Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1956
- Issue
- Heft 96 (Januar 1956)
- Date
- 1956-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 96 Dip Wiener Kammersängerin UUdc Zadek absolvierte vor kurzem eine Konzert- Tournee in Israel. Wir bringen nachstehend ein Interview, das sie anläßlich eines Empfanges in Tel Aviv gewährt hat. , Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, und das gilt auch für uns Sänger”, — sagte Hilde Zadek, österreichische Kammersängerin, Mitglied der Wiener Oper und beliebter Gast in Edinbourgh, Covent Garden und Brüssel, halb scherzhaft, halb ernsthaft, als sie sicn vor Vertretern der Presse in einem vom österreichischen Generalkonsulat veranstalteten Empfang einen Tag nach ihrer Ankunft in Tel Aviv vorstellte. Zu einer Konzert-Tournee in Israel eingetroflen, auf der sie in den drei Hauptstädten des Landes sowie in Ramat- Gan und Petach Tikwah mit Michael Taubes Kammerorchester sang und auch in Lieder-Rezitals aufgetreten ist, konnte die junge Sängerin nach fast zehnjähriger Abwesenheit viele alte Freunde begrüßen, die sie aus ihrer frühesten Jugend in Jerusalem kennen. Nach herzlichen Begrüßungsworten von Dr. K. H. Enderl, dem neuen österreichischen Generalkonsul, der selber ein großer Musikfreund ist und auch bei dieser Gelegenheit nicht unterließ, an die bald beginnenden Mozart-Feiern in aller Welt und in Israel zu erinnern, erzählte Hilde Zadek in sympathischer Bescheidenheit — so gar nicht primadonnenmäßig, sondern wie ein sachlicher moderner Mensch der jungen Generation — über ihr Leben während der fetzten zehn Jahre, seit sie 1945 im Oktober auf einem Truppenschiff Israel verließ und damit eine damals auch ihr selbst unbekannte Karriere startete. Neun Jahre —• von 1936—1945 — hatte die in Bromberg geborene und m>t der Jugendalijah ins Land gekommen"* Hilde in Jerusalem verbracht, hatte den Beruf der Krankenschwester gelernt, im väterlichen Schuhgeschäft mitgearbeitet, bis man ihre Stimme, einen Sopran von seltener dramatischer Durchschlagskraft und Volumen entdeckte. Drei Jahre lernte sie auf der hiesigen Musik-Akademie, deren hohen Standard sie rühmend Imrvorhnb, einige Monate nahm sie dramatischen Unterricht bei Rose Paulv, der in Jerusalem lebenden unvergessenen . Salome” und ,,Elektra", „Wozzeck-Marie" und , .Färberin" (,,Frau ohne Schatten"). Bei ihr lernte sie die Tosca agieren, während die Lehrerin den Baron Scarpia markierte. In Zürich lernte sie ein Jahr bei der unvergessenen großen Liedersängerin Ria Ginster und wenig später klopfte das große Glück bei der jungen Anfängerin an: der Direktor der Wiener Oper lud die völlig unbekannte Sängerin, die niemals auf der Bühne gestanden hatte, zu einem Probegastspiel in die Wiener Staatsoper ein, und ohne Probe, ohne einen einzigen ihrer Kollegen vor der Aufführung kennengelernt zu haben, trat sie in einer ,,Aida"-Aufführung (den italienischen Text hatte sie innerhalb einer Woche lernen müssen, auf und wurde die berühmte Kammersängerin. Jüdische Nothilfe In der stattgefundenen Vorstandssitzung des neugegründetnn Vereines ,,Komitee Chewrah Matan B’Szeszer" (Jüdische Nothilfe), wurden folgende Herren in die Vereinsleitung gewählt: Otto Glücksmann, Obmann , Dr. Kurt Ifasz, Obmannstellvertreter; Walter Volk, Kassier. Herbert Schelzer, Kassier und Josef Brüll, Kassier; sowie 10 Beisitzer. Die Not der jüdischen Bevölkerung ist in letzter Zeit so groß, daß die Beträge, die einfließen, nicht ausreichen, diese Not annähernd zu lindern. Die jüdische Nothilfe hat es sich zur Aufgabe gestellt, nicht nur zu den Feiertagen, sondern das ganze Jahr hindurch, notleidenden Menschen, Hilfe zu leisten, Diesbezügliche Ansuchen sind zu richten an: Komitee Chewrah Matan B’Szeszer (Jüdische Nothilfe), Wien I, Seitenstettengasse Nr. 2—4 (Büro der Mgbith). Wir bitten alle unsere jüdischen Brüder und Schwestern diese Aktion, die ungemein wichtig ist, zu unterstützen und Spenden auf unser Kont» bei der Creditanstalt, Zweigstelle Kärntnerring, Konto Nr. 3742 g»fl. einzuzahlen. Für den Vorstand: Otto Glücksmann, e. Ir Obmann, Die idealsten Schullermiflaaen aus Watte, beste Paßform, für Damen-, Herren- und Kinder- Bekieidung „HÄPO" Ach sei polster-Erzeugung RUDICH <£ Co. Wien U,Aspernbrückeng.4 Tel. R 45 5 63 Schuhmodenhaus FERDINAND BECK & CO. V E R K A U F S S T E L L E N : IX., Alserstraße 8 VII., Mariahilferstraße 82 IX., Währingerstraße 50 V., Pilgramgasse 6 XV., Sechshauserstraße 12 GE SCtt' UM e n Dr. Jehoschua Guvrin. Juden im Leben Mozarts Es war eine böse Zeit für die Juden in Österreich, als Mozart geboren wurde. Die Kaiserin Maria Theresia hatte den Judenhaß von ihrem Vater Kaiser Karl VI., ererbt. Bekannt ist der Ausspruch der Kaiserin: ,,leb kenne keine ärgere Pest als die jüdische Nation" und die Judengesetzgebung der Kaiserin tat alles um die Juden zu erniedrigen und ihre natürliche Vermehrung hintanzuhalten. Nur ein kleines Häuflein von Juden, die sogenannten Toleranzjuden genossen ihre Protektion. Sie empfing sogar hie und da einen von ihnen, aber stand hinter einem Paravant, um von ihnen nicht angehaucht zu werden. So kam es, daß sogar der Name des Knaben Mozart von ihr zur Begründung von Zwangstaufeh und Verschleppung jüdischer Kinder in Klöster mißbraucht wurde. Als die jüdischen Eltern der unglücklichen Kinder in Bittschriften an die Kaiserin darauf hinwiesen, daß doch kleine Kinder nicht reif genug seien, um eine rechtsgültige Zustimmung zum Empfang der Taufe abzugeben, beschloß Maria Theresia mit Dekret, vom 15.2. 1765, daß Kinder vom vollendeten siebenten Lebensjahre an reif genug seien um die Einwilligung zur Taufe ohne Genehmigung der Eltern selbst zu erteilen. Der betreffende Akt der „Hofkanzfei" verweist darauf, ,,daß man in den abgewichenen Jahren gewisse aus Salzburg gebürtige Kinder unter dem siebenten Jahre ihres Alters in der Weitherumführt, die in der Musik so erfahren sind, daß sie selbst komponieren, wozu mehr als judicium discretionis (rechtsverbindlicheEntscheidungskraft) nötig sei." Die Kinder aus Salzburg waren natürlich der Knabe Wolfgang Amadeus Mozart und seine Schwester Nannerl, die kurz vorher vor der Kaiserin in der Wiener Hofburg musiziert hatten. Als dieses schändliche kaiserliche Dekret veröffentlicht wurde, war Mozart 9 Jahre alt, wußte nichts davon und hatte wohl auch nie davon erfahren. In direkten Kontakt mit, wenn auch getauften Juden, kam Mozart erst im Jahre 1783 in Wien. Damals wohnte Mozart als Gast im Hause eines kürzlich getauften Toleranzjuden, des Freiherrn Raimund Wetzlar von Planckenstern, den Mozart seinen „gütigen Mäzen und rechtschaffenen Freund" nennt. Damals aber regierte schon Kaiser Josef II. und das ,,Toleranzpatent" war bereits erschienen. Vater des neugebackenen Freiherrn hatte sich mit seinen 10 Kindern taufen lassen, nur seine Frau Eleonore blieb Jüdin. Ihr Name als edle Wohltäterin wurde in der Wiener Synagoge in der Seitenstettengasse bis zum Einbruch Hitlers in Österreich bei den Maskir- Andachten unter den Namen verdienstvoller und großer Juden, sowie zum Beispiel der Name Theodor Herzls, besonders verlesen. Im Hause ihres getauften Sohnes Raimund lernte nun Mozart den Abbate Lorenzo da Ponte kennen, der später die Libretti für Mozarts Opern „Figaros Hochzeit", „Don Giovanni" und „Cosi fan tutte" schrieb. Dieser katholische Geistliche Lorenzo da Ponte war nur ein getaufter Jude, Sohn des jüdischen Gerbers Geremia Conegliano und der Gheila Pincherle. Als die Gattin starb und der Gatte ein christliches Mädchen heiraten wollte, nahm er mit seinen 3 Söhnen die Taufe, die der Bischof Lorenzo da Ponte am 29. August 1763 in der Kathedrale von Ceneda in Italien vornahm. Dem Gebrauche gemäß nahmen die Getauftenden Namen des Bischofs und Taufpaten an. Der älteste Sohn, der E manuele Conegliano hieß, bekam nun den Namen Lorenzo da Ponte. Er wurde zum Geistlichen bestimmt und brachte es bis zum Diakon. Seine Neigung galt aber der Literatur und schönen Frauen. Er dichtete in vielen Sprachen, italienisch, hebräisch, lateinisch und griechisch. Hatte viele Abenteuer und mußte schließlich nach Österreich flüchten, „weil ich am Freitag Schinken gegessen hatte", behauptete er in seinen Erinnerungen. Lorenzo da Ponte kam nach Wien, als eben Kaiser Josef II. die Errichtung einer italienischen Oper beschlossen hatte, erbat und erhielt den Posten eines Theaterdichters. Trotz der Protektion des Freiherrn von Planckenstern mußte Mozart lange warten, bis da Ponte ein „Büchel" (Libretto) für Mozarts Konkurrenten Salieri verfaßt hatte. Als der Kaiser 1790 starb, verlor da Ponte seinen Posten und begann ein Wanderleben. 1792 heiratete er in Triest „nach allen üblichen bürgerlichen und kirchlichen Sitten und Formen" wie er behauptet. Es ist kaum glaublich, daß die Braut, eine nachgewiesenermaßen protestantische Engländerin namens Nancy Grahl und der katholische Priester da Ponte eine gültige Ehe hätten eingehen können. Nun gibt es zwei Briefe des venezianischen Senators Pietro Zaguri, — dessen Sekretär da Ponte in Venedig gewesen war — an Casanova. Im ersten Brief berichtet Zaguri, einer seiner Angestellten habe zu seinem Erstaunen in Triest gesehen, daß da Ponte, „der in der Synagoge die Messe nach hebräischem Ritus las", eine englische Jüdin geheiratet habe und in einem zweiten Brief an Casanova schreibt Zaguri: „Wie zum Teufel konnte sich der Abbate da Ponte in Triest für eine* Juden halten lassen?" Es ist daher a»- zunehmen, daß da Ponte in Triest zum jüdischen Glauben übergetrete* oder sich für einen Juden fälschlich ausgegeben hat. Von Triest ging da Ponte nach England, wurde dort Theaterdirektor. 1804 ging er nach Amerika. Er versuchte sich in New York als Dichter und im 80. Lebensjahre wurde er Professor der italienischen Sprache am Columbia-College. Im Jahre 1835, beklagte er in einer kleinen Schrift sei» Geschick: „Ich, die Inspiration Saliieris, Weigls, Martinis und Mozarts — fast 90 Jahre alt, habe in Amerika kein Brot mehr". Er starb am 17. August 1838. Mozart starb 1791, nur 35 Jahre alt und die ganze Kulturwelt vereinigt sich jetzt zur Huldigung seines musikalischen Genies zur Feier der 200. Wiederkehr seines Geburtstages. Nur die Libretti da Pontes für Mozart erhalten seinen Namen auf den Theaterzetteln. Von seinen 36 Drame» schweigt die Geschichte des einzige» Juden, der in Mozarts Leben eine Rolle spielte. Beide aber, Mozart und da Ponte, haben ein gemeinsames Schicksal: Ihre Gräber sind unbekannt. Als da Ponte starb, beschlossen die Italiener in New York, ihm ein Denkmal zu setzen, was durch lange Verzögerung in Vergessenheit geriet. Sei» Grab ist verschollen. Mozarts Leiche wurde nur von wenigen Freunden in Wien zu Grabe begleitet und auch sein Grabplatz war bald nicht mehr testzustallen. Das Genie Mozarts aber leuchtet. In seinen Werken hat er sich ein wunderrvolles und ewiges Denkmal gesetzt. Eine der ersten Schandtaten der Nazis war, die Dapontegasse im dritten Wiener Gemeindebezirk in Max Regergsse umzubenennen.