Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1955
- Issue
- Heft 91 (Januar 1955)
- Date
- 1955-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 91 DIL STIMME Seit' Dr. WOLF HFRZBKRG. Präsident des Zionislisehen Landesverbandes Ziele des Allgemeinen Zionismus j MOSHE WALPMANN | Was bedeutet und was will der allgemeine Zionismus/ Diese Frage ist jetzt sehr aktuell und soll hier kurz behandelt werden Herr Kreutner hat. als Delegierter des Organisations-Departements seine Meinung dahin geäußert, daß die Allgemeinen Zionisten keine Partei seien, sondern er definierte den Begriff derselben als Bewegung mit allen ihren Attributen, die sie seit dem Auftreten Herzl's bis zum heutigen Tage beibehalten hat Der allgemeine Zionismus ist der Zionismus; der Begriff ,,Partei" hat sich erst nach der Bildung von verschiedenen anderen Parteien herausgebildet, sie hat jedoch die Anfangsrichtung nie aufgegehen und bildet heute auch in Israel die Partei der Mitte. Von ihren Grundprinzigien ist sie nie abgewichen. Die wichtigste Aufgabe der Allgemeinen Zionisten und ihre Aktivität ist vor allem darauf gerichtet, den Optimismus in der Entwicklung des Zionismus auch der Jetztzeit aufrecht zu erhalten. Diese Bewegung wird von der Meinung beherrscht, daß im Zionismus keine bedenkliche Lage besteht und daß die immerwährende Betonung des Bestehens einer Krisis in der jüdischen Öffentlichkeit einen Defaitismus hervorruft, der unserer Sache nur Schaden bringen könnte. Wir meinen, daß die Behauptung gewisser Kreise, daß durch die Gründung des Staates Israel ein Abflauen der zionistischen Bewegung zu verzeichnen wäre, irrig ist. Unbegreiflich ist die Behauptung, daß durch die Staatsgründung, die ursprüngliche Idee des Zionismus liquidiert worden sei; bestehen doch wie früher, in der ganzen Welt zionistische Organisationen verschiedener Art. Sie üben eine aktive zionistische Tätigkeit aus, die sogar noch bedeutender ist als jene vor der Gründung des Staates. Daß nicht ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung der Bewegung organisatorisch angehört, kann nicht als Krise bezeichnet werden, zumal auch in der höchsten Blüte der zionistischen Bewegung nur relativ kleine Teile unseres Volkes organisatorisch erfaßt wurden, während ein großer Teil sicherlich Anhänger derselben war, und unsere Sache begünstigte und unterstützte. Wir betonen weiters, daß, wenn auch Nicht-Zionisten die Leistungen für Israel in nicht zu unterschätzendem Maße vollbringen, die Zionisten dennoch die Ausschlaggebenden sind. Es wäre um die Förderung der Entwicklung Israels sehr schlecht bestellt, wenn der Staat nur auf die Neutralen angewiesen wäre. Es muß gesagt werden, daß die Allgemeinen Zionisten an der Spitze stehen und daß die Leistungen der anderen Gruppen in der zionistischen Bewegung allerdings nicht zu unterschätzen sind. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Allgemeinen Zionisten in Amerika den Aufbau des Staates Israel entscheidend fördern und alle jüdischen Bevölkerungsteile hiefür mobilisieren. Das Ziel der Allgemeinen Zionisten im Staate selbst ist darauf gerichtet, Israel in wirtschaftlicher, finanzieller und kultureller Beziehung lebensfähig zu erhalten und es prächtig zu gestalten. Es soll hier ausdrücklich betont werden, daß durch diese Darstellung, die Verdienste der Arbeiterschaft in Israel keine Schmälerung erfahren soll. Sie haben an der Gründung des Staates einen überragenden Anteil. Ein großer Teil des bisherigen Aufbaues ist fast ausschließlich ihnen zu verdanken. Darf doch nicht übersehen werden, daß durch die Leistungen der Arbeiterschaft selbst der Aufbau des Staates in bestem Sinne sich vollziehen könne Der große Fehler besteht nur darin, daß diese Betätigung auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet zu einseitig und dogmatisch ist. Durch die unreale Verkündung der baldigen Schaffung eines sozialistischen Staates ist unserem Lande leider ein schwerer wiedergulzumachcnder Schaden entstanden Hs ist dadurch gerade in den ersten Jahren nach der Gründung das Einströmen von Kapitalien und die Gründung von Industrien verhindert worden Dem energischen Einschreiten der Allgemeinen Zionisten unter Führung eines der bedeutungsvollsten Volkswirtschaftlers, Dr. Bernstein, ist es gelungen, allmählich nach dieser Richtung hin Remedur zu schaffen. Das Hauptziel der unter seiner Führung stehenden Allgemeinen Zionisten ist darauf gerichtet, ein Junktim zu schaffen zwischen Arbeit und Kapital. Die Allgemeinen Zionisten sind von dem Gedanken beseelt, eine Scheidung zwischen Israel und der Golah zu vermeiden. Die Allgemeinen Zionsten haben in Israel beachtenswerte Erfolge erzielt: Zunächst eine weitgehende Besserung der Finanzen, eine kräftige Entwicklung der Industrie, leichtere Lebensmöglichkeit durch bessere Ernährung und Reformierung der Kontrollen. Eine der wichtigsten Erfolge ist die Vereinheitlichung des Schulwesens, durch welches eine Zersplitterung in der Erziehung nach parteimäßiger Einstellung vermieden worden ist. Wir allgemeinen Zionisten sind der Meinung, daß in der Golah für Parteien kein Raum besteht und daß auch bei uns im Lande eine Parteiengruppierung nicht notwendig sei, sondern vielmehr das Bestehen einer einheitlichen zionistischen Organisation die Sache des Zionismus fördern würde, indem ganz bestimmt sehr viele Juden, die sonst neutral sind und sich nicht gern in eine Parteiorganisation einreihen lassen, einer allgemeinen Zionisten-Vereinigung ohneweiters beitreten und unsere Sache fördern würden. Nur auf diese Weise wäre die Heranziehung eines großen Teiles unseres Volkes zu kultureller Arbeit und die Erziehung zur zionistischen Idee möglich. Wir sind der Meinung, daß die Massen jetzt erst recht, wie vor 50 Jahren, zionisiert werden müßten. Ein Abgehen von diesem Grundsatz würde eine Vernichtung des Judentums in ideellem Sinne bedeuten. Die Kenntnis des Wertes unseres Volkes ist eine unerläßliche Notwendigkeit für den Bestand desselben, der Zions- Idee, des Zionismus und der zionistischen Bewegung. Es kann kein Judentum und auch nicht der Staat Israel bestehen, ohne Kenntnis der Werte, die sich aus unserer Lehre, aus der Exegese derselben, ergeben. So wie jedes Volk seine Literatur beherrschen muß, so muß das jüdische Volk einen Jehuda Halevy, einen Gabirol, einen Bialik und Czernichovsky, einen Scholem Alechem, einen Perez u. A. kennen. Der Anschluß an die Vergangenheit hat die Gegenwart geschaffen und kann die Zukunft gestalten. Die Einhaltung bestimmter Formen, die das Judentum und der Judaismus geschaffen haben, ist unerläßlich, weil ein Volk ohne Formen nicht existieren kann. Das bloße Lippenbekenntnis zum Judentum und zur zionistischen Bewegung kann vielleicht zahlenmäßig die zionistische Bewegung stützen, nicht aber die Durchdringung mit der zionistischen Idee bewirken. Die obangeführten Aufgaben der Judenheit zu erreichen ist ebenfalls Ziel und Zweck des Allgemeinen Zionismus. Moshe Waldmann, die große schöpferische Persönlichkeit, die sich mit ganzer Kraft der Sache des .Judentums, des Zionismus verschrieb, ist nicht mehr Moshe Waldmann, dem große Fähigkeiten innewohnten, der über hochentwickeltes Wissen und Können verfügte, hat in der selbstgewählten Aufgabe, für die Erlangung der nationalen jüdischen Selbständigkeit zu arbeiten, volle Befriedigung gefunden. Ein edler, kühner umfassender Geist, hätte Waldmann im bürgerlichen Leben, außerhalb des Parteigetriebes, ein sorgenfreies, pekuniär unabhängiges Leben führen können. Der stolze Jude, Idealist, der seinem Ideal nachstrebte, entschied sich für die Lebensart auf politischer, jüdischer Tribüne; er war abstrakten Theorien abhold, verlor sich nicht in Parteidoktrinen und war bestrebt, deren gute Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. Mit Genugtuung erfüllte uns die Anwesenheit Waldmanns im Februar 1952. Sein Referat in einer Versammlung, bot ein lebensvolles Bild und enthusiamierte die Zuhörer. Ein zweitesmal weilte er in Wien ein Jahr später, als wir seinen Rat dringendst benötigten. Im engen Kreis sprach er über den Zionismus, über Weltpolitik, über Kulturprobleme, über Perspektiven, Erfolge und Entwicklung Israels und über die Lage der Juden in der Galuth. Wir wußten es gleich, nach Beendigung seines lehrreichen Vortrages, daß Waldmann unser Wissen merklich bereicherte und uns Ratschläge gab, die außerordentlich wertvoll waren Heute stellen wir neuerlich fest, daß Moshe Waldmann reiche Erfahrungen und Kenntnisse besaß, die er freudig und großzügig seinem Auditorium vermittelte, wobei seine grenzenlose Güte, seine kluge sympathische Überlegenheit und sein weltmännischer Habitus weit ausstrahlten. Er war eine sich selbst und dem Zwecke bewußte Individualität, die, wie es Goethe sagt, höchstes Glück darin fand, sich nicht selbst zu vermissen, der Pflicht im Sinne der Forderung des Gemeinwohls zu entsprechen. Die Phylogenie Moshe Waldmanns zu schildern, ist deshalb nicht notwendig, weil sie für sein Leben und Wirken allein nicht ausschlaggebend war. Waldmann war ein Weltgeist. Seines Geistes Flügel trugen ihn in die Welt hinaus, wo er den Boden fand für die Entfaltung der geistigen Kraft, Mut und vielseitiger Tätigkeit, dies alles natürlich im Interesse des Judentums, für dessen Gedeihen, für dessen Aufstieg zur selbständigen Nation. Waldmann erwarb sich während der Jahre seiner Tätigkeit als Journalist, politischer Chronist und Redner ein Wissen, von welchem viele Menschen Nutzen zogen. Herbert SCHELZER Generalvertretung und Niederlage der Firma K. JOS. OTTEN Tuchfabrik in Hohenems, Vorarlberg Wien I, Trattnerhof 2 - Tel. R 24 3 15 Cafe Wien IX., Porzellangasse 39 Tel R 52 4 05 Während des ersten Weltkrieges wirkte unser Freund als österreichischer Kriegsberichterstatter; hier hatte er die Möglichkeit, mit Geheimboten der Alliierten Fühlung zu nehmen und lebenswichtige Interessen der russischen und polnischen Juden wahrzunehmen und wohltätig zu wirken. Nach den Zusammenbruch der Zentralmächte und Überwindung ernster Gefahren, in die Waldmann durch die neugegründete ukrainische Republik geraten war, ging er nach Berlin, in die Stadt, wo sich damals der europäische Zionismus neu konstituierte und eine großartige Tätigkeit entwickelte. In Berlin trat Waldmann in die Redaktion der auf hohem Niveau Die idealsten Schulterauflagen aus Watte, beste Paßform, für Damen-, Herren- und Kinder- Bekleidung „HÄPO" Achselpolster-Erzeugung RU DI CH <& Co. Wien H,Aspernbrückeng.4 Tel. R 45 5 63 stehenden ,,Jüdischen Rundschau” ein und stellte seinen Mann als publizistischer Faktor. Nach dem Einbruch des Nazismus in Deutschland, ergriff Waldmann, gleich vielen Juden, die Flucht und wandte sich nach Paris, wo er fruchtbare Arbeit auf dem Sektor der jüdischen Politik und des Journalismus zu leisten vermochte. Als die nazistischen Menschenfeinde Frankreich ernstlich bedrohten, ergriff Waldmann wieder den Wanderstab und ging nach dem damaligen Palästina. Hier war es um seine Gesundheit nicht gut bestellt und durch die Ungunst der Verhältnisse, konnte er im Lande kein Betätigungsfeld finden. Ein dunkler Punkt ist es, daß die führenden Kreise des früheren palästinischen Jischuw Waldmann präterierten, ja ihm fallweise hochmütig begegneten. Nach Niederwerfung des Dritten Reiches, konnte Waldmann nach Paris zurückkehren und sich wieder mit ganzer Kraft der Gestaltung des jüdischen Lebens voll widmen. Trotz stark zerrütterter Gesundheit, schonte er sich nicht, sprach in Versammlungen, schrieb Aufsätze, wachte die Nächte durch und ging auf Reisen, um den Zionisten in Europa gute Botschaften zu bringen und den Weg zum Herzen der Juden zu finden. Nun ist der Doyen der jüdischen Publizisten in Europa leider tot. Alle Menschen, die ihn persönlich kannten, seine Vorträge hörten oder seine Aufsätze lasen, werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren; wir, die wir ihm weltanschaulich nahe standen, mit ihm persönlichen Kontakt hatten, trauern um einen Freund, dessen Hinscheiden eine starke Lücke in unseren Reihen gerissen hat. Ein Vorbild an Güte, ein Künstler im Explizieren von Gedankengängen, der es verstanden hat, Vernunftbegriffe real darzustellen, ein selbstloser Idealist, dem kein Opfer für das Judentum zu schwer war, geht in die Geschichte ein. Bernhard Braver GESCH> WIED