Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1955
- Issue
- Heft 91 (Januar 1955)
- Date
- 1955-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 91 aufzuwiegeln und aufzuputschen. Sie rechnen auf die Gutgläubigkeit der Massen, sie nützen zu ihren Gunsten die Taktik der sogenannten Versöhnungspolitik und vor allem, sie pochen auf den Erfolg Denn je mehr die Wiedergutmachung an die Juden in die Ferne rückt, desto rascher geht die Rehabilitierung der Nationalsozialisten vor sich Je geringer die Forderungen der Opfer werden, desto mehr wachsen die Gelüste ihrer Mörder und die, die heute wieder in Antisemitismus machen, wissen selbst wohl, daß es ein sehr gutes und lohnendes Geschäft ist Doch nicht um diejenigen geht es, die da lügen und hetzen, die neuen Haß säen und lodernde Flammen schüren. Nicht um jene Konjunkturhascher, die es immer gab und die es immer geben wird, die im Haß ihre Berufung und im Raub ihren Erfolg sehen Aber wo sind die vielen anständigen Leuten, die vor 10, vor 5 und noch vor 3 Jahren behauptet haben, Juden geholfen zu haben, die geschworen haben von all den Greueln nichts gewußt zu haben und die bereit waren alles zu tun, um die Schande reinzuwaschen, mit der Österreich teils gewollt, teils ungewollt, bedeckt war? Wo sind die Minister, die so große Versprechungen gaben, die Beamten, die sich uneingeschränkt zur Demokratie bekannten und die Redakteure, die nie vergessen wollten? Warum schweigen sie heute? Warum erhebt sich kein Minister und steht für die großen Worte ein, die er noch vor 3 Jahren gesprochen hat, warum dulden es die Sektionschefs, das in den Ministerien wieder Unkraut wächst und warum schreiben die österreichischen Zeitungen heute nicht mehr von Leuten, die verjagt und vertrieben wurden, sondern nur von Menschen die apswanderten, wegzogen? Warum hat kein österreichischer Staatsmann, auch wenn er eine Befriedungspolitik treibt, den Mut aufzustehen und zu sagen: ,,Wir müssen dafür einstehen, was geschehen ist" wie es Heuß, Adenauer und Hallstein, Böhm und Lüth getan haben, obwohl auch sie keine direkte Schuld für das trifft, was in Deutschland geschehen ist? Warum findet sich keine amtliche Stelle, die das Volk dahin aufklärt, daß es nicht Billionen sind, die die traurigen Reste der Juden verlangen und keine Gelder, die aus den Steuern der österreichischen Staatsbürger bezahlt werden sollen, sondern armselige 120 Millionen Schillinge — ein Bruchteil jenes Geldes und jener Werte, die den Juden geraubt und gestohlen wurden? Warum findet sich kein Leitartikel der soliden Wiener Presse, der das Lügengewebe der neonazistischen Zeitungen zerreißt und seine Stimme warnend gegen die Gefahr erhebt, die aus der neuen Welle des Antisemitismus droht? Wo sind vor allem die vielen, vielen Österreicher die behauptet haben, immer anständige Menschen gewesen zu sein. Wir wollen ihnen ihre Anständigkeit in der Vergangenheit gerne glauben, wenn sie sie wenigstens jetzt unter Beweis stellen Wenn sie die neue Hetze nicht nur mit Schweigen und Verachtung übersehen und überhören, sondern das Übel mit der Wurzel ausmerzen Nicht so sehr um unserer wie um ihrer eigenen Ehre willen. KLEIDER - WÄSCHE - SCHUHE auf Teilzahlung S.Beod WIEN VI, DAMBOCKGASSE 4 Schändung einer Auszeichnung Der Iffland-Ring, die höchste Auszeichnung deutscher Schauspielkunst, wurde im Wiener Burgtheater, entsprechend einem Beschluß des Kartellverbandes deutschsprachiger Btihnenangehöriger, Werner Kraus überreicht Albert Bassermann hatte bewußt die Tradition gebrochen, wonach der Träger dieses Ringes seinen Nachfolger selber bestimmte Er hatte seine Heimat aus Protest gegen die Barbarei des Nationalsozialismus verlassen, und er sah den großen deutschen Schauspieler nicht, der auch charakterlich dieser Auszeichnung würdig gewesen wäre. Im besonderen erfüllte diese Voraussetzung Werner Krauß nicht, der sein überragendes schauspielerisches Talent in den Dienst des verbrecherischen Regimes gestellt und daher eine ganz andere Auszeichnung, den Titel eines Preußischen Staatsrats von Görings Gnaden, redlich verdient hatte. Im Harlan'schen Pogromfilm ,,Jud Süß", der die seelischen Abwehrkräfte der deutschen Bevölkerung gecen die Judenverfolgung lähmen sollte, übernahm Krauß gleich sämtliche jüdische Rollen, um die abstoßende Karikatur des jüdischen Menschen schlechthin umso einprägsamer und aufreizender zu gestalten Ebenfalls in den Kriegsjahren interpretierte Werner Krauß in einer Neuinszenierung des ,,Kaufmann von Venedig" durch Lothar Müthel in einer ekelerregenden und an die niedrigsten Haßinstinkte appellierenden Art die tragische Figur des Shylock, und im Anschluß an die Aufführung äußerte er sich voller Stolz, daß nach seiner Darstellung des Shylock ein jeder sich eine Vorstellung davon machen könne, wie der Jude sein würde, wenn er je wiederkehren sollte . . ln diesem Schauspieler den würdigen Träger des Iffland-Ringes zu erküren, bedeutet eine Schmähung des geistigen Erbes des Künstlers und 'Menschen Bassermann. Sie ist in Deutschland selbst wie auch im Ausland auf Widerstand und Empörung gestoßen Der Schweizerische Bühnenkünstlerverband hatte gegen die geplante Verleihung der Auszeichnung an Werner Krauß protestiert, weil er darin einen kulturpolitischen Skandal und eine Schändung des Symbolwertes des Iffland-Ringes erblickt Noch vor vier Jahren mußte das Wiener Burgtheater ein Gastspiel in Berlin wegen stürmischer Kundgebungen, die insbesondere aus den Reihen der Studentenschaft gegen die Mitwirkung von Werner Krauß dort stattfanden, abbrechen. Heute wird Krauß geehrt und gefeiert, nachdem er allerdings bereits vor einem halben Jahr, anläßlich seines siebzigsten Geburtstages, aus der Hand des westdeutschen Bundespräsidenten das ,,Große Bundesverdienstkreuz" empfangen hatte. Wohl im Zeichen der moralischen Wiedergutmachung — aber mit umgekehrten Vorzeichen . .. I.P.N. Wie schlecht ist es um Werner Krauß bestellt, daß er, dem die moralischen Absichten Bassermanns bekannt sind, den Mut hatte, den Iffland-Ring entgegenzunehmen. (Red.) Zwei deutsche Märtyrer... Anfangs November wurde der einstigeAußenminister Hitlers und Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Freiherr Constantin Neurath, mit Rücksicht auf sein hohes Alter und seine geschwächte Gesundheit vorzeitig aus dem Gefängnis in Spandau entlassen. Neurath war im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher in allen Anklagepunkten für schuldig befunden und zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Als nazistischer Außenminister hatte er Hitler im Jahre 1936 in seinem Entschluß, das Rheinland wieder zu besetzen, der den ersten vorsätzlichen Schritt zum Weltkrieg bildete, ermuntert. In seiner Eigenschaft als Reichsprotektor von Böhmen und Mähren unterdrückte Neurath die demokratischen Freiheiten und machte in einer Proklamation vom August 1939 ..die ganze tschechische Bevölkerung” für alle zukünftigen ,,Sabotageakte" verantwortlich. Er empfahl die ,,Germanisierung" der Tschechoslovakei und die Ausschaltung ihrer Intelligenz. Von Neurath führte die judenieindliche Politik und Gesetzgebung der Nazis in der Tschechoslovakei ein und wurde auch dadurch zum niedrigen Handlanger der Mörder. Er folgte mit dieser Anordnung, wie er zu seiner Entschuldigung anführte, einer Weisung Hitlers, er blieb aber auch der eigenen antisemitischen Haltung treu, die er bereits zu Beginn des Dritten Reiches eingenommen hatte. Damals half er als Außenminister wacker mit, die Wahrheit über die Aechtung und Entrechtung seiner jüdischen Mitbürger zu unterdrücken Das ,,unsinnige Gerede des Auslands über rein innerdeutsche Dinge, wie zum Beispiel die Judenfrage”, so äußerte er sich im September 1933, werde schnell verstummen, wenn man erkennen werde, daß ,,die notwendige Säuberung des öffentlichen Lebens wohl vorübergehend in Einzelfällen persönliche Härten mit sich bringen müßte, daß sie aber doch nur dazu diente, in Deutschland die Oberhand von Recht und Gesetz umso unerschütterlicher zu befestigen". Und selbst noch in Nürnberg — nachdem ihm längst bewußt geworden sein mußte, daß die von ihm gutgeheißene ,,Säuberung” in die Gaskammern geführt hat, — stand Neurath voll und ganz zu der seinerzeit vertretenen Auffassung, daß die ,,Überflutung und Beherrschung des öffentlichen Lebens durch die Juden” habe beseitigt bzw. eingeschränkt werden müssen. Freiherr von Neurath mag kein eigentlicher Nationalsozialist gewesen sein, er gehörte aber zu jener Schicht des deutschen Adels, die aus ihrer Anfälligkeit an den Chauvinismus und an die deutsche Herrenmoral der Antisemiten mit dem Nationalsozialismus paktierte, seinen verbrecherischen Zielen diente und seine Schandtaten gegen die Außenwelt abschirmte. Die Geschichte wird urteilen, ob die Schuld von Männern wie von Neurath dem eigenen Volk wie der ganzen Menschheit gegenüber nicht ebenso groß, wenn nicht größer war als diejenige des aus der Gosse aufgestiegenen Hitler und seiner nationalsozialistischen Verbrecherclique und Bluthunde. Von Neurath wurde, als er das Gefängnis verließ, mit Blumen empfangen. Die Kirchenglocken seiner Heimatgemeinde läuteten. Hohe und höchste Würdenträger der westdeutschen Bundesrepublik entboten GUT UND BILLIG Ein Hochgenuß zu jeder Tageszeit: Jaffa-Orangen kernlos und süß per Kilo 7.80 Jaffa-Grapefruits saftig und pikant per Stück 2.50 Verwendungs-Rezepte in allen Filialen von BRÜDER KUNZ ihm ihre bewegten Glückwünsche. Der Bundespräsident sprach sogar von einem Martyrium, das nun erfreulicherweise sein Ende gefunden habe ... Es gab in der Vorkriegszeit des Nationalsozialismus einen anderen deutschen Märtyrer, von dem zufälligerweise auch gerade in diesen Tagen die Rede war, C. v. Ossietzky. Vor einigen Wochen wurde der, Ossietzky im Jahre 1936 verliehene Nobel-Friedenspreis, seiner Tochter ausgehändigt. Carl von Ossietzky, auch er Sproß eines deutschen Adelsgeschlechts, nahm ein Martyrium freiwillig auf sich, weil er sich weigerte, den Tyrannen zu dienen, weil er die verbrecherischen Pläne der Kriegstreiber enthüllte und unentwegt seine Stimme gegen die Propagandisten des volksvergiftenden Antisemitismus erhob Carl von Ossietzky litt für das mit Füßen getretene Recht, von Neurath aber für Unrecht, das er selber mitverschuldet hat. In Ossietzky ehrte die Welt, als sie ihn für den Nobel- Friedenspreis vorschlug, wie Romain Rolland es ausgesprochen hat, einen Apostel des Friedens, „der es bis zum Martyrium gewesen ist.” Von Neurath hat die Jahre der alliierten Gefängnishaft überstanden, der viel jüngere von Ossietzky aber ist den körperlichen und seelischen Martern der nazistischen Konzentrationslager erlegen, in die er gezerrt wurde, als der deutsche Außenminister von Neurath das Gewissen der Mitwelt mit der jämmerlichen Versicherung zu beschwichtigen suchte, daß die „notwendige Säuberung des öffentlichen Lebens wohl vorübergehend in Einzelfällen persönliche Härten mit sich bringen müßte". Von Neurath und von Ossietzky — sie können nicht beide Märtyrer sein. Das neue Deutschland wird zwischen ihnen wählen müssen. I.P.N. Man sollte glauben, daß das Volk der Dichter und Denker sich zur Moral eines Ossietzky bekennt, aber der erste Mann Westdeutschlands Heuß, hat unseren Glauben insofern erschüttert, als er den Handlanger Neurath offiziell einen Märtyrer nannte. (Furor teutonicus) (Red.) Kaffee - Restaurant Grillparzerhof I., Bauernmarkt 10, Tel. U 25 4 90 Streng orthodoxe Küche empfiehlt sich für Hochzeiten, Festlichkeiten und Banketts