Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1958
- Issue
- Heft 109 (Dezember 1958)
- Date
- 1958-12-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME 7 Das letzte Gastspiel der „Habimah" in Wien Von Z. F. Finot, Jerusalem Eine schwere Wolke von Trübsal und Bedrückung lag über dem letzten Gastspiel der ,,Habimah” in Wien. Diese hebräische Meislorhuppe aus Moskau, die nach mannig» fachen Irrungen und Wirrungen in Tel Aviv vor 30 Jahren gelandet war, hatte bereits in der Stadt des Burgtheaters und Max Reinhards ungewöhnliche Beachtung und eine geradezu enthusiastische Kritik eines Arthur Schnitzler, Beer Hoffman und auch führender österreichischer Kritiker gefunden. Man verstand kaum die hebräische Sprache, doch fesselte die Exotik und eine Glut enthusiastischer Menschendarsteller strömte unwillkürlich in den stets überfüllten Zuschauerraum. Hinter den Masken der agierenden Schauspieler, die aus der Schule Stanislawskis hervorgingen, spürte das in einem weltentfernten Abstand lebende Publikum die Emanation eines neuen, in rauschenden, brausenden, festen Reigen und mystischer Extatik aufblitzenden Judentums. Meisterwerke urjüdischer Dichtkunst wie ,,Der Dibbuk” ,,Der ewige Jude” und „Der Golem” erstrahlten auf dieser improvisierten Wiener Bühne im Glanze einer ungewohnten Schauspielkunst. Diesmal jedoch, in jenen schicksalsschweren Wintertagen des Jahres 1928 sollte es das letzte Gastspiel der ,,Habimah” sein vor dem drohenden Einbruch der braunen Flut. Juden waren es, die das Gastspiel der ,,Habimah” hinlockte. Verschüchtert und gedrückt starrten sie zur Bühne, von der sie eine unsichtbare Wolke von Ahnen und1 Zjtiern zu umhüllen schien. Schauspieler wie die in einer Extase aufzuckende Chanah Rowina, der prachtvolle Rabbi in der Verkörperung eines Meskin und all die anderen Mlerischendcrsteller speien nach gewohnter künstlerischer Art, doch fehlte irgendwie die heibe Welle des Verständnisses und Begeisterung, die Schauspieler und Zuhörer einen Abend lang zu verschmelzen scheinen. Was konnte schon diesen Zuhörern in dieser Stunde Ariskis ,,Dibbuk” bedeuten, da der leibhafte Satan sein Gift nach Wien spritzte? Wie ein Spuk aus fernen Welten dröhnte, da das ,,Mene tekel” des stets wiederkehrenden Wanderers (,,A.4eschutech”) und der erschütternde Schrei der Chana Rowinah klang diesmal hohl und dumpf wie aus dem Inferno. Spürten schon die Schauspieler den Rettungsschrei von hunderttausend Wiener Juden, der unhörbar in den Seelen der Theaterbesucher an diesem Abend widerhalite? Spürten auch die Schauspieler die zehn Jahre bereits sich an den leidenschaftlichen Beifall der Juden Tel-Avivs gehöhnter, die tragische Kluft, die sie plötzlich vom Zuschauerraum des Wiener Judentums trennte? Nahe der Donaubrücke hatten sie ihr Domizil und gerade von den Fenstern dieses Domizils sahen sie zum ersten Mal die johlenden und wutschnaubenden Wiener Nazi, die mit dem Schrei ,.Juda verrecke” sich vom Schottenring über das Judenviertel Leopoldstadt wie eine Sintflut wälzten. So unterbrach die ,,Habimah”. nach kaum einigen lagen, das Gastspiel und in tiefer Düsterkeit erklangen die: Abschiedsworte der führenden Juden Wiens, die den heimkehrenden Mitgliedern der lei Aviver Truppe galten. Wie verwaist kam man sich plötzlich in der Wienerstadt vor, da man, vor der Abreise, einer Handvoll Abgesandten aus Erez Israel gegenüber stand. Wie beneidenswerte Sendlinge einer weiten, freien Welt kamen sie uns in dieser Abschiedsstunde vor und als gerade an diesem Abend die Kunde von der Eröffnung eines neuen Hafens in Tel Aviv einlangte, erschien uns diese Kunde wie ein leuchtender Meteor aus einer weiten, weiten Ferne . . Tel Aviv! — Tel Aviv! Da stand am Bahnhof gramgebeugt und in schicksalsschwerer Vorahnung ein Häuflein Wiener Juden und die Schauspieler der ,,Habimah”. Die einen zogen in die Freiheit, die anderen verspürten erst recht das heranrollende Unglück und die Schändung der Menschheit! So ward dieses letzte Gastspiel der ,,Habimah” in Wien zu einem tragischen Erlebnis, das nicht von den Brettern der Theaterwelt ausging. ZUM 10. NOVEMBER Die Wiener und österreichische Judenschaft gedachte am 10. November in einer würdigen Kundgebung des 20. Jahrestages der Zerstörung, Brandlegung und Vernichtung der Gotteshäuser und Synagogen, der Massendeportationen in die Konzentrationslager und des Beginnes der systematischen Vernichtungsaktionen gegen das Judentum am 10. November 1938. Fast zweitausend Menschen hatten dem Rufe der Kultusgemeinde zur Teilnahme an der Gedenkkundgebung Folge geleistet. Alle waren gekommen, um gemeinsam unsc’re Märtyrer zu ehren, pietätvoll die eigenen Angehörigen, die der Mordmaschinerie der Nazis zum Opfer fielen, zu beweinen und auch der zerstörten und niedergebrannten. Tempel, der geschändeten und vernichteten Thorarollen, die uns allen heilig sind, zu gedenken. , ,,Kadisch”. von Burgschauspieler Woester vorgetragen, und das nachfolgende El mole rachamim von Oberkantor Blumberg mit leiser Orgelbegleitung gesungen, erreichten Höhepunkte menschlichen Fühlens und menschlicher Ausdruckskraft. Präsident Dr. Maurer hielt die Eröffnungsansprache und dankte allen, die zur Trauerfeier gekommen waren. Lob und Anerkennung der Leitung der Kultusgemeinde für den Aufwand an Mühe, die mit der würdigen Veranstaltung verbunden war. Doch können wir nicht hinter dem Berg halten, dab die Verquickung der Gedenkkundgebung mit der Forderung nach Wiedergutmachung nicht opportun war. Dr. Meznik im israelischen Aubenm nisterium. Der Leiter des österreichischen Bundes-Pressedienstes Dr. Fritz Meznik, der sich als Gast der Regierung im Lande befand, hatte eine Besprechung mit dem Generaldirektor des Aubenministeriums, Dr. Walter Eytan. Dr. Meznik überbrachte die Grübe des österreichischen Kanzlers Ing. Raab- Anschliebend war Dr. Meznik Gast bei einem Mittagessen des Aubenministeriums im King David' Hotel. Der Gast begab sich auf eine Tour durch die Entwicklungsgebiete um Lachisch und den Negew. Sektionschef Dr. Meznik hat sich bereit erklärt, im Rahmen der Kulturveranstaltungen der Zionistischen Föderation, einen Vortrag über seine Reise durch Israel zu halten. Besondere Einladungen werden ergehen. BARBAREN AM WERK Acht Nazistudenten der Wiener Universität, die versucht hatten, durch einen ..Plakatstreich” eine Gedenkfeier der