Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1954
- Issue
- Heft 82 (Januar 1954)
- Date
- 1954-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 82 DIE STIMME vSeitc 8 ISRAEL IM AUFBAU Es läßt sich kein größerer Gegensatz denken als den zwischen dem bunthewegten Treiben in den verkehrsreichen Str;i - ßcn Tel Avivs und dem harten Leben junger Siedler in einer der vielen Siedlungen entlang den exponierten Grenzen Israels oder tief in der südlichen W iislenregion des Ncgcv. Mit welcher Leidenschaft das aus allen Weltgegenden hielicr in die Heimat zurückgekehrte Volk sich der Aufbauarbeit hingibt, mit welcher Unermüdlichkeit nicht nur die kargen Sleinücker der Bergreginnen entsteint und bepflanzt, die Sümpfe tr ickengelegt, die Steppen in Getreidefelder verwandelt werden, Fabriken aufgerichtet. Städte ausgeweitet und neue städtische Siedlungen geplant und in kürzester Zeit erbaut werden, sicht man aus dem mächtigen Grundimpuls, der durch das ganze Volk hindurchgeht. Eine große Ungeduld scheint dus vorherrschende Merkmal des Aufbauwerks, eine ('ngeduld. die aus dem Empfinden stammen mag, cs gelte in kürzester Zeit nach/.uholen, wozu einem jahrhundertelang keine Gelegenheit geboten war. „Dus Herz lucht einem im Leib, wenn mau sicht, was hier alles auf die Beine gestellt wird“, lautet das Erteil eines schweizerischen Bauexperten. Wie von einem mächtigen Motor getrieben, erscheint einem dieses junge Volk, dynamisch, aktiv, größter Anstrengungen fähig und erfüllt von einem unerhörten Lebensoptimismus. ,,Unser Unabhängigkeitskrieg hat die Menschen hier verändert“, so drückte es ein einfachen- Mann der Straße aus; „wir haben verlernt, Angst zu haben, und haben Vertrauen in uns gewonnen: heute wissen wir, wofür wir arbeiten und entbehren.1. Das Vorhandensein eines solchen gemeinsamen Impulses erklärt, wieso es möglich war, mit Menschen verschiedenster Herkunft und verschiedenster Kulturstufen einen Staat aufzubauen. Jahrhundertelang haben die frommen Juden in der Diaspora dreimal am Tag um die Biickkehr nach Zion und die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem gebetet; dies mußte für die Geistesformung des Judentums von ausschlaggebender Wirkung sein. Daß nicht nur Orthodoxe aus dieser Idee ihre Kraft schöpften, dafür liefert die ganze zionistische Bewegung den Beweis, dafür zeugt aber auch eine Persönlichkeit wie Ben Gurion, der sich schon in der Jugend von der Orthodoxie löste, für den aber trotzdem die Bibel dus große Lehr- und Geschichtsbuch des jüdischen Volkes geblieben ist und der zu einem Bomantiker der jüdischen Vergangenheit und einem aus den Tiefen der jüdischen Geistigkeit schöpfenden Seher geworden ist. Die Geringschätzung nutionulökonomischer Theorien geht bei ihm einher mit einem blinden Vertruucn in die Kraft der Idee Israels, die die Menschen umzuformen und zu einem einzigen Volk zu verschmelzen vermöge. Es würde eine Verzerrung des Bildes bedeuten, wenn man die Hindernisse nicht sehen wollte, die sich der Verwirklichung dieses Zieles entgegenstellcn. Das Experiment, aus Menschen verschiedenster Zungen ein einziges Volk zu schaffen, ist bisher in der Weltgeschichte noch nie unternommen worden. Es gibt kaum ein Land der Welt, dessen Spruche heute in Israel nicht gesprochen würde. Menschen, die bei ihrer Einwanderung noch uuf der Stufe einfacher Hirtenvölker standen, mußten sich eingewöhnen in B. Teilet WIEN I, SALZTORGASSE 5 TELEFON U 25-4-85 HERREN-, DAMENKLEIDER UND -MÄNTEL MODISCHE SPORT- UND REGENSCHUTZBEKLEIDUNGS¬ FABRIK ein Staatswesen, das von Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts mit europäischer Kultur und westlichem Wissen gezimmert worden war. Daß dieser Einschmclzungsprozeß nicht reibungslos vor sich gehen kann, daß es zu Fehlleistungen kommen muß und bezahlt wird mit Entbehrungen aller Art und auch mit einem Absinken des geistigen Niveaus sowie einer spürbaren Vergrößerung der Arbeitsbelastung für die tragenden Schieb ten des Landes, ist dabei weniger verwunderlich als der Umstand, daß das Experiment im großen und ganzen überhaupt gelang. So zwang die enorme Belastung, die namentlich die jüngsten Einwanderungsweilen aus den orientalischen Ländern für den wirtschaftlich noch nicht gefestigten Staat bedeutete, zu einer Beendigung der Massencinwunderung und zum Lebergang zur Politik der selektiven Einwanderung; doch die führenden Männer Isruels wollen in dieser neuen Richtung, die sie der Einwundcrungspolitik geben mußten, nichts anderes sehen als eine Atempause, die in dem Augenblick ihr Ende finden soll, da die Einordnung der bis jetzt ins Land geströmten Massen gelungen ist. Die Frage drängt sich auf, welche ordnendenKrältc am Werk waren, um ein Chaos zu verhindern und den Prozeß der Einordnung zu ermöglichen. An erster Stelle ist die Jcvvish Agency zu nennen, in welcher der Staat geistig und organisatorisch bereits vorgebildet war, so daß sich die führenden Organe im Augenblick der Staatsgründung in Orgunc des jungen Staates verwandeln konnten: sie ist nach einem Wort des gegenwärtigen Kassiers der großen Organisation „der mittelmäßige Vater, der einen großen Sohn geboren hat“. Es folgen in der Hierarchie der Werte die beiden großen Institutionen des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kaycmeth) und des Jüdischen Aufbaufonds (Keren Hnycsod), die die Kolonisicrungsurbeit organisatorisch leiten und finanzieren und ohne deren Leistung der Aufbau einer jüdischen Landwirtschaft in Israel nicht möglich gewesen wäre. An dritter Stelle folgt die mächtige Gewerkschaftsorganisation Ilistadruth, von deren Wesen und Funktion im Staat später die Bede sein soll, und ebenso sei hier nur andeutungsweise auf den Anteil hinge wiesen, den die private Wirtschaft im Prozeß der Eingliederung der nach dem Krieg ins Land geströmten Massen spielte. Unter den Faktoren, die maßgeblich mitwirkten, die verschiedenen Volkssplitter, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land strömten, zu einem einigen Volk zu verschmelzen, ist sodann vor allem die Armee zu nennen. Ihr kommt im Einsehmeizungs- und Absorptionsprozeß, der noch immer andnucrl, recht eigentlich die Holle eines Kutalysntors zu. Sie ist der Ort, wo die Jugend in zweti- bis zweieinhalbjährigem Training nicht nur ihre militärische und körperliche, sondern vor allem ihre geistige, intellektuelle und manuelle Ausbildung erhält, wo sie die Staatssprache, das Ivrit, lernt und wo ihr eine staatsbürgerliche Erziehung zuteil wird, die ihr in dieser umfassenden Art keine andere Institution gewähren könnte. Dies ist der eigentliche Grund, weshalb auch für die Mädchen trotz dein Widerstand extrem orthodoxer Kreise die Militärdienstpflicht eingeführt wurde. Die Jugend ist das wertvollste Kapital, das der junge Staat besitzt, weshalb seiner Formung und seiner Stählung die größte Bedeutung beigemessen wird. Daß aber die militärische Ausbildung nicht nur dem Prozeß der in voller Freiheit vollzogenen Absorption dient, sondern daß daraus auch eine entscheidende Stärkung der militärischen Kraft des Landes fließt, ist selbstverständlich. In der Armee, vor allem bei den Nachal- Truupen (y\bkiirzung von „Noar Chawuzi Lochern“; das heißt „Kämpfende Pionierjugcnd’*), erlebt der alte Pioniergeist, der im Strom der Musscncinwandcrimg verloren zu gehen drohte, seine Auferstehung. Die iNnchal -Truppe ist so etwas wir die Avantgarde Israels: sie ist cs. die au den exponiertesten Stellen des Landes — dort, wo der Kampf gegen die Natur und gegen mögliche Bedrohung von außen geführt werden muß — als Grenzbnurrn angesiedelt wird. Es ist die Elite der israelischen Jugend, die in dieser Truppe Dienst leistet, in welcher sich der Wille zur friedlichen Aufbauarbeit mit der Entschlossenheit paart. jeden Zoll Boden zu verteidigen. Es ist eine der tragischen Verquickungen der Geschichte, daß gerade das, was man als einen Versuch bezeichnen darf, im V orderen Orient eine moderne Wirtschaft und einen modernen Staut aufzubauen, von der arabischen Umwelt als höchste Bedrohung empfunden wird. So gehört das Bewußtsein, von feindseligen Nachbarn cingekreist zu sein, ebensosehr zur Realität des Lebens in Israel wie der ungebrochene Wille, den begonnenen Weg unbeirrt fortzusetzen. Die Juden waren seit ihrer Zerstreuung stets Flüchtlinge mit Fl Sichtinstinkten: zum erstenmal erleben sie nun die anfeuernde Wirkung der Gegenwehr. Die positiven Ergebnisse dieses neuen Geistes sind an der gesamten Existenz Israels abzulesen: welcher extremen Ausschläge das neugewmnene Sclbstbew ußlsein jedoch fähig ist. hat die grausame \ ernichtung von (jibya gezeigt, die für die Sache Israels auf internationalem Feld einen schweren Rückschlag bedeutete und die die edelsten Geister des israelischen Volkes aufs tiefste erschütterte. I3 Zollfreie LieMenpakete lieft Ufl|irn uid der CSR, auoh Medikament« KFIFI-LTD WIEN I., ESSUN6QASSE NR. 2/5 KcLtH LIUif TELEpHJNÜ2g.0.57 Daß diese Erschütterung einen geistigen Klärungsprozeß einlcitc, der dem israelischen Volk zum Wohl gereiche, ist die Hoffnung, die alle Freunde Isruels in der Welt liegen. Denn der Dascinsgrund Israels ist letztlich ein geistiger und ein moralischer. Israel ist nicht ein Volk unter Völkern, sondern wird noch auf lange hinaus das Uerzgchäuse eines über die ganze Welt hin zerstreuten Volkes bleiben, das in Anlehnung an ein vor mehr als dreißig Jahren von einem der Wegbereiter des Zionismus, Aaron David Gordon, geprägtes Wort wie die Zweige eines Baumes ist, der seine Kraft aus dem Nährboden Israels saugt und nur in dem Maße ein „Glied in der Kette der Völker, ein Organ am Leibe der Menschheit“ sein wird, als es ihm gelingt, seine Idee in Freiheit zu verwirklichen und sic rein zu erhalten. („Neue Züricher Zeitung“) Sie wittern Wien (IPN) Die Weigerung der öster reichischen Regierung, den Juden eine angemessene Wiedergutmachung angedeihen zu lassen, hat bei den Ariseuren einen sehr starken Anklang gefunden. Die Regierungserklärung in der Frage der Wiedergutmachung wurde vom „Verbund der Riiekstellungsbetroffenen“ zum Anlaß genommen, um eine Offensive gegen die Rückstellungsgesetze zu führen. Die Ariscure gaben kurz vor Weihnachten eine Aussendung an die Presse und die politischen Parteien heraus, in der überhaupt gegen die Rückstellung des jüdischen Vermögens Stellung genommen wird, wobei die österreichischen politischen Parteien für die Gesetzgebung und Rechtspraxis, die in vielen Fällen zur Rückgabe des geraubten jüdischen Eigentums an ihre rechtmäßigen Besitzer führte, verantwortlich gemacht werden. Der 1 laitptangriff der Ariscure richtet sich gegen die Sozialistische Partei Oesterreichs, die seinerzeit der Novellierung der Rückstellungsgesetze, die ja praktisch die zweite Arisierung hervorgerufen hätte, ablehnte. Aber auch mit der Volkspartei und sogar mit dem VdU sind die Ariscure unzufrieden, da diese nicht bereit waren, ihre parlamentarische Stimmenmehrheit im Parlament zur Verewigung der Nazigewalttuten zu verwenden. in Kreisen der Ariscure ist man überzeugt, daß nach Ablehnung der Wiedergutmachung für die Juden eine günstige politische Konstellation sich für die „Rückstellungsbetroffenen“ geschaffen hat und es werden Vorbereitungen zu einer politischen Offensive mit dem Ziele der Abschaffung der Rückstellung überhaupt getroffen. Von der Presse, die sich für die Popularisierung der Forderungen der Ariseure durch den Abdruck der Aussendung (insetzte, wären vor allem die ..Salz- Morgenluft burger Nachrichten“ zu erwähnen. Das ist übrigens die politische Linie der SN sich für die NS einzusetzen. Wie sie die Rollen verteilen Graz (IPN) Die in Graz erscheinende Südost-Tagespost vom 6. Dezember 1953 befaßt sieh mit einer sogenannten „Rückstellungsmentalität“ und kommt zu eigenartigen Schlüssen, die im Konzerte der die Wiedergutmachung für Juden ablehnenden Stimmen einer gewissen Originalität nicht entbehren. Selbstverständlich waren in den Augen des Redakteurs alle Vermögcnsübcrtragungen der Nazizeit redlich und wenn ein Unrecht passiert, dann nur den armen Ariseuren. Da der Siidost-Tagespost die Argumente ausgehen, möchte sie die Enteignungen der Juden in der Nazizeit durch die Lage der arabischen Palästinaflüchtlingc entschul - gen. Zum Schluß plutzt die Bombe: Wenn die Juden Geld für ihr verlorenes Vermögen verlangen, dann müssen sie „...allerdings auf einen Nimbus verzichten, auf dessen Aufrechterhultung man bisher auch Wert gelegt hat: auf den eines Märtyrers der Weltgeschichte.“ Die Nazi und Nutznießer des Nazidcspotisinus in Oesterreich und auch der österreichische Staat sollen das jüdische Vermögen behalten, die Juden aber sollen sich mit der Rolle des Märtyrers der Weltgeschichte begnügen. Wenn die Sache nicht zu ernst wäre, müßte man glauben, daß dieses „Gedankengut“ einem Grotesklustspiel entnommen wurde, dessen Regisseur Julius Streicher, das Rattengehirn, war. A. G. Vereinigter Wiener Tischlermeister Mobelveikaul und Zentrale Wien VI, Mariahilfer Straß« 31 / rei. B 22-401, B 20 40b. B 20.2-15 | Wien XV, GolJichlagsfraß« 73 / Ir A 39-1 Bl A 3V 2 n | 1 loi/ol rillachenbt:hanulungb-Mdteilölenverkuul I Wien XV, Goldichlagitraße 63 Irl B 31 70b Crttklaitifl« StoM« und Zugakör. lowie basta Verarbeitung' bildan dla Grundlage der bewi TELLERKLEIDUNG ///. HaüphträMC 90 U16 2?6