Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1955
- Issue
- Heft 95 (August 1955)
- Date
- 1955-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 95 DIF STIMME Seite 3 In der Frage der Wiedergutmachung Versöhnlicher Ausklang Präsident Dr. Wolf Herzberg 70 Jahre Am 20. September 1955 vollendet Dr. Wolf Herzberp, Präsident des Zionistischen Landesverbandes in Österreich, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien und Askan der zionistischen Weltbewegung, sein 70. Lebensjahr. -* ' Die Würdigung eines .Mannes, der in seinem Elternhaus den Zionismus erlebt, in seiner damals engeren Umgebung den jüdisch-nationalen Gedanken gepflegt, die Lehren unserer Wegbereiter studiert und die Früchte seiner reichen,geistigen und weltanschaulichen Erkenntnis einer Schar von Jüngern vermittelt hat, gereicht jenen zur Ehre, die Dr. Wolf Herzberg kennen, seine Persönlichkeit schätzen, seine Geradlinigkeit, Herzensgute, guten Willen und soziale Einstellung zum Vorbild nehmen. Wir Zionisten dürfen uns wahrlich nicht beklagen, daß es in unseren Reihen keine Idealisten gibt, die viellach Opfer unseren idealen bringen und mit dem ganzen Gewicht ihre. Persönlichkeit, Entscheidendes geleistet haben. Dr. Herzberg hat sich dem Zionismus ganz zu eigen gegeben und seit seinem 15 Lebensjahr für die Idee in einem Maße gewirkt, daß mar: mit großer Befriedigung feststellen kann: Unser Jubilar steht, in der ersten Reihe unserer Kämpter um die Befreiung des Judentums aus dem Joch der Verfolgung und um das Gedeihen des Staates Israel. Sein kluger Habitus, seine reiche Erfahrung, sein unbeugsamer Wille Juten zu setzen, die real und ehrlich sind und dafür schlüssige Beweise zu erbringen, daß sie Wahrheiten in sich bergen, haben Dr. Herzberg das Vertrauen seiner , Verehrer und Freunde eingebracht, die ihn für den Posten des Kultuspräsidenten kandidierten, in der Tat setzte der Kultusvorstand am 8. Mai 1951 in ihn das Vertrauen und bestimmte Dr. Herzberg zum Rosch Hakehilah. In diesem Amte entfaltete sich unser Präsident großartig. Seinem Wesen entspricht es nicht, mit seiner Tätigkeit Aufhebens zu machen, vielmehr liegt es Dr. Herzberg, still, zielbewußt und geradlinig zu wirken und die erzielten Erfolge erst dann zu verkünden, wenn er dessen sicher ist, daß seine Bemühungen vom Vertrauen der Mehrheit getragen werden. Wir wissen es und verkünden, daß Dr. Herzberg zeit seines reifen Lehens mit den besten Absichten durch die Welt ging, seinen Mitmenschen, namentlich den Juden treu gedient und oft seine Privatinteressen hintangesetzt hat, um, der erhabenen Idee der Menschenliebe, der Wahrheit, Aufklärung und der Abwehr des Hasses gegen nationale Minderheiten, insbesondere gegen Juden, zum Siege zu verhelfen. Nun ist es endlich soweit pie Wiede rgutmachungs Verhandlungen zwischen der österreichischen Regierung und der jüdischen Weltorganisationen sind abgeschlossen und unterzeichnet, die Pessimisten haben unrecht, behalten, aber allen Jenen, die mii diesen zweieinhalb Jahre währenden Verhandlungen etwas zu tun hatten, ist ein Stein vom Herzen gefallen Denn oft genug standen sie an de;, Messers Schneide, oft genug drohten sie wegen passiver Haltung hier und ungeschickter dort zu scheitern und olt genug bedurft?' es einer besonderen diplomatischen Wendigkeit, um sie wieder ins Geleise zu bringen und schließlich zum Erfolg zu führen. Der ro‘o Eao'en, der sich durch diese Verhandlungen zog, wurde nicht am grünen Verhandlungstisch gesponnen, und wenn auch der österreichische Bundeskanzler Ing. Raab und cDr österreichische Finanzminister Dr. Karnitz sowie der österreichische Virekanz'e.r Dr Schärf auf der einen Seite im L'ndstadiuin eine erfreuliche Initiative an. den Tag legten und die jüdische Delegation mit Dr. Robinson, Dr. Kapralik und Dr. Guvrin das ' ’eistmög'iche herausholten, so waren cs in erster Linie zwei Männer, die, ohne hervorzutreten und ohne aufzrfaUen, sozusagen hinter den Kulissen, den Boden vorbereiteten und immer wieder ebneten: Der Vertreter des Staates Israel, Konsul Arie Eshel, der, obwohl Israel nicht als offizieller Partner in den Verhandlungen figurierte, ständig ein treibender Motor war, Hindernisse beseitigte, Mißver- Der Zionistische Landesverband und die Redaktion ,,Dfe Stimme" wünschen dem Jubilar die Kraft auch weiter im Dienste des Zionismus seine Tätigkeit zu entfalten, zum Wolde des ganzen jüdischen Volkes. ln der am 5. September stattgefundenen Sitzung hat der Vorstand des Zionistischen Landesverbandes beschlossen, der am 16 Oktober d. J. abzuhaltenden Generalversammlung vorzuschlagen, Herrn Dr. Wolf Herzberg zum Ehrenpräsidenten zu designieren, weiters den Jubilar für seine Verdienste um die zionistische Bewegung in Österreich, in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eintragen zu lassen. Präsident De. töoty Uipz&uty 70 Jahre Aus diesem Anlaß veranstaltet der Zionistische Landesverband am Dienstag, 20. September 1955,20 Uhr im Cafe Grillparzerhof Wien 1, Bauernmarkt 10 ein TtsllUkcs BeUatnnitnzeut Alle Freunde des Jubilars sind herzlichst eingeladen! sländnisse bereinigte und stets neue Kompromisse fand und der Leiter des österreichischen Pressedienstes im Bundeskanzleramt, Sektionschef Dr. Fritz Meznik, der sich vom ersten Moment an als ehrlicher Freund der gerechten Sache erwies und an der Spilze jener konstruktiven Kräfte stand, die in der Wiedergutmachung nicht nur eine finanzielle sondern auch eine moralische Verpflichtung Österreichs sahen. Wie es so oft zu geschehen pflegt, kam dann alles „erstens anders und zweitens als man denkt". Da sprach; man Jahre hindurch über die Wiedergutmachung und zuletzt sah es so aus, als ob die Wiener Juden, u.id zwar die armen una ade»', irgendein Almosen et baden sollten, damit wenigstens ,,e! was" bei der ganzen Sach e hr. rauskoinmt. Darm stritt man sich oiuitc lang Wer das erblose Vermögen und konotce sich nicht darübe, einig werden: cd Millionen Schilling, J e Österreich offerierte. 50 Miihouen, die sie dann Gerüchten zufolge angeblich zu zahlen bereit war oder!20 Millionen welche die Organisa- innen forderte. Und schließlich kam eine Einigung zustande, ohne Berücksichtigung der in Österreich lebenden Juden, ohne erbloses Vermögen und mit dem objektiv und subjektiv gewiß nicht unbedeutenden Betrag von 5.50 Millionen Schi Hing. Damit soll keinesfalls gesagt sein, daß die in Österreich (ebenden. Juden cer ausgehen. Rai agraph 56 des ösi er- »•c. ich ist heil Staatsvertrages sieht die i.'os'dose Rückgabe aller geraubten Besitzv/erie vor und dies wird allen Geschädigten, gleichgültig, wo immer wo sich gegenwärtig oe.fi itden mögen, . zugute kommen Er verlangt ferner die Ausiöijung des erblosen Vermögens an be-; oncie rs hierfür zu bestiminende Organisationen und diese Werte, für weiche die osterreichsiche Regierung einen besonderen Fond zu errichten beabsichtigt, sollen nun mit Zustimmung, de; jüdischen Weltorganisationen zur Guün.ze den in Österreich lebenden .Juden zugute kommen. An der Rechtsmäßigkeit beider Forderungen ist nicht zu rütteln, da sie für 'Österreich genau sc bindend sind wie alle anderen im Staatsvertrag enthaltenen B e d i r: g u n gen. Letzten Endes war es eigentlich dieser Punkt des Staatsvertrages, der eine Einigung möglich gemacht hat. Österreich wollte (und konnte vielleicht auch nicht), Gesetze schaffen, die nur den jüdischen Opfern Entschädigungen konzedieren, denn die Wiedergutmachung ist in Österreich überaus unpopulär, in weitesten Kreisen unpopulär und hätte abgesehen von einer neuen antisemitischen Hetze in der neonazistischen Presse jene VorsöhiiungspolUik zunichte gemacht, die nun einmal von beiden großen Parteien -- der österreichischen Yolkspartei und den Sozialdemokraten — eitrig betrieben wird. Eine Eni Schädigung aller politisch-ni Verfolgten stieß aber aul Differenzen innerhalb der beeiden Koaliationsparteien, denn wo sollte hier die Grenze gezogen werden? Jm Laufe der Verhandlungen sind diese Schwierigkeiten innerhalb der Regierung wiederholt aufgetaucht, namentlich als die Sozialdemokraten in eine Entschädigung auch jene politisch Verfolgten einzuschtießen verlangten, die unter Dollfuß eingesperrt wurden und Unbilden zu ertragen hatten. Der obenerwähnte Paragraph 26 des Staatsvertrages hat nun eine salomonische Lösung möglich gemacht. Die österreichische Regierung hat, verteilt auf zehn Jahre, einen Fond von 550 Millionen Schilling zur Verfügung gestellt, um aus diesem an politisch geschädigte Personen ohne Unterschied der Konfession, die ii'üher in Österreich (zumindest zehn Jahre, auch wenn sie nicht österreichische Staatsbürger gewesen sind) Abtlüge um 11.30 und 18.45 Dir>ktanschlüsse nach Paris London, Amsterdam . . , Auskunft durch ihr Reisebüro oder gelebt hatten und heute ihren ständigen Wohnsitz im Ausland haben, je nach Bedürftigkeit eine einmalige Entschädigungssumme zu bezahlen. Daß es sich bei diesen politisch Ver- 5>Hen zu 93"," um Juden handelt, ist, wie man es nimmt, Glück oder Unglück der Juden, wie Dr Goldmann mit Hinblick auf die zu erwartenden Beträge und die Priorität der Auszahlung gesagt hat: „Wer mehr und Höher bekommt, das hängt davon ab, wer das Glück hatte, am meisten Unglück zu haben." Dies alles ändert jedoch nichts daran, daß Österreich letztlich seinen guten Willen unter Beweis gestellt hat und das von ihm gemachte, viele Erwartung übersteigende Angebot als durchaus großzügig zu bezeichnen ist. 550 Millionen sind nicht nur für 'Österreich, das mit der Wiedererlangung seiner Souveränität große und schwere materielle Verpflichtungen eingegangen ist, sondern auch für die Juden, denen das Geld zugute kommen soll, viel Geld. Man kann nicht genau sagen, wieviel jeder Einzelne bekommen wird denn die Höhe des Betrages, die auch vom Grad der Bedürftigkeit abhängt, wird sich erst festsetzen lassen, bis sieb nach Anschluß der im Herbst beginnenden Registrierung (nach Fassung des betreffenden Gesetzes durch das österreichische Parlament.) herausstellt, wie groß die Zahl der Geschädigten ist, die auf eine solche Entschädigung; Anspruch erheben. Das Wiedergutmachungsabkommen ist die erste soziale Großtat des souverän gewordenen Österreichs. Was immer man von Österreich denken und sagen mag, dieser Beschluß seiner Regierung stellt ihm das Zeugnis wirklich demokratischer (Besinnung aus Und wenn es wahr ist, was man sagi, 'daß dabei der Wunsch, gute Beziehungen zu Israel herzusleüen, eine große Rolle gespielt hat — umso mehr. Pension Cosmopolite Haus ersten Hanges Zentrale Lage Milbige Preise Wien VIll, Allerstraße 23 Telephon A 2f> 0 (>0