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Die Stimme · 1958-03-01 · Heft 105 (März 1958) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1958
Issue
Heft 105 (März 1958)
Date
1958-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 105 D IE STIMME Seite 3 Wiedergutmachung - Entschädigung Bundeskanzler Raab und die Entschädigungen Bundeskanzler Raab hat eine Delegation des Verbandes der Israelitischen Kultusgernoinden Österreichs zu einer Besprechung eingeladen. Er teilte ihr mit, daß er das Memorandum über die jüdischen Entsrhädieunesbepeh i en in einen' Sitzung des Kabinetts zur Sprache gebracht habe. Heim Finanzministeriums wurde ein Ausschuß zur Vorberatung des gesamten Fragenkomplexes eingesetzt. — Die jüdischen Forderungen teilen sich in drei Ifauptgruppen: a) angemessene Erfüllung der En! s; hädigungsanspriiche; b) Verabschiedung des 4. Rückstellungsgesetzes, damit die Sammelstellen für erbloses Vermögen mit ihrer praktischen Arbeit beginnen können; c) Entschädigungen für die in der Nazizeit zerstörten jüdischen Gotteshäuser. Bundeskanzler Raab sprach die Hoffnung aus, daß die erforderlichen Beschlüsse im Jahre 1958 im Parlament gefaßt werden können. Allerdings würden in erster Linie die sozial Bedürftigen, Kranken und Alten berücksichtigt werden. Die Delegation wies auf die besondere Zurückhaltung hin, welche die jüdische Bevölkerung wegen ihrer berechtigten Entschädigungsforderungen bis nun bewiesen habe. Österreich sei jetzt finanziell und wirtschaftlich in der Lage, den Forderungen der politisch Verfolgten zu entsprechen. Der Sprecher der De'egation appellierte eindringlichst an den Bundeskanzler, sich persönlich für die Erfüllung des Forderungsprogrammes der israelitischen Kultusgemeinden einzusetzen. Wann erfolgt die Wiedergutmachung? Dem Verband Poale-Zion Hitachdut ist die Initiative zu danken, daß, über die Frage der Wiedergutmachung an die jüdischen Naziopfer ein überaus aufschlußreiches Referat am 11. Februar im Festsaal des Alten Rathauses gehalten wurde. Einer der führenden Unterhändler der jüdischen Gemeinschaft in Kultusgemeinde, nahm vor einem begierig lauschenden Publikum dazu Stellung in einem Vortrag, in welchem er den Gang der Verhandlungen mif der österreichischen Regierung bis zur Gegenwart schilderte. Die Bemühungen der Funktionäre der gewählten Vertreter der jüdischen Gemeinschaft wurden von den ersten Anfängen an, von dem Auf und Ab der sich annähernden Standpunkte sehr rieutösterreich, Amtsdirektor Wilhelm Krell der Wiener Israelitischen lieh gezeichnet. Zum erstenmal konnte man aus der Schilderung des Vortragenden den dornenvollen Weg schauen, den die Unterhändler nach dem Frscheinen des Oplerfürsorgegeselzes bis zum sogenannten ,,l lilfsfonds"-Gesetz zu gehen hatten. Der Erfolg, der Anstrengungen um dieses letztere Gesetz konnte nur mit Hilfe der jüdischen Auslandsorganisation erzielt werden. Die geschlossene Einigkeit hatte sich hiebei bestens bewährt. Als im Jahre 1956 das „flilfsfonds"-Gesetz unter Dac h und Fach gebracht worden war, knüpften die Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs mit der Regierung Verhandlungen zwecks Wiedergutmachung an. Auch diese gestalteten sich sehr schwierig, doch wurden sie gänzlich durch die weltpolitischen Ereignisse, nämlich den Ausbruch der ungarischen Revolution, fast veil ig gehemmt. Nicht nur war zu jener Zeit Österreichs als das erste Auffangsland für die ungarischen Flüch'linge bis an die Grenze des Möglichen gebunden und deshalb für Verhandlungen nicht bereit, sondern es fehlte auch die Hilfe und LTnterstiitzung der jüdischen Auslandsorganisationen, welche ihre ganze Kraft zur Hilfeleistung für die jüdischen Flüchtlinge aus Ungarn einsetzen mußten. Ungeachtet dessen war aber, wie die zahlreichen Vorsprachen beweisen, der Kontakt mit der Regierung nicht abgerissen. Er wurde vielmehr, sobald die Sorge um die Betreuung der ungarischen Flüchtlinge nicht mehr so lastend war, wieder aufgenommen und durch Überreichung eines Memorandums an die österreichische Regierung fortgesetzt. Aus dem konzisen, flüssigen und lebendigen Vort rag schöpfte die Zuhörerschaft die zuversichtliche Holfnune, daß das Gesetz um die Wiedergutmachung noch in diesem Jahre vom Parlament, seine Verabschiedung erhalten werde. I)r. GEORGE WEIS Es war ein in jeder Hinsicht bedeutsames Ereignis, daß zum ersten Male in Wien — 12 Jahre nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes — zum historischen Gedankengut. der Wiedereutmachung Stellung genommen wurde. Im Rahmen der Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität Jerusalem hielt am 28. Jänner der Generalsekretär des Hilfsfonds, Herr Dr. George Weis, im Großen Saale des Niederösierreichischen Landhauses einen Vortrag über die Geschichte des Rückslellungs- und Entschädigungsrechtes. fn der gerafften Zeitspanne von nur 50 Minuten analysierte der Vortragende den Gedanken , der Wiedergutmachung an sich und zeigte das von der ältesten Zeit an zutagegetretene Bestreben auf, ein durch Gewalt und Terror verursachtes Unrecht nach Beseitigung dieser Ursachen wieder gutzumachen. Durch markante Beispiele aus der altgriechischen und altrömischen Geschichte, vor allem aber aus der Epoche der Französischen Revolution wurde dem Zuhörer deutlich gemacht, daß immer wieder aus ethischen Motiven heraus, aus dem jedem Volk immanenten Gefühl des Rechts, das Bestreben wirksam ward, zugefügtes Unrecht wieder gutzumachen, durch Schadloshaltung die geschlagenen Wunden zu heilen. Daß dieses Bestreben in allen Zeitläuften infolge des auch im Vötkerleben wirksamen Trägheitsgesetzes sich nicht leicht durchsetzte, vermochte der Vortragende ebenso klar wie geistreich aufzuzeigen. So hat es schon in der Vergangenheit oit Jahrzehnte gedauert, bis die auf Grund von Restitutionsgesetzen angestrengten Prozesse Diesem Vortrag folgten zum Schlüsse Darlegungen über Jas doustche Rückerstaltungseeselz des Präsidenten des Verbandes Poalo Zion, des Herrn Dr. öskar Blumenfeld, die sehr instruktiv waren. F. M. zur Wiedererlangung verlorenen Eigentums in jeder Form mit rechtskräftigem Urteil Imendet wurden. Schon in der Vergangenheit haben die betroffenen Eigentümer, wie auch heute, mit Schmerz und vielleicht mit Selbstironie die Neige ihres Lebens herannahen sehen. Erst ihren Nachkommen war es beschieden, wieder in den Genuß der verlorenen Güter oder der Schadloshallung zu kommen. Es gelang dem Vortragenden, die schwierige Materie mit der er sich befaßte, so weit zu bändigen, daß seine Darstellung auch für jene Zuhörer, die nicht zu den Experten der an sich wissenschaftlichen Fragestellung gehörten, ihm mit Interesse zu folgen vermochten. Zwei Erkenntnisse traten am Schlüsse des Vortrages zutage: die heilige Verpflichtung, geschehenes Unrecht auszulöschen, und rasch nach dem Grundsatz ,,Bis dat, qui cito dat!" zu handeln. Die souveräne Behandlung des Stoffes, die Fülle des Gebotenen, die brillante Analyse jedes Fragenkomplexes ließen es wünschenswert erscheinen, daß dem ersten Vortrag noch der eine oder andere folge. Diesen Wunsch scheint auch der große Applaus, der dem Vortragenden zuteil ward, zum Ausdruck gebracht zu haben. Der Veranstaltung gaben der Minister Bentsur, Gesandter des Staates Israel, der Präsident der Israelitischen Kultusgerr.einde Wien, Dr. Emil Maurer, Vertreter der Botschaft der Deutschen Bundesrepublik, die Spitzen österreichischer Ministerien und zahlreiche Mitglieder des Wiener Barreaus ein besonderes Gepräge. F. M. Zur Genesis der Wiedergutmachung Bernhard Braver. Martin Buber - 80 Jahre alt Martin Buber, die außergewöhnliche Persönlichkeit, deren Ruhm a!s Keligionsphiiosoph und Denker unsere jüdische Welt erfü'lt, wurde am 8. Feber 1958 achtzig Jahve alt. Martin Buber strebt mit allen Fasern seines Herzens die Verwirklichung des Religiösen und die Umsetzung des Glaul ens im Leben an. Sein Ausspruch lautet daher, ,,So wie Philosophie das Philosophieren mein', meint Religion, je realer sie ist, umsomehr ihre eigene Fiber Windung; sie will aulhören die Spezialität Religion zu sein und will das Leben werden". Bubers Bedeutung für das jüdische Bewußtsein des 20. Jahrhunderts wurzelt in erster Reihe darin, daß er uns den Weg zum Lehen führt und uns lehrt, mit Liebe und Hoffnung dem Menschen zu begegnen. Seine geistigen Schöpfungen umfassen besonders Philosophie, Bihelkunde und Religionsgeschichte. Aus der tiefen Quelle jüdischer Gotteserkenntnis schöpfend, wirkt Buber ideenreich, spricht den Menschen an und bemüht sich, ihn reif zu machen, das Reale, Aufbauende zu verstehen. Faszinierend sind die Gedankengänge Bubers, die er in seinen späten Werken entwickelt. Gestützt auf die Lehren der Bibel, lehrt er, daß der Glaube der Propheten wirksam sein muß bis ins Unendliche. Buber ist unablässig auf der Suche nach ewigen Werten, nach Wahrheit, die dem jüdischen Volk anheim gegeben sind und weist immer wieder neue Wege zu hohen geistigen Zielen. Nach Buber hat jeder Mensch einen echten Zugang zum Sinn dos Daseins. Der Mensch wild durch das, was ihm widerfährt, was ihm geschickt wird, durch sein Schicksal angeregt. Das Sihicksa1, das es zum Volk zusammenfügt, der Akt der Befreiung aus der Knechtschaft ist zugleich ein Akt der Prüfung, eine Anrede und Befragung. Die Menschen, die miteinander Gemeinschaft, also lebendige Einheit stiften, verwirklichen das Bild des einigen Gottes im Stoff der im Widerstreit wogenden Welt. Die höchste Stufe der Weltheiligung aber ist die Einung der Menschengemeinschaft im göttlichen Angesicht. Von hier aus ist es begreiflich, warum für die jüdische Religion das Volk so wesentlich ist. Es geht nicht um das Volk als Selbstzweck, sondern um das Volk als Anbeginn des Reichs. Lange vor der Slaatsgründung sagte Buter in einem seiner Referate: ,,hh glaube an Jerusalem. Wir dürfen daran glauben, denn in dem, was heute ui Palästina geschieht, begegnen einander Geist und Wirklichkeit. Es gibt etwas, was von Israel, gerade von ihm, nur von ihm, verwirklicht werden wi 1 und kann. Es ist noch immer derselbe. Fs gibt etwas was von uns verwirklicht werden will, nicht in der Sphäre des Geistes, denn in ihr gibt es keine Verwirklichung, sondern nur von ihr aus, in der ganzen Breite und Fülle des von Menschen gemeinsam gelebten Lebens, und das ist die wahre Gemeinschaft. Dazu sind wir erhalten worden, dazu erfahren wir Erneuerung. Darum ist der einzige Zionismus, der geraten kann, der, des Gemeinschaftsideals. Buber kommt es auf die Erneuerung des jüdischen Volkes an und er analysiert tiefschürfend die großen Ideen des Judentums, die in Einheit, Tat und Zukunft bestehen. Es gilt nach dem Denker, die stärksten Kräfte der jüdischen Seele aufzuriüteln, auf daß der Funke der unauslößlichen Sehnsucht na-h Festigung unseres selbstständigen nationalen Lebens immer zünde. In den Schriften Bubers heißt es: ,,Überfluß an Liebe tut Not, um ihren Mangel in der Welt auszufüllen". Und in diesem Sinn lebt und wirkt der große jüdische Religionsphilosoph. Fortsetzung auf Seite 4

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