Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1956
- Issue
- Heft 97 (März 1956)
- Date
- 1956-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Das Dritte Reich und die Juden noM Mf \rr und uts ' r/i. nie 's v "■ kurzem .011 der vVriugs- Grs. in b if. IGrliu-Gnmov.ild heraus gebrac ht3 Huch li<il horrit* gr >ßrs I11-?sse lir rvorgerufen. Die \ '> fasse" siiul fern Poiliakov und Josef Wulf, dir als Juden die Ilitlerain in Duitschland am i'i.1 'neu Leih orliften haben. Dir für das llir h \ ‘rwendeten D)kwmf’iitn -lammen u reih 1011 teils ,111s Na/i- Arc hiven. W ir i’r'absi( htigen, in einer Serif' \;m Aufsätzen m drnsor /.eitsc hrdl einiges aus die*,'in buc h m 11 /ut 1 teil und Dokument3 zu reproduzieren. Die Verfasser des Buches sind bestrebt, fair zu sein gegenüber jenen Deubschen, dir den Mul hatten, dein Unterbaue der Menschheit den das Dritte Reich .eilte aktiven Widerstand zu leisten. Dem Gedenken dieser Kämpfer v iTnen die Ve<* a se das Ruch. In weiterer Fairness schicken die \ erfa ser diesem Buch als Einleitung eine Rede voraus, di rler Präsident der Westdeutschen Republik, Prof. Theodor lleuß, am TO. 11. Ido? in Belsen, anläßlich der Einm öhung eines Mahnmales für die Opfmv m Belsen-Borgen hielt. Wir Folgen auch darin den Verfassern des Buches und beginnen unsere Serie mit einer Wiedergabe dieser Rede von Prof, fleuß, die wir aus Raumgründen kürzen, ohne den Sinn zu stören. Die Rede von Prof. Theodor Heuß in Belsen-Bergen am 30. 11. 1952: ,,Als ich gefragt wurde ob ich heute, hier, aus diesem Anlaß ein Wort zu sagen bereit sei, habe ich ohne lange Überlegung mit ja geantwortet- Denn ein Klein der Ablehnung, der Ausrede, wäre mir als ein3 Feigheit erschienen, und wir Deutsche wollen, sollen, uiid müssen tapfer zu sein lernen gegenüber der Wahrheit, zumal auf einem Boden, der von den Exzessen menschlicher Feigheit gedüngt und verwüstet wurde. Denn die wahre Gewalttätigkeit, die sich mit Karabinern, Pistolen und Rute verziert, ist in einem e* ie , \\ n 1 1 o rw 1 < wenn sie, gut gesättigt, drohend und mitleidlos zwischen schütz,oser Armut, Krankheit und Hunger herumstoiziert. Wer hier als Deutscher spricht, muß sich die innere Freiheit Zutrauen, die .volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen. Wer sic: beschönigen oder bagatellisieren wollte, oder gar mit der Berufung aut den irreueuanqenen Gebrauch der sogenannten Staats-Ramon" lio.gründen wollte der würde nur frech sein. Dieses Belsen und dieses Mal sind Moll vertretend für ein Gesch ichtsschicksal. Fs gilt den Söhnen und Töchtern fremder Mationen, es gilt den deutschen und ausländischen luden, es gilt auch dem d-'ulsehen Volk und nicht bloß den Den tsclmn. Hie auch in diesem Boden verscharrt wurden. Wir wollen davon in allem Freimut sprechen. Die Völker, die hier die Glir de ifires Volkes in Massengräbern wis sen. gwlenken ihier, zumal die durch Hitle; zu einem voikhaften Lirenbewußl sein schier gozvvungonen Juden. Sie wer den nie, sie können nie vergessen, was ihnen angetan wurde. Die Deutschen dürfen nr' vergessen, was von Menschen ihm- \ olkszugehörigkeit in diesen .fahren geschah. Fs liegen hier dir Angehörigen mancher Völker. Die Inschriften sind vielsprachig; sie sind ein Dokument der tragischen Verirrung des europäischen Schicksales. Fs liegen auch viele deutsche Opler des Terr >rs, und wie viele am Rande anderer Lager'' Der Durchbruch des biologischen Naturalismus der Halbbildung führte zur Pcdant 'i ie ües Mordens ais schier altonatischem Vorgang, ohne das bescheidene Bedürfnis nach einem bescheidenen, quasi — moralischen Maß. Dies i'prafP' ist djp tiefste Verderbnis dieser /eil, und dio, ist unsere Scham, daß sich solches im Raume der Volksgeschichlo vollzog, aus der Lessing, Kant. Goethe und S hiiler in das \\ r Ibewußtsein traten. Diese Scham nimmt uns niemand, niemand ab. tun zynischer Burscht', em wüster Geselle, mochte sagen: In der Hauptsache waren 's ja bloß Juden, Polen, Russen, Franzosen, Bei,der, Norweger Griechen und so fort. Bloß? Ls waren Menschen wie du und ich. Sm hatten ihre Litern, ihre' Kinder, ihre Männer, ihre t rauen! Die Bild'T der Di ei leenden sind die schreckhaftesten Dokumente'. Da steht der Obelisk, da steht die Wand mit den vielsprachigen Inschriften. Sie sind Stein, kalter Stein. Saxa Inquunlur, Steine' können sprechen. Ls kommt auf den einzelnen es kommt darauf an, daß Du ihre Sprache daß Du diese ihre besondere Sprache verstehst, um Deinetwillen, tun unser aller Willen.’ Soweit aus der Rede von Prof, lleuß, dem Präsidenten der Westdeutschen Rep u b I i k. W-p wir Bereits einleitend sagten, gedenken vvir, aus dem Buche Kapitel unseren Lesern diisführfich zu bringen. Die Anschaffung des Werkes wird dringend empfohlen. Wir werden nie, wir können nie vergessen, was u ns, was der wahren Menschheit angetan wurde. KLEIDER - WÄSCHE - SCHUHE auf Teilzahlung S.Bwd WIEN VI, DAMBOCKGASSE 4 KREDITE erteilt Jüdische Sparu. Krediten, mb. H.t Wien I., Dominikanerbastei 24, Tel.: R 27 5 55, Kl. 2(31 an jüd. selbständige baufleute. Ge werbe treibende und an freie HcruM. Zionisten Revisionisten (n der am 22. Februar 1956 stattgefi n o.. 'u Mo m-«i ersainuitiu > der Zionisten-R°visi misten, die infolge des fnkr.ifttretens cer neuen Statuten notwendig geworden war, wurde ein Ihgliodricer Vorstand einstimmig gewählt: Präsident: Alfred R e i s c h e r, Vizepräsidenten: D r. Josef S c h a- P i r a und L m i I 1 r i g d in a n n; ( irnrraisok retär unel Kassier: Siegle i e d I, a s a r. Rose Renöe Roth Die e>rsl vor kurzem nach Minueapolis, Minne* ,ie, e'inigrierte imkannte Schauspielerin Rose R nee Roth wurde als Professorin au das Minneapolis College of Music bei ulen. Die Zeitungen, berichten, daß sie sowohl i ri deutscher wie englischer Sprache auftrete« kann und daß sie im Wiener und Berliner Theater sowie Radio große Erfolge erzielte. Spar- und Kreditgenossenschaft Die Jüdische Spar- und l< reditgenossenschaft reg. m. b. II., Wien, hielt im 1. März 1956 ihre siebente ordentliche Genera I Versammlung ab. Die Generalversammlung war außerordentlich gut Imsucht. Unter den Ehrengästen befanden sich Dir. Fred Ziegellaub vom Wiener Büro des Joint und Direktor des Joint der Pariser Zentrale Herr Akiwn Kohane. Aus den Berichten des Vorstandes, Herrn Dr. Ludwig Hift und des Vorsitzenden des Aulsichtsrates Herrn Dr. Rudolf Braun geht hervor, daß die Tätigkeit der Genossenschaft gute Resultate ergeben hat. Im Laufe des Jahres 1955 wurde an 120 Darlehensnehmer ein Betrag von S 2,03 4.000.— flüssig gemacht. Die Berufsschichtung der Darlehensnehmer ist: 58.2"m Kaufieute, 38.1 "n Gewerbetreibende, 3.7":. Freie Berufe und Sonstiges. In den Vorstand wurden elf Persönlichkeiten gewählt. TEXTILWAREN KX POKT IM FORT Josef Limberg & Co. Wien I, Eßlinggasse 7 - Tel. ü 26 2 01 Erstklassig* und Zugehör, iowie A VJa) beste Verarbeitung \\ I bilden die Grundlage der bewährten TELLER-KLEIDUNG ///. Hfiöpf-sträK e. ff- 90 U16 2 f6 Ca(6 - Bar - Tanz Wien IX., Porzellongocse 39 Tel R 52 4 05 Heinrich Heine Am 17. Februar 1956 ist Heinrich Heine, ein Dichter von einmaliger Begabung, in Paris verschieden. Er schuf Werke, deren Unvergänglichkeit unverrückbar feststeht. Fs ist geschichtlich überliefert, daß nach einem Ausspruch Bismarcks, nach Goethe, Heine der größte Lyriker Deutschlands war. Er strebt? nach idealistischer Wahrheit, richtete sich nicht nach einem Schema, hielt die sittliche Sinnesart hoch, besaß ein individualistisches Temperament, in dem das Streben sich kundtat, die Mp.iischennatur im edlen Sinne zu neeinflußen. Für die Beurteilung der großen Persönlichkeit Heines kann ein Artikel, noch so umfangreichen Formats, keine Grundlage bieten, vielmehr muß man sich in die Werke des Dichters vertiefen, um den wahren Geist des Poeten zu erforschen. Heine war ein Dichter, der sich in erster Reihe auf durchgeistigte Menschen einstellte. Obgleich er dem simplen Mann nicht, abhold war, wollte er sich mit der großen Masse geistig nicht ahfinden. Seine Persön'ichkeit war durchglüht von inbrünstiger Zärtlichkeit und seine Seele lechzte nach edler Liebe, die er in seiner Lyrik wiedergab. Goethe sagte :,,Spott vertreibt die Liebe nicht." Hein? schriet) mit genialem spöttischen Lächeln und ergoß die Bitterkeit weh- .mutigen Hohnes. Dies gedieh zu einer Mischung, von Lyrik und Spott und kennzeichnete des Dichters Schaffen, das in seinen Liedern besondere Prägung fand. Heine hat sensu bono die Regungen der menschlichen Seele in seine Sprache gelaßt und hält uns bis auf den heutigen Tag. in seinem Bann. Heine war deutscher Dichter und hing an Deutschland, obwohl ihm die Deutschen viele Ungerechtigkeiten zugefügt haben. In Frankreich wo er seinen ständigen Wohnsitz nahm, sich aber nicht einbürgern ließ, ist am Pariser Friedhof, nahe des Montmartre zur ewigen Ruhe gebettet. In diesem Zusammenhang schrieb der Dichter: ,,Der Steinmetz, der meine letzte Schlafstätte mit einer Inschrift zu verzieren haben wird, soll keine Einrede zu gewärtigen haben, wenn er dort die Worte einmeißeft .hier ruht ein deutscher Dichter'." Fleine war jedem Patriotismus abhoid, lieble die Freiheit, die er in Frankreich genoß und war der besten deutschen Kultur verbunden. Er besang den reinen wahren Glauben und hielt wenig von Religion. Er war Jude und wurde dannKonvertil lutherist heu Bekenntnisses. In Wehmut antizipierte er die Totenfeier, lür sich seTst folgendermaßen: ,,Keine Messe wird man singen, keinen Kadosch wird mau sagen, nichts gesagt und nichts gesun?n wird au meinen Sterbetag." Sowohl seine Stellung zum gesellschaftspolitischen Geschehen, als zur Religion offenbart Widersprüche, die wir uns nur mit Hilfe wissenschaftlicher Analysen zu erklären vermögen. Hiebei müßte man I Fönes Charakter, Genialität, Erziehung, .1 ugenderlehnisse, Einfluß seiner Umgebung und sein Leben in reifen Jahren ins Kalkül ziehen. Aus seinem Testament gehl hervor, daß er die Beteiligung eines Seelsorgers an seinem Begräbnis nicht wünscht, aber ausdrücklich hervorhebt, daß er im Glauben am einzigen Gott stirht und dessen Erbarmen für seine unsterbliche Seele anfleht. Da drängt sich uns die Frage auf, beinhaltet Heines letztes Vermächtnis den Wunsch zur jüdischen Nation zurückzukehren. Darauf gäbe es einige Antworten, doch ein schriftlich niedergelegtes Bekenntnis Heines aus dem Jahre 1850 gibt irgendwie Aufschluß: ,, Ich mache kein Hehl aus meinem Judentum, zu dem ich nicht zurückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen habe." Offenkundiger Widerspruch zwischen seiner Behauptung und der tatsächliche« Lage, da er hei Niederschrift dieses Bekenntnisses zum Judentum, der lutherischen Kirche angehöHe Heine h J14 stark am geistigen Deutschland und verehrte dessen bedeutende Repräsentanten. In Luther erblickte der Dichter einen Geist und Befreier Deutschlands und bekannte sich zu ihm, weil Heine die Historie nach dieser Richtung hin verkannte. Heine ging es um geistige Freiheit« Wahrheit und Recht, nicht um die Abkehr vom Judentum, das er bis zu seinem Tode liebte. Der Dichter schrieb aus heiliger Liehe zum jüdischen Volk das Poem ,,Der Rabbi von Bacharach" und wünschte, daß daraus ein unsterbliches Buch werde, eine ewige Lampe im Dome Gottes. Bernhard Braver. Die Stadt Düsseldorf hat den in einem New Yorker ßanksafe aufbewahrten Nachlaß Heinrich Heines zum Preise von $ (50.000.— erworben. Das wurde am 100. Todestag des in Düsseldorf geborenen Dichters bekannt gegeben. Dieser Nachlaß besteht u. a. aus 3200 handschriftlichen Blättern, von denen mehr als 1700 eigene Aufzeichnungen Heines und mehr als 1400 Diktatsdhriften mit eigenhändigen Korrekturen Heines sind.