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Die Stimme · 1954-08-01 · Heft 88-89 (August 1954) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1954
Issue
Heft 88-89 (August 1954)
Date
1954-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 I) I K STIMME Nr. 8« | WIR GEDENKEN Robert Stricker Dawid Wolfsohn wenig vertruue ich den Herren Scheide - mann und Kbert. Zwischen diesen Elementen besteht eine Verwandtschaft...“ In der Nationalversammlung vom .'50. Mai 1919. die dem Wiedcrbesicdlungsgeset/. gewidmet war, wandte sich Strikter gegen die Fassung, wonach als Bewerber nur Personen deutscher Volkszugehörigkeit in Betracht kamen. Er sprach: „Ein Staat kann nicht aus zweierlei Staatsbürgern bestehen, alle Staatsbürger müssen gleiches Hecht genießen. Ein Staat, in welchem das nicht zutrifft, ist kein Kulturstaat. Ich weiß cs, ich werde Ihnen mit Argumenten der Gerechtigkeit nicht imponieren, ich werde Sic da- Die zionistische Welt, besonders die W i eil er Zionisten hätten am 18. August 1954. den 75. Geburtstag Ing. Hubert Stricker s gefeiert und ihm Huldigungen dargehr acht, die eine Persönlichkeit verdient. welche voll Freude am Denken und Schaffen für die jüdische Sache, geistige, seelische, physische und moralische Kraft aufwendet, um dein jüdischen Volk zur nationalen Wiedergeburt zu verhelfen und cs in die Lage zu versetzen, legitim in die Weltpolitik einzutreten. Leider ist cs uns nicht vergönnt, Strikker in unserer Mitte zu haben, ihm andächtig zu lauschen und aus seinen tiefsinnigen Abhandlungen zu lernen. Hubert Stricker trat der zionistischen - Bewegung in Brünn bei. als er 18 Jahre alt war. Seine älteren Chawerim hatten nach kurzer Zeit erkannt, daß er ein guter Kopf war. dem ausgezeichnete Eigenschaften innewohnten. Wenn wir Strickers Reden und Aufsätze lesen, wird in uns die Erinnerung wach, w elch große Bedeutung der .Mann für die Neugestaltung des jüdischen Ley. bens hatte, wieviel Fleiß er auf die zio-(\; nistische Sache verwendete, ihr Opfer der Treue darbrachte, oft auf Kosten j/j seiner Gesundheit und seines Prestiges, fgj Für Stricker war das jüdische Volk ein & homogener Körper, der sich in der Ab-'y,j normalität seiner Existenz windet. Doch''1 vermochte es den stählernen Wollen au zubringen, die Zustände zu ändern und sich ein Eigendasein zu schaffen. Aber durch die Übel der Assimilation, durch Antisemitismus und der, seiner Meinung nach, säumigen Führungen, war das Volk an der machtvollen Entfaltung seines Willens gehemmt. __ Als junger Student führte Stricker ei-*» nen unerbittlichen Kampf gegen natio-<wmit von Ihrer Meinung und Taktik nicht nale Kurzsichtigkeit, gegen feige Assiabbringen, denn der antisemitische purmilation, gegen Verrat, und Eigennutz, lamentarische Sport ist eine zu bequeme er forderte volles Recht für den jüdi- " 1 ’ ’ sehen Bürger, ebenso für das Volk als nationale Individualität und zweckmäßige Organisierung der jüdischen Massen, wo- Zum 4(1 Er wandelte zeitlebens im Schatten Hcrzls und nur als treuester Helfershelfer und Vollstrecker seines Wollcns erlangte seine eigene geschichtliche Sendung Sinn und Bedeutsamkeit. Eine der zentralen Persönlichkeiten in den Kulissen der vier ersten Kongresse, tritt Wolfsohn kaum aus seinem Schattendasein im Plenum um 5. Kongreß in Basel hervor. Aufgewühlt einerseits von der schmetternden Beredsamkeit eines Max N o r d a u und anderseits von dem ersten stürmischen Vorstoß junger Künstler und Intellektueller mit Wcizmann, Motzi“! «5 QOOQOQ GEMEINDE WIEN-STÄDTISCHE ANKÜNDIGUNGS-UNTERNEHMUNG WIEN I RATHAUSSTRASSE 1 TELEPHON B 40-5-96 SERIE | bei er auf die Grundforderung des politischen Zionismus besonderes Gewicht legte. Die Balfour-Dcklaration und die Anerkennung der zionistischen politischen Ziele, nahmen Strickers Kraft ovllends in Anspruch. Da ergriff er die Gelegenheit, seine großen politischen Fähigkeiten zu entfalten. Stricker war eine sich selbst und der Zielsetzung besonders bewußte Individualität. Er bekämpfte mit allen Fasern seines Herzens den Antisemitismus. Als die Judenfeinde während des ersten Weltkrieges die tendenziöse Behauptung aufstellten, daß die Juden sich von der Felddicnstleistung drückten, gründete er schon im Jahre 1915 in Wien das jüdische Kriegsarchiv, um die Verleumder Lügen strafen zu können. Als Abgeordneter der ersten österreichischen Nationalversammlung nach dem ersten Weltkrieg, trat er überlegen und mutig den reaktionären Auswüchsen entgegen, wies von der Tribüne der Volksvertretung aus, auf Irrtümer und Kurzsichtigkeiten der regierenden Kreise hin und führte eine Sprache, die von solcher Klarsu htigkeit war, daß sie uns heute noch bestrickt. Strickers Reden im österreichischen Parlament der 1. Republik, haben bis auf den heutigen Tag nichts an Aktualität eingebüßt, so daß nachstehende Worte, die wir auszugsweise aus den Parlumentsprotokollen wiedergeben, uns geradezu entzücken. Am 12. März 1919 ergriff Stricker in der konstituierenden Nationalversammlung das Wort und in der Debatte über den Anschluß an Deutschlund, äußerte er dem hohen Haus gegenüber folgende Bedenken : „Was ich hier sage, ist nicht fraktiösc Opposition, sondern sachliche Bedenken. Ich kann nicht unwidersprochen lassen, daß man unser Schicksal in die Hände der deutschen Regierung legt. Sie ist mir nicht zu rot, im Gegenteil, sie ist mir zu blaßrot. So wenig ich den Herren Ludendorff und Tirpitz ve>r traut hätte, so Sache, als daß man ohne weiteres darauf verzichten wollte. Wenn die Argumente fehlen, dann stellt sich rechtzeitig das Wort „Jud“ ein und wenn das Gehirn den Dienst versagt, dann treten die Speicheldrüsen in Aktion und man spuckt das Wort „Saujud“ in die Debatte.“ Wahrend der ganzen Legislaturperiode agierte Stricker als warnender, gerechter und kluger Politiker im Parlament und stellte seine reichen Erfahrungen in den Dienst der von ihm übernommenen Pflichten. Als im politischen Zionismus seinerzeit Krisenerscheinungen auftraten und sein Kampf gegen den Verfall und Irrtum keine Früchte trug, trat Stricker als Vizepräsident des Zionistischen Aktionskomitees und Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses des Zionistenkongresses zurück. Er schuf sich innerhalb der zionistischen Jugendbewegung eine solide und feste Basis. Die Geschichte belehrt uns, daß Stricker vieles vorhergesugt und gewarnt hat, daß manche Persönlichkeiten, zum Schaden des zionistischen und des jüdischen Gedankens, auf seine Worte nicht hören wollten. Allerdings war Stricker, wie wir alle, nicht frei von Fehlern. Stricker stand jederzeit an der Front und trug die Bürde des Ringens um unsere menschliche, unsere nationale Existenz, Er gründete gleich nach dem ersten Weltkrieg das zionistische Organ „Wiener Morgenzeitung“, welches schipopulär war und der zionistischen Exekutive als Sprachrohr diente. Als die „Wiener Morgenzeitung“ ihr Erscheinen einstelltc, gründete Stricker das Presseorgan „Die Neue Welt“, die er in den Dienst einer schärferen zionistischen Richtung stellte. Er bekämpfte das englische Weißbuch und verwarf den Tcilungsplun in Palästina. Stricker, der das entsetzliche Unglück, die Überflutung Österreichs durch die Nazi, voraussah, und dem beredten Ausdruck gub, blieb doch in Wien, bis ihn das schreckliche Los der Deportation nach Dachau ereilte. Vor dem Nazikrieg gelang es seiner Gattin mit Hilfe von kin und Buber an der Spitze, trajutc sich gar nicht der Ilolzhändler aus Memel in Fragen seiner ureigenen Fachkenntnisse als Direktor der „Kolonialbank“ und einer der Inspiratoren des soeben beschlossenen Jüdischen Nationalfonds das Wort zu ergreifen. In diesem Schweigen der Anonymität oder Minderwertigkeitsgefühle verharrt Wolfsohn auch am entscheidenden Uganda-Kongreß, wo den litauischen Juden gleichermaßen mit seinem Meister ein tragischer Konflikt durchzuckte. Er war gegen das Nachtasyl und bezeichnete cs auch llerzl gegenüber als „Strafkolonie für Gesinnungsgenossen“. Auch Nordau war dagegen, doch sprach er als ITerzls treuer Dioskorus im Plenum du für, wogegen Wolfsohns Schweigen den Ostjuden beredter schien, als all (das rauschende Stimmgewirr der „Neinsager“. Als vertrautester uus dem engsten Kreise um llerzl, erlebte er dessen tragisches Hingen um die Lösung der Judennot mit wachsender Erschütterung und als er nach der entscheidenden Sitzung des engeren Aktionskomitees im April 1904 ans Krankenbett seines Idols gerufen Avurde, da verspürte er Avohl instinktiv, daß sich mit dem abrupten Tode seines Altcrego auch sein eigenes Schicksal entscheidet. Schon Freunden, ihn aus der Hölle Dachau zu retten, Avorauf Stricker für kurze Zeit nach Wien kam, da ihm die Schergen die AusAvandcrung nicht gestatteten. Mitte des Jahres 1942 ließ ihn die Gestapo Avicder ausheben und deportierte ihn nach Theresienstadt. Hier zeigte sich Stricker von Avahrhuft erhubencr Größe. Im Leid vermag man die Morul des Menschen um reinsten Avahrzunehmen. Er tröstete, er richtete seine Mithäftlinge seelisch auf und stand in der Not bei, soweit es die Umstände erlaubten. Mitte Oktober 1944 verunstaltete die SS des Lagers Theresienstadt eine Selektion, die alle Insassen umfußte. Stricker fiel dabei der nazistischen Mordgier zum Opfer; er huuehte seine Seele in der Gaskummer von Auschwitz aus. Ehre dem Andenken des Märtyrers Robert Stricker. Bernhard Braver Todestag kurze Zeit vorher schrieb ihm llerzl aus Franzensbad: ..Macht keine Dumm- I) e i t e u n a e h m eine m T o d c. Entsprang die Verknüpfung des gcAvcsenen „ChoAveAve Zionisten“ mit dem lebendigen Volksfiihrcr eher seiner kühl rationalistischen AbAvägung, so Avard ihm der Zionismus nach Hcrzls Tode zum heiligen V c r m ä e h t n i s. I r. d i c - s c r S t u n de tritt Wolfs o h n a u s dem Schatten eines Satelliten ins R ump e n I i ch t der Geschichte. Er ist Testamentsvollstrecker nach des Meisters letzter Verfügung, Vormund der venvaisten Kinder und Avährend bisher nur in MitAvirkung und treuer Gefolgschaft die Kraftquelle des erfolgreichen Kaufmannes aus Memel Avurzclte, da Avurde er unvermutet vor eine schicksulssclnvcrc Entscheidung um die Nachfolge eines llerzl gestellt. Da did Bewegung plötzlich führerlos dastand, da richteten sich alle Blicke auf den geradezu prädestinierten Nuchfolger Hcrzls: Max Nordau. Dieser stand keinesfalls im Schatten Hcrzls. Ward bereits an der Wiege der BcAvegung zum Volkstribun und sichtburen Bannerträger der jüdischen Wiedergeburt in aller Welt. Doch Nordau zögert. Es wird ihm sichtbar bange um die Größe der VerantAvorlung und versäumt dermußen eine geschichtliche Sendung. Nordau ist cs gerade, der den simplen Direktor der „Jüdischen Kolonialbank“ zur Präsidentschaft einer indessen Avcltumspunncndcn BeAvegung drängt. So begann am SchcidcAvege und führerlos der erste Kongreß nach Hcrzls Tode. Um die Frage Uganda und die Nachfolge Hcrzls stießen die Ja- und Neinsager, die praktischen und politischen Zionisten hart aneinander. Kulturträger der Moderne und Hüter der Tradition, Verfechter des Kapitals und die ersten Pioniere der zionistischen ArbcitcrbcAv?- gung in der Golah und Palästina: — alle rangen sie um das Primat in einer aus dem GlcichgcAvicht in eine Zerklüftung gleitenden Bewegung. Bis aus dem Chaos all der tage- und nächtelang dauernden Debatten, Anträge, Auf- und Austritte eines ZangAvill, Ussischkin. Weizmann und Tschlcnow -David W o 1 f s o h n als Präsident hervorging und dus Uganda- Projekt im KompromißAvcgc erstarb... Von Köln aus, dem nunmehrigen Zentrum der Zionistischen BeAvegung ergehen die ersten Aufrufe, Bescheide und Direktiven. Die Wandlung ist unverkennbar. Ein getreuer Schüler seines Meisters strafft er die gelockerten Reihen der BeAvegung, schafft neue Kraftzentren der Organisation, unternimmt nach bcAvährtcm Muster Reisen nach England, Türkei und Osteuropa und greift gar mit starkem Willen und ungcAvohnter Sachkenntnis in den ideologischen Streit eines TsehlenoAv und Ussischkin, Jakobsohn und Motzkin ein. Er ist der geborene und nicht nur durch Zufull erkorene Führer, der mit einer großungclegten Programmrede den 8. Kongreß im Huug eröffnet. Nordau beherrscht die Tribüne, doch Wolfsohns scharf umrissenc Persönlichkeit gcAvinnt zusehends an Autorität und Anhängerschaft im Plenum. Auf eine scharfe Kritik folgt eine erstaunlich treffende Replik. „Sie sind kein F ü h r e r!“ sclileu - der ihm Duniel Pasmanik in der zur Siedehitze gespannten Generaldebatte den Vorwurf zu und prompt antwortet Wolfsohn mit einem Gegenstoß: „Wenn Sie glaubten, daß es in meinen Kräften lag, das zu tun, avus llerzl, dann bin ich nicht A’eruntwortlicli für Eure Enttäuschungen. Experimente lussc ich nicht zu mit unserer BeAvegung — solunge ich die Verunlwortung trage.“ Zeitabschnitte zAvischcn den Kongressen Avcrden von einer unermüdlichen Tätigkeit zum Aufbau der Organisation uusgefiillt. ln Prof. Schapira gcAvunn er den Schöpfer des „Jüdischen Nutioimlfonds“, Prof. Wurburg und lluppin zog er zu Fortsetzung uuf Seite 7

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