscheidenden Punkt, denn keine garantierte Israels Gienzen und keine erzwang den Frieden. Wenn die israelischen Juden nicht kampflos aul ihr Dasein verzichten wollten, mußten sie etwas lun. Die Katastrophe stand bevor. Im Zusammenhang mit partikularen Interessen Englands und Frankreichs schuf Israel durch sein militärisch hervorragendes und politisch maßvolles Handeln eine Lage, die nun, weiter offenbar und dringlich geworden, die Welt vor die Frage stellt: Wird Israel der Frieden gegeben statt des trügerischen Waffenstillstands, und wird diesen- Frieden von den abendländischen Mächten einschließlich Amerikas garantiert? Warum ist diese Frage für das Abendland so bedeutungsvoll, obgleich es sich um ein winziges) Völkchen handelt? Die Juden überall und der Staat, Israel gehören auf eine einzige Weise zum Abendland. Einst haben die Juden durch die biblische Religion dein Abendland die Tiefen aufgeschlossen, aus denen für uns noch in allem Unheil das Lehen möglich, durch die Gottesgewißheit die Menschenwürde unantastbar wurde. Aus Jesus spricht der Jude in seiner überwältigenden Leidenskraft und Liebe, in seiner alle Bande zerreißenden Unbedingtheit, in seiner Gottesgewißheit noch am Kreuze mit dem Psalmwort: ,,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!" Durch das Alte und Neue Testament (das fast ganz von Juden stammt) haben sie das Christentum in die Welt gebracht. Damit haben sie neben den Griechen und Römern den Boden des Abendlandes, aber den festesten und tiefsten Boden gelegt, der alles trägt. Die heutigen Juden sind die Nachkommen derer, die den Schritt zum Christentum paulinischen Charakters nicht taten (Jesus und die Urgemeinde fühlten sich noch als Juden im Gotlesglaubon, der für die Juden längst den universalen Sinn der einen Wahrheit angenommen hatte). Dadurch haben die Juden die unvergleichliche und einzige' Stellung als Gründer des Christentums und als Ausnahme vom Christentum zugleich. Das Dasein der Juden kann jederzeit der Stachel zur Rettung der Seele des Abendländers werden durch ihre Unbequemlichkeit, durch ihre Infragestellung der christlichen Dogmatik, durch die Größe ihres Du’ldens, ihres Opfers (in dem das Schicksal Jesu wirklich wiederholt zu werden scheint, wie es zuerst ihrem Bewußtsein erschien im Knecht Jahves des Deutenjesaias), durch ihre Illusionslosigkeit (die das Unheil der W(elt nicht wegredet in falschem Trost, oder stoischer Starrheit). Hier lebt etwas vom Ursprung des Christentums, der im kirchlichen Christentum oft verschlei- (Fortsetzung auf Seite 12)

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