Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1958
- Issue
- Heft 109 (Dezember 1958)
- Date
- 1958-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME 9 Nachrichten au« Israel FORTSCHRITTE SN ISRAEL Von Prof. Carlo Schmid, Vizepräsident des Bundestages Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Prof. Carlo Schrnid, war zur Gründungsfeier des Staates nach Lrael eingeladen wurden. In dem nachfolgenden Aufsatz schildert er seine Beobachtungen über den Aufbau des neuen Staates. Die Eindrücke, die der Reisende im Lande Israel empfängt, sind üb^r /ülfigend. Dies gilt schon für den Anblick der Dinge, die man vor allem mit den Augen des Technikers oder des Administrators anschaut. Es gilt aber mehr noch von jenen anderen, an denen man erleben kann, was der Mensch nicht ailes aus sich selber zu machen vermag — vielmehr, was aus dem Menschen zu werden vermag —, wenn er sein Leben ganz und gar und ohne Vorbehalt und Rückiriftsmöglichkeit einer Idee anheimgibt. Die technische Leistung des Landes ist für sich allein schon erstaunlich. Was diese Menschen, von denen doch kaum einer je mit Spaten und Hacke umgegangen ist, cus der Wüste, den Steinhalden, den Sumpfniederungen gemacht haben, hält jeden Vergleich mit den größten kolonisatorischen Erlolgen in Europa und Uebersee aus. Wo vor wenigen Jahrzehnten noch Mafariasümpfe ganze Generationen von Siedlern dahinsterben liehen, dehnen sich heute dunkel grünende huchlgü. ten. Wo gestern noch kahle Steinhaiden kaum mehr hei v erbrachten als Disteln« ioinarisken und einige spärliche Oelbäume, erstrecken sich langhin Weinberge, 1 omatenplantagen, Zitrushaine. Bananenbeete, Kornfelder, und alle sind gepflegt wie nur je in den gerühmtesten Gefilden des alten Europa. Das ist das Werk der Siedler und des Wassers, das man in mühseliger Arbeit von weither in mächtigen Rohrleitungen herbeischafft. Es ist das Werk des klugen, überlegenden, sich im freien Dienen verzehrenden Heikes, mit dem die Siedler aus mehr als sechzig verschiedenen Ländern, durch den Glauben an die Verheihung der heiligen Bücher zu einem Volke verschmolzen, diese spiöde Erde zwingen, fast über ihre Kralt zu spenden. Auch der Araber ist fleihig und klug; wo immer ein Fleckchen Humus am Tage lieg!, ptlanzt er an und hegt es; aber er schafft keine neue Ackererde. Die jüdischen Siedler jedoch biechen mit inächligen Hakenpflügen die gewaltigen Sie.nblöcke aus dem Untergründe, zerschlagen sie, schichlen die Trümmer zu 1 errassenmauern auf und heben die Erde, die sie decken, ans freie Licht, wo sie Frucht tragen kann. Am stärksien aber sind die Eindrücke in der Wüste des Negev. Von Beersheba, der Stadt Abrahams, nach Süden sieht sie aus wie der Boden eines Ziegelofens: rostbrauner Staub und gelber Sand über kahlem Felsgestein, das so nackt ist, dah man an den Abstürzen die Faltungslinien aller seiner Schichlen sehen kann wie auf der Schemazeichnung eines geologischen Atlanten. Auch in dieser Wüste wird gesiedelt. Phosphatwerke, Fabriken wurden gebaut; die Kupferminen König Salomos werden neu beirieben, und Jahr für Jahr schiebt man in der Niederung zwischen den steilen Gebirgen das lebendige Grün einige hundert Meier weiter gen Süden, dem Roten Meer zu. Da sieht man freilich noch nicht die lieblichen Haine der Kibbutzim, wie sie am Ufer des Sees Genezareth stehen. Da stehen noch nackt und kahl Wohnstätten, die eher Baracken auf einem Truppenübungsplatz denn Bauernhäusern gleichen, neben Schuppen, die voll Maschinen stehen und aussehen wie Arsenale. Das Leben darin muh unvorstellbar hart sein. Einen dieser Wüsten Kibbutzim hat sich Ben-Gurion, Ministerpräsident und Vater des Vaterlandes, zur Heimstatt erkoren — nicht nur symbolisch; er lebt und arbeitet dort, wann immer er kann. Das alles ist nicht nur durch technische Fertigkeit allein entstanden, auch nicht durch die Erg:ebigkeit der neuen Arten genossenschaftlicher Besiedelung, wie sie mit den Kibbutzim eingeführt worden ist. Ich habe eine Reihe davon besichtigen können: den ältesten Kibbutz.der 1910 gegründet wurde und in dem heute drei Generationen Zusammenleben, um ihre Felder ebenso geschart wie um die Bibliothek und um die Spielplätze der Kinder jüngere Kibbutzim, darin die mystische Gemeinschaftsgläubigkeit der ersten Siedlergeneration schon zweckhafterem Denken Platz gemacht hat; jüngste Siedlungen, deren Ackergrenze mit der Staatsgrenze gegen Syrien zusammenfällt und wo man das Gefühl hat, in einem Feldlager von Bauernkr,egern zu stehen, die das Land an der Grenze gleicher mähen bewachen wie roden und bebauen. Ein freies Volk auf bedrängtem Grunde Als man mich vor dem Rückflug fragte, was mir den gröhten Eindruck gemacht habe, gab ich ohne Zögern zur Antwort: dah ich hier ein echtes Volk habe sehen dürfen, „Volk” in dem Sinne verstanden, in dem es ein Hölderlin einst verstanden hat. Dieses Volk ist keine Masse, kein organisierter Haufen, keine Gesellschaft, die durch das Bewuhtsein gemeinsamen Nutzens zusammengehalten wird, keine blohe Sprachgemeinschaft, kein bloher Abstammungsverband, keine Menge, die durch gemeinsame Gewohnheit und Zwänge zusammengehalten wird — es ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich durch die Identität der Werte, die man zu verwirklichen bestrebt ist, verbunden weih — communi amore consociati, wie es bei Augustinus heiht — und deren Glieder ihr individuelles Streben der Kommunität unterordnen, indem sie sich ihr einordnen. Das macht sie zu den gröhten Opfern fähig, ohne in den Herzen den schalen Geschmack zurückzulassen, dah man um eines Denkbildes willen auf die lieblichen Güter dieser Welt verzichtet habe. Hier kann man die Wahrheit des Wortes erkennen, dah es der Geist ist, der den Körper baut: ich habe kaum je eine schönere Jugend gesehen als die Jugend dieses Landes. Ich kann nicht erklären, warum es so ist, aber es ist so: die jungen Menschen in Israel sehen ihren Eltern kaum mehr ähnlich, nicht einmal was das Physiognomische anlangt. Wer suchen wollte, was man bei uns gemeinhin das spezifisch ,.Jüdische” nennt — bei Israels Jugend wird er es nicht finden! Er gehe nur über den Campus der Universität in Jerusalem, er wandle durch einen Kibbutz, er schaue den Uebungen einer Truppe zu, er stelle sich an die Kais von Haifa . . . Ich habe es erlebt, dah junge Israelis beim Anlick eines der den Staat Israel ablehnenden Orthodoxen (. ■ . erst wenn der Messias gekommen ist, darf es den Staat der Juden geben . .) mich anstiehen und mir zuflüsterten: ,.Schauen Sie den dort an. wie jüdisch der aussieht . . .” Da habe ich wieder einmal begriffen, dah das, was man das spezifisch Jüdische nennt, Eigenschaften sind, die dem Zuwachsen, der unter dem Zwange lebt, sich in einer Umgebung, die ihn für fremd hält, zu behaupten — nicht nur als einzelner, sondern als einer, der nur leben kann., wenn er den Zusammenhang mit anderen gleichen Schicksals aufrechterhält und bekennt. Die Gründungsfeier des Staates Israel zeigte, wie sehr dieses Volk sich als Volk innerhalb der Grenzen des Landes begreift, von dem es neu Besitz ergriffen hat. Es ist