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Die Stimme · 1957-03-01 · Heft 102 (März 1957) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1957
Issue
Heft 102 (März 1957)
Date
1957-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 102 DIE STIMME Seil^ 3 Nach vier Jahren: Deutschland ■ Israelabkommen DR NAHUM GOLDMANN Als ich am 6 Dezember 1951, dem deutschen Bundeskanzler in London das erste Mal begegnete, erklärte ich demselben in der Angelegenheit, die sich fünfzehn Monate später zum) De'utschla'nd - Israel Abkommen verdichtet hat: „Entweder wird dieses Problem als moralisches Problem behandelt, und eine große Geste wird von Ihnen für das neue Deutschland gemacht, oder es ist besser, solche Gespräche überhaupt nicht zu beginnen, weil sie nur mit einem Mißerfolg enden können und die deutsch - jüdischen Beziehungen noch mehr vergiften . Wie die Welt weiß, die Gespräche begannen, das Abkommen wurde ratifiziert und ist seit dem 1 April 1952, rückwirkend in Kraft getreten. Die damals fast unüberwindlich erscheinenden Schwierigkeiten existieren kaum mehr, denn ein Drittel der Summe die gemäß dem Abkommen in Waren an Israel geliefert werden, ist verbraucht. Mehr als 30.000 Aufträge an über 3700 deutsche Firmen sind vergeben worden. Fracht- und Passagierschiffe werden für Israel auf deutschen Werften gebaut Sie laufen Häfen in der ganzen Welt, an, wie New York, Genua, etc , wo sie von tausenden Besuchern als Ergebnis deutscher Fertigkeit und als Symbol des Versöhnungswillens bewundert werden. Israels Importbedarf wird bis zu 30 Prozent aus den deutschen Lieferungen gedeckt, und so hat sich die kühne Entscheidung des Kanzlers durchaus segensreich für die Entwicklung des jungen Staates Israel ausgewirkt. Als ich am 6. Dezember 1951, zum ersten Mal die Umrisse dieses Abkommens mit dem deutschen Bundeskanzler diskutierte, war es mir klar, daß es ihm nicht um einen politischen Akt der Zweckmäßigkeit ging, sondern um mehr „Wir Politiker haben ja so selten Gelegenheit, etwas zu tun, was unseren Wünschen entspricht. Aber seien Sie überzeugt, daß es mir ein Herzensbedürfnis is<t, das an den Juden begangene Unrecht wiedergutzumachen. Wir wollen gemeinsam unser Bestes tun, dam'it die Vergangenheit begraben wird und ein neues Verhältnis zwischen Deutschen und Juden sich anbahnen kann," sagte der Kanzler. Damals wie heute habe ich erklärt, daß keine Summe, wie groß auch immer, jene namenlose Schuld, die tragischerweise — wie es der Kanzler im Bundestag am 27. September 1951 selbst ausgeführt hatte — mit dem deutschen Namen verbunden ist, auslöschen kann; aber daß wir wohl Mittel und Wege finden sollten, wenigstens den Verbuch zu machen die Beziehungen zwischen dem deutschen und jüdischen Volk zu normalisieren. Sind wir auf diesem Wege (in den letzten Jahren vorangekommen? Was die formalen Beziehungen zwischen der deutschen Bundesrepublik und dem Staate Israel anbelangt, so hat sich an dem Status, wie er vor vier Jahren existierte, nichts geändert In Köln am Rhein arbeitet die Israel Mission Schiffe unter deutscher Flagge laufen israelische Häfen an, Israel's Vertreter in West - Deutschland sind persona grata — aber ein Israeli, der aus irgendwelchem Gründen eine deutsche konsularische Beglaubigung braucht, muß seine Papiere an das deutsche Konsulat in Zürich oder Rom schicken. Visen für Einreise nach Deutschland für israelische Bürger können nur in einem andern europäischen Lande mit einem deutschen Konsulat gegeben werden Ich bin seit langem dafür eingetreten, daß die deutsch-israelischen Beziehungen aus den oben ausgeführten praktischen Gründen, aber auch aus den vom Kanzler immer wieder betonten moralischen Gründen, endlich normalisiert werden sollten. West-Deutschland sollte gerade jetzt angesichts der Schwierigkeiten Israels diesen Weg gehen, der meiner Meinung nach nur der logische Schritt für die Schaffung des „neuen Verhältnisses zwischen Deutschen und Juden" ist, von dem damals Dr. Adenauer sprach. Ein zweites nicht minder wichtiges Problem liegt auf dem Gebiete JACK ALEXANDER, Jerusalem Am 18 Januar sind 75 Jahre vergangen, seit in der Stadt Charkow in Rußland eine Gruppe jüdischer Studenten zusammenkam, um über die Lage der Juden zu debattieren und seit sich zwanzig von ihnen entschlossen ihre Studien und Vorbereitungen für eine berufliche Laufbahn aufzugeben und ein Leben der Arbeit in Palästina zu beginnen. Zionismus als Idee ist so alt wie die jüdische Zerstreuung, oder vielmehr wie Zion selbst. Jedoch während des langen Exils fand er bloß in Gebeten, Gedichten und einer unartikulierten Sehnsucht Ausdruck. Erst vor einem Jahrhundert wurde der Zionismus klarer, ausgesprochener und praktischer, er wurde zu einem Programm für die Rückkehr der Juden in das Land ihrer Väter, das zuerst verschwommen war, bald aber festere Umrisse annahm. Dieses Erwachen des jüdischen Nationalbewußtseins war in hohem Maße ein Aufstand gegen den assimilatorischen Zeitgeist. In den sechziger und siebziger Jahren forderten Sprecher und Schriftsteller, wie Kalischer, Heß und Smolenskin ihre Brüder auf, die Fesseln einer servilen Vormundschaft abzuschütteln und einen Status anzustreben in welchem sie frei atmen, ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten ungestört entfalten und ihr Haupt als freie Menschen hochhalten könnten. Sie erklärten, daß es ohne Heimat keine Selbstemanzipation geben könne, denn nirgends als im eigenen Land vermag der Genius, die Energie und die schöpferische Kraft des jüdischen Volkes angemessenen Ausdruck zu finden. Diese Ideen begannen einigermaßen unter den russischen Juden der Bildung und Aufklärung In Deutschland gibt es heute nur 25— 30.000 Juden, von denen der größte Teil alt und krank ist. Der Imnakt einer jüdischen lebendigen Gemeinde mit ihrer befruchtenden kulturellen Tätigkeiten ist daher nicht möglich, was auch immer auf diesem Gebiete Gutes vom Zentralrat der Juden in Deutschland versucht wird Die Juden ’m Deutschland, entwurzelt und aus ihrer Existenz gerissen, haben ihre eigenen Probleme, und ihr Einfluß auf ein tieferes Verständnis zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke ist zumindest beschränkt Das jüdische Problem, die jüngste jüdische, tragische Vergangenheit, ist beim deutschen Volke n weitem Maße unbekannt. Was Not tut ist die humanitäre Gesfinnung Adenauers und anderer führenden Deutschen zum Gemeingut des deutschen Volkes zu machen. Dazu ist eine systematische Erziehungsarbeit nötig. Ich begrüße es, daß an den Un'versitäten der Freien Stadt Berlin und Frankfurt am Main, jüdische Geschichte gelehrt w/ird, daß Bücher wie „Dasl Dritte Reich und die Juden" oder der ergänzende Band, „Das Dritte Reich und seine Diener", veröffentlicht werden; aber wenn wlir die Normalisierung des deutsch - jüdischen Verhältnisses wirklich fundieren wollen, dann sind diese lobenswerte Einzelleistungen nicht genug — und ihre Intensivierung und Verbreitung eine dringende Notwendigkeit. Wurzel zu schlagen, aber im großen und ganzen fanden sie nicht starken Anklang. Es war die Ära des liberalen, öder zumindest halb-liberalen Zaren Alexander II. — Russifizierung, Assimilation, allgemeine Aufklärung waren die herrschenden Ideen, während die Juden im extremen Lager dem Tage entgegensahen, an welchem alle Schranken der Rasse und Nationalität verschwinden würden und mit ihnen auch das jüdische Problem. Sie wurden jäh aus diesem Wunschtraum gerissen —. In den letzten Jahren des liberalen Zaren kam es zu einem Wiederaufleben des offiziellen Antisemitismus, dann folgten die Ermordung Alexander II., die Thronbesteigung von Alexander III und das Regime Ignatiev. Nach den Pogromen von 1881 und 1882 kamen die Maigesetze, welche die Juden in dien „Ansiedlerrayon", der nur ein Zehntel ihres früheren Wohngebietes umfaßte, pferchten Die rosigen Illusionen waren verflogen ,cTie angeblichen Allheilmittel erwiesen sich als unwirksam; das Denken und Fühlen von allen war von einer einzigen Frage beherrscht: Wohin? Es setzte nun ein starker Auswanderungsstrom nach Westen ein- Zu dieser Zeit richteten sich die Augen eines großen Teiles der jüdischen Massen Rußlands auf Palästina. Sie dachten aber nicht nur an ein Asyl, oder an eine bloße Umsiedlung, sondern an eine Rückkehr zum ursprünglichen Judentum und zu echter menschlicher Selbstbestimmung — Palästina sollte ein Hafen für das jüdische Volk werden, wo freie Juden, in Freiheit lebend ihr gemeinsames Erbe hüten, pflegen und den jüdischen I. G. FARBEN Die Claims Conference und die IG Farben AG i. L. haben am 6. Februar ein Abkommen unterzeichnet, wonach ein Betrag von 30 Mill. DM für diejenigen Verfolgten zur Verfügung gestellt wird, die im Bereich des Konzentrationslager Auschwitz für Unternehmungen der IG Farben (Buna-Monowitz, Fürstengrube, Heydebreck und Janina) Zwangsarbeit verrichten müßten Von den 30 Mill. DM sind 27 Mill. DM für jüdische Zwangsarbeiter der IG Farben bestimmt. Das Abkommen bedarf noch der Bestätigung durch die Generalversammlung der IG Farben. Die Claims Conference beabsichtigt die Errtichtung einer Treuhandstelle in Deutschland (mit Zweigbüros in New York und Tel Aviv) Das Verfahren wird noch geregelt werden. Unabhängig davon empfiehlt es sich, Ansprüche schon jetzt bei Rechtsanwalt Henry Ormond, Frankfurt am Main, Schilierstraße 15 17, oder direkt bei der Gläubigermeldestelle der IG Farben AG. i. L., Frankfurt a. M., Bockenheimer Landstraße 53, anzumelden. Folgende Angaben sind erforderlich: 1. Name des Werks der IG Farben, bei dem der Antragsteller Zwangsarbeit geleistet hat; 2 Zeitdauer dieser Zwangsarbeit; 3. Name des Arbeitskommandos, dem der Antragsteller zugeteilt war; 4 Häftlingsnummer Beweis - Dokumente, notfalls in Form eidesstattlicher Erklärungen Dritter sind beizufügen Geist wieder gesund machen können, der von der zweitausendjährigen Unterdrückung und Verfolgung in Mitleidenschaft gezogen war. Es entstand eine neue Bewegung „Chibath Zion" Zionsliebe und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es wurden hunderte Hoveve Zion Vereine gegründet und man diskutierte dort die Ansiedlung in Talästina als dringendes und praktisches Problem Geführt von entschlossenen und einflußreichen Persönlichkeiten wie Pinsker, Mohilever, Lilienblum und Mandelstamm erregte die Bewegung die Begeisterung der idealistischen Jugend und erst nachdem der Zionismus Fuß gefaßt hatte, gewann die Kolonisation Palästinas praktische Bedeutung. Die Bilubewegung wurde nun die Bannerträgeriii und die Avantgarde dieses jugendlichen Idealismus Vor den Biluim konnte die Besiedlung Palästinas geringe Erfolge aufweisen. Es gab die landwirtschaftliche Schule von Mikweh Jisrael, die 1870 gegründet worden war, dann war hier das heroische Beginnen von sieben Jerusalemer Juden im Jahre 1878, diie den Grundstein zum heutigen Petach Tikwah legten. Die Geschichte der „Bilu“ ist die einer handvoll junger Juden, welche der Enttäuschung und Verzweiflung ausgesetzt waren. Sie unternahmen es, ihren Brüdern als Vorbild eines neuen Lebens zu dienen. Manche blieben zwar am Wege, während die anderen nicht alle Punkte ihres ursprünglichen Programmes erfüllen konnten. Aber sie hatten sich ein Ziel gesetzt, welches einerseits zu den Wurzeln ihres Volkes reichte und anderseits neue Horizonte aufzeigte Fortsetzung Seite 4 DIB BIBÜIM (Zum 75. Jahrestag der Gründung der Bilu - Bewegung)

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