Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1955
- Issue
- Heft 91 (Januar 1955)
- Date
- 1955-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 2 Schilling V. b. b. lim m e OttyüH dec AUyetneiHCti HanUten m Ösiecce-itU Zionistischer Lande.sverband Wien ||)|j||lll""l,,»!i||!|!H"".HUI.il|||||||H"""l|||||||P' Reduktion u. Administration: 1 Wien IX, lTniversitälsstr. 4 4 J Telefon A 26 4 73 | Postscheck-Konto Nr. 134.292 J 1 Jänner 1955 I Nr. 91 Neue Welle des Antisemitismus So fing es an . . . Das waren noch Zeiten als der seliee Dr. Lueger seinen auf Wiener Geschmack zugesch nif'enen, neulakkierten und frisch polierten Antisemitismus mit der wundervollen Aufschrift:, Wer ein Jud' ist, das bestimm' ich" einzäumte Da konnte man einfach den Kopf in den Sand stecken und so tun, als ob einem das ganze nichts anginge, da konnte man mit den Achseln zucken und sich einrerien, daß man nicht selbst gemeint ist und in allen Varianten Vogel- Strauß-Politik spielen Umso mehr als ieder Jude einen ,, Haus-Christen" hatte, der ihm gnädig auf die Schulter klopfte und sagte: ,,!a, wenn alle so wären wie Sie". Somit gab es ja überhaupt nur gute Juden und niemand brauchte sich betroffen zu fühlen Und überhaupt weil ja der Antisemitismus nichts anderes war als eine Spielerei, die zur Wiener Gemütlichkeit gehör'e, eine der Raunzereien, die der Wiener zu seinem täglichen Lehen benötigte wie das obligate Vierterl Seither ist viel Wasser indieDop.au und fast ebensoviel Blut an ihren Ufern geflossen Vorerst ging es immer noch gemütlich zu und im ersten Weltkrieg, als die Flüchtlinge aus dem üsi erreich Ischen Galizien nach Wien strömten, da prägte man im eigenen Kreise die Ausdrücke ,,Polischer und ..Zuagraster" und halte wieder einmal die schönste Ausrede für sich, daß nur die anderen gemeint sind. Dann wurde die Monarchie hinweggeschwemmt und es kam die Republik mit ihrem numerus clausus. Auch da noch schob man den unbequemen Gedanken, es könnte einem selbst an den Kragen gehen, gerne von sich und selbst als in die Baumrinden des Wienerwaldes die ersten Hakenkreuze eingraviert wurden, wollte man es nicht wahrhaben, daß der Antisemitismus etwas anderes ist als ein harmloses Propagandamittel für die Unwissenden und Dummen Nicht nur die sogenannten anständigen Menschen, die aus Überzeugung die Rassentheorie als Wahn ablehnten, bagatellisierten die unheilvolle Bewegung und waren zu bequem, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sondern auch die Zweihunderttausend Juden wollten die Gefahr nicht sehen, die sich bereits deutlich am Horizont abzeichnete. Bis dann die Lawine über sie stürzte und alle, ohne Unterschied des Standes und der Kaste einfach hinwegschwemmle Da halfen nicht, mehr Titel und Mittel, da versagten alle Beziehungen und so Hist das Weihwasser nützte nichts mehr, der Antisemitismus tobte unterschiedslos und so ungehemmt, daß sich selbst der selige Lueger in seinem prachtvollen, nicht nur aber auch mit jüdischen Steuergeldern erbauten Mausoleum wie ein ,,Waseri" seiner gelehrigen Schüler fühlen mußte Nun leugnete iremand mehr den Antisemitismus — in den Augen dar einen wurde er zum Markstein der Befreiungsgeschichte, in den Augen der anderen zu einem notwendigen Obel und in den Augen derer, die von ihm betroffen wurden, zum Gottesurteil, zum Fatum des Unglücks Vergessen und vergeben . . . Als dann alles vorüber war, der Nazikrieg zu Ende, das Hitlerregime zertreten und sechs Millionen Juden ermordet, zu Tode gefoltert, niedergeschossen, vergast, da war auch der Antisemitismus tot. So sagten zumindest die Leute, Minister, die ihre Zellen in den Gefängnissen mit Juden teilten, die hohen Staatsbeamten die die Geisel der Üarberei am eigenen Körper zu spüren bekamen, die Intellektuellen, die in den Konzentrationslagern alle Greuel aus unmittelbarster Nähe zu spüren bekamen, sie alle die mitgelitten haben, nicht weil sie Juden waren und obwohl sie keine Juden waren und die vielen anderen die nichts gesehen haben, weil sie nicht sehen wollten und ihre Hand nicht direkt in dem grausamen Spiel gehabt haben Die früheren Minister, die wieder Minister wurden, schworen, nie zu vergessen, die hohen Staatsbeamten die ihre hohen Stellungen zurückerhielten, waren vom besten Willen beseelt wieder gutzumachen, was von anderen verbrochen wurde, die Intellektuellen schrieben Memoiren, verfaßten Bücher und enthüllten in Leitartikeln schonungslos nicht nur was geschehen ist, sondern wieso es geschehen konnte und die vielen anderen, von Gewissensqualen und Gewissensnot getriebenen riefen unisono: ,,Nie wieder!" Aber das Wörtchen ,,Nie" ist in unserer kurz- und raschlebigen Zeit ein sehr begrenzter Begriff und so dauerte es nicht lange bis der totgesagte und totgeglaubte Antisemitismus langsam aber dreist sein Haupt wieder zu erheben begann. Da ist nichts zu machen, die Wiener brauchen nun einmal ihre Spielerei, und Tradition bleibt eben Tradition. Die Zeit hatte sich zwar geändert und mit ihr die Verhältnisse. Es gab keine Zweihunderttausend Juden und das Hauptargument aus jenen Tagen, die übermächtige Konkurrenz in der Wirtschaft, der sich vordrängende Einfluß in akademischen Berufen und in der Literatur konnte bei dem verbliebenen Häuflein von 9.000 nicht mehr als Vorwand dienen Auch der Jude als Prototyp des perfekten Schiebers verfing nicht mehr. Man braucht nur die Zeitungen in den letzten Jahren zu lesen um neben den Raubüberfällen und Morden, den Erpressungen und Vergewaltigungen, die schönsten Kö-# penikiaden zu finden, von raffinierten Schmugglern und Schwarzhändlern, von Zollbetrügern und Steuern interzieiiern. Das waren gewiß keine Juden und man kann auch beim besten Willen nicht behaupten, daß diejenigen, die die Schiebereien und Gaunerein begingen, gleichgültig ob es ehemalige Kriminalbeamte oder Sektionsräte waren, von Juden noch etwas lernen brauchten. Die nicht vergessen wollen . . . Weil man aber unbedingt etwas braucht um einen neuen (eigentlich nur in einem kurzen Dornröschenschlal verfallenen) Antisemitismus Nahrung zu geben, so suchte man eben einen Grund und da kam die Frage der Wiedergutmachung an Juden herrlich willkommen. Noch vor 3 Jahren sagte der österreichische Bundeskanzler jedem, der es hören wollte, daß die österr. Regierung jenes jüdische Vermögen, das von den hingemordeten Juden übriggeblieben ist, den überlebenden zu übergeben bereit sei Damit brachte er nur zum Ausdruck, was den Gefühlen und Wünschen aller anständig denkenden und Gerechtigkeit empfindenden Österreicher entsprach Denn mochte Österreich auch darauf pochen, daß es gegen seinen Willen von Hitler und seinen Schergen besetzt wurde, mochte und mag es auch stimmen, was in diesem Zusammenhang und nachher geschah, tatsächlich von vielen vielleicht sogar von sehr vielen Österreichern nicht nur nicht gebilligt, sondern verurteilt wurde, so wußten doch ausnahmslos alle, daß es nicht nur die Deutschen waren, die Menschen gemordet, Vermögen geraubt und Friedhöfe geschändet, haben und ebenso empfanden alle, daß es etwas gibt wie das Gefühl einer kollektiven Verantwortung, der man sich mit Redensarten und Phrasen nicht entziehen kann. Die Bereitschaft der Regierung, das den Eigentümer zurückzuerstatten — und wohlgemerkt nur das und nichts anders, denn mehr wurde von Österreich gar nicht verlangt, fand nicht bloß die Zustimmung sondern auch die volle Billigung aller demokratischen politischen Parteien dieses Landes. Zwischen damals und heute hat sich so manches ereignet. Besprechungen zwischen Vertreter der Jüdischen Weltorganisation und Repräsentanten der österreichischen Regierung haben stattgefunden, deren Resultate für die .Juden ebensowenig befriedigend, wie für die Österreicher ehrenvoll waren. Aufrufe und Appelle aus aller Welt brachten den Juden ebensowenig Nutzen wie Interpellation und Debatten im Wiener Parlament den Österreichern zum Ruhm gereichten. Seit drei Jahren ziehen sich diese Verhandlungen hin, entwürdigend für die Jüdische Weltorganisation und noch mehr für d;e österreichische Regierung. Und immer noch ist eine Rechnung unbeglichen, deren moralischer Wert für den Schuldner weitaus größer ist, als der finanzielle für den Gläubiger. Doch nicht genug daran, wurde die Frage der Wiedergutmachung zum Ausgangspunkt einer häßlichen neuen antijüdischen und antisemitischen Kampagne. Je länger sich die Verhandlungen hinzogen, desto größer wurde der Widerstand, je mehr der Mut der Regierung sank die gerechten Forderungen zu erfüllen, desto größer wurde die Frechheit derer, die am meisten Grund hatten zu schweigen! Mit kleinen Seitenhieben in Skandal- Zeitungen begann eine neue Hetze Und steigerte sich zu Anwürfen und Beschuldigungen, Verdächtigungen und Beleidigungen, die wieder einmal in den Posaunenruf ihren Gipfel fanden: . Nicht der Mörder sondern der Ermordete ist schuldig!" Die nicht vergessen dürfen . . . Es hat wohl wenig Sinn jenen Verleumdungen entgegenzutreten, die vom Montag bis zum Samstag verbreitet werden, in keiner anderen Absicht, als zu vertuschen und zu verdrehen, GROSSER UNTERHALTUNGSABEND „ Zionistischen Landesverbandes»LEOPOLD BRODHANN - Lieder u. HANS EBERSTARK - das Rechenwnnder Montag, 31. Jänner 1955 Caf6 Landtmann Beginn 20 Uhr Gäste willkommen! (beim Burgfheater) Eintritt frei