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Die Stimme · 1958-12-01 · Heft 109 (Dezember 1958) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1958
Issue
Heft 109 (Dezember 1958)
Date
1958-12-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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4 DIE STIMME JüdiNohes Geschehen in Wien Isidor Oehler - 80 Jahre alt Am 9. Oktober 1958 vollendete Regierungsrat Isidor Oehler sein 80. Lebensjahr. Im Oktober 1901 trat Oehler in die Dienste der Israel. Kultusgemeinde Wien ein und blieb ihr 52 Jahre lang treu. Oehler erkannte frühzeitig, dab die Jugend der Grobstadt, den Geist des Judentums nicht im allgemeinen Schulbetrieb kennenzulernen vermochte und regte im Jahre 1905 die Errichtung der ersten Bibelschuie in der Brigittenau an. Seine Anregung trug Früchte, so dab nach kurzer Zeit in allen Bezirken Wiens Bibelschobn errichtet wurden, die ausgezeichnete Erfolge zu verze.chnen hatten. Es soll eine interessante Eigentümlichkeit Oehlers hervorgehoben werden, die darin g:pfelt, dab er vor der Jugend kurze Erbauungsreden hielt, in die die Geschichte des jüdischen Volkes eingebaut war. Nachdem die Nazi unsere Rabbiner entweder verjagten oder in die Todeslager deportierten, trat Oehler in die Bresche und versah div rabbinischen Funktionen. Nach der Niederschlagung der Nazi stand er der neuen Leitung der Kultusgemeindo mit Rat und Tat bei. In der ,.Reichskristalinacht". am 10. November 1938. wurde die Inneneinrichtung des Stadtiempels zerstört. Hierbei ging auch das Maskirbuch verloren, in dem die Namen hervorragender Juden verzeichnet waren, die sich um die Wiener jüdische Gemeinde besondere Verdienste er- , worben hatten. Reg.-Rat Oehler sanr.mclie in einem neuen- Memorbuch die Namen jener Männer und Frauen, denen! die Kultusgemeinde Wien für ewige Zeilen Dank schuldet.; Ueber Oehlers Initiative wurde im Jahre 1946 zur Erinnerung an die Gründung des Stadttempels vor 120 Jahren ein feierlicher Gottesdienst veranstaltet, der durch den Rundfunk ins Ausland übertragen wurde. Dieser Festakt hat die Wiener jüdische Gemeinde mit dem Judentum in aller Welt erneut in Verbindung gebracht. Der Appell, der damals von der Ka nzel durch Reg.-Rat Oehler an die jüdische Weltöffentlichkeit erging, blieb nicht ohne, Erfolg. Aus der ganzen Welt langten Lebensmittelspender: ein, die in der Kultusgemeinde von Oehler an die so harl geprüfte Wiener Judenschaft verteilt wurden. Die frühere Leitung der Kultusgemeinde unter dem Präsidenten David Brill, Vizepräsidenten Dr. Rudolf Braun und Amtsdirektor Bernhard Braver, würdigte die Klugheit, Treue und Wissen Oehlers und trat an das Ministerium für Kultus und Unterricht mit dem Antrag heran, dem Seelsorger Oehler den Titel eines Regierungsrates zu ve:- ieihen. Dem Antrag der Wiener Kultusgemeinde hat das Ministerium entsprochen und wir freuen uns, dab Oehler für seine Verdienste um das Judentum, den ehrenvollen Titel Regierungsrat führen darf. Regierungsrat Oehler ist seit Jahrzehnten dem zionistisch en Ideal ergeben und gehört dem Zionistischen Landesverband in Oesterreich als ordentliches Mitglied an. Der Vorstand des Zion. Landesverbandes wünscht Reg - Rat Oehler recht viel Glück und unzerstörbare Gesundheit. Ad mea w’essrirn schanah. Um die österreichische Wtodergutmachung Bei einer am 23. November in London stattgefundenen Versammlung des Austrian Labour Club, der Organisalion der aus Oesterreich emigrierten Sozialisten, kritsiertL' Dr. F. Brassloff, vom Büro des Jüdischen Weltkongresses, die passive, ja unfreundliche Haltung der sozialistischen Partei Oesterreichs gegenüber den Wiedergutmachungsforderungen der Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Er verwies darauf, dab die österreichische Arbeiterbewegung vielen Juden zu besonderem Danke verpflichtet sei und verglich die verständnislose Haltung der österreichischen Sozialisten zu den jüdischen Wiedergufmachungsfragen mit dem humanitären und anständigen Verhalten der deutschen Sozialdemokratie. Sein Appell an die sozialistischen Emigranten, ihre Partei daheim darauf aufmerksam zu machen, wie sehr ihr Verhalten sowohl dem Prestige des österreichischen Sozialismus, wie darüber hinaus Oesterreich, abträglich ist, wurde mit Zustimmung aufgenommen. Der österreichische Finanzminister Dr. Reinhold Karnitz, gab während eines Aufenthaltes in den USA die Erkläium ab, Oesterreich sei bestrebt, die Entschädigungsfordeiun gen der österreichischen Juden schnellstens zu bereinigen. Seymour Rubin, einer der Unterhändler für das aus den führenden internationalen jüdischen Organisationen bestehende Komitee für die jüdischen Forderungen an Oesier - reich, äuberte sich ebenfalls zuversichtlich über die Chan cen für das Zustandekommen einer Kompromiblösung. E, wird damit gerechnet, dab Oesterreich eine sich zwischen 5 und 7 Millionen Dollar bewegende Summe für Ent - Schädigungsleistungen gemäb Art. 26 des Staatsverh an ges zur Verfügung stellen werde. Israelitische Kultusgemeinde ehrt Dr. Koref. Der Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Oesterreichs hat dem Bürgermeister der Stadt Linz, Bundesrat Dr. Koref, eine Goldmedaille für seine Verdienste im Kampf gegen antisemitische und neonazistische Tendenzen verliehen. Die Generalversammlung des Bun desverbandes hat im Juni beschlossen, alljährlich am 10. November, dem Gedenktag der ,.Kristallnacht”, diese Medaille an verdiente nichtjüdische Persönlichkeiten zu verleihen. Bürgermeister Dr. Koref wurde die Medaille für seine Stellungnahme im Linzer Gemeinderat, als antisemitische Ausschreitungen anläblich der Aufführung des Schauspiels. ,,Das Tagebuch der Anne Frank" im Landestheater zur Debatte standen, verliehen. Damals hatte der Linzer Bürgermeister unter anderem erklärt: ,,Wenn jemand einen Menschen, der ihm nicht zu Gesicht steht, umbringt, g:lt er als Schwerverbrecher. Wenn ein System sechs Millionen Menschen vernichtet, weil sie ihm nicht zu Gesicht stehen, dann ist dieses System vor der gesamten gesitteten Welt mit Schimpf und Schande belastet. Ich setze mich mit Menschen, die das nicht einsehen, nicht mehr auseinander." Ein Elternteil Dr. Koref’ s war jüdischer Abstammung. Dr. Koref war Mitlelschulprofessor, gehört seit seiner Jugend der österreichischen Sozialdemokratie an und erwarb sich um den sozialen Aufstieg der arbeitenden Menschen grobe Verdienste. In diesem Zusammenhang mub hervorgehoben werden, dab der Wiener Landtagspräsident Marek sich für die Rechte der Judenschaft in einem Mabe eingesetzt hat, wie es ein gerechter, aufrechter Verfechter des Wohl s der Menschheit tun kann. Marek verdient, gleich Koref, die Goldmedaille.

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