Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1953
- Issue
- Heft 80 (November 1953)
- Date
- 1953-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr; 80 DIE STIMME___ CHAIM WEIZMANN: FRÜHESTE TAGE Dis Städtchen meiner Geburt. Moto], sturul — und vielleicht steht es heute noch — am l fcr eines kleinen Flusses inmitten der weiten sumpfigen Ebene, die den grüßten Teil der Provinz Minsk und der angrenzenden weißnissischen l’r<>\ inzen einnimmt. Im Eriihling und Herbst war das ganze Gebiet ein Schlamm-Meer, im Winter eine Selmee- und Eiswiiste und im Sommer war es in einen Stuubncbel gehüllt. I eberull, in Hunderten \on kleinen Städten und Dörfern, lebten Juden. Sie lebten, wie sie seit Generationen dort gelebt hatten: kleine Inseln, verstreut in einen Ozean von Andersgläubigen. Meine eigene Familie, väterlicher- und mütterlicherseits zahlreich, bildete einen nicht unbeträchtlichen Teil dieser jüdischen Bevölkerung. Imnittelbar bei Mo toi mündete der Fluß in einen großen See, an dessen anderem Ende er wieder austrat, um sich mit der Pina zu vereinigen. \m andern l fer des Sees lagen noch einige Dörfer, die für mich als Kind etwas Geheimnisvolles hatten, weil sie allgemein ..Die jenseits des Stromes" genannt wurden. Für sic war Motol (oder Motele, wie wir es liebevoll auf jiddisch nannten) eine Art Hauptstadt. Es war allerdings eine sehr winzige und abgelegene Hauptstadt mit vier- und fünfhundert weißrussischen und kaum zweihundert jüdischen Familien. Die Verbindung mit der Außenwelt war schwielig und oft ganz unterbrochen. Im L Inkreis von zwanzig Meilen gab es keine Eisenbahn und keine Chaussee. Auch kein Postamt. Wenn zufällig einmal einer aus dem Städtchen in der Nähe der nächsten Eisenbahnstation zu tun hatte, brachte er die Post mit. Diese gelegentlichen Boten behielten sie manchmal Tage und Wochen lang und lieferten sie ab, wenn es ihnen gerade paßte. Aber Briefe spielten auch keine große Rolle in unserem Leben, da nur wenige draußen in der Welt einen Grund hatten, sich mit uns in \ erbindung zu setzen. Es gab so etwas w ie Straßen in Motol, natürlich ungepflasterte, und zwei oder drei davon waren jüdische Straßen. Denn selbst auf freiem Raum hatten wir das Bedürfnis uns zusammenzuschließen, weil wir uns so behaglicher, sicherer und mehr unter uns fühlten. Alle Häuser waren aus Holz — mit zwei Ausnahmen: dem Ziegelhaus des ..reichsten Juden der Stadt” und der Kirche. Natürlich brach oft Feuer aus, Feuer — diese ewige Heimsuchung russischer Dörfer — denn da es Holz genug gab und Steine unverhältnismäßig teuer waren, ließ man es brennen. Auch unsere Synagogen waren aus Holz, die alte sowohl als auch die neue. W ie alt die ..Alte” Synagoge nun war und wie neu die ..Neue", kann ich nicht '»gen. Nur an soviel kann ich mich erinnern: die Alte Synagoge war für die ..bessere' Klasse und die Neue für die armen Leute. Mein Vater ging, obwohl wir zur Alten Synagoge gehörten, auf besonderes \ erlangen gelegentlich dorthin. Er hatte nämlich, unter anderen Vorzügen, eine schöne Stimme und war deshalb in Motol als ehrenamtlicher Chasan oder Vorbeter hochgeschätzt und gesucht. Am V ersöhnungsfest pflegte er die Hälfte des Gottesdienstes mit seinem Gesang zu begleiten, zur Erbauung seiner Mitbürger und zum Entzücken seiner Kinder, die ihn mit ehrfürchtiger Scheu anstaunten. Motol lag in der dunkelsten und verlorensten Ecke des jüdischen Siedlungsgebietes, jenes Gefängnisses, das von dem zaristischen Rußland für seine jüdische Bevölkerung errichtet worden war. Durch Jahrhunderte hatte härteste Lnterdriikkung wechselnd mit relativer Freiheit wie relativ diese Freiheit war. kann ein freies Volk kaum begreifen; das Bewußtsein. in der Verbannung zu leben, bei diesen verstreuten Gemeinden vertieft. Gemeinsames Schicksal und gemeinsame Träume schlossen sie eng zusammen, Motol war typisch für diese jüdischen Siedlungen im Grenzgebiet: es war ein trosiloses Nest. In diesem Ort. der halb Kleinstadt, halb Dorf war, lebte ich von meiner Gehurt im Jahre 18.4 bis zu meinem eilten Lebensjahr. Hier empfing ich meine ersten Eindrücke, sowohl von der jüdischen Welt, als von der andersgläubigen. Das Leben des jüdischen Kindes in einer russischen Kleinstadt zu damaliger Zeit ist in der jüdischen Literatur häufig geschildert worden mul dem großen Leserpublikum bekannt. VV ie alle jüdischen Knaben kam ich im Aller von vier Jahren in den Glieder, die jüdische Schule. Lud wie alle Gheders war auch der meine schmutzig. Kr bestand aus einem Selmlzimmer, das zugleich der einzige W oliimiuni der Lenrertamilie war. Wenn sieb mein Glieder von anderen untcrseliied, so höchstens dadurch, daß wir auch eine bamilie nziege hatten, die bei schlechtem Wetter sich in unsere Schulstube flüchtete. lud wenn sich mein erster Rabbi oder Lehrer von anderen unterschied, so war Cj durch seine absolute pädagogische L nfäliigkeit. Daß in unserem .''chulzimmcr gewöhnlich Wäsche hing, daß die zahlreichen Kinder des Lehrers aut dem Fußboden licrumkrubbelten. daß ein ununterbrochener ohrenbetäubender Lärm herrschte, war nichts Ungewöhnliches. Ebenso war es nicht ungewöhnlich, daß weder der Lärm, noch das Durcheinander von Menschen uns die Seelenruhe raubte oder unsere Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigte.... Im Laufe meiner Chedcr-Jalire batte ich verschiedene Lehrer, und als ich elf Jahre ult war, oder noch früher, stellte man bereits beträchtliche Anforderungen an meine geistigen Fälligkeiten. Vlan erwartete von mir, daß ich die verwickelten Satzungen des babylonischen Talmud verstehe, (ganz richtig verstehe ich sie heute noch nicht) so wie sie mir vom Rabbi erklärt und eingetrichtcrt wurden, und seine Auslegungen waren nicht gerade sehr lichtvoll. Er konnte nie verstehen, daß die Texte überhaupt einer Erklärung bedurften. Er meinte, jeder jüdische Knabe müsse diese Dinge, die ebenso einfach wie heilig wären, instinktiv erfassen, zum mindesten, wenn er die betreffenden Seiten im Buch unsuh. Ich teilte zwar seine Ansicht nicht, aber er schüchterte mich zu sehr ein, als daß ich gewagt hätte, in Bezug auf seine Methoden eine entgegengesetzte Meinung zu äußern, wenn mir tatsächlich ihre Unzulänglichkeit bewußt geworden wäre. Wenn ich auch den Lehren des Talmud keinen Geschmack abgewinnen konnte, so liebte ich doch die der Propheten, worin ich in einem anderen Glieder unterrichtet wurde. Der Lehrer dort war ciu freundlicher, gütiger Mann und von echter Begeisterung für das, was er lehrte, beseelt. Es gelang ihm, diese Begeisterung auch auf seine Schüler zu übertrugen, obgleich auch hier der Schulraum und alles Drum und Dran trostlos war. Diesem Lehrer, der mir ein Freund fürs Leben wurde, verdanke ich in erster Linie meine Kenntnis der hebräischen Bibel und meine frühe und bleibende Liebe zur jüdischen Literatur. Er sturb in Polen, und ich stand bis zu seinem Tode im Briefwechsel mit ihm. V on den Bauern trennte uns eine ganze Welt von Erinnerungen und Schicksalen, ln meiner frühesten Jugend schon waren zionistische Ideale und Bestrebungen im russischen Judentum wach. Mein Vater war kein ausgesprochener Zionisi, aber unser Haus war erfüllt vom Geist reicher jüdischen Tradition. Palästina war das Zentrum des Rituals, und die Schns:icht dahin war ein Teil unseres Lehens. Als nationale Bewegung gewann der Zionismus erst einige Jahre später Form, aber der Gedanke an „die Rückkehr" lag schon in der Luft, als ein vager, lief eingewurzelter Erlösungsgluube, als eine Hoffnung, die nie sterben konnte. Wir hörten die Erwachsenen davon sprechen im dwurden von ihrer Ruhelosigkeit ergriffen. Aber wir Kinder durften nicht mitreden, und wenn wir es wagten, eine Bemerkung über diese Frage in die l n- (erliultung zu werfen, so wurden wir ziemlich Unsanft zum Schweigen ge bracht. An einen Rabbi besonders erinnere ich mich, der, selbst glühender Zionist. es doch äußerst respektlos und anmaßend fand, wenn ein junger Mensch '•s wagte. sieb über die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina zu äußern. ..Halt den Mund!" pflegte er dann zu sagen. ..Du wirst den Messias nicht näher bringen. Es muß einer viel tun, viel leinen, viel wissen und viel leiden, che er dessen würdig ist.” Er schüchterte uns so sehr ein. daß wir lernten, unsere Meinung für uns zu behalten. Jedoch unser heimlicher Traum blieb immer lebendig auf dem Grund unserer Seele. I nd diese heftigen W orte des Rabbi gruben sieb mir imauslöchlicb ins Herz. Wir Kinder waren ziemlich viel uns selbst überlassen, da der Yntrr die meiste Zeit weg war. Die Muttier war selbstverständlich der Mittelpunkt des Hause-,. Doch sie war in jenen Jahren — und auch noch lange Zeit danach — immer entweder in anderen l mständen oder sie stillte ein Kind, so daß ihre Kräfte niclil aiisreiebteil, sieb mich um Der I Icrzlklub, das Präsidium des Magbitli und der Zionistischen Föderation, nahmen die Heimkehr des bisherigen Leiters des Magbitli Mcuclredcth in Wien. Herrn lug. Benjamin B u u in a n n. zum Anlaß, um dem hochverdienten Funktionär die Reverenz zu erweisen. Ms Ing. Baumann vor einigen Jahren nach \V ien kam, fand er wohl einen administrativen Apparat vor, der den organisatorischen Ansprüchen einigermaßen entsprach, aber die erzielten Erfolge waren vom moralischen, nationalen und pekuniären Gesichtspunkt aus mittelmäßig. Es galt daher für die Institution des Magbit in Wien eine neue feste Basis zu schafcfn, das Wiener Judentum mit deren Zielen und Aufgaben eindeutig vertraut zu machen und Drives zu veranstalten, die den hohen Erfordernissen restlos zu entsprechen hatten. Angesichts dessen, daß die frühere Lei: umg des Magbit von den bewährten Regeln abgewichen war, entstand eine Komplikation, die eine Störung in der Entfaltung der Tätigkeit zur Folge hatte. Es mußte daher eine Persönlichkeit von Format auf den Plun treten. Die Zentrale des Magbit in Jerusalem traf eine glückliche Wald, die auf Ing. Baumann fiel. Es ist selbstverständlich, daß die W iencr Zionisten einem Sclicliueli aus Israel Vorschuß an Vertrauen gewähren und mit ihm loyal zu arbeiten gewillt sind. Im Falle Ing. Buumaniis gestaltete sich das Verhältnis vorbildlich, di seine Persönlichkeil mit Eigenschaften ausgestuttet ist, die mit Genugtuung erfüllen und zu intensiver Arbeit für die gute Sache aiispornen. Ing. Baumann verfügt übei1 ausgezeichnete .Menschenkenntnis, über profundes Wissen und über gro_ ße Routine auf dem Gebiete der Werbung für die nationalen Fonds. Er nimmt von Wien Abschied mit der l eberzeugung, daß er das Beste geleistet und dankbare Freunde erworben hat. W ir unsererseits haben die Genugtuung, daß eine Persönlichkeit mit uns war, die wir mit den lateinischen Worten charakterisieren können: In omni seibili. (In allem Wissenswerten bewandert.) Die Absehiedsfeicr, der Herr Dr. David Gelles präsidierte, gestaltete sich glänzend und war von einem Vortrag umrahmt, den Herr Ing. Baumann hielt. Das Thema lautete: „Die Wirtschaft Kiez Israels von der geschichtlichen Perspektive aus.” Im wesentlichen führte er aus, daß die Juden in der Wirtschaft des Altertums zur Zeit ihrer Eigenstaatlichkeit eine hervorragende Rolle gespielt haben und ein wichtiger Faktor im kulturellen Lehen waren. Sie betrieben Handel mit mehreren V ölkern der alten Welt und beeinflußten entscheidend ihren kommerziellen und organisatorischen Standard. Die Agrikultur des alten Vaterlundes war auf der Höhe, da es die Juden verstanden, den Boden, der ausgiebige Quellen des Reichtums enthielt, zu nutzen und den Ackerbau sorgsam zu pflegen. Unter den Juden Erez Israels, namentlich Jerus< Imlajims. war ein Indier Grad der Bildie heran w iieliscnden Kinder zu kümmern Fünfzehn Kinder schenkte sie meinem Vater, Drei davon starben im Kindesaller, aber zwölf wuchsen zu Männern und Frauen heran. Ich erinnere mich: ich war ein Schuljunge in Pinsk und von zu Hause weg und sparte Kopeke um Kopeke, um der Mutter eine neue Wiege zu kaufen, weil die alte aus (hm Fugen ging. Und ich weiß noch, wie ich sie mi(schleppte, als ich zu Besuch nach Hause fuhr, und sie stolz der Mutter überreichte . . .” (Bruchstücke aus: „Memoiren — das W erden des Staates Israel” von Gliaim Wcizmann. Aus dem englischen Original. ..Trial and Error", ins Deutsche übersetzt von Thea- Maria Lenz. Erste deutsche Ausgabe erschienen im Verlug J. P. Totli. Hamburg. — Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlages gestattet.') düng verbreitet. Unser Volk befaßte sich ausschließlich mit friedlichen Berufen und war der willkürlichen Anwendung von Waffen abhold. Juden woiren jederzeit bemüht, alle Unbilden aus dem Weg zu räumen und hielten den vielen Veriiichtungsveisiiehen der Feinde unter unendlich großen Opfern stand. Sie waren im Lande, auch nach der Vernichtung des Tempels, verwurzelt und erst die Kreuzziige schlugen ihnen unheilbare Wunden. Als Märlyrcrvolk erfüllt cs die Apostelmission für die Völker und besitzt die Kraft, den Stürmen der Jahrtausende zu trotzen. Die heutige Medinat Israel legt beredtes Zeugnis dafür ab. Ing. Baumann wurde für seinen Vortrag stürmisch bedankt. Der Vorsitzende. Herr Dr. Gelles, der Konsul Arjeli Eshel und der Präsident des Magbitli, HerrLeitner. gaben deil Gefühlen aller Freunde Baumaiins beredten Ausdruck. Bernhard Braver „IVR IAH" \. 15.-Verband der Wiener „Ivriah” feiert 125. Semester. Die in Israel lebenden Mitglieder der früheren Wiener jüdischen Verbindung „Ivriah”, die im Jahre 1891 von Studenten aus Mähren und Schlesien gegründet wurde, feierten um 2. und 3. Oktober in Tel-Aviv die Vollendung des 125. Semesters. Die seinerzeit in Prag erschienene illustrierte Zeitung „Die Welt” brachte in ihrer Nummer vom 30. Oktober 103; ein Bild des Schöpfers der zionistischen Bewegung Dr. Theodor llerzl mit seinem Faksimile, das die Widmung enthält. „Meiner lieben Verbindung „Ivriah”. In einem von Josef Krünkel verfaßten Aufsatz wird der Werdegang dieser akademischen Vereinigung geschildert, in deren Geschichte, liehst anderen verdienstvollen Mitgliedern, Dr. Leopold Fricdniunn (der Präsident des AI therren-Verbandes der Verbindung) und Dr. E. Pachtmun. der im Jahre 1037 als Generalsekretär des W'r|lv erbumies jüdischer I lochschiilrr fungierte, eine hervorragende llojle inneliahen. Der Festabend wurde mit einer Begrüßungsansprache des A. II.-Verbundes. Dr. Leopold Friedmunn eröffnet. Dr. Paul März hob in seiner Festrede hervor. daß aus den Reihen der „Ivriah" zahlreiche zionistische Kämpfer hervorgegangen sind. Besonderes Interesse lösten die Ausführungen des Vctcruns der zionistischen Bewegung, Dr. Isidor Schalit, aus, der auf den wertvollen Beitrag der jüdischen Studentenschaft in Oesterreich zur Realisierung des Staatsgedaiikens hinwirs. ING. BAUMANN’S Abschied von Wien