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Die Stimme · 1954-07-01 · Heft 87 (Juli 1954) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1954
Issue
Heft 87 (Juli 1954)
Date
1954-07-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite f> DIE STIMME Nr. «: Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten eröffnet durch Handeleminister Peretz Bernstein Die feierliche Eröffnung der Landeskonferenz der Mlgemeinen Zi »nisten, die Dienst e, den 22. Juni, in Tel Aviv stattf ind. gestaltete sich zu einer macht\ nllen Kundgebung für jüdisch-staatliche l nabhängigkeit .nationale Solidarität und für de.i Allgemeinen Zionismus. Neben den Mitgliedern der Parteileitung und den anderen W iirdenträgem derselben nahmen die Gäste Platz, unter denen Ministerpräsident Mosche Schurett. Oberrabbiner Herzog. der V or-i sitzende der Knesseth. Josef Sprinzak. der Vorsitzende derSochnuth. Perl Locker und der Bürgermeister von Tel Aviv Chaim Levanon zu bemerken waren. Die Konferenz wurder vom Parteipräsidenten. Handels- und Industrieminister Peretz Bernstein, mit einer gehaltvollen Rede eröffnet. Das Expose des Parteipräsidenten umfaßte sämtliche Probleme. von denen das jüdische Volk in diesen 'Pagen im Staate und in der Diaspora beherrscht ist. Bernstein präzisierte die Stellung der Allgemeinen Zionisten zu den Fragen der Außenpolitik Israels, zur zionistischen Bewegung, zur Innenpolitik, zur Wirtschaft und zu den Arbeitsverhältnissen im Lande. In der Reihenfolge der schicksalsschweren Probleme. von denen unser öffentliches Leben gegenwärtig beherrscht ist, bezeichnete Redner jenes der Staatssicherheit als das bedeutendste. Der Parteipräsident zeichnete die Linien ,nach denen die < ffizielle Außenpolitik Israels betrieben werden müßte. In einer aufschlußreichen Darstellung konnten die spannungsvoll aufhorchenden Zuhörer, die in Massen herangeströmt waren, die Gründe erfahren. die die Allgemeinen Zionisten zum Ü bergang von jahrelanger Opposition zur Koalition xeranlaßten. Ausschlaggebend war dabei, führte Bernstein "aus, das Interesse des Staates, das jenem der Partei vorangehen müsse. Nach der Lage der Dinge, besonders im Hinblick auf den L instand, daß die Allgemeinen Zionisten in der Regierung eine Minderheit darstellen, konnten nicht alle unsere Forderungen erfüllt werden. Aber selbst die hartgesottensten Gegner des Koalitionsgedankens in der Partei und außerhalb derselben müssen, bei objektiver Beurteilung der Verhältnisse, zugestehen. daß wir, ganz besonders uuf dem Gebiete der Wirtschaft, um ein gutes Stück vorwärts gekommen sind. Wir haben, sagte der Parteipräsident, die Bevölkerung von den Fesseln der Kontrollen befreit und eine Erweiterung der Produktion in dem Maße ermöglicht, daß ein starkes Warenangebot die Gefahr sprunghafter Preiserhöhungen ausschließt und dabei das Vertrauen in die W7ährung aufreclrterhalteil bleibt. Als Bernstein die Worte sprach: „Wir verfügen über keine Trusts, in denen politische Abhängigkeit gezüchtet wird, über keine Armee von Beamten im Staate, in der Partei oder in sonstigen Institutionen. die sich zu den Allgemeinen Zionisten, bei sonstigem Verlust ihrer Existenz, bekennen müssen. Für die Frage, ob jemand sich zu den Allgemeinen Zionisten bekennt, ist einzig und allein unser Gedankengut und der freie Wille des Einzelnen entscheidend“ — löste sich die zurückgedämmte Emotion der Zuhörerschaft zu lautem Beifall. Innenminister Kok ach entwarf in markanten Sätzen ein umfassendes Bild über die politischen Vorgänge im Lande seit der letzten Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten. Als einen Markstein auf dem W ege der Festigung des Staatsgedankens bezciehnctc llokuch in erster Linie die von den Allgemeinen Zionisten in hartem Kampfe errunngene Vereinheitlichung des Schulwesens, die die Jugend von ideologischer Einseitigkeit und extremistischer Einflüsse befreien soll. Das Recht auf Arbeit, unterstrich der Innenminister, muß jedem Bewohner des Landes ,ohne Rücksicht auf seine parteipolitische Einstellung, vorbehaltlos gewahrt bleiben. Dieses Projekt müßte drei Kategorien umfassen ,u. zw. Jugend, mittlere Jahrgänge und höheres Alter bis zu der im Sozialversicherungsgesetz vorgesehenen Pensionsstufe. W ir haben uns, sagte Rokach, zur Teilnahme an der Verantwortung für die Führung des Staates Stuatcs aus der Erwägung heraus entschlossen, daß ein saldier Schritt in diesem Augenblick eine historische Aufgabe der Allgemeinen Zionisten darstellt. Ministerpräsident Scharet übermittelte der Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten die Glückwünsche der Regierung. Inter Hinweis auf die in den letzten 'Pagen Israel gemachten außenpolitischen Vorschläge. bemerkte der Premier: Wir können Anträge dieser Art nur unter der Voraussetzung in Diskussion ziehen, daß sie die Souveränität unseres Staates nicht verletzen. In einem Interview, sagte Scharet, das ich vor wenigen Stunden dem Vertreter eines großen amerikanischen Blattes gewährte, «äußerte dieser seine Überraschung über die auf außenpolitischem Gebiet herrschende Einigkeit in Israel. In dieser Beziehung folgen wir dem Beispiel jener Länder, die auf eine demokratische Tradition zurückblicken. Tatsächlich, sagte der Ministerpräsident, stellt die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zu den i ffiziellcn außenpolitischen Richtlinien der Regierung. Beil Locker stellte als Vorsitzender der Sochnul mit besonderer Genugtuung fest, daß der Vorsitzende in seiner Rede die Bedeutung des zionistischen Faktors entsprechend wertete. Im Widerspruch zur Auffassung Bcn- Gurions, derzufolge nur der ein Zionist sei. der seine Alijali ins Land vollziehe, erklärte Locker, daß er verdienstvollen Zionisten im Auslande diesen Rang nicht streitig machen könne. Redner freue sich, fcststcllen zu können, daß jlie Allgemeinen Zionisten nunmehr durch Meir Großmann in der zionistischen Exekutive vertreten sind. ilcA&ala Dr. David Gelles Bei einer Veranstaltung des Herzl- Klubs, hat dessen Präsident, Herr Dr. David Gelles, kürzlich einen Vortrag über .,Entstehung und Bedeutung der Kabbala" (Sohar), gehalten. Wir bringen nachstehend einen Auszug aus diesem hochinteressanten Vortrag. Das Standardwerk der Kabbala ist der Sohar, ein apokrvphes Werk, entstanden gegen Ende des 13. Jahrhunderts, das wahrscheinlich Moses de Leon zum Verfasser hat. obwohl er sich inhaltlich als Vision und Äußerung des Rabbi Simon ben Jochai darstellt, dem der Engel Mctatron erschienen ist und die Geheimnisse der Schöpfung anvertraut hat. Dieser Gelehrte wird in jüdisch-wissenschaftlichen Kreisen deswegen mit besonderer Verehrung genannt, weil er einer der Wenigen ist. der nach dem Zusammenbruch des Barkochba-Aufstandes mit einigen anderen Gelehrten der Verfolgung der Römer entronnen und nach dem Gal il flüchtete, wo er in einer Höhle jahrelang seine Lehrtätigkeit fortstezte. Zu allen Zeiten jüdischer Depression pflegten sich Mystiker hervorzutun, um dem V nlk Ablenkung und Trost zu bringen. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war unter der Judenheit in Spanien und in der Provence eine besondere Depression vorherrschend. Der von VI;iimnnides verkündete Intellektualismus stieß vielfach auf Gegnerschaft, die behauptete. daß das Volk mit Vernunft ellein nicht auskommen könne, vielmehr Nahrung für die Seele brauche, die der Mystizismus biete. Das war der Nährboden auf dem der Sohar entstehen konnte. Der Sohar ist aber nicht spontan und ausschließlich im Kopf seines Verfassers entstanden, vielmehr sind verschiedene Elemente aus der v orrausgegangenen Zeit licrangi zogen und verarbeitet worden, die man kennen muß, wenn man den Sohar verstehen will. Da ist zunächst die Vision des Propheten Jecheskel vom himmlischen Tlimriwngrn und den vier heiligen 'Pieren. Dann kommt Philo Judäus aus dem ersten Jahrhundert unserer Zählung, der erste jüdische Rrliginiisphilosopli, der die Lehre der Akademie Platos von der Strahlung (Emanation) in die jüdische Lehre einführte, seiner Meinung Ausdruck gab, daß der Bibeltext Allegorien enthält, hinter welchen sich ein geheimer Kern verbirgt, und daß Gott die Schöpfung mit Hilfe des Logos (Wort) vollbracht hat. Alle diese drei Elemente sind in Sohar verarbeitet. Als nächstes Element ist anzusehen die von Rabban Gamaliel II herrührende Lehre von der Seele, deren Leben nach dem Tod und der Wiederauferstehung. Es war dies um die Wende des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung als die große Diaspora begannn. Der erste Versuch der Erhaltung des jüdischen Volkes als politische Nation war durch die Zerstörung des Heimatlandes und Vertreibung gescheitert. Auch die zweite Idee (aus dem Kreise Jccheskal) eine geistige 'Nation zu schaffen, hat nicht durchgegriffen. Deshalb wurde hier der Grundstein zu einer Religionsgemeinschaft gelegt, die die einzelnen Mitglieder verbinden soll. Auch diese Lehre ist wegen ihres Mystizismus selbstverständlich im Sohar verarbeitet. Dann kommt dus apokryphe Buch der Schöpfung, Scfcr Jeziru, in Betracht, welches Rabbi Akiba zugeschrieben, in Wirklichkeit aber im 7. oder gar 8. Jahrhundert entstanden ist. Hier wird die phantastische Lehre von der Buchstaben- und Wortinterpretation vorgetragen. Diesem Buch wurde jedoch große Bedeutung beigelegt und ein nicht geringerer als der große Saadia Gaon fühlte sich veranlaßt, einen Kommentar dazu zu schreiben. Wenn man aus all dem Extrakte nimmt, ein paar Namen von Engel aus dem Persischen, die Lehre von der Seelenwundmmg aus dem Indischen, die Zahlenmystik der Neupy thugorücr und die dem Sohar umnittlelbar vorangegangenen Publikationen des R. Asriel aus Gerona, des Todros Abulufia, Isaak Allatif und des Abraham Abulufia berücksichtigt, so gewinnt man eine annähernd richtige Vorstellung der (Quellen, aus denen der \ erfusser des «Sohar geschöpft hat. Die «kr Kabbala zugrunde liegende Grundidee ist, daß die Erzählungen de Bibel, speziell die Darstellung der Genesis, nicht das meinen kann vvus sie sagt, vielmehr sich dahinter ein geheimer Kern verbirgt, den man nur durch Intuition, durch innere Vertiefung mit Hilfe einer Buchstaben- und Zahleninterpretation erfassen kann. Das merkwürdige daran ist. daß hier versucht wird, ein Geheimnis mit Hilfe einer Geheimlehre zu erforschen. Das Wort Kabbala bedeutet Überlieferung, aber nicht für jeden, sondern nur für Eingeweihte. Und damit allein ist die ganze Lehre geheimnisumwoben. Zu bemerken ist, daß im Talmud sich eine Stelle findet, die besagt, daß die Thora in der Sprache der Menschen spricht. Damit ist gemeint, daß hier keine Geheimnisse gelegen sind. An einer anderen Stelle wird allerdings von Ru/e ( Verborgenheiten) Thora gesprochen. Diese Stelle hat dem Sohar Nahrung gebeten. Die wohl interessanteste Lehre der Kabbala ist die von der Weltschöpfung. Zuerst ist der Unendliche und Unergründliche, der En Sof, der sich niemals und niemandem offenbarte und der sich eines Tages entschloß, etwas zu schaffen. Er berührte die ihn umgebende Aura, es entstand der Urpunkt der zu strahlen begann. Von dieser Strahlung entstanden die 10 Sefirolh, eine nach der anderen. Jede der Sefirolh führt ein eigenes Regime mit einem eigenen Lenker und hat auch einen eigenen Namen. (Kether, Chaclima, Binoh usw.) Eine zweite Version ist, daß der En Sof zunächst den Eloliim geschaffen, dem er den Samen für alle Fruchtbarkeit und Fortpflanzung der Welt mitgegeben bat in einem im Himmel errichteten Palast, und von dem dann alle weiter - Schöpfung ausgegangen ist. Diese Version wird durch eine Wort- bzw. Buchstabeninterprrtation aus den ersten Sätzen der Genesis abgeleitet. In beu/g auf die Seelen Wanderung (Gilgul) wird gelehrt, daß die Seele: eine dreifache Funktion hat (Nefesch, Ruach, Nesch ima), daß nur die Seele des gerechten und sündenloson Menschen in den Himmel steigt und sich mit Gott wieder vereint, während die «Seele der sündigen Menschen in ein neugeborenes Wesen zurückkehrt und den Kreis solange durchwandert (auch mehrmals) bis sie gereinigt, sich mit der Gottheit wieder vereint. Eine weitere wichtige Auffassung der Kabbala ist, daß die Gebete der Menschen durch die Atherschwingungen in die verschiedenen Sefirolh aufsteigen und dort gehört werden. Die kabbalistische Lehre blieb zunächst als Geheimlehrc uuf wenige Zirkel beschränkt. Im IP) .Jahrhundert bildete sich unter der Führung von Isaak Luria ein solcher Zirkel in Safed. Aus diesem Kreis wurde dann ein Übergang von der theoretischen zur praktischen Kabbala versucht. Der neue Gedanke des Luria war, daß durch die Vertiefung und Verinnerlichung des ßctens cs möglich ist, in die höheren Sefirolh zu dringen und solcherart die Weltgehcimnisse zu ergründen. Die Verbreitung auch dieser Lehre war nicht von langer Dauer, denn der Sohar hat durch die nicht in Erfüllung gegangene Ankündigung der mcssiunischcn Zeit für das 14. bzw. 17. Jahrhundert an Ansehen bedeutend verloren und die von Moses Mendelsohn inaugurierte Aufklärung hat der Kabbala vollends den Boden abgegraben. Das Urteil unserer großen Historiker über die Kabbala und den Sohar ist, daß die ganze Leine in das Reich der Phantasie gehört. Manche Urteile sind leider viel schärfer. Interessant ist, daß der im 17. Jahrhundert von Israel Baal Schcmtow (genannt Beseht) und Dow Bär von Meseritsch begründete Chassidismus sich auf den Gedanken des Sohar stützt, daß die Gebete durch die Atherschwingungen in die verschiedenen Scfiroths aufsleigcn, und daß dies besser erreicht werden kann durch ein konzentriertes Beten (Kawunnn) was am besten von einem Zaddik erreicht werden kann. Diese Idee hat bis in die neueste Zeit in Polen und Rußland hunderltnusende von Ghussidim begeistert und veranlaßt, zu den Feiertagen oder sonst mindestens einmal im .Jahr zii ihrem Wunderrabbi zu fahren, um ihre Gebete mit den Seinen zu verbinden. Die Grundidee des Chassidismus hatte jedoch einen Konstruktionsfehler. Das angenommene Charisma, das ist die von Goti dem Zaddik verliehene Gnade, daß er mit seiner Kawanna bis in die höchsten Sefirolh Vordringen könne, konnte doch nur eine persönliche Auszeichnung, aber nicht vererblich sein. Die im Laufe der Zeit entstandenen Wunderrabbi-Dynastien Indien die Vererbung der Stillung von Vater auf den Sohn eingeführt. Und wenn ein Wunderrab'n einnige Söhne hatte, Indien diese sich in verschiedenen Orlen niedergelassen und die Tätigkeit ihres Vaters fortgesetzt. Dies geschah auch in Fällen, wo die Nachkommenschaft bescheiden ausgefallen und mitunter nicht einmal über die gewöhnlichen Kenntnisse eines normalen Talmudschülers verfiigle.

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