Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1955-06-01 · Heft 94 (Juni 1955) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1955
Issue
Heft 94 (Juni 1955)
Date
1955-06-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2431292-2431395-2431399--0686-2432330
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr 94 DIE STIMME Seite 5 Am 26. Juli in weniger als zwei Wochen, am 26, Juli, werden die freien Bürger des freien Staates Israel zum dritten Mal zu den Urnen schreiten, um ihre Vertreter in die Knesseth zu entsenden. Dieser Akt, für alle freien Volker ein Symbol der Demokratie, bedeutet für die Bürger Israels mehr als eine bloße Dokumentierung ihres ungehinderten Willens Jene Männer und Frauen mit der Vertretung ihrer lebenswichtigen politischen und sozialen Interessen zu betrauen, die ihr Vertrauen genießen Für die Angehörigen eines durch zwei Jahrtausende versklavten, in alle Weltteile verstreuten Volkes bildet das Parlament ein Wahrzeichen der Befreiung, Erlösung und unbeschränkten Willensäußerung. Es ist ein Sieg und Privileg unserer Generation, der der zweitausend|ahre alte Traum in Erfüllung gegangen ist Doch dieses Privileg birgt auch eine Verantwortung in sich, eine Verpflichtung, über die die Juden Israels sich selbst und der ganzen Welt Rechenschaft abtegen müssen. Dieser mora,Gehen Verpflichtung ist das jüdische Volk bisher im vollsten Masse gerecht geworden. Gleichgültig welcher politischen Richtung sie angehören und weicher Partei sie ihre Stimme gaben, so taten sie dies mit dem festen Willen und der bestimmten Zuversicht, ihrem Lande zu helfen und zu dienen. Das Parlament des neuen Israel blickt nur auf die kurze Vergangenheit von sieben Jahren zurück, aber es kann mit Recht aul seine Arbeit und die von ihm gefaßten Beschlüsse und Gesetze stolz sein In Zeiten schwerer Not und großer Gefahr, in Jahren mühseligen Aufbauwerks und fortschreitender Entwicklung hat es sich als Leiter und Lenker erwiesen, das in es gesetzte Vertrauen vollauf gerechtfertigt. Die Knesseth kann nicht mit anderen Parlamenten verglichen werden. Nicht’nur, weil ihr Aufgabenkreis ein weitaus größerer und schwererer ist als der anderer gesetzgebender Institutionen, sondern auch, weil sie ihren Wählern gegenüber vor besonderen Problemen steht. Menschen aus 74 verschiedenen Ländern, verschiedenen sozialen Schichten entstammend, verschiedene Sprachen sprechend, mit verschiedenen Zielen, Aufgaben und Interessen sind im Laufe der letzten Jahre nach Israel gekommen, Hundertlausende, die eingeorduet, Zehntausende, die besonders geleitet werden mußten. Sie reit gemacht zu haben iür ein produktives und demokratisches Leben war wohl das größte verdienst der Knesseth in den sieben Jahren ihres Bestandes. Gewiß mangelte es nicht an Schwierigkeiten, Differenzen und Krisen. In Jerusalem wie in aller Welt hat die Verschiedenheit der politischen Anschauungen und der Bestand verschiedener Parteien Konflikte, Spannungen und Spaltungen geschaffen. In den letzten Jahren seit der Errichtung der neuen Koalition wurde dem Handikap, das den Aufbau und die Entwicklung im großen Masse hinderlich war, weitestgehend ein Ende gesetzt. Mit dem Eintritt der Allgemeinen Zionisten in die Regierung und der Bildung einer Koalition, die die stärksten und konstruktivsten Volkskreise umfaßte, ist eine Konsolidierung der Wirtschaft, eine Festigung der Politik und ein Fortschritt im sozialen und' und kulturellen Leben der Allgemeinheit sowie des Einzelnen bewirkt worden. Nichts hat sich als günstiger, nichts als glücklicher erwiesen, als die Verbindung und die Zusammenarbeit zwischen dem kollektiven und privaten Sektor des Landes. ln den letzten Tagen hat diese segensreiche Zusammenarbeit durch ein wählt Israel an sich unbedeutendes Ereignis einen argen Stoß erhalten. Die Koalition, die zweieinhalb Jahre bestanden, allen Gefahren getrotzt und alle Krisen überdauert hat, ist gesprengt Die lebenswichtigsten und dringendsten Interessen des Landes sind damit aufs höchste gefährdet. Dies entspricht keinesfalls dem Willen des Volkes, das bei den letzten Wahlen vor vier Jahren unmißverständlich zum Ausdruck gebracht hat, daß es den Frieden und die Verständigung im Lande nicht weniger will, als den Frieden und die Freundschaft mit seinen Nachbarn jenseits seiner Grenzen. Mehr als eineinhalb Millionen, doppelt so viel als bei den letzten Wah'en, werden am 26 Juli ihre Stimmen abgeben. Bei einer solchen Bevölkerungszunahme und in Anbetracht des Menschenmaterials, das in den letzten 4 Jahren nach Israel gekommen ist, läßt es sich schwer Voraussagen, welche Partei einen Stimmenzuwachs oder eine Stimmeneinbusse zu verzeichnen haben v/ird. An sich ist es auch von keiner besonderen Wichtigkeit, ob die Mapei 3 Mandate verlieren oder die Allgemeinen Zionisten 2 gewinnen werden. Sicher ist jedoch, daß die Wähler in ihrer überwältigenden Mehrzahl auch diesmal die Hegemonie einer einzigen Partei ablehnen und ihren Wunsch und Willen nach einer Regierung zum Ausdruck bringen werden, die auf konstruktiver Zusammenarbeit und politischer Toleranz basiert. Hlcinc naduitt m Israel Licht im Negev Bis zum Herbst dieses Jahres werden alle Siedlungen im Negev elektrisches Licht haben, das entweder von der Hauptleitung oder von örtlichen Anlagen geliefert werden wird. Dieses für die Sicherheit außerordentlich wichtige Projekt wird von Seiten des Innenministeriums wie auch der Jewish Agency in Zusammenarbeit mit dem Keren I lajessod tatkräftig gefördert. Fremdenverkehr in Israel 50.000 Touristen werden dieses Jahr in Israel erwartet und ihre Zahl wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln — erklärt Handelsminister Dr. P. Bernstein, ln den ersten vier Monaten dieses Jahres übertraf die Zahl der Fremden, die Israel besuchten, die des gleichen Zeitraums im vergangenen Jahr um 25 Prozent. 1000 mal „Dybbuk“ Die ,,Habima", das bekannteste Theater-Ensemble Israels, hatte ihre ursprüngliche Wirkungsstätte in Moskau, wo sie im Jahre 1922 den ,,Dybbuk” erstmals zur Aufführung brachte Vor kurzem fand nun inTel- Aviv die tausendste Aufführung dieses Schauspieles von Ansky statt, wobei noch zwölf von den ursprünlichen Schauspielern, die immer noch der Truppe angehören, an der Vorstellung teilnahmen. König Lear - hebräisch Shakespeares ,,König Lear" wurde in der ,,Habima" in Tel-Aviv in der hebräischen Uebersetzung Abraham Shlonskys unter der Leitung von Julius Gellner aufgeführt, der auch die Regie der ,,König-Lear" - Aufführung im Londoner Old-Vic-Theater führte. Grabsteinenthüllung für Isidor Schalit In Tel-Aviv hat auf dem Alten Friedhof in der Trumpeidor - Straße eine Gedenkfeier und die Grabsteinenthüllung für den am 17. Jan. 1954 in Tel-Aviv aus dem Leben geschiedenen Dr. Isidor Schalit stattgefunden. Dr. Schalit war einer der ersten Pioniere, die in den denkwürdigen Tagen um die Jahrhundertwende die Wegrichtung zur einzigmöglichen Lösung des Judenproblems, der Errichtung eines eigenen Staates Israel, anzeigten. Dr. Schalit, dessen besonderer Stolz es war, der erste jüdische Soldat der Bewegung gewesen zu sein, hatte zu den engsten und treuesten Mitarbeitern von Theodor Herzl gezählt. Wirtschaftsaufschwung Tel-Aviv. ,.Denkt zurück an die Zeit der Wirtschaftskontrollen und an die langen Schlangen vor den Geschäften. Erinnert Euch an den schwarzen Markt und das Dollardefizit, das uns an den Rand des Bankrotts führte. Ueberlegt, wie die Bedingungen im Lande sich gebessert haben, seit die Allgemeinen Zionisten in die Regierung eingetreten sind", erklärte Dr. Perez Bernstein, der Präsident der Zionim Klalliim, auf einem Massenmeeting in Tel Aviv. Gegen Devisenkontrolle Tel-Aviv. In einer ausführlichen Darlegung der Gründe, die ihn, den ehemaligen Revisionisten, veranlaßt haben, den Zionim Klalliim beizutrejten, , [erklärt Dr. Weisl u. a. folgendes: ,,Die Allgemeinen Zionisten glauben, mit dem englischen Liberalen Lord Acton — daß dort, wo man beginnt, die Valuta zu manipulieren, die Diktatur beginnt. Sobald es Devisenkontrolle gibt, gibt es Protektion, Freunderl-Wirtschaft, Schmuggel, schwarzen Markt mit Lizenzen und mit Dollars, kurz: Die nationale Moral wird vernichtet.“ Zuckerfabrik ln Afula Der Betrieb der 500 Arbeiter beschäftigen wird, nimmt seine Tätigkeit mit dem Beginn der Zuckerrübensaison auf. Dies wird in Bälde geschehen. di&Afäike'ltavkivu Dem Präsidenten des Jerusalemer Distriktgerichtes oblag die überaus schwierige, verantwortungsvolle und komplizierte Aufgabe, den Prozeß Grünwald—Kästner zu führen. Eines der tragischesten Kapitel der Judenvernichtung während der Nazizeit, war Verhandlungsgegenstand. Formell ging es um eine Ehrenbeleidigungsklage gegen Griinwald, der in Pamphleten Kästner beschuldigte, an der Vernichtung der ungarischen Juden schuldig zu sein. Da Dr. Kästner hoher Beamter im israelischen Entwicklungsministerium war, hatte die Regierung daran Interesse, daß diese ungeheuerliche Beschuldigung vor Gericht ausgetragen werde. Die Regierung, vertreten durch den Generalstaatsanwalt Cohen, trat deshal ns Kläger auf. Eine große Anzahl Zeugen wurde ein vernommen Grünwald beschuldigte Kästner der Kollaboration mit unseren schlimmsten Feinden, mit den Nazis, der Mitschuld und Beihilfe zu den Massenmorden der ungarischen Juden, der strafbaren Zusammenarbeit mit Kriegsverbrechern und Rettung der mörderischen Nazis nach dem Kriege. In diesen Punkten fand der Richter, daß die Beschuldigungen Grünwalds stichhältig wären. Diese Erkenntnis hat in der ganzen Bevölkerung Israels und darüber hinaus in der ganzen jüdischen Welt, eine ungeahnte Bewegung für und gegen Kästner ausgelöst. Das israelische Kabinett mußte sich mit diesem Prozeß belassen. Justizminister Rosen wies darauf hin, daß die moralische Pflicht es gebiete, das Urteil von einer höheren Instanz überprüfen zu lassen. Im Kabinett und in der Knesseth kam es wegen des Urteils zu heftigen Debatten Bliebe es bei dem Urteil des Jerusalemer Distrikt Gerichtpräsidenten, müßte gegen Dr. Kästner sofort ein Prozeß wegen begangener Kriegsverbrechen und Kollaboration mit den Nazis eingaleitet werden. Premier Sharett wies öffentlich darauf hin, daß es sich hier um ein moralisches Todesurteil handle, weshalb man Dr. Kästner Gelegenheit geben müsse, seine Ehre nach Möglichkeit zu retten. Es sei hervorgehoben, daß das Kabinett dem Justizminister anheimstellte, eine Berufung gegen das in Frage stehende Urteil einzulegen oder nicht. Der Vertreter der Allgemeinen Zionisten, Ariaw, wies darauf hin, daß es ein schwerer Fehler sei angesichts der Erregung der öffentlichen Meinung, den Eindruck zu erwecken, als ob die Regierung hinter Kästner stehe. Der Prozeß hätte in dieser Form nicht eingeleitet werden dürfen, deswegen habe seine Fraktion zum Justizminister kein Vertrauen. Knessetmitglieder der Cheruth und der Kommunisten, brachten aus diesem Anlaß einen Mißtrauensantrag gegen die Regierung ein. Gegen den Mißtrauensantrag stimmten Mapai, Progressive und die religiösen Parteien. Allgemeine Zionisten, Mapam und Achduth Awodah, haben sich der Stimme enthalten. Hierauf trat die Mapaifraktion zu einer Sitzung zusammen, worin lestgestellt wurde, daß die Stimmenthaltung der Allgemeinen Zionisten ihrer Ansicht nach einen Bruch des Koalitionsabkommens bedeutet. Die Allgemeinen Zionisten erklären hiezu, daß es sich hier um eine Gewissensfrage gehandelt hätte und nicht um ein Problem der legislativen Geschäftsführung, was dann die Gesamtdemission des Kabinetts zur Folge hatte. Hierauf betraute der Präsident Ben Zwi den Premier mit der Neubildung des Kabinetts. Alle bisherigen Minister blieben im Amt. mit Ausnahme der Allgemeinen Zionistischen Minister Bernstein, Rokach- Saphir, Serlin. „du erscheint ab Rosch Haschana in neuer Form regelmäßig am 15. jeden Monats „du bringt in Zukunft einen reichhaltigen Israel-Teil, zusammengestellt von unserer eigenen Redaktion in Israel „du Stimmt" enthält in Zukunft folgende Rubriken: Wirtschaft Israels, Kulturleben, Geschehen im Nahen Osten, die Juden in der Welt — und insbesondere in Österreich „du Sttmifot wird ihre Leser allseitig und zuverlässig informieren können //di'Q St*umYh>t wird damit zur Zeitschrift aller Juden Österreichs „du Stimmt" ist auch Ihr Blatt. — Lesen und verbreiten Sie die „Stimme“, helfen Sie an ihrem Ausbau mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.