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Die Stimme · 1954-04-01 · Heft 85 (April 1954) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1954
Issue
Heft 85 (April 1954)
Date
1954-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 85 An die Juden Wiens! In diesem Jahre kehrt /.um 50. Mal der Tag wieder, an dem Theodor ller/l. der große Sühn. Prophet lind Erneuerer unseres \ olkcs seine Augen für immer geschlossen hat. Sein Leben und Sterben hat für ewige Zeiten den Mulim des jüdischen Wiens in unserer an Geschehnissen reichen Geschichte verankert. Angefeindet und \erhieltt. \crspnttet und % erhöhn t. entzündete er hier jene Fackel, die in unzähligen jüdischen Herzen die Sehnsucht nach nationaler W iedergeburt entfachte. Die Tatsache, daß sein \\ irken und Schaffen, sein Leiden und Kämpfen mit Wien und Oesterreich aufs engste verknüpft war. ist für jeden österreichischen Juden nicht nur ein erhebender Gedanke, sundern auch eine stets mahnende Verpflichtung zu großen Opfern für sein \ olk! Ingeheuer war der Weg. den unser Volk seit seinen Tagen gegangen ist. ungeheuer sein Leiden, aber gigantisch das Erreichte. An den l fern des Jordan blüht ein neues jüdisches Gemeinwesen, wächst ein junger. kraft\oller, jüdischer Staat — unser aller Israel. Aber noch ist das Werk nicht vollendet. noch wird der junge Bau in seinen Fundamenten von feindlichen Elementen bedroht, noch muß die herrliche Jugend Israels, dem Worte des Propheten getreu, in der einen Hand die Pflugschar, in der anderen die Waffe halten. Jeden Tag von neuem wird der Bund zwischen unserem Volke und dem Lande der Väter mit dem Blut seiner Söhne besiegelt. Der Kampf Israels ist ein Kampf für uns alle! Jeder Baum, der auf den Hügeln Judäas gepflanzt wird und dort seine Wurzeln schlägt, festigt die Sicherheit eines jeden Juden, wo immer er auch leben mag. Jede Furche, die auf den Feldern Galiläas gezogen wird, weist uns allen den W eg in eine glückliche Zukunft. uns und unseren Kindern! In diesem Moment großer Anstrengungen und großer Gefahren sind sich die Israelis bewußt, daß sie einen bedingungslosen Bundesgenossen haben, mit dem sie in Freud und Leid eins sind: Das jüdische A olk in der Golah! Die bedrohlichen Ereignisse an den Grenzen unseres Landes finden nicht nur Israels Bevölkerung vorbereitet und entschlossen, sie rufen auch in uns allen die Bereitschaft zu praktischer und sofortiger Solidarität lierv or. Die Leitung der ..Vereinigten Aktion für Israel” ^Magbith Meuchedetli; ist überzeugt davon, den Willen aller österreichischen Juden zu bekunden, indem sie im jetzigen Moment ihre neue Aktion mit der Losung beginnt: V erdoppelt Eure Anstrengungen, Verdoppelt Eure Leistungen für Israel. Stärke die Hand, die für Dich haut. Stütze den Arm. der unser Land und unsere Ehre verteidigt! Vereinigte Aktion für Israel (Magbitb Vfeuehedeth/ J VKOIl TVWFNBU M DIE BIBEL ZU P EISSA CH 5714 - FREIHEIT 5. Fortsetzung \us dem Grundprinzip der Einheit illes Seins wurden die Gleichheit und die Brüderlichkeit abgeleitet. Diese beiden Ideen bilden zwei Grundpfeiler, auf denen die biblische Kultur aufgebaut ist und die die Menschheit in ihrem geschichtlichen Entw ick lungsgang mächtig angeregt und bewegt haben. Mit diesen beiden Ideen in enger V erknüpfung steht eine dritte, die im Widerspruch zu den ersten /.u sein scheint und doch harmonieren kann: Die Freiheit. Die Freiheit in allen ihren Arten und Beziehungen: von Mensch zu Mensch, vom Einzelnen zur Gesellschaft, zum Staitc. zum Gesetze, zu Gott, nimmt den breitesten Baum in der Bibel ein. In diesem weitesten l mfang des Begriffes ist die Freiheit das Motiv, welches allen Büchern des Alten Testamentes zugrunde liegt, das Grundthema der Thora und der Propheten. Zahlreiche religiöse Gebräuche und Zeremonien haben die Freiheit zu ihrem Symbol. Der Sehabbath und die Feiertage, insbesondere das Pessaclifest stehen im Zeichen der Tdee der Freiheit. Eine der Eundamentalgrundsätze der Bibel ist der Glaube an die sittliche K r c i li e i t. an die E r e i b e i t des Willens, d. b. die Fähigkeit, über die eigene \atur zu herrschen und im Kampf zwischen Gut und Böse in der eigenen Brust sich für das eine oder das andere zu entscheiden. Das antike Heidentum kennt keine W ahlfreiheit. Für sie existiert nur der Begriff Notwendigkeit. Schicksal, aber jede V erantworlliebkeit und Zurechnungsfähigkeit. die Grundlage jeden Beeiltes und der Moral, ist ohne Glauben an W all!freiheit undenkbar. Die s o z i a I e F r e i h e i t w ird in der Bibel durch Gesetze, insbesondere durch das schon genannte Königsgesctz geregelt. Sie zielen darauf ab. das Individuum, wie die Gemeinschaft vor Willkür der Herrscher zu schützen und zu verhindern, daß der Hegen t die Staatsgewalt zu eigennützigen Interessen und Zwecken mißbraucht. Auch die w i r t s e li a f 11 i c li e F re iheit wird durch gesetzliche Bestimmungen der Bibel gewährleistet. Durch die soziale Gesetzgebung ist jeder Bürger vor Hunger und Verarmung geschützt lind die Möglichkeit geschaffen, daß er den selbstgewähltc» Lebensweg nach seiner Art ruhig und ungestört besehreiten und sieh nach seinen Fähigkeiten entfalten und vervollkommnen kann. ln allen heidnischen Ländern, wo die Menschen in zwei Klassen, in Freie und Unfreie eingeteilt waren, konnte es überhaupt keine soziale Freiheit gehen. Das Sklavenwesen. auf dem das ganze Staatsleben und seine W irtschaft ruhte, nahm überhand, das Los der Sklaven in diesen Ländern war traurig und unerträglich. Am schlimmsten war das Los der Sklaven in Aegipten, wo die Hebräer mehr als ein Jahrhundert schwere Sklavenarbeit v errichten mußten. Die Israeliten, die mit Zustimmung der Acgypter ins Land ein w änderten, (in der llegiei ungszei t der semitischen I lyksos) wurden mit einer unmenschlichen Grausamkeit beliandell rnd mißhandelt. Erst in der Rcgierungszeit des Mancrplita IL, als es im Beiehe zu Wirren und Aufständen der besiegten Völker kam. gelang es den Israeliten unter Führung Moses, sieh zu befreien (durch Flucht, oder nach manchen Historikern mit der Waffe in der Hand). Die Bibel, die die Freiheit zu einem ihrer Hauptgrundsätze machte, schaffte die Sklaverei ab und verwandelte sie in eine sechsjährige Dienstzeit, wobei der Diener wie ein Familienmitglied behandelt werden mußte. Die Auferlegung von schwerer Arbeit war untersagt. In diesen Dienststund konnte, mau freiwillig im Falle der Verarmung treten, oder als gerichtliche Strafe für begangenen Diebstahl. Die Bibel kennt keine Haftstrafe, der Dieb mußte, für den Kall der Zahlungsunfähigkeit — er hätte den doppelten Wert des Diebstahls fbepliel) als Strafe bezahlen müssen —, als Schadenersatzleistung heim Bestohlenen in Dienst liehen. Bei der Entlassung war der Dienstgehe!' verpflichtet, dem Diener Gesehenkr mitziigehen. die ihm als Mittel zn neuem Erwerb dienen sollen. Längcr-’r Verlust der Freiheit wird verpönt. Doch darf nicht unerwähnt bleiben, daß hier in Bezug auf Dienstzeit eine Ausnahme’ für heidnische Diener gemacht wurde. Diese Bestimmung steht im oi lenen Widerspruch zum Glcichheilsg.s-tz des Priesterkodcxcs: „Wie der Einheimische sei bei Euch der Fremde. Liehe ihn wie dich selbst!” Diese Ausiiuhmsbestim - niung scheint eine Konzession an die Bedürfnisse der Zeit durzustcllcn. (Solche W iderspriiehe und Konzessionen an die Realität werden uns in der Bibel häufig begegnen. Sie können alle nur historisch erklärt werden). Da der Ausländer hei der V celeilung des Landes keinen Boden ziigclcilt bekam, so war für ihn eine lehenslängliche Dienstzeit nur von Vorteil, weil dadurch sein Lcbcnsunterhalt gewährleistet war. Im Sinne des Gleichheitsprinzips forderte später der Prophet Jeehcskcl die Zuteilung von Grund und Boden auch an Nicht juden nach der Rückkehr aus Bubel. Trotzdem müssen die Bestimmungenu der Bibel in Bezug auf einen heidnischen Diener, im Vergleich zu dem Sklavenleelit der anderen heidnischen Völker, als gewaltiger Fortschritt bezeichnet werden. Wählend er dort als Tier behandelt wird, für den es keine Gerechtigkeit. Freundschaft und Liehe gibt (Aristoteles. Ethik) und über dessen Tod und Lehen der Herr verfügt, wird in der Bibel die Tötung eines heidnischen Sklaven durch den Herrn oder durch eine dritte Person mit dem Tode bestraft. Im Falle einer Mißhandlung durch den Dienstgeber mußte ihm dieser die Freiheit schenken. Auch der heidnische Diener mußte milde nehandclt werden. Manchem Diener wurde die Hauswirtschaft anvertraut und die Hcgclung aller Familienangelegenheiten übertragen, wie z. B. Elicser im Hause Abrahams. Ein solcher Dienststand kann nicht als Sklavenwcsen bezeichnet werden. Es ist charakteristisch, daß die Bibel in der Erzählung vom babylonischen Turm, au dem nur Sklaven gearbeitet hatten, die Sklaverei als Ersuche der Zerstörung der Einheit der Menschen — Sprnchenveruirnmg — bezeichnet. V ollständigc Freiheit auf Kosten des anderen ist in der Bibel ausgeschlossen. Ein extremer Individualismus hat im Alten Testament, das ein Gcmeinsclmfisregimc begründen will, keinen Platz. Wie die Gleichheit, so ist auch die Freiheit nur eine beschränkte. Gleichheit und Freiheit sind keine Gegensätze, sic können vielmehr, wie in der Bibel, sieh verbinden und ergänzen und so das Gleichgewicht halten. Unsere Generation die im Zeichen des Kampfes um das Primat und die Alternative der Gleichheit oder Freiheit stellt, sollte daraus eine Lehre ziehen. Die Bibel tritt für die politische Freiheit und Unabhängigkeit aller Völker ein und verpönt die gewaltsame l ntenverfung der kleinen durch die großen. (Sie verkündet einen Universalismus nur des Geistes, auf religiös-sittlicher; Grundlage.) Ein großer Teil der biblischen Vorschriften dienen dem Zwr/k der Erhaltung des Volkes der Bibel. Unter den national-religiösen Einrichtung.‘n. die um meisten dazu beitrugen, das Freilieitsgeflilil des jüdischen Volkes wach zu erhalten, sind jene, die uns an die Befreiung aus Aegvpten erinnern sollen, der CIIAG IIAPESSAGII. KAFFEE-RESTAURANT GRILLPARZERHOF L, Bauernmarkt IO. Tel. U 25-4-90 Streng orthodoxe Küche empfiehlt sich für lloeir/.eitrn. Festlichkeiten mul Banketts. I is< Ina sm ierungen für die Seile'ruhende. Paul Ehrlich Zu seinem KM). Geburtstag Am I4. März I954 beging die Welt der Wissenschaft und Kultur den I00. Geburtstag Prof. Dr. Paul Elirlichs. Solange die Menschheit wissenschaftliche Großtaten würdigt, wird sie des genialen Forschers Paul Ehrlich in Ehrfurcht gedenken. Er ist der Begründer der modernen Chemotherapie. Seine furhennnulv tischen Studien führten zur praktischen Diagnostik der Blutkrankheiten. Die berühmteste seiner wissenschaftlichen Großtaten. war die Entdeckung des Heilmittels Salvarsan. (Ehrlich-I lata 606). Prof. Dr. Paul Ehrlich wurde am 14. März I854 zu Strehlen in Schlesien geboren und starb am 20. August 1915 in Frankfurt am Main. Im Alter von 22 Jahren wurde er zum Doktor der Medizin promoviert. Im Jahre 1884 wurde er Titularprofessor an der Berliner Inivcrsität und 1890 außerordentlicher Professor und Mitarbeiter des berühmten Forschers Hobelt Koch, des Leiters des Instituts für Infektionskrankheiten. Ehrlich’s wissenschaftliches Interesse galt furhenauulytischen Themen und der mikroskopisch - chemischen Erforschung der einzelnen Zellurten. Er ebnete auf wissenschaftliche Weise den Weg für die Herstellung lebenswichtiger Sera. Inendlich viel Mühe und Kraft wendete Prof. Ehrlich auf. um ein verläßliches Heilmittel gegen die Lues zu entdecken. In gemeinsamer Arbeit mit dem japanischen Arzt Dr. Data, verkündete er der Welt, nach scclishundeitseclis Yersuchen, daß das Heilmittel ..Salvarsan” gefunden sei. Die Geschichte überliefert uns. daß dir Oflenburung Prof. Ehrliches ungeheuren Enthusiasmus ausgelöst hat, daß kein Mensch auf dem denkwürdigen internationalen medizinischen Kongreß in London im Jahre 1918 so gefeiert wurde, wie der jüdische Gelehrte Ehrlich. Prof. Ehrlich hatte alle Würden erlangt. die die Kulturwell einem genialen Forscher zu bieten vermochte. Das wilhelminische Deutschland, das er mit seinem Huhm erfüllt batte, wollte ihm allerdings den Titel eines ordentlichen Professors nicht verleihen, weil er Jude war. Ei hätte sich laufen lassen müssen, was er jedoch konsequent ablehnte. Es ist bekannt, daß die Forscher immot auf der Suche nach Heilmitteln waren, die geeignet sind, schwere, die Menschheit bedrohende Krankheiten zu heilen. Es hat gewiß,nicht an Wissenschaftlern gemangelt, die Versuche unternahmen, in die Lebensvorgängc der Kreatur cinzudringen. Aber wenigen war es vergönnt, derart profunde Kenntnisse und tiefe Gedanken zu entwickeln, wie Paul Ehrlich, den die Welt als Meister der Wissenschaft und Erforschung feiert. Viele Intellektuelle lebten von seinem Gedankenreichtum, seinen geistigen Brosamen. Charakteristisch für Ehrlich ist sein mutiger und kluger Ausspruch, der der Geschichte überliefert wurde: „Man verläßt das Feld nicht erst, wenln es abgeernlet ist, sondern läßt noch eine Ernte für andere Menschen zurück. Ehrlich war aufrichtig, edelmütig und von großer Güte jedermann gegenüber. Die große englische Zeitung ..Times'" schrieb einst über ihn: „Weder Schlaf noch (Nahrungsaufnahme durften die Arbeit dieses großen Mannes unterbrechen, wenn er mit der Lösung eines Problems beschäftigt war. Er legte neue Wege ins l nhekannte an, und die ganze Well stellt in seiner Schuld." Im Jahre 1908 erhielt Ehrl ich den Nobelpreis für Medizin. Starke Sympathien zeigte er für den Zionismus: er war Mitglied des Ehrenkomilees des INordniiinstilutes, das als V orläufer der Universität Jerusalem gilt. Im Gedächtnis aller Menschen, die vom Judenhaß nicht infiziert sind, lebt Prof. Dr. Paul Ehrlich fort und seine Verdienste bleiben in »len Annalen der Ew igkeilsgesehiclite verzeichnet. B e r n li n r d B r n \ e r

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