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Die Stimme · 1955-01-01 · Heft 91 (Januar 1955) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1955
Issue
Heft 91 (Januar 1955)
Date
1955-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIL STIMM L Nr 9! HANS KLEE - Zürich Wir Juden und die deutsche Wiederbewaffnung (Übt es zu diesem Thema wirklich einen besonderen jüdischen Standpunkt? Linen solchen, der sich von demjenigen anderer Völker oder Bevölkorungsgruppen unterscheidet? Ls wäre unrealistisch, dies leugnen zu wollen Bei der Nennung irgendeines Namens der Weltgeschichte, der gegenüber dem jüdischen Volk eine besondere Bedeutung gewonnen hat, stellen sich unwillkürlich unsere Assoziationen ein: Nennt man Spanien, so ist die bewußte oder unbewußte Assoziation der Scheiterhaufen der Inquisition; nennt man Polen oder das zaristische Rußland, so tri't Chmielniki und der Pogrom vor unsere geistige Linse, spricht man vom modernen England, wird bald der Name Balfours lebendig, dessen Leuchtkraft den Schatten Bevins verdrängt. Spricht man zu einem Juden unserer Zeit von Deutschland, — wie sollte es möglich sein, daß nicht Wunden und Tränen, Bitterkeit, Furcht und Abscheu vor ihn hintreten. Von Deutschland ging die schrecklichste Verfolgung aus, die nicht nur unser Volk, sondern überhaupt ein Volk in der Geschichte (vielleicht mit Ausnahme der Armenier) je in diesem Ausmaß, mit dieser Systematik und raffinierten Gründlichkeit erlitten hat. „Denk ich an Deutschland in der Nacht", — mehr braucht es nicht, um uns allen den Schlaf zu rauben. Dieses Deutschland soll wiederbewaffnet werden, und man sagt uns, es sei nicht das gleiche Deutschland. Es sei nun demokratisch, habe den Weg zur Zivilisation zurückgefunden, an seiner Spitze stehe ein im humanistischen Denken verwurzelter Geist, seine Regierungsgeschäfte lenke ein Staatsmann von ungewöhnlicher Begabung und Einsicht, die guten Kräfte seien den schlechten überlegen, und im ('tanzen sei es an der Zeit, dieses Wik und den westlichen Teil seines Landes wieder in die Gemeinschaft der anderen Völker aufzunehmen. Wird unsere Skeosis dies glauben können? Keine Gesellschaft wird einen Massenmörder freilassen, ohne eine lange Bewährungsfrist, die die innere Besserung deutlich macht und den Rückfall nach menschlichem Ermessen ausschließt. Aber auch dann wird sie es sicher unterlassen, ihm auch noch Mordwaffen in die Hand zu drücken. Natürlich gilt ein solcher Vergleich nur cum grano salis. Aber: Was hat Deutschland nicht alles angerichtet! Fast alle Völker Europas waren nacheinander seine Opfer. Und nun sollen die neun Jahre, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges verflossen sind, eine ausreichende Spanne sein, um uns für die Zukunft Beruhigung zu schaffen? Nimmt man selbst dieses knappe Dezennium und überdenkt seinen Inhalt, so wird niemand sich einer Täuschung hingeben können. Gewiß hat der humanistische Geist an der Spitze des deutschen Staates seinen Abscheu über das nazistische Verbrechen zum Ausdruck gebracht, niemand wird seine Ehrlichkeit bezweifeln. Er hat jüdische Männer von Rang vor aller Welt ausgezeichnet, aber er hat auch den Harlan-Komplizen Werner Krauß mit der gleichen Ehrung bedacht und damit gezeigt, wie nahe eine integre menschliche Haltung politischer Instinktlosigkeit benachbart sein kann. Gewiß hat der Kanzler gegen starke Widerstände das Reparalionsabkommen mit Israel und den jüdischen Organisationen durchgesetzt; aber das Widergutmachungsgeselz für die individuellen Schäden blieb bis heute in weitem Ausmaß wertlos, und die Versehieppung seinr,r Durchführung steht in krassem Widerspruch zu der raschen Befriedigung der Forderungen der allen Nazis. Und nicht oft genug kann betont werden, daß die Reparationen uns Juden nur einen Bruchteil dessen zurückgeben, was uns in Deutschland selbst und in allen Ländern Europas geraubt worden ist und daß sie nicht etwa in irgendeiner Form eine Sühneleistung des deutschen Volkes darstellen oder aus dessen eigenem Volksvermögen entnommen werden. Gewiß versucht dieser Kanzler mit Teilen seiner eigenen Partei und mit Gutgesinnten im Lager der Regierung und der Opposition einen Weg zu Demokratie, Freiheitsrechten, rechtsstaatlichem Denken und öffentlicher Moral zurückzufinden; aber in seine Regierung nahm er auch Männer, die gestern die Exponenten des Mordregimes waren, um ihn herum tarnen sich Kreise, die weder frei noch demokratisch sind, wohl aber auf ihre Stunde warten, um die Kette desjenigen Deutschland um ein neues Glied zu verlängern, von dem wir oben sprachen. Gewiß — wer wollte es leugnen? — kämpfen Erich Lüth und eine heldenmütige Schar gegen diesen Rückfall; aber unsere Friedhöfe werden geschändet, in den Soldatenbünden und an verschwiegenen Orten dröhnen wieder die Berserkerreden und Barbarenlieder, — nimmt man alles nur in allem, so hat Berchtesgaden längst wieder über Weimar triumphiert. Alle Wünsche, die Anzeichen eines neuen deutschen Tages zu finden, bleiben vergeblich; es ist die alte Nacht, nur mühsam etwas herausgeputzt und beleuchtet. So sieht das öffentliche Leben Deutschland neun Jahre nach dem Untergang der Tyrannis ans. Warum also will man es bewaffnen? Nicht weil man wirklich Vertrauen hat, sondern weil es Andere gibt, denen man noch mehr mißtraut. Brennt es .»her irgendwo oder droht eine Überschwemmung, so öffnet man überall auf der Welt die Gefängnisse, gibt auch den Insassen Axt und Beil, um an der Abwendung der Gefahr mit/.uwirken,aher man schickt die Aufseher nicht weg und stellt jene gewiß nicht mit ihren Aufsehern gleich. Zu rechter Stunde erscheint in England das Buch von Lord Rüssel of Liverpool, um uns daran zu erinnern, daß die Waffen in den Händen derjenigen, die Bergen- Belsen und Auschwitz zu verantworten haben, die Gefahr, der wir uns gegenübersehen, eher vergrößern als verkleinern. Und darüber hinaus: Ist nicht die Idee von Tauroggen in den preußischen Gehirnen lebendig geblieben? Vielleicht ist es nicht, zu spät, ein Unglück abzuwenden, das fast als beschlossene Sache gelten darf. Uns Juden, die wir mit einem alten Blick die geschichtlichen Fakten dieser Welt betrachten, sind Non - Conformisten auch hier; wir können nicht anders als warnen, denn weiter reicht unsere Kraft nicht. Vielleicht wird diese Warnung wenigstens dazu führen, daß das System, in welches man die deutsche Militärkraft einbauen will, mit soviel strengen Sicherungen, soviel eisernen Klammern und Kontrollen versehen wird, daß dem freien Ausbrechen der Barbarenkraft ein wuchtiger Riegel vorgeschoben wird. Sonst könnte es geschehen, daß die überlebenden unserer Katastrophe bald wieder den Stechschritt des Todesengels vernehmen, und nicht sie allein, sondern mit ihnen alle diejenigen, die ein gutes Geschick bis gestern bewahrt hat. Z. F. FINKELSTEIN (JERUSALEM) (Anläßlich seines Besuches in Israel) Ein gar schwerer Weg führte den Talmud-Jungen aus Kutno zur Höhe eines von Weltruhm gekrönten Schriftstellers. Als Schalom Asch vor über fünfzig Jahren seine ersten Skizzen in den von J. L. Perez herausgegebenen jiddischen Monatsheften und in dem Krakauer ,,Freind" zu publizieren begann, da erkannte Perez, der Klassiker der jiddischen Literatur, sofort die Kraft eines frühreifen Meisters. Unübertroffen bis zum heutigen Tage in der verhaltenen Glut einer Kleinmalerei des jüdischen Lebens im Ghetto, enthielt dieses unter dem Sammelnamen ,,Dus Städtl" bekannte Erstlingswerk all die Vorzüge eines schöpferischen Romantikers. Dieses polnisch - russische Milieu, das bereits in tausend Variationen von einem Perez, Schalom ‘Alejchem und vor allem dem Altmeister Mendele Mocher Sforim bis zur Neige ausgeschöpft wurde, huschte bei Asch in einem eigenartigen Kolorit von Licht und Schatten vorbei. All die Typen von Lasträgern, Ba'alej - Batim (Bürgern), Jüngern der Jeschiwoth, Kindern, Mädchen und Müttern, wirkten bereits wie traumverlorene Figuren, die von einem unsichtbaren Fatum durch die Realitäten des jüdischen Kleinstadtlebens gelenkt wurden. Als der blutjunge Autodiktat seine ersten jiddischen Novellen schrieb, da sprengte bereits die klassische Epoche des jiddischen Schrifttums den engen Rahmen des ostjüdischen Alltags. Perez und Anski versuchten ihn durch das schattenhafte Zwielicht der mystischen Kabbala zu überwinden Schalom 'Alejchem drang von der Tragikomik des jüdischen Daseins in die Höhen allmenschlichen Leids; und der Arbeiterdichter Morris Rosenfeld zerrte an dem Joch der jüdischen Proletarier in Tönen wütenden Rebellentums in einer Reihe hinreissender Lieder. Dieser Ausbruch aus der Enge, aus der Schalom Asch selbst hervorkam, sowie dieses immanente Streben nach einer synthetischen Verbindung jüdischer und allmenschlicher Werte, zieht sich wie ein roter Faden durch die geradezu überschäumende Fülle seiner Schöpfungen. Durch die Niederungen und Höhen des jüdischen Lebens stößt ein dichterisches Genie vor, und seine jüdische ,.Mutter", die Idealgestalt vergangener Generationen wie sein in den Urtiefen der Unmoral watender ,,Jankel Schepschowicz" sind gleichermaßen Emanationen eines in Liebe und Verstehen allumfassenden Geistes. Hiezu gesellt sich die Fabulierkunst eines in tausend Farben leuchtenden Epikers. Unübersehbar die Fülle der Typen, Situationen und Begebenheiten, die Schalom Asch in eindringlichminutiöser Plastik geschildert hat. Chassidim und Aufklärer, Proletarier und Emporkömmlinge, Heilige und Ketzer, historische Persönlichkeiten und imaginäre Pleroen jüdischer Urzeit werden in Romanen wie „Schlojme Nugid", ,,Die Mutter", Dramen wie ,,Schabse Zwi" mit einer meisterhaften Realistik in den Mittelpunkt wahrer oder wahrhaftig scheinender Begebenheiten gestellt. So wird auch die großangelegte Trilogie: „Warschau — Moskau — Petersburg" förmlich umumrauscht vom Puls revolutionärer Stürme um die Wende des ersten Weltkrieges. Von dem Sturmgetöse dieser Art Werke der Weltliteratur führt über die Umwege vom amerikanisch zugeschnittenen Romane der grandiose Wurf eines Zyklus: „Nazarener", „Maria", „Apostel” und „Moses". Gründlich in der historischen Exposition und gradlinig in der lebenswarmen Schilderung der Begebenheiten, sprengen diese Romane zusehends den trationellen jüdischen Rahmen, um ins Allmenschlich-Ewige vorzustoßen. Auch hier bleibt sich der gereifte Romantiker des Ghettos seiner Mission des Schilderers menschlicher Höhen und Urtiefen treu. Nur Unkenntnis von Eiferern konnte in dem schweren Ringen einer jüdischen Dichterseele eine Art Abtrünnigkeit, oder Sucht nach Proselytentum in den letzten Werken Aschs erblicken. Ein schöpferischer Geist des modernen Judentums versucht hier lediglich eine Brücke zu schlagen von den Urzeiten religiöser Erleuchtung zur Düsterkeit einer in die Barbarei gleitende Gegenwart und all die Gestalten der Heiligen und Ketzer der Vergangenheit stehen hier in neuartiger dichterischen Verklärung auf. So verleiht die jüdische „Mutter" Schalom Aschs, die opfervolle Hüterin des jüdischen Bestandes seit Urzeiten, ihre hoheitsvoll-qualvolle Züge der Mutter „Maria", die jüdischen Ursprungs ist und auf den Nazarener das Erbe im Blut überträgt. Vom „Schlojme Hamagid" spinnen sich geheime Fäden zu den Aposteln, die als revolutionäre Lehrmeister und Apostaten letzten Endes ein jüdisches Gepräge der Menschenliebe vergebens der Welt aufzudrücken versuchen. Asch, der Schilderer und Wegweiser zweier Generationen, erreicht wohl in diesen Romanen den Gipfel seiner Meisterschaft. Durch diese jüdische Meisterschaft, die im Allmenschlichen ihren tiefsten Nährboden fand, bahnte sich auch Schalom Asch den Weg in die Weltliteratur. Das Jiddische verblieb wohl bis zum heutigen Tage das Element seines Schaffens, doch errettete sich das weitausholende Lebenswerk des Dichters durch das Medium fremder Sprachen. Auch eine Art Groteske des jüdischen Schaffens! Während das Jiddische in Israel dem unentrinnbaren Verfall entgegengeht, drängt die Leuchtkraft seines letzten Klassikers in die jüdische und unjüdische Welt . . . Feiern Sie mit uns die jüdisdien Feste! EINLADUNG zu der CHAMJS HA-ASSAR BSCHWAT-FEIER (Fest der Bäume) arn Sonntag, den 20 Februar 1955, im Kursalon der Studt Wien, 1, Studtpark, unter dem Ehrenschutz des Konsuls des Staates Israel, Herrn AUIF FISHEL und Frau ADELE ESHEL Tombola - Erstklassiges Tauzorchester Mitternaehtskabarett prominenter Künstler Beginn 20 Uhr Karten bei den Aussehußmitgliedern und an der Abendkassa Tel. A 11 1 56 B 52 4 67 R 50 0 75 W I 25 O Internat. Vereinigung zionistischer Frauen Wien I, Seitonstettengasse 4

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