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Die Stimme · 1955-02-01 · Heft 92 (Februar 1955) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1955
Issue
Heft 92 (Februar 1955)
Date
1955-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE STIMME Nr. Bergen-Belsen — Vor 10 Jahren befreit Am 15 April 1945 um 15.07 Uhr betrat eine kleine Abteilung britischer Truppen das Konzentrationslager Belsen Leutnant D A. Sington verkündete den Häftlingen in deutscher Sprache, daß die Stunde der Freiheit gekommen sei. Der Anblick, der sich den Engländern bot, war von unsagbarer Schauerlichkeit Die britischen Offiziere entdeckten 13 000 unbeerdigte Leichen und mehr als 40.000 Elendsgestalten, Männer Frauen und Kinder, in einem Stadium völliger Erschöpfung, viele von ihnen an Flecktyphus erkrankt, eine Masse sterbender, leidender Menschen, eingepfercht auf kleinstem Lagerraum. Der Brigadegeneral H. L. Glyn Hughes, nach dem später das Lagerhospital benannt wurde, stellvertretender Kommandant des Sanitätswesens der 2. britischen Armee, begab sich in das Lager und übernahm die ungeheure Aufgabe der Rettung der Todgeweihten und die Bannung der Seuchen. Viele Tausende starben noch nach der Befreiung. Fast alle Nationen waren unter den Häftlingen vertreten, unter ihnen viele Juden. Seit Ende Februar 1945 war die tägliche Todesziffer auf 1000 angewachsen und erreichte zeitweise die erschreckende Zahl von 1500. Das Krematorium war nicht mehr in der Lage, den Anforderungen nachzukommen. Niemand weiß, was geschehen wäre, wenn Glyn Hughes und seine Helfer nicht mit großer Todesverachtung und ungeheurer Tatkraft die unblutigste und vielleicht bedeutendste Heldentat des zweiten Weltkrieges an dieser Stätte des Grauens vollbracht hätten. Die Kunde ging durch die Welt und rief einen Aufschrei des Entsetzens und der Entrüstung hervor. Heute sind noch die langgestreckten Massengräber auf öder Heide stumme Zeugen einer schrecklichen Vergangenheit und Warner für die Zukunft. ln der unmittelbaren Nähe des alten Lagers, das niedergebrannt werden mußte, wurde in den Kasernen der ehemaligen Bewacher ein neues Lager errichtet, das den ehemaligen Häftlingen eine Unterkunft bot. Es bot auch Zuflucht den jüdische Flüchtlingen, die aus anderen Lagern hinzuströmten, Menschen,derennächste Familienangehörige Opfer einer sinnlosen Verfolgung geworden waren und die kein Heim mehr ihr eigen nannten. Hier entstand ein Brennpunkt jüdischen Lebens Aus dem Nichts heraus wurden Schulen geschaffen, die einen ausgezeichneten Bildungsgrad vermittelten, Kinderheime, Werkstätten, eine Druckerei, eine Zeitung und nicht zuletzt Sammi Feders KZ-Theater Die Druckerei arbeitete mit der Handpresse und die Redakteure David Rosenthal, Paul Treppmann und Rafael Olewski hatten zunächst keine Schreibmaschinen, um ihre Arbeit zu verrichten. Von Anfang an hatten die Häftlinge, Männer und Frauen, an der Pflege der Kranken und an den Aufbauarbeiten selbst mitgewirkt. Der englische Wahlspruch, der bereits im Talmud enthalten ist, daß Gott denen hilft, die sich selbst helfen, wurde auch hier in die Tat umgesetzt. Eine übersteigerte Aktivität bemächtigte sich der überlebenden des unerbittlichen Schreckens. Vom 25. bis 27. September 1945 fand der erste Kongreß der befreiten Juden in Belsen statt. Zu ihm waren das britische Unterhausmitglied Sidney Silverman erschienen Professor Brodetzky aus London, der Direktor des American Joint, Dr J. Schwarz, der politische Direktor des Jüdischen Weltkongresses, Alexander Easterman, und viele andere mehr Es ist wenig bekannt, daß Ben Gurion, der spätere Ministerpräsident des Staates Israel, im November 1945 dem Lager Belsen einen Besuch machte Damals gab es noch keinen Staat, sondern nur das britische Mandatsgebiet Palästina. Man kann aber feststellen, daß der Druck heimatloser Juden, der Sherit Hapleta aus Belsen und den anderen Lageriy ein entscheidender Faktor für die Beschleunigung der Staatsgründung geworden ist Zur Durchsetzung der Forderungen der Sherit Hapleta, insbesondere auf Auswanderung, aber auch Sicherung der Existenz während des Übergangsstadiums, wurde das Zentralkomitee der befreiten Juden der britischen Zone begründet Sein Präses war Josef Rosensaft, dessen Name mit der jüdischen Lagerstadt Bergen-Belsen und dem Schicksal der Belsener untrennbar verbunden ist. Dieser Mann von damals 30 Jahren, mit zwei Schußnarben, die er bei Fluchtversuchen erhalten hatte, ein ehemaliger Häftling, dessen ständiger Aufenthalt der Strafbunker der KZ's gewesen war, verstand es, nachdem seine Körperkräfte kaum zurückgekehrt waren, mit unbeugsamem Willen, großem organisatorischen Geschick, Verhandlungsgabe und agitatorischer Kraft, die Lagerbevölkerung zusammenzuhalten und in Zusammenarbeit mit den britischen Kommandanten und den Hilfsorganisationen sehr schwierige soziale Probleme zu meistern Das Lager hatte eine eigene Polizei und das Lagerkomitee war dem britischen Kommandanten für die Ordnung innerhalb seiner Grenzen verantwortlich. Erstaunliches Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein ging von diesem Präses des Zentralkomitees aus, der vor allem auf die Lebenskraft der Lagerbewohner baute. Die Lehrer in den Belsener Schulen, wo Dr. Lubliner wirkte, waren DP's und sollten nur solche sein. Die jüdischen Hilfsorganisationen aus Amerika und England, die Jewisli Agency 1 or Palest ine das American Joint Distribution Committee, die Jewish Relief Unit, HIAS und ORT, hatten in Belsen entweder ihr Hauptquart ier für die britische Zone oder doch mindestens wichtige Abteilungen Das Zentralkomitee arbeitete mit diesen Gruppen eng zusammen, jedoch wurde unter Rosensafts Einfluß von vornherein sichergestellt, daß das Prinzip der Selbstverwaltung des Lagers nicht angetastet werden durfte. Im Gegensatz zu anderen Zonen fand im Rahmen des Zentralkomitees bis 1949 eine Vollständige Koordinierung zwischen den jüdischen Gemeinden, die sich in den Städten wieder gebildet hatten, und der Lagerbevölkerung statt Belsen war in dieser Zeit die Keimzelle des geistigen jüdischen Lebens, wo sich auch das Rabbinat befand, und eine Quelle jüdischen Volksbewußtseins, wie es in diesem Maße früher kaum bestanden hatte. Es ist bemerkenswert, daß der verstorbene britische Außenminister Ernest Bevin, der ein Gegner des Zionismus war, jedenfalls aber Palästina als britisches Mandatsgebiet erhalten wollte und die Grenzen für eine Einwanderung verschloß, dem Lager Belsen eine große Anzahl von legalen Transporten nach Palästina zugestand. Es handelte sich um nicht weniger als 8000 Personen. Darüber fand auch eine illegale Auswanderung von Belsen nach Palästina statt. Eine Episode von historischer Bedeutung war das Eintreffen der ,,Exodus" in Hamburg. Diesem Schiff, das eine große Anzahl illegaler jüdischer Flüchtlinge als Passagiere hatte, war die Landung in Palästina verweigert worden. Eis wurde gezwungen, einen deutschen Hafen anzulaufen. Nach anfänglicher Internierung der Insassen in einem Lager bei Lübeck gelang es nach hefi gen Demonstrationen und Vorstellungen, die Entlassung der Flüchtlinge nach Belsen durchzusetzen. Der Fall der ,,Exodus” war eines der Fanale, die das Ende des britischen Mandats und die Geburt eines neuen Staates ankündigten. Trotz mancher Konflikte legte die britische Militärregierung und Armee den größten Wert darauf, unmittelbar mit dem Repräsentanten des Zentralkomitees zu verhandeln, dem die britischen Stellen auch hei schweren Krisen, z. B. nach dem Terrorakt bei Hannover, großes Wohlwollen entgegenbrachten. Ein anderes Ereignis, das in den damaligen Tagen viel Staub aufwirbelte, war die Beschlagnahme des Schiffes ,,Dromit' mit Auswanderungsgut im Bremer Hafen. Hier gelang es, nicht nur die Freigabe der Ladung, sondern auch die Gewährung von Schadenersatz durchzusetzen. Von größter Bedeutung war, daß das Zentralkomitee folgerichtig auf geregelte Auswanderung, Schulung für zukünftige Berufe und Rückkehr in ein normales Leben hinarbeitete Die Auflösung erfolgte in dem vom Zentralkomitee für richtig gehaltenen Zeitpunkt in planmäßiger Weise und auf eigenen Wunsch. Im britischen Besatzungsgebiet befinden sich von den vielen tausenden jüdischen DP's, die durch das Lager Belsen gegangen sind, nur noch einige hundert Familien in den größeren Städten. Die Nachkriegsegschichte des Lagers Belsen, das im Jahr 1950 aufgelöst wurde und noch kurze Zeit in Upjewer fortgesetzt wurde, war kurz aber reich an dramatischen Ereignissen Sie ist charakterisiert durch den unbändigen Lebenswillen der Geretteten, durch die Treue zum Judentum, durch eine selbstbewußte und intelligente Leitung, ciie mehr als an eine „Rehabilitation" durch Dritte, an eine ,,Self- Rehabilitation" glaubte, durch die Zusammenschmelzung zu einer Gemeinschaft, durch die politische Kraft, die von ihr ausging. Noch heute stehen viele ehemalige Lagerinsassen miteinander in Verbindung. In diesem Jahre soll die zehnjährige Wiederkehr der Befreiung in vier Orten feierlich begangen werden, ln Belsen an der Stelle der Massengräber, am Gedenkstein der umgekommenen Juden, in Israel, wo viele Belsener die ersehnte Heimat gefunden haben, in England, von wo die Befreier gekommen waren, und in Schwaden, das die ersten Transporte schwerkranker Opfer in humanster Weise aufnahm und ihnen nicht nur Hilfe, sondern auch Freundschaft gewährte. An der Feier in Israel wird eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern aus Deutschland teilnehmen. So wird man es nicht vergessen, daß Belsen einst eine Stätte grausamster Massentötung war und später zu einem Symbol der Unbesiegbarkeit des Lebens und jüdischer Wiedergeburt wurde II. G. van Dam |,,Allgemeine", Düsseldorf} TEXTILWAREN EXPORT IMPORT Josef Limberg & Co. 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